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GP712 - FRIEDMAN, I.: Piano Transcriptions (Banowetz)
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Ignaz Friedman (1882–1948)
Transkriptionen

 

Der polnische Pianist Ignaz Friedman (1882–1948) gilt noch heute als einer der überragenden Interpreten seines Landsmannes Frédéric Chopin (1810–1849), wobei vor allem dessen Mazurken bei ihm in den besten Händen lagen. Dank seiner immensen Technik und seines vorzüglichen künstlerischen Empfindens rechneten ihn Kritiker und Kollegen neben Hofmann, Godowsky, Rosenthal und Lhévinne zu den führenden Virtuosen seiner Zeit. Der berühmte Klavierlehrer Theodore Leschetizky (1830–1915) meinte, dass sein Schüler und späterer Assistent über alle wesentlichen Voraussetzungen verfügte, die für einen großen Musiker nötig seien: die slawische Herkunft, das jüdische Erbe und die Begabung eines Wunderkindes.

Friedman hat im Laufe seines Lebens an die dreitausend Konzerte gegeben. Daneben war er Komponist, Bearbeiter, Herausgeber, Lehrer und Juror vieler internationaler Klavierwettbewerbe. In einer Zeit, als das Reisen noch ein langwieriges und schwieriges Unterfangen war, bereiste er die ganze Welt von Nord- und Südamerika bis nach Asien, von Europa bis nach Südafrika. In den USA, wohin er vergeblich zu emigrieren versuchte, fand er allerdings weniger großen Zuspruch. So flüchtete er während des Zweiten Weltkriegs von Europa nach Australien, wo er zwei Wochen vor seinem sechsundsechzigsten Geburtstag starb. Einige Jahre zuvor hatte ihn eine durch seine Diabetes ausgelöste Nervenentzündung bereits zur Beendigung seiner Karriere gezwungen. Die wenigen Aufnahmen, die Friedman hinterlassen hat, sind inzwischen auf Naxos Historical wiederveröffentlicht worden.

Ignaz Friedman verstand sich meisterhaft auf die Kunst der Transkription. Dass er 1908 die Meisterklasse von Ferruccio Busoni besuchte, den er als einen »guten musikalischen Denker«¹) bezeichnete, wird dabei nicht geschadet haben. Friedmans wunderbare Übertragungen zeigen einerseits, wie breit gefächert das Repertoire vom 17. bis 19. Jahrhundert war, für das man sich seinerzeit interessierte, und ermöglichten dem Publikum andererseits die Begegnung mit Werken, die andernfalls hätten in Vergessenheit geraten können. Friedman bearbeitete Musik für andere Tasteninstrumente sowie kammermusikalische und orchestrale Stücke in einer Weise, die der Hörerschaft Vergnügen bereitet und den Interpreten große Herausforderungen bietet wie etwa La Campanella von Paganini-Liszt-Busoni-Friedman.

Der gestandene Pianist Joseph Banowetz hat siebzehn Transkriptionen aus Friedmans reifen Jahren zusammengestellt und führt die Hörer mit diesen Stücken in jene Epochen zurück, die unter dem »Clavier« vor allem das Cembalo und die Orgel verstanden. Friedmans kreative Fantasie als Improvisator und Komponist regiert in diesen köstlichen, bezaubernden und anrührenden Werken, die ihr eigenes Leben entfalten, während sie über die Originalstücke hinausgehen und ihnen zugleich dennoch die Treue halten. Die Widmungsträger reichen von bekannten Kolleg(inn)en bis zu weniger prominenten Personen, die aber in Friedmans Leben eine Rolle spielten.²

Es sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass man sich auf die Lebensdaten der Komponisten, wie sie in Friedmans gedruckten Ausgaben zu finden sind, nicht immer verlassen kann: Die moderne Musikwissenschaft vermag heute in manchen Fällen genauere Angaben zu machen, die im nachfolgenden Text berücksichtigt sind.

Ein ausgesprochener Publikumsliebling bildet den Auftakt dieser Produktion—das Siciliano aus der Flötensonate Nr. 2 Es-dur BWV 1031 von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Friedman blieb bei seiner Bearbeitung in der Originaltonart des Satzes (g-moll). Fließende Begleitfiguren verleihen dem Stück einen leicht beschwingten Tonfall. Das Werk ist einer »Miss Josephine McQuade« gewidmet.

Die Bearbeitung des Rappel des oiseaux von Jean Philippe Rameau (1683–1764) ist älteren Datums als die mannigfachen Vogelszenarien aus der Feder von Olivier Messiaen (1908–1992), und auch Friedman fängt den »Ruf der Vögel« sehr schön ein. Die Bearbeitung ist Carl Friedberg (1872–1955), dem ehemaligen Lehrer von Joseph Banowetz, gewidmet.

Aus Rameaus Oper Les Indes Galantes (1735/36) stammt die Musette, die Friedman zu einer vorzüglichen Transkription benutzt hat: Er bringt die Farben des Klaviers zur vollen Entfaltung und verrät dabei ein Faible für Terz- und Sextgänge, die feinste pianistische Wirkungen erzeugen.

Das hübsche Ballett aus der Oper Orphée et Eurydice von Christoph Willibald von Gluck (1714–1787) ist in vielen schönen Klavierarrangements erschienen. Zu erwähnen sind insbesondere die Bearbeitungen von Giovanni Sgambati (1841–1914) und Alexander Siloti (1863–1945). Friedman verlangt in seiner zarten Einrichtung, die er Amelie Gérardy, der Gemahlin des Cellisten Jean Gérardy, gewidmet hat, eine große Klangkontrolle und Pedalisierungskunst.

»Madame Eveline Pairamall« hat Ignaz Friedman seine Bearbeitung des Nocturne B-dur von John Field (1782–1837) gewidmet. Die Einrichtung wahrt nicht allein die ursprüngliche Tonart, sondern hält sich—bis hin zu einigen wörtlich übernommenen Passagen—insgesamt eng an das Original. Friedmans Geist zeigt sich in einer schlichten Anreicherung der Akkorde, die der Melodie keinen Schaden zufügt. Im zweiten Teil bringt die Hand fließende Passagen, worauf eine raffinierte Coda das Stück beendet.

Zu den Orgelwerken von César Franck (1822–1890) gehören Prélude, Fugue et Variation op. 18 Nr. 3 aus den Jahren 1860–1862. Friedman füllt einige Akkorde aus und legt überdies die ursprüngliche Pedalstimme in die linke Hand, ohne weiter in die Komposition einzugreifen. Das Arrangement ist »Mr. and Mrs. W.A. Crowle« gewidmet.

Die Romanze aus der Oper La pazza per amore von Nicolas Dalayrac (1753–1809) ist so etwas wie eine Barcarolle, die sich unter Friedmans Händen in eine verführerische Delikatesse verwandelt. Der fleißige Opernkomponist, Anwalt und Freimaurer Dalayrac (oder d’Alayrac), der das Bühnenstück im Jahre 1786 unter dem Titel Nina, La folle par amour (»Die liebestolle Nina«) präsentierte, soll auch die Musik geschrieben haben, zu der Voltaire in seine Loge aufgenommen wurde. 1804 erhielt er den Orden der französischen Ehrenlegion.²) Friedman hat seine Transkription dem Leipziger Klavierbauer »Herrn Bruno Blüthner in Freundschaft« gewidmet.

Im Caquet (»Geschwätz« oder »Gegacker«) des französischen Komponisten, Cembalisten und Organisten Jean-François Dandrieu (um 1682—1738) oktaviert Friedman die ursprünglichen Tonrepetitionen des melodischen Scherzes, der später in die linke Hand gerät, während die Rechte schnelle, »unaufdringliche« Begleitpassagen spielt. Das Stück endet in trügerischer, ironischer Einfachheit und ist dem amerikanischen Pianisten Arthur Shattuck (1881–1951) gewidmet, der wie Friedman selbst bei Leschetitzky studierte.

Aus dem ersten Band der Pièces de Clavecin, die Dandrieu 1724 herausbrachte, genauer: aus der darin enthaltenen vierten Suite, stammen Les Fifres, die Friedman gleichfalls bearbeitet hat. Das originale »Rondeau« in A-dur transponierte er dabei nach C-dur, und aus der ursprünglichen Vortragsanweisung »légèrement« machte er ein »Tempo marciale«. Das Resultat, das er dem befreundeten Pianisten Severin Eisenberger dedizierte, verwandelt die schlichte Melodie in einen vollständigen Spielmannszug voller Terz- und Sextgänge, Akkordbrechungen, Oktavglissandi und anderer bravouröser Einlagen.

Domenico Scarlatti (1685–1757) ist der Komponist der Gigue K 523 und der Pastorale K 466. Die erste der zwei Transkriptionen hat Ignaz Friedman seinem ukrainischen Kollegen Vladimir de Pachmann (1848–1933), die zweite dem deutschen Pianisten und Liszt-Schüler Emil Sauer (1862–1942) gewidmet. Die Schlichtheit der Cembalosätze wurde geschmackvoll aufs moderne Klavier übertragen. 1904 hatte Friedman in Krakau bereits die Scarlatti’sche Originalfassung der Gigue sowie die Pastorale in der Bearbeitung von Carl Tausig (1841–1871) aufgeführt.

Auch die Gavotte aus Glucks Ballet Don Juan ist Vladimir de Pachmann gewidmet. Die einfache, bezaubernde Melodie bietet Friedmann reichliche Gelegenheiten, seine pianistischen Mittel vorzuführen. Während die Melodie zwischen beiden Händen hin und her wechselt, erhält sie die Gesellschaft bewegter Begleitpassagen, ehe sie in einen triumphalen Schluss mündet.

La tendre fanchon (Rondeau) nach François Couperin (1668–1733) ist der deutschen Pianistin Elly Ney (1882–1968) gewidmet. Friedman beschränkt sich im ersten Abschnitt des »zarten Taschentuches« auf die Beigabe einfacher Ornamente. Dann werden die Varianten im typischen rondeau-Stil immer komplexer und virtuoser, bevor das Stück zu seinen bescheidenen, eindringlichen Anfängen zurückkehrt.

Eines der beliebtesten Stücke des venezianischen Komponisten Giovanni Battista Grazioli (1746–1820), der als Organist an San Marco viele geistliche Werke schrieb, ist die Cembalosonate G-dur op. 1 Nr. 11, deren Adagio Ignaz Friedman bearbeitet hat. Mit klaren Strichen umreißt er das Thema des Satzes, indessen er die Mittelstimmen ausfüllt und den Bass verstärkt. Die Transkription ist dem amerikanischen Pianisten Richard Buhlig (1880–1952) gewidmet und wurde auch von dem italienischen Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli (1920–1995) aufgeführt.

Christoph Willibald von Glucks Reigen seliger Geister hat Friedman nicht bloß in ein orchestral angelegtes Gewand gekleidet, sondern auch mit großer Delikatesse in die hohen Register des Elfenbeins geschnitten. Das liedhafte Stück ist Ignace Tiegermann (1893–1968) gewidmet, der für Friedman »das größte Talent [war], mit dem ich je gearbeitet habe«.

Nancy Lee Harper
© 2015 Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Allan Evans, Ignaz Friedman: Romantic Master Pianist, Bloomington 2009, S. 60

² Ibid.


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