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GP709 - PRADO, J.A.R. de A.: Cartas Celestes, Vol. 1 - Nos. 1-3 and 15 (Scopel)
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José Antônio Rezende de Almeida Prado (1943–2010)
Cartas Celestes Nr. 1, 2, 3 und 15 (Himmelskarten)

 

José Antônio Rezende de Almeida Prado war einer der produktivsten Komponisten, die Brasilien hervorgebracht hat. Nach seinem Studium bei Camargo Guarnieri kultivierte er zunächst einen nationalen Stil. Als Schüler von Nadia Boulanger und Olivier Messiaen sah er sich jedoch veranlasst, andere Ausdrucksmittel zu suchen. So erreichte er später eine ästhetische Freiheit, die die Atonalität und den Postserialismus ebenso berücksichtigte wie die erweiterte und die freie Tonalität. Eine seiner wichtigsten Leistungen—er selbst sprach von einem »unglaublichen Abenteuer«—waren die achtzehn Cartas Celestes (»Himmelskarten«). In dieser Werkreihe, mit der er den Himmel und die Sternbilder darstellte, bediente er sich einer neuen harmonischen Sprache, die er Transtonalität nannte. Fünfzehn der achtzehn Cartas Celestes sind reine Klavierstücke, während die drei anderen unterschiedlich instrumentiert sind: Die Cartas Nr. 7 verlangen zwei Klaviere und symphonisches Blasorchester, die Nummer 8 ist für Violine und Orchester, die Nummer 11 für Klavier, Marimba und Vibraphon geschrieben.

Die Cartas Celestes Nr. 1 entstanden 1974 für eine Vorführung im Planetarium von São Paulo. Darin werden einige der Himmelserscheinungen dargestellt, die man in den Monaten August und September am brasilianischen Himmel sehen kann—unter anderem Meteoriten, die Milchstraße und der Andromedanebel. Auf Grund der großen Resonanz des Klaviers entschied sich Almeida Prado für dieses Instrument, das ihm—auch dank der raffiniert eingesetzten Pedale—einen kontinuierlichen Klang gewährte. Das Stück gliedert sich zwar in viele kleine Abschnitte, ist aber als ein programmatischer Zusammenhang konzipiert. Die beiden äußeren Teile sind Palindrome: Am Anfang nimmt das Tageslicht allmählich ab, wir tauchen in das Dunkel der Nacht ein, und am Ende stehen die Tore der Morgendämmerung, die uns wieder in die blendende Sonne der Tropen führen. Der Mittelteil beschreibt eine Reise durch die Sternbilder Herkules, Lyra und Skorpion. Der Komponist verwendet dabei vierundzwanzig freie Akkorde, die er—wie in Sternenkarten üblich—mit den Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnete.

Die Cartas Celestes Nr. 2 und Nr. 3 aus dem Jahre 1981 setzen die ursprüngliche Idee fort. Sie beschreiben den brasilianischen Himmel im Oktober und November beziehungsweise im Dezember und Januar. Als verbindende Elemente benutzt Almeida Prado dieselben vierundzwanzig Akkorde, die er für das erste Stück erfunden hatte. Allerdings werden sie jetzt auf unterschiedliche Tonhöhen transponiert. Während im ersten Stück die Venus sehr schnell auftauchte, drehen sich die zweiten Cartas um die Planeten Merkur und Uranus. Die dritte Nummer ist dem Mars gewidmet und zeigt zudem die vier Mondphasen, die sich als heitere Promenade durch das Werk ziehen.

Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Almeida Prado 2009 die Cartas Celestes Nr. 15. Dieses Werk trägt den Untertitel »Das expandierende Weltall« und beginnt 13 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt—mit der Supernova GRB090423, die zur Zeit der Komposition der fernste bekannte Punkt im Kosmos war. Den »vielfältigen Farben und Formen« des Eskimo-Nebels folgen das südliche Sternbild des Malers und der extrasolare Planet, eine scherzo-artige Fuge des 21. Jahrhunderts. Das Sternbild des Paradiesvogels ist eine Hommage an Almeida Prados Lehrer Messiaen und beschreibt die Spezies, die für ihr exotisches, farbenfrohes Federkleid bekannt ist. Ein nächtlich-dunkler Planetarer Nebel bringt Almeida Prados wiederkehrende »Pilgerharmonie«, eine Folge tonaler Akkorde ohne funktionale Zusammenhänge. Ein letzter Ausbruch des Sonnensturms beendet das Stück.

Aleyson Scopel
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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