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GP702 - HAMMOND, P.: Miniatures and Modulations (McHale)
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Philip Hammond (geb. 1951)
Miniatures and Modulations

inspiriert von den Melodien, die Edward Bunting (1773–1843) in seiner Sammlung The Ancient Music of Ireland arrangiert und publiziert hat

 

Edward Bunting (1773–1843) war neunzehn Jahre alt, als man ihn mit der Aufzeichnung und Dokumentation sämtlicher Stücke beauftragte, die bei dem Belfaster Harfenfestival von 1792 gespielt wurden. Die Organisatoren der viertägigen Veranstaltung gehörten zu den aufgeklärtesten, kultursinnigsten Mitgliedern der Belfaster Gesellschaft, die erkannt hatten, dass der praktisch-akustischen Tradition der irischen Harfenmusik und der Kunst des irischen Harfenspiels der endgültige Verlust drohte.

»Eine erhebliche Zahl Belfaster Bürger bezweckte mit ihrem Plan, die alte Musik des Landes wieder zum Leben zu erwecken, und fand dieses Vorhaben solche Hilfe und Beyfall, dass es gewisslich Erfolg haben wird. Wer immer die irische Harfe spielt, ist gehalten, sich am kommenden zehnten Tage des Julis in dieser Stadt einzufinden, wo je nach der erbrachten Leistung eine gehörige Summe Geldes in Prämien soll ausgeworfen sein«.

Das Festival fand in den Assembly Rooms über der Börse in der Donegall Street statt—mit andern Worten: direkt im umtriebigen Zentrum und einer der elegantesten öffentlichen Räumlichkeiten Belfasts. An jedem Tag ließen die Harfenspieler unter dem klassisch dekorierten, typisch georgianischen Deckengewölbe Musik erklingen, die über die Jahrhunderte hin die Seele Irlands geformt hatte und für die kommenden Jahrhunderte formen sollte.

Das Ereignis war für die Geschichte und die Musik Irlands von großer Bedeutung, denn es kam danach kein weiteres Festival dieser Art mehr zu Stande. Seit mit Turlough O’Carolan (1670–1738), der auch einfach Carolan genannt wurde, vor über einem halben Jahrhundert der letzte und vielleicht auch berühmteste Repräsentant der irischen Barden verstorben war, befand sich die einstmals blühende Tradition im Niedergang. Ungeachtet der bedeutenden finanziellen Anreize folgten nur zehn Musiker der Einladung—darunter eine Harfenistin und sechs Blinde (ein typisches Merkmal des Harfners). Der älteste Teilnehmer war 97 Jahre alt.

»Man berief mich, dem Festival beizuwohnen und dabei die mannigfachen Airs festzuhalten, die die verschiedenen Harfner spielten,« erinnerte sich Bunting später. »Ausdrücklich ward mir untersagt, den alten Melodien, die offenbar lange Zeit rein und unverändert weitergegeben worden waren, auch nur einen Ton hinzuzufügen.«

Was der junge Mann während des viertägigen Festivals hörte und notierte, veränderte sein Leben. Fortan faszinierte ihn die lange Geschichte der irischen Musik derart, dass sie in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit trat und das Fundament seiner eigenen Unsterblichkeit legte.

Das Harfenfestival fand zu einer Zeit statt, in der Irland deutliche politische und gesellschaftliche Veränderungen erlebte. In Belfast, das man damals das »Athen des Nordens« nannte, hatte die rasche Industrialisierung noch nicht eingesetzt. Vielmehr hatte ein kleiner Kreis von Bürgern das irische Kulturerbe der Stadt begriffen und den Entschluss gefasst, sich vor allem durch die Sprache und Musik für dessen Erhaltung zu engagieren.

Die meisten Angehörigen dieses Kreises waren protestantische Dissidenten oder Presbyterianer, die sich nicht nur von der herrschenden englischen Klasse, sondern auch von ihren römisch-katholischen Landsleuten diskriminiert sahen. Die politische Entwicklung in den jüngst selbständig gewordenen Vereinigten Staaten von Amerika und das Gedankengut der Französischen Revolution von 1789 weckte in gewissem Maße den Wunsch, auch in Irland die Zügel einer unabhängigen politischen Macht zu ergreifen.

Damals formierte sich im irischen Norden die Society of United Irishmen. Ihr Ziel war eine Reform des Parlaments in Dublin, das sie durch die Vereinigung der irischen Protestanten, Katholiken und Dissidenten zu erreichen trachtete. Durch ihre Initiative kam es zu der vernichtenden Rebellion von 1798, bei der mehr als dreißigtausend Iren ihr Leben verloren. Die direkte Folge war der Act of Union (1801), worauf das Dubliner Parlament aufgelöst wurde und Irland selbst die partielle Selbständigkeit verlor, die bislang gewährt worden war.

Edward Bunting war mit vielen der United Irishmen in Belfast eng befreundet, hatte aber offenbar genug Verstand, um sich aus der Politik herauszuhalten. Er wurde in der Grafschaft Armagh geboren und erhielt den ersten Unterricht in klassischer Musik von seinem älteren Bruder, bevor er bei einem Belfaster Organisten namens William Ware in die Lehre ging. Nachdem er schon in frühen Jahren eine beträchtliche musikalische Begabung gezeigt hatte, wurde er ein bekannter Lehrer, der in den vornehmen Belfaster Kreisen selbst Schüler unterwies, die zwei-oder dreimal so alt waren wie er.

Seinen Lebensunterhalt verdiente er hauptsächlich als Organist, doch auch als geschäftstüchtiger emsiger Konzertveranstalter spielte er eine Rolle: Er soll beispielsweise das große Festival von 1813 organisiert haben, bei dem große Teile des Händelschen Messiah erstmals in Belfast aufgeführt wurden. Als er 1819 heiratete, war er bereits sechsundvierzig Jahre alt. Mit seiner Gemahlin ließ er sich in Dublin nieder, wo er zunächst als Organist an St. Stephen’s—im Volksmund »Pfefferstreuer« geheißen—und dann als Mitinhaber eines Musikalienhandels tätig war. Als er mit siebzig Jahren in Dublin starb, hatte ihn die Welt bedauerlicherweise weitgehend vergessen. Auf dem Friedhof Mount Jerome fand er seine letzte Ruhestätte.

Buntings wahres Denkmal jedoch ist seine Ancient Irish Music, die 1796, 1809 und 1840 in drei Bänden erschien. Der erste Band war das direkte Resultat des Belfaster Harfenfestivals von 1792, das ihn so sehr für die irische Musik begeisterte, dass er anschließend auf der Suche nach anderen Originalquellen ganz Irland bereiste. Insgesamt enthält seine dreibändige Ancient Irish Music einen Schatz von weit mehr als dreihundert Melodien.

Die Ursprünge vieler Weisen haben sich in der Geschichte verloren. Gleichwohl gelang es Bunting, einige Melodien auf die jüngeren Berühmtheiten der großen irischen Bardentradition zurückzuführen—vor allem auf Carolan, der deutlich vom italienischen Barock beeinflusst war, was ihm nach Buntings Auffassung nicht unbedingt zum Vorteil gereichte!

Was die drei Bände für das Überleben der irischen Musik bedeuten, lässt sich kaum hoch genug einschätzen. Zwar gibt es auch andere Kollektionen, doch Buntings Veröffentlichungen dürften die interessantesten sein, weil er sich in ihnen auch umfassend über die Musik und ihre instrumentalen Ursprünge äußerte. Bunting vermittelte entscheidende Grundlagen dessen, was wir heute über die historische Spielweise der Harfe, über die Musiker und über ihr Repertoire wissen.

Obwohl sich Bunting erklärtermaßen in seinen musikalischen Aufzeichnungen um höchstmögliche Authentizität bemühte, sah er paradoxerweise keinen Widerspruch darin, die zusammengetragenen Weisen für Klavier einzurichten. Dabei adaptierte er nicht nur die Melodien, sondern auch—was noch wichtiger war—die Begleitung, um sie dem Instrument anzupassen, für das seine Arrangements gedacht waren und somit den stilistischen Erwartungen seiner Kundschaft zu entsprechen, zu der viele begeisterte Amateurpianisten gehörten. Mein Belfaster Freund und Komponistenkollege David Byers schrieb, dass »Buntings Klavierarrangements ganz eindeutig ihrer eigenen Zeit entsprangen; die traditionellen Melodien wurden justiert und ›verbessert‹… originale Harmonien sind verloren—an ihre Stelle traten zeitgemäße Konventionen. Andererseits wäre ohne Bunting so viel verloren gegangen«. (www.byersmusic.com/edward-bunting.php)

Ich begegnete Buntings Sammlung in der herrlichen Linen Hall Library von Belfast, die 1788 gegründet wurde. Doch erst 2009 begann ich mit einem ernsthaften Studium der Bände, als ich etwas zum Abschied meines Kollegen Paul Burns aus dem nordirischen Arts Council schreiben wollte. Paul hat viel für die traditionelle Musik Irlands übrig, und so komponierte ich ihm ein Klavierstück nach der Weise Open The Door Softly, das ich auf seiner Verabschiedungsparty spielte. Es war das erste der einundzwanzig Stücke, auf die meine Miniatures and Modulations endlich anwuchsen. Immer bildet Buntings Arrangement der Melodie die »Miniatur«, worauf ich mit einer »Modulation«, einer Variation oder Bearbeitung, antworte.

Ich schrieb Miniatures and Modulations für die drei nordirischen Pianisten Cathal Breslin, David Quigley und Michael McHale. Zunächst entstanden fünfzehn Stücke für das Belfast Festival at Queen’s von 2011. Die Uraufführung fand in der 1783 eingeweihten First Presbyterian Church in der Belfaster Rosemary Street statt. Bunting wird diese Kirche gut gekannt haben.

2013 schrieb ich weitere sechs Modulations für Michael McHale.

Im Laufe der drei Bände wurden Buntings Begleitungen, wie deutlich zu sehen, immer raffinierter. Keines der Stücke ist jedoch technisch besonders anspruchsvoll—zweifellos wieder eine Rücksichtnahme auf das Können der Spieler, die Bunting im Auge hatte.

Gerade dieses damals relevante Vorbild brachte mich auf den Gedanken, mit den Melodien stilistisch völlig frei zu verfahren. Bei so unterschiedlichen Materialien wie den originalen »Miniaturen« (diese Bezeichnung stammt übrigens nicht von Bunting, sondern von mir) dürfte es nicht überraschen, dass meine »Modulations« dieselbe stilistische Vielfalt aufweisen.

Für mich handelt es sich dabei nicht um irgendeine Übung in musikalischer Authentizität. Ich habe vielmehr bei jeder der »Modulationen« selbstverständlich eine große Freizügigkeit walten lassen. Die Gründe für die Auswahl der einzelnen Weisen waren ebenso spontan; allerdings stammen die meisten aus Buntings erstem Band. Mal fesselte mich eine kleine melodische Wendung des Originals, mal die schöne Klangarchitektur einer kompletten Melodie. Mitunter fiel mir ein Aspekt aus Buntings Begleitung ins Ohr, dann wieder ein markanter Schlenker der Harmonisierung—oder auch das genaue Gegenteil. Dann weckte beispielsweise der Titel einer Melodie meine Fantasie—wer könnte schon einem Ugly Tailor (»der hässliche Schneider«) oder Have You Seen My Valentine? (»Hast du mein Liebchen gesehen?«) widerstehen…

Ohne Buntings lebenslange Bemühung wüssten wir heute viel weniger über die Melodien und die Techniken der irischen Musik. So aber können die Melodien, die er vor über zweihundert Jahren zusammengetragen hat, Musiker in aller Welt auf verschiedene Weise faszinieren.

Ich sehe meine »Modulationen« über diese »Miniaturen« als eine kleine, persönliche Hommage zu seinem Gedächtnis.


Philip Hammond
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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