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GP720 - KOMITAS: Piano and Chamber Music (Ayrapetyan, Sergeev)
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KOMITAS (KOMITAS VARDAPET) (1869–1935)
KLAVIER- UND KAMMERMUSIK

 

Der Komponist, Musikwissenschaftler und Volkskundler Komitas wurde als Soghomon Gevorki Soghomonian am 29. Septemberjul / 8. Oktobergreg 1869 in der westtürkischen Stadt Kütahya geboren. Sein Vater Gevork Soghomonian war Schuster, verfasste aber auch Lieder und hatte eine schöne Singstimme. Auch Soghomons Mutter, die Teppichknüpferin Tagui, zeichnete sich durch musikalische Fähigkeiten aus. Soghomon hatte eine schwere Kindheit. Er war noch kein Jahr alt, als seine Mutter starb. Fortan kümmerte sich die Großmutter um seine Erziehung, während der Vater seiner Arbeit nachging. Mit dem Tode des Vaters (1881) endete vorläufig auch die schulische Ausbildung des Knaben, der mittlerweile allerdings ein bedeutendes musikalisches Können an den Tag gelegt hatte: Seine Heimatstadt kannte ihn als den »fahrenden Sänger«, der nach den Aussagen seiner Schulkameraden ein »zarter, schwacher, blasser, immer aber rücksichtsvoller und freundlicher Junge« war.

Im Todesjahr des Vaters reiste der Geistliche von Kütahya nach Vagharshapat (dem heutigen Etschmiadsin), um dort die Bischofsweihe zu empfangen. Er nahm den zwölfjährigen Waisenknaben mit, und dieser wurde am kirchlichen Seminar der Stadt aufgenommen. Man unterrichtete in armenischer Sprache, die Soghomon nicht beherrschte (er war mit dem Türkischen aufgewachsen). Er konnte jedoch einen armenischen Hymnus singen, ohne dass er den Text verstanden hätte, und der Katholikos Gevork IV. zeigte sich von der schönen Stimme sehr beeindruckt. Schnell lernte der neue Seminarist die armenische Sprache, und 1890 wurde er zum Mönch geweiht. Beim Abschluss seiner Ausbildung (1894) gab man ihm den Namen Komitas (nach einem Dichter und Komponisten des 7. Jahrhunderts), und wenig später wurde er Vardapet, ein Doktor der Theologie.

Am Seminar hatte Komitas liturgischen Gesang und früharmenische Choralnotation studiert. Außerdem hatte er ein starkes Interesse am Volkslied entwickelt, das ihn zur Gründung eines Chores und eines folkloristischen Instrumentalensembles veranlasste. Nach seiner Ausbildung konnte er 1895 dank der Unterstützung des armenischen Ölmagnaten Alexander Mantaschjan für drei Jahre nach Berlin gehen. Er besuchte das private Konservatorium von Richard Schmidt und immatrikulierte sich zugleich an der Berliner Universität. Neben dem Gesangsstudium—er hatte eine gute Baritonstimme—hörte er Philosophie, Ästhetik und Geschichte. Die 1896 gegründete Internationale Musikgesellschaft lud ihn ein, Vorträge über armenische Volks- und Kirchenmusik zu halten. Als er schließlich 1899 wieder an sein heimisches Seminar zurückkehrte, war er in der Lage, die dortigen Methoden des Musikunterrichts umzugestalten und, ausgehend von seiner eigenen Ausbildung, die instrumentalen und vokalen Möglichkeiten der Schüler zu verbessern.

Damals begann Komitas auch Volksmelodien zu sammeln. Er bereiste ganz Armenien und trug Lieder sowohl in armenischer als auch in kurdischer, persischer und türkischer Sprache zusammen. Seine Fundstücke unterzog er genauen Analysen, da er nach Verwandtschaften zwischen der Kirchen- und der Volksmusik suchte. Des weiteren bemühte er sich darum, die alte, in der Region gebräuchliche Melodienotation (khaz) zu entziffern. Er wurde auf diesen Gebieten eine internationale Autorität. Auf seinen weiten Reisen hielt er Vorträge über die traditionelle Musik, die er auch zur Aufführung brachte, um die melodischen und harmonischen Prinzipien bekannt zu machen, auf denen auch seine eigenen Kompositionen beruhten. Seine Suche nach Parallelen zwischen geistlicher und weltlicher Musik führten indes zum Zerwürfnis mit der Kirche: Viele Repräsentanten sahen darin eine Tätigkeit, die für einen Priester zu weltlich war. 1910 begab sich Komitas schließlich von Vagharshapat nach Konstantinopel. Hier hoffte er, ein nationales Konservatorium gründen zu können. Das gelang zwar nicht, doch es entstand der bedeutende, 300-köpfige Chor Gusan, der vor allem armenische Volkslieder sang und sehr populär wurde. Danach gründete Komitas ähnliche Chöre in Alexandria und Kairo. Während seiner vielen Reisen gelang es ihm, durch seine Vorträge sowie als Dirigent, Sänger, Flötist und Pianist unter den im Nahen Osten versprengten Armeniern ein Gefühl der nationalen Identität zu nähren.

Neben seiner musikwissenschaftlichen Arbeit schrieb Komitas weiterhin eigene Stücke, für die ihn viele westeuropäische Musiker bewunderten—vor allem die französischen Komponisten Vincent d’Indy, Gabriel Fauré, Camille Saint-Saëns und Claude Debussy. 1915 begann das jungtürkische Regime damit, das osmanische Reich von Armeniern zu »säubern«. Etwa eine Million Armenier verloren während dieses Völkermordes ihr Leben. Am »Roten Sonntag«, dem 24. April 1915, wurde Komitas zusammen mit Hunderten armenischer Intellektueller zusammengetrieben und festgenommen. Dank der Intervention einflussreicher Förderer blieb ihm das Schicksal unzähliger Landsleute erspart. Er wurde freigelassen und kehrte nach Konstantinopel zurück, doch der posttraumatische Stress und die Depressionen waren fortan so stark, dass er von 1919 bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1935 in einer Pariser Psychiatrie untergebracht war. Kurz nach seinem Tod wurden seine sterblichen Überreste nach Armenien überführt und in Eriwan beigesetzt.

Die Stücke der vorliegenden Produktion stammen aus den Jahren 1899 bis 1916 und entstanden in verschiedenen Ländern. Wir beginnen mit einem Zyklus von Sieben Volkstänzen für Klavier, die Komitas 1916 in Paris komponierte und aufführte. Jeder dieser Tänze, die von dem französischen Musikwissenschaftler und Kritiker Louis Laloy sehr freundlich besprochen wurden, ist durch seinen jeweiligen Herkunftsort identifiziert: Vagharshapat, Eriwan, Schuschi (in Bergkarabach) und Karin. In seinem Klaviersatz hat Komitas sogar versucht, die spezifischen Klänge armenischer Instrumente nachzuahmen: So wird im »Marali« beispielsweise das Tamburin Dap imitiert; das Zupfinstrument Tar findet seinen Widerhall im »Shushiki«; »Het u Aradj« und »Shoror« schließlich beschwören sowohl die Hirtenschalmei Shwi als auch die Zylindertrommel Dhol. Die Stücke seien »geschmeidig und prächtig«, schrieb Laloy, »lebendige Bilder von natürlicher Harmonie und Melodie, in denen sehr anschaulich die edlen Formen von Skulpturen nachgebildet sind. Diese Melodien hat Komitas mit seltener Kunstfertigkeit und vorzüglichem Geschmack harmonisiert«. Durch diese Sammlung wurden die nachfolgenden Generationen armenischer Komponisten inspiriert. Sergej Aslamazjan (1897–1978) und Arno Babadjschanjan (1921–1983) schufen eigene, gelungene Arrangements des »Yerangi«.

Die Sieben Lieder für Klavier entstanden fünf Jahre früher in London, wo Komitas seinerzeit Vorträge hielt. Es handelt sich dabei, wie so oft in seinem Schaffen, um Volksmelodien—mithin um eine Musik, deren Erforschung er viele Jahre seines Lebens widmete. »Ich glaube fest daran, dass man das Wissen über die Historie und die täglichen Lebensbedingungen seines Volkes vertiefen sollte,« sagte er, »bevor man armenische Volkslieder nachschaffen will. Man sollte die Struktur, die Essenz, den Stil der Musik und die Bedeutung der Worte entschlüsseln und sich über die einzigartigen Qualitäten unserer Volksdichtung, den Stil des Volksgesangs und viele andere Faktoren im Klaren sein«. Die kurzen, lyrischen Lieder sind winzige Fenster zu den sanft kreisenden Melodien und dem rhythmischen Schwung der armenischen Musik. Die Titel der Lieder lauten: »Ich bin ein Mädchen« [7], »Ich glühe« [8], »Komm wieder heim« [9], »Brot trage ich dem Pflüger hin« [10], »Der Mond unterm Berg« [11], »Diese Nacht, die Mondnacht« [12] und »Wasser fließt vom hohen Berg« [13].

Wie Bartók und Chatschaturjan, so versuchte auch Komitas in seinen zwölf Kinderstücken nach Volksweisen bestimmte volksmusikalische Verfahren und Stile in eine elementare Form zu bringen, die für junge Anfänger leicht zu verstehen war. Die 1910 in Polen beendete Kollektion enthält verschiedene Volksmelodien, von denen etliche auch variiert sind. Die Stücke sind zumeist sehr kurz (einige dauern gerade mal eine halbe Minute), präsentieren eine einfache Melodie und wiederholen die Elemente, so dass kleine Finger die zweistimmigen Texturen und Stimmverflechtungen erfassen können. Dabei haben wir es durchweg mit ausgesprochen charaktervollen Miniaturen zu tun, von denen drei in zwiefacher Gestalt vorhanden sind: In die Variationen von Andzev ekav (»Es hat geregnet«) [14/15], Yar jan u Marjan (»Mein Liebling und Marjan«) [18/19] und Sar, Sar (»Der Berg, der Berg«) [22/23] hat Komitas einige reizend erfundene Wendungen eingearbeitet. Zwei Melodien hat der Komponist ein Jahr später auch in den Sieben Liedern verwendet: Gzhur kuga verin sarin (»Wasser fließt vom hohen Berg«) [17] und »Es Ahchikem (»Ich bin ein Mädchen«) [20]. Dazu kommen das muntere Phapuri [16], das vergnügliche Arev, arev (»Die Sonne, die Sonne«) [24] und ein liedhaftes Haralo [21]. Beschlossen wird der Zyklus von dem Pies Zhohovrdakan Hokov (»Stück im nationalen Geiste«) [25].

Das Msho-Shoror [26] aus dem Jahre 1906 gehört zu den ältesten Tanzformen, die aus Armenien überliefert sind. Es stammt aus der (heute türkischen) Provinz Muş, und Komitas gestaltet daraus eine aus vielen Abschnitten bestehende Tanzfolge, deren wechselhafte Tempi von lebhafter Vorwärtsbewegung bis zu nachdenklich tönenden Klängen des Klaviers reichen.

Wir beenden das Programm mit sieben Stücken, die von vier armenischen Komponisten für Violine und Klavier arrangiert wurden (Sergej Aslamazjan und Avet Gabrieljan waren 1924 Gründungsmitglieder des Komitas-Quartetts). Im Original handelt es sich um Lieder für Singstimme und Klavier aus den Jahren 1899 bis 1911. Das älteste dieser Stücke ist Akh, Maral jan (»Ach, liebste Maral«) [30], worin es um dieselben uralten Themen von Liebe und Natur geht wie in den sechs anderen Titeln: In Chinar es [27] meint der Sänger, seine Liebste sei ein zierlicher Baum, Al Aylughs [28] erzählt beziehungsreich von einem Purpurschal; in dem herzzerreißenden Cirani Car [29] besingt der unglücklich Liebende seinen »Aprikosenbaum«. In Qeler-Tsoler [31] heißt es schlicht »ich ging, ich glühte«; der Krunk [32], mithin der Kranich, ist ein Symbol des Wanderers, der seine Heimat zu finden hofft—und über die (vermeintlichen) Eigenschaften des Kaqavik, des »Rebhuhns« [33], geben zumindest die Enzyklopäden des Mittelalters wenig schmeichelhafte Auskünfte …

Katy Hamilton
Deutsche Fassung: Cris Posslac nach Anmerkungen von Mikael Ayrapetyan


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