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GP713 - BALAKIREV, M.A.: Piano Works (Complete), Vol. 2 (N. Walker)
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Mili Alexejewitsch Balakirew (1837–1910)
Sämtliche Klavierwerke • 2: Walzer • Nocturnes • Einzelstücke

 

Überraschenderweise weiß heute kaum noch jemand, welch brillanter Pianist und Improvisator, renommierter Dirigent und selbstloser Anwalt anderer Komponisten Mili Balakirew war. Dabei übte er nicht nur auf das aus Rimsky-Korssakoff, Mussorgsky, Borodin und Cui bestehende Mächtige Häuflein, dessen geistiger Führer er war, einen starken Einfluss aus: Indirekt wirkte er auch auf Tschaikowsky, Debussy, Ravel und Strawinsky, indem er Maßstäbe aufstellte, an denen andere gemessen wurden. Aus mancherlei Gründen vernachlässigte er jedoch sein eigenes Schaffen: Einige Werke hatte er jahrelang nur als Klavierimprovisationen im Kopf.

Nachdem er etliche Rückschläge erlitten hatte und infolgedessen in eine tiefe Depression gefallen war, arbeitete er während der 1870-er Jahre als Beamter bei der Warschauer Eisenbahn. 1883 ernannte man ihn zum Chordirektor der Kaiserlichen Kapelle, womit freilich viele administrative Pflichten verbunden waren. Als er endlich seine letzte schöpferische Blüte erlebte (1900–1910), waren viele seiner früheren Helden bereits gestorben, und er selbst trat nicht länger pianistisch in Erscheinung. Jetzt, wo er sich der Komposition widmen konnte, war er stilistisch nicht mehr aktuell; die meisten seiner Werke waren schon bald nach ihrer Niederschrift vergessen.

Geboren wurde Mili Balakirew in Nischni-Nowgorod. Die Familie war nicht gerade mit materiellen Gütern gesegnet, doch der ortsansässige Grundbesitzer und Kunstmäzen Alexander Dmitrijewitsch Ulibischew (1794–1858) sorgte für die musikalische Ausbildung des Knaben, der freilich angesichts seiner mittellosen Familie zunächst beschloss, an der Universität von Kazan Mathematik zu studieren. Nach einem Jahr gab er das Vorhaben auf, und 1855 reiste er mit seinem Gönner nach St. Petersburg, wo er in die höchsten Kreise eingeführt wurde und die ersten Schritte zu einer musikalischen Laufbahn tun konnte. – Neben einer Fülle an Klavierstücken und Liedern komponierte Balakirew zwei Symphonien, verschiedene symphonische Dichtungen, Werke für Klavier und Orchester, Chorwerke und eine Schauspielmusik zu Shakespeares King Lear.

Walzer Nr. 1 G-dur (Valse di bravura)

Seinen ersten Walzer schrieb Balakirew im Jahre 1900. Die Erstveröffentlichung ist dem bekannten Liszt-Schüler Eugen d’Albert gewidmet. Da dieser Balakirews Anschreiben jedoch nicht beantwortete, wurde sein Name in der zweiten Auflage entfernt. Wie Chopin hat auch Balakirew seine Walzer üblicherweise dreiteilig angelegt. Mitunter enthalten sie eine kleine kadenzartige Passage, in jedem Fall aber eine Coda, in der das Thema des Mittelteils – oft in virtuoserer Gestalt – noch einmal aufgegriffen wird. Der »Bravourwalzer« enthält alle drei Elemente und kam damit ohne Frage dem gefeierten Pianisten Ricardo Viñes (1875–1943) entgegen, der das Stück etliche Male in seiner bewunderungswürdigen Art aufgeführt hat.

Nocturne Nr. 1 b-moll (rev. 1898)

Im Wesentlichen gliedert sich Balakirews Schaffen in vier Phasen. Die ersten Stücke stammen aus den fünfziger Jahren, die er in Nischni Nowgorod und Kazan zubrachte; Michail Glinkas Lied »Die Lerche« hat er 1863/64 übertragen, und Islamey entstand 1869. Dann folgen die Werke der achtziger Jahre sowie schließlich die Schöpfungen der späten Blüte. Das erste Nocturne (1898) ist eines von ganz wenigen Stücken aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. In der Einleitung spüren wir Balakirews Bewunderung für Chopin, die sich hier allerdings, und das besonders im stürmischen, orchestralen Mittelteil, auf russische Weise artikuliert. Der Schluss nimmt das Ende der Klaviersonate von 1905 vorweg (s. Folge 1, GP636).

Walzer Nr. 2 f-moll (Valse mélancolique)

Aus dem Jahre 1900 stammt auch dieser Walzer, dessen Introduktion ein nostalgisches Geflecht spinnt. Der warmherzige Mittelteil steht in Des-dur, einer der Lieblingstonarten Balakirews, die Coda gibt sich leidenschaftlicher, verklingt dann aber in zarten Tönen. Der Komponist selbst spielte diesen Walzer im Mai 1901 im Hause des Kritikers Wladimir Wassiljewitsch Stassow, wo ihn Rosa Newmarch hörte: »Graziös und verführerisch« empfand ihn die englische Musikschriftstellerin, die sich vor allem für die russische und slowakische Tonkunst engagierte.

Walzer Nr. 3 D-dur (Valse-impromptu)

Balakirews dritter Walzer (1901) wirkt auf den ersten Blick ganz einfach wie ein fein gearbeitetes Salonstück. Das tut ihm keinen Abbruch – denn schließlich wurden die größten kulturellen Leistungen des 19. Jahrhunderts in den Salons vollbracht. Nach einem etwas nervös und schüchtern anmutenden Anfang zeigt das zweite Thema einen ausgeprägt folkloristischen Charakter. Seine intensive Beschäftigung mit der Volksmusik hatte Balakirew gelehrt, Melodien dergestalt zu harmonisieren, dass selbst kurze Redewendungen ihre emotionalen Nuancen offenbarten. So verrät denn auch dieses Stück einen recht raffinierten Umgang mit der Tonalität. Das Epitheton »Impromptu« dürfte dem Titel beigegeben worden sein, weil das Stück eine gewisse improvisatorische Haltung zeigt. Seinem Schüler Wassilij Tsaregradsky¹) riet Balakirew 1904 in einem Brief, er möge die »recht leichten« Walzer Nr. 3 und 6 in sein Repertoire aufnehmen, da sie »bei den Amateuren von Nischni Nowgorod recht beliebt sein könnten«.

Nocturne Nr. 2 b-moll

Der einprägsame erste Teil des zweiten Nocturnes (1901) weicht einer grandiosen Vision, die zwar an Mussorgskijs Großes Tor von Kiew erinnern könnte, dabei aber »klaviermäßiger« komponiert ist. Dieses großartige zweite Thema dürfte mehr mit dem Sentiment des Liedes Widenie (»Erscheinung«) gemein haben, das Balakirew auf das gleichnamige Gedicht des slawophilen Poeten Aleksej Stepanowitsch Khomjakows komponierte: Darin beschreibt der Autor, wie er im katholischen Prager Dom die Vision eines orthodoxen Gottesdienstes erlebt.

Walzer Nr. 4 B-dur (Valse de concert)

Dieser Walzer (1902) ist ein echtes Konzertstück. Der unschuldige Charme des Anfangs steht im Gegensatz zu dem dunkler getönten Mittelteil, der mit einer einfachen, sehr russisch anmutenden Weise beginnt, dann aber eine stürmische Klimax von orchestralen Dimensionen erreicht. Seinen Höhepunkt erreicht das Stück in einer brillanten Coda. Balakirew hat das Stück seinem Schüler Wassilij Tsaregradsky gewidmet.

Nocturne Nr. 3 d-moll

Das dritte Nocturne entstand 1902 und ist Ekaterina Botkin gewidmet. Sie war die Ehefrau des Künstlers und Philanthropen M. P. Botkin, dem Spross einer Moskauer Kaufmannsfamilie, die mit dem Teehandel ihr Vermögen gemacht hatte. Der Charakter des Stückes erinnert an eine Barcarole: Der leise wiegenden Bewegung des Bootes folgt eine bewegtere Passage, bevor der Anfang wiederholt wird, der in leisen D-dur-Nebelschwaden erstirbt.

Walzer Nr. 5 Des-dur

Balakirew hat die Tanzformen oft auf beinahe symphonische Proportionen erweitert. Ein Beispiel dafür ist dieser Walzer aus dem Jahre 1903, der zu den längsten Stücken gehört. Die einleitenden Girlanden führen zu einem eleganten Tanz, der bald von einer kadenzartigen, melodisch zutiefst russisch wirkenden Passage abgelöst wird, deren kontrapunktische Stimme sogar ein wenig an die Musik der orthodoxen Kirche erinnert. Die Melodie nimmt im nächsten Abschnitt einen recht orchestralen Charakter an. Bei der Wiederholung wird das Hauptthema immer stärker ornamentiert und gelangt endlich zu einer brillanten Coda, deren Höhepunkt eine ganz und gar orchestrale Ausgestaltung der russischen Weise bildet. Der Walzer ist Rosa Newmarch gewidmet.

Nocturne gis-moll (1856, Frühfassung des ersten Nocturne)

Auf dem Autograph dieses kleinen Juwels notierte Balakirew, dass er das Stück am 15. Februar 1856, seinem ersten Tag in St. Petersburg, vollendet habe. Ich möchte Tatjana Zaitsewa vom St. Petersburger Konservatorium dafür danken, dass sie mich auf viele dieser frühen, unveröffentlichten Werke hingewiesen hat.

Fantasiestück in Des-dur

Der tief empfundene, einfache Beginn des 1903 entstandenen Stückes erinnert ein wenig an Schumann. Wenn aber im Mittelteil der Überschwang seinen Höhepunkt erreicht, bevor die Musik sich in einer harfenartigen Kadenz auflöst, fühlt man sich an Balakirews Tarantella aus dem Vorjahr erinnert.

Walzer Nr. 6 fis-moll

Aus dem Jahre 1903 stammt dieser wehmütige Walzer, der zunächst nach dem frühen Claude Debussy oder auch nach Gabriel Fauré klingt. Diese Wirkung resultiert anscheinend aus der tonalen Unbestimmtheit des Anfangs: Befinden wir uns in A-dur, fis-moll oder D-dur? Erst die Phrase des Taktes 16 beantwortet schließlich die Frage mit fis-moll. Darauf wiederholt sich das anfängliche Problem, jetzt allerdings in ornamentierter Gestalt. Auch der Mittelteil gleitet von Tonart zu Tonart und erzeugt dergestalt eine recht ätherische Wirkung. Der bekannte russische Ethnograph und Musikschriftsteller S. K. Bulich (1859–1921) kommentierte am 7. Dezember 1903 in einem Brief an den Komponisten diesen Walzer und die Humoresque: »Es ist Ihnen gelungen, bis ins Alter eine solch tiefe und frische Empfindung zu bewahren, wie man sie heute nicht einmal mehr bei jungen Menschen findet.«

Chant du Pêcheur b-moll

Am 4. Juni 1903 informierte Balakirew seinen Freund Sergej Michailowitsch Ljapunow (1859–1924) über seine neuesten Klavierstücke, den Chant du Pêcheur und die Humoresque: »Darin mögen Sie nur die erfahrene Hand eines Autors zu sehen, der sich nicht die Mühe machte, daran zu arbeiten, wenn es unnötig wäre«. Zu einer schlichten, gitarrenartigen Begleitung intoniert die rechte Hand eine einsame Melodie von großer Schönheit, während die chromatischen, orientalisch klingenden Harmonien in gewissen Phrasen an Balakirews Lied vom goldenen Fisch (1860) erinnern.

Walzer Nr. 7 gis-moll

Der siebte Walzer (1906) ist eines der letzten Stücke, die Balakirew geschrieben hat. Nach einer improvisatorischen Einleitung meldet sich das Hauptthema mit kraftvollem, beinahe zigeunerischen Charakter und einigen markanten Akzenten, die dem Walzer zusammen mit den mitreißenden Orgelpunkten und dem deutlich orchestralen Charakter einen heroischen oder epischen Anstrich verleihen. Als besonders faszinierend empfinde ich die Art, wie Balakirew in der Coda den Mittelteil aufgreift.

Nicholas Walker
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Russisches Musikjournal Nr. 41, 9. Oktober 1910.


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