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GP714 - BALAKIREV, M.A.: Piano Works (Complete), Vol. 3 (N. Walker)
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Mili Alexejewitsch Balakirew (1837–1910)
Sämtliche Klavierwerke • 3: Mazurkas • Einzelstücke

 

Überraschenderweise weiß heute kaum noch jemand, welch brillanter Pianist und Improvisator, renommierter Dirigent und selbstloser Anwalt anderer Komponisten Mili Balakirew war. Dabei übte er nicht nur auf das aus Rimsky-Korssakoff, Mussorgsky, Borodin und Cui bestehende Mächtige Häuflein, dessen geistiger Führer er war, einen starken Einfluss aus: Indirekt wirkte er auch auf Tschaikowsky, Debussy, Ravel und Strawinsky, indem er Maßstäbe aufstellte, an denen andere gemessen wurden. Aus mancherlei Gründen vernachlässigte er jedoch sein eigenes Schaffen: Einige Werke hatte er jahrelang nur als Klavierimprovisationen im Kopf.

Nachdem er etliche Rückschläge erlitten hatte und infolgedessen in eine tiefe Depression gefallen war, arbeitete er während der 1870-er Jahre als Beamter bei der Warschauer Eisenbahn. 1883 ernannte man ihn zum Chordirektor der Kaiserlichen Kapelle, womit freilich viele administrative Pflichten verbunden waren. Als er endlich seine letzte schöpferische Blüte erlebte (1900–1910), waren viele seiner früheren Helden bereits gestorben, und er selbst trat nicht länger pianistisch in Erscheinung. Jetzt, wo er sich der Komposition widmen konnte, war er stilistisch nicht mehr aktuell; die meisten seiner Werke waren schon bald nach ihrer Niederschrift vergessen.

Geboren wurde Mili Balakirew in Nischni-Nowgorod. Die Familie war nicht gerade mit materiellen Gütern gesegnet, doch der ortsansässige Grundbesitzer und Kunstmäzen Alexander Dmitrijewitsch Ulibischew (1794–1858) sorgte für die musikalische Ausbildung des Knaben, der freilich angesichts seiner mittellosen Familie zunächst beschloss, an der Universität von Kazan Mathematik zu studieren. Nach einem Jahr gab er das Vorhaben auf, und 1855 reiste er mit seinem Gönner nach St. Petersburg, wo er in die höchsten Kreise eingeführt wurde und die ersten Schritte zu einer musikalischen Laufbahn tun konnte.—Neben einer Fülle an Klavierstücken und Liedern komponierte Balakirew zwei Symphonien, verschiedene symphonische Dichtungen, Werke für Klavier und Orchester, Chorwerke und eine Schauspielmusik zu Shakespeares King Lear.

Mazurkas Nr. 1 As-dur . Nr. 2 cis-moll
Mili Balakirew hat insgesamt sieben Stücke nach Art der polnischen Mazurka geschrieben. Die ersten beiden dieser Werke datieren von 1859/60. Das brillantere der beiden Stücke ist die Nummer 1 mit ihrem stark slawischen Einschlag, ihren reichen Orchesterfarben und ihren drei kontrastierenden Themen, die in der glänzenden, plötzlich ersterbenden Coda miteinander kombiniert werden. Die zweite Nummer ist eines von ganz wenigen Stücken Balakirews, die sich sogar von Amateurpianisten leicht bewältigen lassen. Der melancholische und lakonische Ton erinnert an Chopin.

Sonatine G-dur
Die Sonatine aus dem Jahre 1909 war Balakirews letzte Komposition. Sie erschien nach seinem Tode unter dem Titel Esquisses (»Skizzen«), besteht aber in Wirklichkeit aus drei voll ausgearbeiteten und miteinander verbundenen Sätzen: einer elegant ausgesponnenen Melodie, einer äußerst charmanten Mazurka und einem als »Coda« bezeichneten Finale, das sich langsam über einem langen Dominant-Orgelpunkt zu einem vergnügten Höhepunkt und einem überaus virtuosen Abschluss steigert.

Berceuse Des-dur
Auf der Titelseite seiner Berceuse (1901) bemerkte Balakirew: »Eine Mutter singt ihrem Söhnchen ein liebevolles Wiegenlied. Das Kind schläft ein, wird aber durch einen Alptraum geängstigt und erwacht unter Tränen. Die Mutter singt weiter, und das Kind schläft ein—umfangen von einem herrlichen Traum, in dem es von goldenen Schmetterlingen umflattert wird und das Geläute silberner Glöckchen hört«. Jedes dieser Details ist vollkommen eingefangen.

Mazurkas Nr. 3 h-moll . Nr. 4 Ges-dur
Die Mazurkas Nr. 3 und 4 entstanden 1884/85. Balakirew selbst brachte die beiden Stücke bei einer Soirée im Hause von Sophie Menter, Liszts Lieblingsschülerin, zu Gehör. Unter den Anwesenden war Wassily Sapellnikoff, dessen Aufnahme der vierten Mazurka von 1925 noch immer zu haben ist. Die dritte Mazurka entwickelt sich aus einer Passage, die an den als »Podgolosok« bezeichneten Stil des polyphonen Volksgesangs erinnert. Der Mittelteil bringt prachtvolle orchestrale Texturen, und am Ende lösen sich chromatische Harmonien über dem tiefen, immer wieder angeschlagenen H in einem impressionistischen Nebel auf. Lebhafter ist demgegenüber die vierte Nummer, die über dem typischen Rhythmus der Mazurka perlende Passagenketten dahin laufen lässt. Der Mittelteil (a tempo poco piu moderato) ist recht orchestral gedacht; die Melodie ist zunächst mit »quasi Violoncello« bezeichnet. In der ihm eigenen Großzügigkeit schenkte Balakirew die Manuskripte dieser Mazurkas dem berühmten Kritiker Wladimir Wassilijewitsch Stassow (1824–1906) im Januar 1887 zum Geburtstag.¹

Dumka es-moll
Die Dumka (ukrainisch: »kleiner Gedanke«) ist eine Spielart der melancholischepischen Ballade. Ihre Popularität verdankte die Gattung dem ukrainischen Komponisten und Musikethnologen Mykola Lysenko (1842–1912), der dazu eine Publikation herausbrachte und 1874 in St. Petersburg einen anschaulichen Vortrag hielt. Balakirews Dumka aus dem Jahre 1900 zeigt das charakteristische Nebeneinander anrührender, trauriger Abschnitte und eher munterer Episoden. Das zutiefst russische Hauptthema verbindet sich mit einer Fülle ornamentaler Details und improvisatorischer Elemente: das »Ausprobieren« der melodischen Figur in der Einleitung etwa oder die kadenzartigen Passagen, die uns an die endlose russische Landschaft und das zeitlose Leben auf dem Lande erinnern.

Mazurka Nr. 5 Cis-dur (Fassung 1884)
Diese Mazurka gehörte zunächst in die Grande Sonate von 1855 und wurde im nächsten Jahr für die Première Sonate revidiert, die in der ersten Folge dieser Serie zu hören ist (GP 636). Eine weitere, harmonisch und strukturell erweiterte Fassung nahm Balakirew im Jahre 1884 in Angriff, doch er brach diesen Satz, den er als »vierte Mazurka« bezeichnete, nach 235 Takten ab. Als fünfte Mazurka wurde dann die 1900 vollendete Fassung in D-dur veröffentlicht und 1905 zum zweiten Satz der neuen Klaviersonate umfunktioniert, die gleichfalls auf GP636 enthalten ist. Weil es aber schade wäre, dem Publikum die faszinierende Musik von 1884 vorzuenthalten, habe ich das Fragment mit 53 weiteren Takten abgeschlossen, die auf Figuren der frühesten und der späteren Fassung basieren. Zugleich habe ich mich an den farbigen Texturen orientiert, die die 84-er Version deutlich von der Fassung des Jahres 1900 unterscheiden, und eine harmonische Sprache benutzt, wie sie der Balakirew der achtziger Jahre ganz ähnlich gesprochen hat.

Rêverie F-dur
Am 11. August 1903 schrieb Balakirew seinem Freund Sergej Michailowitsch Ljapunow (1859–1924): »Heute habe ich endlich mein letztes Stück, das ich Rêverie nenne, an die Firma Zimmermann geschickt«.² Der Tonfall dieses Satzes könnte vermuten lassen, dass sich Balakirew mit diesem Werk schwergetan hätte; in der Musik jedoch finden sich keine Hinweis darauf: Die »Träumerei« bringt eine romantische, von sehr abwechslungsreichen, oftmals virtuosen Texturen eingefasste Melodie, wobei der Komponist in der ihm eigenen, fantasievollen Weise chromatische Harmonien mit langen Orgelpunkten kombiniert.

Humoreske D-dur
Das 1902 entstandene, äußerst virtuose Stück hieß ursprünglich »Geplapper«. Das praktisch unablässige »Geschnatter« der Sechzehntel wird lediglich durch den tarantella-artigen Mittelteil unterbrochen. Besonders eindrucksvoll sind die glanzvollen Oktavketten, mit denen die Komposition zu Ende geht. Widmungsträger ist der bekannte russische Ethnograph und Autor Sergej Konstantinowitsch Bulitsch (1859–1921), der im Dezember 1903 unter Bezug auf die Humoreske schrieb: »Sie zeigen auch mit ergrauten Haaren noch eine solch herzliche Wärme und Frische der Erfindung, wie man sie heute nicht einmal bei der Jugend findet«.³

Mazurka Nr. 6 As-dur
Die sechste Mazurka beginnt mit einer exotischen Melodie, die an den Ruf eines Muezzin erinnert. Solche Klänge dürfte Balakirew in Kazan und bei seinen Reisen durch den Kaukasus gehört haben. Die Rhythmen und das Changieren der Tonarten verleihen der Musik einen betörenden Zauber, der von zwei kurzen, energischeren Episoden unterbrochen wird. Ungewöhnlicherweise endet das Stück mit einem »Tempo di Krakowiak« im Zweiertakt, wie er für diesen polnischen Volkstanz üblich ist.

Klavierstück in fis-moll (zweite Fassung: 1851) Dieser slawische Walzer besteht aus einem 64-taktigen Fragment, von dem es zwei Fassungen mit dem Datum des 14. März 1851 gibt. Sie sind praktisch in allen Details identisch—abgesehen davon, dass der Mittelteil der ersten Fassung in Fisdur beginnt und Balakirew diesen in der zweiten Fassung als Ges-dur notiert hat. Weil es schade wäre, auf dieses hübsche kleine Stück zu verzichten, habe ich 62 Takte ergänzt, worin ich einige Elemente von Balakirew verwandte und einige jener kanonischen Imitationen hinzufügte, die für seinen Stil charakteristisch sind. Auch an dieser Stelle möchte ich Tatjana Zaitsewa vom St. Petersburger Konservatorium dafür danken, dass sie mir viele dieser frühen, unveröffentlichten Werke gezeigt hat.

Mazurka Nr. 7 es-moll
Die siebte Mazurka (1906) ist ein gehaltvolles Stück von sehr russischer und orchestraler Art. Manche Passagen klingen, als seien sie für Holzbläser und Pizzikato-Streicher geschrieben worden, während andere das volle Orchester mitsamt dem Schlagzeug beschwören. Eine wichtige Rolle spielen die Orgelpunkte, deren einfallsreicher Gebrauch zu der raffinierten harmonischen Färbung beiträgt.

Capriccio D-dur
In einem Brief erwähnt Stassow, dass Balakirew das Material des 1902 entstandenen Capriccio schon mit achtzehn Jahre habe verwenden wollen.4 Das symphonisch konzipierte Stück ist in einer ungewöhnlichen Bogenform angelegt. Es ist Balakirews längstes Einzelstück. Der stürmischen Einleitung folgt ein mazurka-artiger Abschnitt, der nie ganz die Grundtonart D-dur erreicht und so ein Gefühl ruheloser Sehnsucht erzeugt. Der Mittelteil in B-dur steigert sich zu einer großartigen Glut, die sich in den filigranen Figuren einer Kadenz auflöst. Die Wiederholung der Mazurka vermag keine Stabilität zu bringen; ihr schließt sich der stürmische Anfangsteil an. Ein kurzer Moment der Ruhe geht der virtuosen Kühnheit der Coda voraus. Mehr als jeder andere Komponist hat Balakirew die Kombination tiefer Orgelpunkte und oftmals recht chromatischer Harmoniewechsel geliebt. Dieses Element, das vielleicht durch den orthodoxen Choral und das Volkslied inspiriert wurde, ist auch in dem Capriccio auf ebenso vielfältige wie faszinierende Weise zu hören.

Nicholas Walker
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ »Balakirew—Chronik des Lebens und Schaffens«, Leningrad 1967, S. 298a
² Ebd., S. 463
³ Ebd., S. 465
4 Ebd., S. 305


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