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GP718 - ARUTIUNIAN, A.: Piano Works (Complete) (Melikyan)
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Alexander Arutjunjan
Sämtliche Klavierwerke

 

»Wie viele sind diesen Weg gegangen?
Wie viele werden kommen, wenn ich nicht mehr bin?
Was gab ihnen das Leben, was diese Welt?
Was hinterließen sie, bevor sie gingen?«

Alexander Arutjunjan

Der armenische Komponist Alexander Arutjunjan wurde am 23. September 1920 in Eriwan geboren und zeigte schon als Knabe ein beträchtliches musikalisches Können. Als Siebenjähriger spielte er Alexander Spendjarjan (1871–1928) vor, einem der Begründer der armenischen Nationalschule, und noch im selben Jahr nahm ihn das Staatliche Konservatorium seiner Heimatstadt in die Kinderabteilung auf. Danach studierte er Klavier und Komposition in der Oberstufe des Instituts, das er 1941 nach seinem Examen verließ. Nach einer dreijährigen Pause setzte er seine Ausbildung am Haus der Armenischen Kultur in Moskau fort. Hier hatte er zudem die Möglichkeit, seine eigenen Werke aufzuführen.

Wieder in Eriwan, übernahm Arutjunjan 1954 die künstlerische Leitung der Armenischen Philharmonie, der er ohne Unterbrechung bis 1990 vorstand. Seit 1962 unterrichtete er selbst an seiner einstigen Ausbildungsstätte, die inzwischen zu Ehren des ersten armenischen Nationalkomponisten Komitas Vardapet in Komitas-Konservatorium umbenannt worden war. 1977 wurde er zum Professor ernannt. Der Künstler, der neben Arno Babadschanjan, Edward Mirzojan, Adam Chudojan und Lazar Sarjan zum »Mächtigen Häuflein« Armeniens gehörte, wurde mit zahlreichen sowjetischen Auszeichnungen bedacht—unter anderem mit einem Stalin-Preis (1949) sowie den Titeln eines Volkskünstlers der Armenischen SSR (1962) und der UdSSR (1970). Die Stadt Eriwan machte ihn 1987 zu ihrem Ehrenbürger. Viele bekannte Musiker von Jewgenij Mrawinskij und Valery Gergiev bis zu Sergey Khachatryan, Ilya Grubert und Jack Liebeck haben seine Musik aufgeführt. Alexander Arutjunjan starb am 28. März 2012.

Das substantielle Vermächtnis des Komponisten umfasst die verschiedensten Gattungen: Streichquartette und andere Kammermusik, symphonische Werke, Kantaten, Lieder, Konzerte und Opern. Seine Klavierwerke sind tief in der armenischen Volkstradition verwurzelt. Sie knüpfen an Komitas und Spendjarjan, zwei seiner wichtigsten Vorläufer, an. Als ausgezeichneter Pianist wusste Arutjunjan überdies genau, wie er für sein Instrument zu schreiben hatte, dem er neue kompositorische und spieltechnische Möglichkeiten zu eröffnen versuchte.

Sein frühestes Klavierwerk, den Armenischen Tanz, schrieb Arutjunjan mit fünfzehn Jahren während seiner Studienzeit in Eriwan. Das Stück wurde bald bekannt und war sowohl im Konzertsaal wie im Rundfunk häufig zu hören. Man findet bereits hier den Keim des persönlichen Stils: eine delikate, transparente Textur, einen kräftigen rhythmischen Schwung und melodische Bildungen, die an die Kunst der Aschugen, der armenischen Dichter-Musiker und Barden, erinnern. Ein Jahr später ließ Arutjunjan mit der Pastorale eine zarte Schilderung seiner Heimat folgen. Die lyrische Melodie soll den Klang der armenischen Holzflöte Shwi nachahmen.

Aus den dreißiger Jahren stammen ferner Thema und Variationen (1937) sowie Drei Préludes (1938). In den sieben kurzen Variationen benutzte Arutjunjan ein Originalthema, dessen Hauptmotiv (F-B-As) charakteristisch für die armenische Volksmelodik ist. Fünfzig Jahre später hat sich Arutjunjan dieses energiegeladenen, sehr rhythmischen Werkes noch einmal angenommen, um es für Streichorchester zu arrangieren. In den Préludes, die der Komponist oft in seinen Recitals aufgeführt hat, werden verschiedene pianistische Texturen und Modelle untersucht. Das Andante wirkt mit seinem weiten melodischen Atem und seinem vollen akkordischen Satz wie eine Verneigung vor Sergej Rachmaninoff; das eher improvisatorische, walzerhafte Moderato assai greift unverkennbar auf die Modi und Bildungen der Aschugen zurück; und bei dem abschließenden Maestoso – Allegro handelt es sich um eine Konzertetüde, deren Textur im Verlauf des Stückes verschiedene Stimmen in den Vordergrund treten lässt.

Während der vierziger Jahre begann ein neues Kapitel der musikalischen Entwicklung. 1943 schrieb Alexander Arutjunjan das Prelude-Poem, das seinem Klavierlehrer Konstantin Igumnow (1873–1948) gewidmet ist und in einem Konzert zu dessen 70. Geburtstag uraufgeführt wurde. Auf glänzende Weise ist hier der große Repräsentant der russischen Klavierschule portraitiert und zwar durch die »Anwesenheit« von Komponisten, die er besonders schätzte—von Rachmaninoff und Tanejew bis zu Arenskij und Tschaikowskij, die hier allesamt durch ihre stürmische Leidenschaft und ihre lyrische Seite vertreten sind.

Als nächstes Klavierwerk schrieb Arutjunjan 1946 die Polyphone Sonate, die nun in einem völlig anderen Stil gehalten ist: harmonisch dissonanter, erfüllt von raffinierten neoklassizistischen Texturen, die auf barocke Modelle zurückgehen. Der erste Satz beginnt mit einer kräftigen Einleitung in Oktaven und Septimen, an die sich eine zweistimmige Invention mit ihren kantigen, imitativen Linien anschließt. Im Choral, dem mit Abstand längsten Satz des Werkes, entfaltet sich allmählich eine langsam voranschreitende, akkordische Textur, die nach einer massiven Klimax leise verklingt. Dieser Satz und die anschließende Fuge zu vier Stimmen sind anscheinend in gewissem Maße Dimitrij Schostakowitsch verpflichtet, der Arutjunjans Werke sehr bewundert hat.

Mit ihren 19 Takten ist die Humoreske aus dem Jahre 1947 das kürzeste Klavierstück aus Arutjunjans Feder. Es entstand während seiner Studien in Moskau, wo ihn Aram Chatschaturjans und Sergej Prokofieffs Musik sehr beeindruckten. Tatsächlich bezeichnete er dieses Stück als eine Imitation Prokofieffs, dessen ironische Wendungen und theatralische Gesten sich in dieser winzigen Miniatur erspähen lassen.

In den fünfziger Jahren dominierten große Projekte. Darunter waren mehrere Konzerte sowie die Armenische Rhapsodie für zwei Klaviere, die Arutjunjan zusammen mit seinem Landsmann Arno Babadschanjan (1921–1983) komponierte. In den sechziger Jahren entstanden weitere Klavierwerke, die nach wie vor dezent durch die Modi und Modelle der Folklore getönt sind. Die drei sehr erfolgreichen und populären Musikalischen Bilder (1963) sind der armenischen Pianistin Ketti Malchasjan gewidmet, die gleichfalls bei Igumnow studiert hatte, und tragen durchweg deskriptive, der gemeinsamen Heimat verbundene Titel. Der Wind blies in den Bergen wirkt mit seinen flirrenden, von orientalisch anmutenden Skalen gefärbten Rhythmen beinahe wie eine Toccata. Der Abend im Ararat-Tal spinnt den weiten melodischen Atem seiner feinen Lyrik über wechselnden Metren aus, als ob die Zeit aufgehoben wäre, indessen die Sonne untergeht. Beschlossen wird die Komposition von dem Sassoun-Tanz, einer epische Schilderung tanzender Männer: Über dem ostinaten Bass entsteht ein immer vergnügterer und immer virtuoserer Wirbel, der das Stück vorwärts treibt.

Die dreiteilige Sonatina (1967) ist eine Komposition für Kinder—ein neuer Versuch nach dem Vorbild Aram Chatschaturjans (der freundliche Worte zur Musik seines jüngeren Kollegen fand). Trotz seiner klassischen Anlage und seiner klaren Texturen verraten die Harmonien den typischen Arutjunjan—zunächst in dem sorglosen Moderato, dann in dem traurigen, recht unruhigen Adagio und endlich in dem verspielt umherspringenden Allegro moderato, das die Sonatine beschließt.

Die Sechs Stimmungen fallen in die nächste Dekade. Sie wurden 1976 vollendet und sind Villy Sargsjan, der Pianistin der Uraufführung, gewidmet. Es handelt sich um sehr charakteristische, improvisatorisch wirkende Stücke von meditativem Tonfall, die mit der Tonalität auf eine beinahe »debussystische« Weise umgehen; erweiterte Akkorde und zusammengesetzte Harmonien treten hier häufig an die Stelle der armenisch flektierten Skalen, die Arutjunjan in seinen früheren Werken verwandte. Viele Stimmungen spielen mit kurzen auf- und absteigenden Motiven, woraus im Laufe der Entwicklung die lyrische Gestalt und die fließenden Begleitfiguren resultieren. Der vierte Satz zeigt die bei weitem düsterste Stimmung: Hier wird die wiederholt aufsteigende Figur zu einer Obsession, die endlos im Innern der Textur kreist. Darauf folgt ein eher symphonisches Stück, ehe der Zyklus mit einer Toccata Allegro energico zu Ende geht, die oft dem Tanz der Sasunen verglichen wird, in dem Babadschanjan 1965 ähnliche expressive Mittel und rhythmische Muster benutzt hat.

Die letzten Werke der vorliegenden Produktion sind durch eine lange Pause von den früheren Klavierstücken getrennt. In den sechziger und siebziger Jahren hatte Arutjunjan zahlreiche erfolgreiche Werke geschrieben, darunter das Requiem, das Seine Heiligkeit Wazgen I., der Oberste Patriarch und Katholikos Aller Armenier, zum 50. Jahrestag des armenischen Völkermordes in Auftrag gegeben hatte. Während der achtziger und neunziger Jahre reduzierte Arutjunjan seine schöpferische Arbeit. Seine letzte Klavierkomposition war das Album für Kinder, das er 2004 beendete. Die schlicht und schön gestalteten Stücke wirken wie eine Zusammenfassung der verschiedenen Elemente, die seinen kompositorischen Stil auszeichnen: Neben einem kleinen, ironischen Spaß gibt es lyrische Walzer und Lieder, eine rhythmische, hüpfende Fröhliche Promenade und die abschließende, jazzige Frühlingsstimmung—das passende Vermächtnis für künftige armenische Musikergenerationen.

Hayk Melikyan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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