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GP710 - PRADO, J.A.R. de A.: Cartas Celestes, Vol. 2 - Nos. 4-6 (Scopel)
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JOSÉ ANTÔNIO REZENDE DE ALMEIDA PRADO (1943-2010)
CARTAS CELESTES NOS 4-6

 

José Antônio Rezende de Almeida Prado war einer der produktivsten Komponisten, die Brasilien hervorgebracht hat. Nach seinem Studium bei Camargo Guarnieri kultivierte er zunächst einen nationalen Stil. Als Schüler von Nadia Boulanger und Olivier Messiaen sah er sich jedoch veranlasst, andere Ausdrucksmittel zu suchen. So erreichte er später eine ästhetische Freiheit, die die Atonalität und den Postserialismus ebenso berücksichtigte wie die erweiterte und die freie Tonalität. Eine seiner wichtigsten Leistungen—er selbst sprach von einem »unglaublichen Abenteuer«—waren die achtzehn Cartas Celestes (»Himmelskarten«). In dieser Werkreihe, in der er den Himmel und die Sternbilder darstellte, bediente er sich einer neuen harmonischen Sprache, die er Transtonalität nannte. Fünfzehn der achtzehn Cartas Celestes sind reine Klavierstücke, während die drei anderen unterschiedlich instrumentiert sind: Die Cartas Nr. 7 verlangen zwei Klaviere und symphonisches Blasorchester, die Nummer 8 ist für Violine und Orchester, die Nummer 11 für Klavier, Marimba und Vibraphon geschrieben.

Die Cartas Celestes Nr. 4–6 entstanden in den Jahren 1981/82. Sie beschreiben einige der Sterne, die man im Februar und März, im April und Mai sowie im Juni und Juli sehen kann. Da die Cartas Celestes Nr. 1–3 die andere Jahreshälfte umfassen, ist also anzunehmen, dass die sechs Teile als eine einzige kolossale Komposition verstanden werden können. Diese Vermutung wird dadurch bestätigt, dass Prado bei den Sternbildern genau dieselben vierundzwanzig atonalen, mit den Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichneten Akkorde verwendet, die er für das erste Werk geschaffen hatte und auf verschiedene Tonhöhen transponierte. Auch hat Prado jetzt die noch fehlenden Planeten des Sonnensystems dargestellt: Neptun und der damals noch nicht zum Zwergstern degradierte Pluto finden sich in Nr. 4, Jupiter und Saturn in Nr. 5—und die Erde schließlich in Nr. 6.

Cartas Celestes Nr. 4 beginnt mit einer poetischen Reise zu den Sternen der Galaxie NGC 5194/95=M51. Diese Bewegung lenkt die Hörer eindeutig zur Tonart D-dur. Zwischen den kosmischen Staubpartikeln wird dieses Element als »transtonale« Farbe gebraucht. Im Verlaufe des Stückes erklingt überdies ein dreimaliger außergalaktischer Ruf—nach den Worten des Komponisten eine »Friedensbotschaft von anderen Galaxien«. Nachdem das virtuose Stück den tiefen Raum des Pluto ergründet hat, endet es in heiterer Gelassenheit mit einer Beschwörung dessen, was über unser sichtbares Universum hinausreicht—eine Meditation über das Unbekannte.

Cartas Celestes Nr. 5 gerät in die Schwerkraft zweier Riesenplaneten. Jupiter ist mit seinen dichten Clustern und massiven Klängen polyphonisch strukturiert, während Saturn durch den wirbelnden Rhythmus seiner Ringe illustriert wird. Es gibt Momente der exquisiten Kontemplation—so bei der »Stille der Nacht« oder auch bei dem fragmentarischen Zitat eines gregorianischen Chorals, das zum Kreuz des Südens erklingt.

Cartas Celestes Nr. 6 betrachtet die Erde von ihren tragischen Tiefen bis zu ihrem majestätischen Glanz. Den Sternbildern geht die Ansicht des Mondes vorauf, wie er sich irdischen Betrachtern darstellt (es ist ein wiederkehrendes Element des dritten Teils). Musikalische Fragmente aller neun Planeten sind noch einmal in einer »Ciranda« (Rundtanz) um die Sonne zu hören; sie beschließen den Zyklus mit einer Verklärung von Himmel und Erde. Dabei werden mystische Aspekte berührt: Prado beendete das Stück am 10. März 1982, als sich die Planeten unseres Sonnensystems in einer ihrer höchst seltenen, gardemäßigen Aufreihungen befanden.

Aleyson Scopel
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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