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GP703-04 - MOSOLOV, A.: Piano Works (Complete)
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Alexander Mossolow (1900–1973)
Klaviermusik

 

Fast alle Komponisten müssen irgendwann in ihrer schöpferischen Laufbahn die schreckliche Wahrheit konfrontieren, dass ihre Musik—das Ergebnis jahrelanger Plackerei—ihnen aller Voraussicht nach ins Grab folgen wird. Ob das gerechtfertigt ist oder nicht: Ihre Produkte verstauben, das meiste davon wird selten, wenn überhaupt einmal, aufgeführt. Hin und wieder mag ein Name aus dieser Masse enttäuschter Hoffnungen immerhin so glücklich sein, dank eines einzigen denkwürdigen oder berüchtigten Werkes eine Fußnote der Musikgeschichte abzugeben. Einer dieser Komponisten war Alexander Mossolow, dessen futuristisches Orchesterstück Die Eisengießerei noch immer von Zeit zu Zeit gespielt wird.

In den zwanziger Jahren, als man für kurze Zeit den »Konstruktivismus« als künstlerische Manifestation der neuen, fortschrittlichen Sowjetunion förderte, gehörte Mossolow zu den treibenden Kräften der experimentellen Musik. Mit seiner Eisengießerei lotete er das expressive Potential motorischer Rhythmen, kantiger Melodien, perkussiver Attacken und beißender Dissonanzen aus. Nachdem erst einmal die Reglementierung des sozialistischen Realismus jedes selbständige Denken erstickt hatte, musste ein Avantgardist wie Mossolow über kurz oder lang zwangsläufig mit den Autoritäten aneinander geraten. So wurde er denn auch im Jahre 1936 aus dem Komponistenverband ausgeschlossen—vordergründig wegen einer Kneipenschlägerei, bei der er einem Ober übel mitgespielt hatte.

Alexander Wassiljewitsch Mossolow wurde im Jahre 1900 in Kiew geboren. 1903 übersiedelte die Familie nach Moskau, wo der Vater allerdings bald verstarb. Die Mutter Nina Alexandrowna (1882–1953), die damals am Bolschoi-Theater sang, heiratete in zweiter Ehe den Maler und Graphiker Michail Bartholomejewitsch Leblan (1875–1940). Sie kultivierte ihre kosmopolitische Weltanschauung, ließ den Sohn von Kindheit an die deutsche und französische Sprache lernen und besuchte mit ihrer Familie regelmäßig die Kulturmetropolen Westeuropas—insbesondere Berlin, London und Paris.

Während der Oktoberrevolution diente Mossolow freiwillig in der Roten Armee, aus der er 1921 entlassen wurde, da er an einer »Krankheit« litt, die man heute als posttraumatisches Stress-Syndrom bezeichnen würde. Er trat danach ins Moskauer Konservatorium ein, wo er bei Reinhold Glière und Nikolai Mjaskowskij Komposition studierte. Sergej Prokofieff, der damals noch im Westen lebte, kam 1927 zu einer Konzerttournee in die UdSSR. Bei dieser Gelegenheit lernte er die Musik von Mossolow kennen, den er als das interessanteste Talent der neuen russischen Generation lobte.

In der Zeit nach seiner Eisengießerei (1927) attackierte man den Komponisten wegen seiner pessimistischen Haltung und modernistischen Tendenzen. Sein Stil wurde einfacher und verständlicher, und er verzichtete auf proletarische Gegenstände, die gewisse Risiken in sich bargen. Statt dessen entwickelte er ein starkes Interesse an der Volksmusik der zentralasiatischen Sowjetrepubliken Turkmenistan und Kirgisien. Die 1929 in Wien publizierte Klavierfantasie Turkmenische Nächte ist ein Werk aus dieser Zeit, in dem freilich noch einige kräftige »konstruktivistische« Elemente enthalten sind. Am Ende beschäftigte sich Mossolow intensiver mit der Volksmusik als mit dem eigenen kompositorischen Schaffen—was allerdings nicht unbedingt freiwillig geschah.

Solange nämlich Stalins Schergen die sowjetischen Künstler in ihrem eisernen Griff hatten, konnte es keine Toleranz mehr für den »Futurismus« geben, der sich nach damaliger Auffassung nur an eine Elite richtete und nicht den Interessen des Staates diente. 1937 wurde Mossolow wegen »konterrevolutionärer Aktivitäten« inhaftiert und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Durch die Beziehungen einiger Kollegen kam er nach nur acht Monaten frei, doch er hatte seine Fähigkeit zu musikalischen Experimenten verloren. Die rosige Zukunft des führenden Sowjetkomponisten, von der er in seinen jungen Jahren geträumt hatte, sollte sich nicht erfüllen. Als er 1973 starb, hatte man ihn fast völlig vergessen—abgesehen von seinem Erkennungsstück, der Eisengießerei.

Die Wissenschaftlerin Marina Frolova-Walker aus Cambridge schrieb 1998 im Journal of the American Musicological Society, dass man in den Werken, die Mossolow seit den späten Dreißigern geschrieben hat, »unmöglich den früheren Avantgardisten erkennen kann«. Fernerhin stellte sie fest, dass er seinen Stil durch die Erfahrungen im Gulag irreparabel »korrigiert« hatte, und sie kam zu dem Schluss, dass es »furchtbar traurig ist, die vielen ausdruckslosen Stücke im Stile des Mächtigen Häufleins anzuhören oder die Liste seiner Werke zu sehen, die auf der Volksmusik verschiedenster sowjetischer Regionen fußen und sich nicht von den Produkten der Kollegen, die sich mit demselben Vorhaben beschäftigten, unterscheiden lassen«.

Alle Werke der vorliegenden Aufnahme hat Mossolow in den zwanziger Jahren geschrieben, als er noch frei agieren konnte. Die beherrschende musikalische Figur Russlands war seinerzeit Alexander Skrjabin, der erst einige Jahre zuvor (1915) verstorben war. Seine Musik übte noch immer einen mächtigen Einfluss auf viele aufstrebende Vertreter der jungen Komponistengeneration aus, die seine treibhausartige Exotik bewunderten. Mossolow bildete keine Ausnahme:

Sein Hang zu großen, statischen Klangblöcken, die er durch beeindruckende Wellen virtuoser Pianistik dekoriert, verraten die Faszination, die von Skrjabins schwül-heißer Musik ausging. Die zwei Nocturnes op. 15, die Mossolow in den Jahren 1925 und 1926 verfasste, sind in ihrem impressionistischen Figurenwerk und ihren dissonanten Höhepunkten eindeutig Skrjabin verpflichtet. Sie sind dem prominenten Autor und Kritiker Wladimir Derzhanowskij gewidmet. Die Drei kleinen Stücke op. 23a und die Zwei Tänze op. 23b folgten kurz danach im Jahre 1927.

In seinen Klaviersonaten erweist sich Mossolow als einer der kühnsten, komplexesten Komponisten seiner Zeit. Durch ihre dramatische Kraft und ihre dunklen Farben erhalten die Werke beinahe symphonische Texturen, und die außerordentlichen technischen Schwierigkeiten machen sämtliche Sonaten zu einer pianistischen Herausforderung. Die unveröffentlichte dritte Sonate op. 6 gehört bedauerlicherweise zu den Manuskripten, die Mossolow mit anderen Habseligkeiten während eines Umzugs gestohlen wurden. Die 1923/24 entstandene zweite Sonate op. 4 ist chronologisch das älteste der vier erhaltenen Werke. Das sehr düstere und verzweifelte Werk trägt die Aufschrift »Aus alten Heften«—ein leiser Gruß an Sergej Prokofieff, der diesen Titel bereits für seine Sonaten op. 28 und op. 29 verwandt hatte. Der Stil der einsätzigen Sonate Nr. 1 op. 3 aus dem Jahre 1924 erinnert ein wenig an Igor Strawinsky und mehr noch vielleicht an Sergej Prokofieff. Mossolows ukrainischer Zeitgenosse Nikolaij Roslavets nannte diese Sonate eine »Bibel des Modernismus«. Wiederum einsätzig ist auch die düster-unheilvolle, beinahe improvisatorisch anmutende Sonate Nr. 4 op. 11 aus dem Jahre 1925, in dem Mossolow auch seine zutiefst expressive, dabei aber von kalten Dissonanzen erfüllte fünfte Sonate op. 12 komponierte, deren trauerhafter zweiter Satz (»Elegie«) eine Stimmung der Ausweglosigkeit verbreitet.

Während Mossolow seine Zuhörer in den zwanziger Jahren mit seinem erbarmungslosen Modernismus überwältigte, sahen deren Kinder darin eher einen irrelevanten alten Hut. Vielleicht ist heute ja die ideale Zeit gekommen, um die Rolle, die Mossolow in den frühen Jahren der Sowjetunion für die russische »Zukunftsmusik« gespielt hat, neu zu bewerten.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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