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GP711 - FRIEDMAN, I.: Original Piano Compositions (J. Banowetz)
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Ignaz Friedman (1882–1948)
Originalwerke für Klavier

 

Das Geheimnis des Zeitgefühls—nicht eilen, vertrauen

Heute wird man schwerlich einen Pianisten finden, der an die dreitausend Konzerte gibt und daneben noch Zeit hat, sich als Komponist, Arrangeur, Lehrer und Herausgeber zu betätigen. Der gerade einmal vier Jahre nach Franz Liszts Tod geborene Ignaz Friedman wurde der Repräsentant des romantischen Klavierspiels im 20. Jahrhundert. Man hat die Phrasierungskunst des Musikers, zu dessen Kollegen führende Virtuosen wie Josef Hofmann (1876–1957), Moriz Rosenthal (1862–1946), Leopold Godowsky (1870–1938) und Josef Lhévinne (1874–1944) gehörten, mit Anton Rubinstein (1829–1894) verglichen. Bis heute gilt er als einer der bemerkenswertesten Interpreten Chopins, der für ihn der »wahre Vater« der russischen und polnischen Harmonik war.

Geboren wurde Ignaz Friedman am 13. Februar 1882 als Solomon Isaac Freudman in demselben kleinen Dorf Podgórze bei Krakau, in dem auch Josef Hofmann zur Welt gekommen war. Der Vater war Musiker, die Mutter Schneiderin. Seine musikalischen Fähigkeiten zeigten sich sehr früh, wenngleich an einen kontinuierlichen Klavierunterricht nicht zu denken war, da die Familie in die USA und die Türkei sowie nach Griechenland und Ungarn reiste. Dabei konnte der Knabe am Beispiel seines Vaters sehen, was das Leben eines fahrenden Musikers bedeutete.

Wieder in Polen, kam Friedman zu der namhaften Klavierlehrerin Flora Grzywińska, der er nach eigenen Worten die Entwicklung seiner virtuosen Technik verdankte. Sie machte ihn mit Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier bekannt, dessen Fugen er gern transponierte—eine Fertigkeit, die ihn schon in jungen Jahren weit brachte. Als Zehnjähriger begleitete er einen Tenor aus dem Prager Opernhaus bei einer Tournee. Wenn der Sänger stimmliche Probleme hatte, gab er Friedman durch dreimaliges Klopfen auf das Klavier zu verstehen, dass er eine Terz abwärts transponieren und dafür besonders belohnt werden sollte. Der pfiffige Bursche ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen: An guten Tagen transponierte er eine Terz aufwärts und überzeugte so den armen Tenor davon, dass er wieder vokale Schwierigkeiten habe. Ironischerweise wurde Friedman gerade zu dieser Zeit Kettenraucher.

Nachdem er seine Ausbildung am Krakauer Gymnasium abgeschlossen hatte, studierte er kurze Zeit Philosophie an der heimischen Jagiellonen-Universität. Dann ging er nach Leipzig, um sich weiterhin der Musik zu widmen. Einer seiner dortigen Lehrer war Hugo Riemann, der ihn im folgenden Jahr mit einem Empfehlungsschreiben ausrüstete, worin es hieß, dass sein Schüler ein sehr großes Talent zum Berufe des Musikers und Dirigenten verriete¹). Mit diesem Schreiben bewaffnet, begab sich der junge Friedman nach Wien, um bei dem berühmten Lehrer Theodore Leschetizky zu studieren, der seinerseits bei Carl Czerny gelernt hatte. Doch Leschetizky meinte, er wäre besser beraten, wenn er Tuba spielte, und gab ihn in die Hände seiner Assistentin Malwine Brée (1851–1937). Später wurde Friedman allerdings Leschetizkys Lieblingsschüler. Er konstatierte, dass Friedman die drei notwendigen Voraussetzungen für einen großen Musiker mitbringe: die slawische Herkunft, das jüdische Erbe und die Begabung eines Wunderkindes. Während der entbehrungsreichen Wiener Jahre musste Friedman trotz seines bescheidenen Lohns als Notenkopist hungern.

Bei seinem Wiener Debüt sorgte er am 22. November 1904 für eine Sensation—als er nämlich mit den Klavierkonzerten d-moll von Johannes Brahms, b-moll von Peter Tschaikowsky und Es-dur von Franz Liszt gleich drei virtuose Werke aufführte. Erneut zeigten sich seine wunderbaren musikalischen Fähigkeiten, als er an einem Tag zwei Klavierkonzerte (von Rubinstein und Henselt) auswendig lernte, um für Moriz Rosenthal beim Symphonieorchester von Riga einspringen zu können. Unter Leschetizkys Anleitung und mit einem riesigen Repertoire von Akimenko bis Zelenski wurde Friedmans Karriere international.

Im Sommer 1908 lernte Friedman in den Meisterklassen von Ferruccio Busoni einen anderen musikalischen Ansatz und einige andere Weltklasse-Musiker kennen, darunter Béla Bartók und José Viana da Mota, einen der letzten Schüler von Franz Liszt. Für Friedman war Busoni ein »guter musikalischer Denker«.²) Dieser widmete ihm seine Revision der Liszt’schen Paganini-Etüde Nr. 6³), wofür sich Friedman mit der Übertragung der Liszt-Paganini-Etüde La Campanella revanchierte, die Busoni bearbeitet hatte.

Während Friedman als Leschetizkys Assistent arbeitete, lernte er seine zukünftige Gemahlin Maria von Schidlowsky (»Manya«) kennen, die weitläufig mit Leo Tolstois Familie verwandt war. Nachdem sie bei Giovanni Sgambati am Liceo Musicale di Santa Cecilia ihr Diplom erworben hatte, wurde sie Friedmans Schülerin. Dieser konvertierte zum Protestantismus, und am 27. April 1909 fand in Berlin die Trauung statt. Hier lebte das Ehepaar bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges, und hier wurde 1910 auch die einzige Tochter Lydia geboren. Nach dem Krieg ließen sich die Friedmans 1920 in Kopenhagen nieder.

Der äußerst charmante Friedman war ein begeisterter Kartenspieler und verfügte über einen ungeheuren Witz. Gern widmete er sich beim Üben der Lektüre eines Buches oder sogar einem Kartenspiel. Er bewunderte Horowitz als Pianisten und assistierte dem dankbaren Rachmaninoff.

Zu einer Zeit, als das Reisen noch zeitraubend und schwierig war, befand er sich neun Monate pro Jahr auf Tourneen, die ihn durch Europa sowie nach Nord- und Südamerika, Südafrika, Palästina und Asien führten. Die übrige Zeit verbrachte er bei seiner Familie in der italienischen Sommerwohnung. Eine amerikanische Karriere wollte indes nicht zu Stande kommen. Das lag womöglich daran, dass ihn Josef Hofmann, der am Curtis Institute wirkte, nicht unterstützte; dass es nicht gelang, in die Künstlerclique des Impresarios Arthur Judson einzudringen; und dass das amerikanische Publikum modernere Interpretationen bevorzugte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Besitz der Familie Friedman in Berlin und Italien beschlagnahmt. Als der Künstler 1940 kurzfristig als Ersatz für das Duo Vronsky- Babin nach Australien eingeladen wurde, verließ er Europa mit seiner Frau. Die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte er in Sydney, wo er am 26. Januar 1948 an den Folgen einer Operation starb. Schon 1943 hatte er wegen einer durch Diabetes verursachten Nervenentzündung seine Karriere als ausübender Musiker beenden müssen. Heute verleiht das Konservatorium von Sydney einen Kompositionspreis, der seinen Namen trägt.4)

Friedman beherrschte nicht nur ein riesiges Repertoire an Solowerken und Konzerten, sondern auch viel Kammermusik. Gelegentlich spielte er eigene Transkriptionen, im Allgemeinen aber hielt er sich jedoch an die Standardausgaben. Bei seinen Aufführungen verband er oftmals die verschiedenen Stücke durch Modulationen, da er nicht gerne Pausen machte. Er setzte Maßstäbe für Chopins Mazurkas, wobei er den folkloristischen Ursprung derselben betonte und seine Schüler immer wieder daran erinnerte, dass es männliche und weibliche Tänzer gab.5) Friedmans Reputation als Chopin-Interpret führte dazu, dass sich Claude Debussy in seiner, bei Durand erschienenen Edition auf Friedmans Ausgabe stützte.6) Vermöge technischer Neuerungen konnte Friedman die erste Gesamtaufnahme der dritten Chopin-Ballade machen; außerdem brachte er Werke für zwei Klaviere allein zur Aufführung, indem er das Duo Art-Selbstspielklavier einsetzte.

Neville Carus schrieb, man habe schon an Friedmans Erscheinen auf dem Podium gesehen, »dass er ein großer Mann war. Seinen Geist und seine Aura kann man nicht vermitteln. Das Schwierigste, was er je lernen musste, war das richtige Zeitgefühl—innezuhalten, ohne damit die Musik stillstehen zu lassen. Das Geheimnis des Zeitgefühls—nicht eilen, vertrauen«.7

Angesichts der Originalität und Schönheit der hier vorliegenden Werke wird man sich fragen müssen, warum diese Musik beinahe ein Jahrhundert vergessen war. Nachdem Joseph Banowetz diese musikalischen Portraits wieder bekannt gemacht hat, gewähren sie uns jetzt einen Einblick in Friedmans Innenleben.

Auch bei den in mehrteiligen Heften zusammengefassten Kompositionen handelt es sich vor allem um Miniaturen. Friedman war ein Meister des Charakterstücks. Im Stil der deutschen Spätromantik verpflichtet, sind seine Werke harmonisch oft komplex, dabei aber tonal. Er verzichtet auf die Sinnlichkeit eines Skrjabin oder Szymanowski, um seine schönen, ergreifenden Melodien strahlen zu lassen. Die traditionelle Rhythmik bewegt sich im Rahmen der jeweiligen Genres. Die pianistisch zugänglichen Stücke verlangen sowohl musikalische als auch technische Perfektion.

Wiener Tänze nach Motiven von Eduard Gärtner (1916–1929)

Als Friedman die Melodien aus dem Repertoire des Wiener Hofopern-Baritons Eduard Gärtner bearbeitete, hat er vielleicht an die Erfolge gedacht, die er in jungen Jahren mit Adolf Schulz-Evlers und Leopold Godowskys Johann-Strauß-Transkriptionen errungen hatte. Der freigiebige Friedman gab Gärtner als Autor und sich selbst lediglich als »Arrangeur« an, um der Witwe des Sängers die Verlagsund Aufnahmetantiemen zukommen zu lassen.8) Diese »langsamen Walzer« hat Friedman den Pianist(inn)en Ernst von Dohnányi (1), Isidore Philipp (2), Germaine Schnitzer (3) und Sylvia Figueiredo Mafra (6) sowie den Wiener Freundinnen Irene Hellmann-Redlich (4) und Else Hutterstrasser (5) zugeeignet. Er selbst hat die ersten vier Stücke auf Duo Art eingespielt. Die erste Nummer wurde ferner im Jahre 1924 auf WAX aufgenommen, die Tänze Nr. 2 und Nr. 6 im Jahre 1933 auf CA. Diese zwei Letztgenannten sind auf Ignaz Friedman Complete Recordings (5) in den historischen Aufnahmen von Naxos erschienen (NX 8.111114).

Vier Klavierstücke op. 27 (1908)

In diesen vier romantischen Stücken verbindet sich die melodische Erfindung eines Schumann, Grieg oder Brahms mit der harmonischen Welt Chopins, Skrjabins und Rachmaninoffs. Ein weiterer Quell der Inspiration ist die traditionelle polnische Volksmusik. Der schöne Prolog à la Brahms ist Helene Ottawa gewidmet, das Geständnis, eine in sich gekehrte Träumerei à la Skrjabin, trägt den Namen des befreundeten Pianisten Severin Eisenberger. Die Mazurka für Martha Schmidt ist in dem Stil gehalten, den Friedman so großartig zu interpretieren wusste, und das letzte Stück—Im Volkston—ist Frau R. J. Spokorny zugeeignet.

Strophes pour piano op. 71 (1911)

In ihrer Gesamtheit bilden diese Klavierstücke eine wohlgeratene Kollektion, wobei allerdings auch jede einzelne »Strophe« für sich selbst stehen oder als Zugabe dienen kann. Die erste zeigt den Wiener Einfluss auf Friedman. Die zweite verrät die Leidenschaft und Unrast Robert Schumanns. Die dritte ist eine schöne, harmonisch komplexe Reflexion. Die vierte bringt eine einprägsame Melodie, die an Griegs Lyrische Stücke erinnert, während die fünfte Strophe dem Interpreten einen großen Raum für persönliche Ausdrucksmittel gibt.

Stimmungen op. 79 (1918)

Dieses Heft mit neun »Stimmungsgedichten« ist Sergej Rachmaninoff gewidmet, dessen musikalischen Einfluss man in dieser Sammlung spürt. Das Werk beginnt mit einer Geste, die an das erste Motiv aus Chopins Prélude e-moll op. 28 Nr. 4 erinnert, bevor sich gewisse Elemente des Widmungsträgers zeigen. An zweiter Stelle steht ein farbiges, schnelles Scherzo. Der ernste Tonfall des dritten Satzes weicht in der vierten »Stimmung« einer an Grieg gemahnenden Melodie und dem friedlichen Murmeln eines Baches. Darauf folgen ein tanzhaftes und ein skrjabineskes, nachdenkliches Stück sowie ein liebenswürdiger Walzer. Der achte Satz beschwört Skrjabins leidenschaftliche Etüde op. 8. Nr. 12, schlägt aber einen bescheideneren Ton als diese an. Das mysteriöse, beseelte Schluss-Stück besteht aus einer kleinen Variationsfolge im russischen Stil und führt den Zyklus mit seinen üppigen harmonischen Gängen zu einem dunkel gefärbten Ende.

4 Präludien op. 62 (1915)

Die vier Teile dieser bezaubernden Kollektion nach der Art von Mendelssohn oder Liszt sind der dänischen Pianistin Anna Schytte und dem Pianisten Paul Goldschmidt sowie den Herren H. N. Petersen und W. Schmidt gewidmet. Die Vortragsangaben der einzelnen Sätze hat Friedman sehr treffend gewählt: Das erste ist »nachdenklich«, das Mendelssohnsche zweite »lebhaft und sehr leicht«, das dritte mäandert »abgewandt« dahin und das letzte ist »sehr passioniert und animiert«.

Nancy Lee Harper
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Allan Evans, Ignaz Friedman; Romantic Master Pianist, Bloomington 2009, S. 30

² Ebd. S. 60

³ Ebd. S. 335

4 Friedmans erste Komposition als Schulkind war eine Gavotte, die das Orchester seines Vaters aufführte. Im Laufe seines Lebens hat er mehr als einhundert, zumeist miniaturistische Werke für Klavier, Singstimme und Violoncello geschrieben. Außerdem gibt es ein Klavierquintett, eine Suite für zwei Klaviere, Kadenzen zu den ersten vier Beethoven-Konzerten und vorbereitende Etüden für fortgeschrittene Technik.

5 Evans, a.a.O., S. 178 und 204

6 Friedmans editorische Arbeit umfasst unter anderem die Inventionen von Bach (Hansen), einige (in Japan veröffentlichte Beethoven- Sonaten, die Solo- und Orchesterwerke von Chopin (12 Bände, Breitkopf und Härtel), Liszt (zwölf Bände, Universal), verschiedene Werke von Mendelssohn (Hansen), Neupert (Hansen) und Schumann (Universal). Vgl. Evans, a.a.O., S. 353.

7 Evans, a.a.O, S. 214

8 Ebd. S. 113


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