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GP723 - SCHULHOFF, E.: Piano Works, Vol. 3 - Suite dansante en jazz / 9 kleine Reigen / 5 ├ętudes de jazz / Ostinato (Weichert)
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Erwin Schulhoff (1894–1942)
Klaviermusik • Folge 3

 

Erwin Schulhoff wurde am 8. Juni 1894 in Prag geboren und ließ schon früh seine musikalische Begabung erkennen. Nachdem kein Geringerer als Antonín Dvorák empfohlen hatte, ihn seinen Weg als Musiker gehen zu lassen, kam der zehnjährige Schulhoff 1904 ans Prager Konservatorium, bevor er 1906 in Wien Klavier studierte, bei Max Reger in Leipzig seit 1908 Kompositionsunterricht erhielt und endlich 1911 in Köln Schüler von Fritz Steinbach wurde. Mittlerweile hatte er das Fundament zu einer Pianistenkarriere gelegt. Als Komponist war er zudem im Jahre 1918 für eine Klaviersonate mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet worden. Während die Werke, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, ganz erwartungsgemäß die Einflüsse von Johannes Brahms und Antonín Dvorák über Richard Strauss bis hin zu Claude Debussy und Alexander Skrjabin zeigten, kam er während seiner vierjährigen Dienstzeit beim österreichischen Militär zu radikaleren Ansichten über Kunst und Politik. In den nächsten Jahren übernahm er die Werte des Expressionismus, wie ihn Arnold Schönberg und die Zweite Wiener Schule repräsentierten, sowie den Dadaismus eines George Grosz, dessen Plädoyer für den Jazz sich ganz direkt in vielen Werken Schulhoffs aus der damaligen Zeit niederschlug.

Im weiteren Verlauf der zwanziger Jahre kam es zu einer gewissen Annäherung zwischen diesen beiden ästhetisch entgegengesetzten Richtungen. Offenkundig zeigte sich das in verschiedenen Kammermusiken und Konzerten, in der ersten Symphonie, dem Ballett Ogelala, dem »Jazz-Oratorium« HMS Royal Oak und der Don Juan-Oper Flammen, die bei ihrer Premiere 1932 in Brünn allerdings durchfiel. Im selben Jahr schrieb Schulhoff seine zweite Symphonie, deren neoklassizistische Transparenz jenen Richtungswandel andeutete, der bald darauf in der Kantate Das Manifest auf Texte von Karl Marx und Friedrich Engels seine politischen Motive erkennen ließ. Die UdSSR schien ihm eine Lösung der politischen und ökonomischen Probleme zu bieten, von denen Europa bedrängt war, und in der Gattung der Symphonik sah er die beste Möglichkeit, ein neues, monumentales Idiom zu vermitteln. Zwischen 1935 und 1942 entstanden sechs weitere Symphonien, wobei die Siebte und die Achte allerdings unvollendet blieben. Zwischen den Kriegen hatte Schulhoff vornehmlich in Prag gelebt, um als Pianist bei Theaterproduktionen und Rundfunksendungen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dieser Mittel sah er sich beraubt, nachdem die Tschechoslowakei 1939 unter deutsche Besatzung geraten war. Zwar erhielt er noch die sowjetische Staatsbürgerschaft, doch bevor ihm seine Emigration in die UdSSR gelingen konnte, wurde er verhaftet und in das KZ Wülzburg gebracht, wo er am 18. August 1942 (vermutlich an Tuberkulose) starb.

In Schulhoffs OEuvre bezeichnet die jazz-inspirierte Musik eine ganz spezifische Periode. Sie entfernte sich vom Bildersturm der Werke, die er nach dem Ersten Weltkrieg komponiert hatte, und bewegt sich auf eine Tonsprache zu, die trotz ihrer Aktualität einem größeren Publikum zugänglich war, ohne dass sie schon offenkundig politischer Natur gewesen wäre. Diese Elemente treten dann deutlich hinter das stärkere politische Engagement des Komponisten zurück, der natürlich als freiberuflicher Pianist längere Zeit jazz-artige Stücke spielte, bevor sie in den letzten Lebensjahren aus seinem Repertoire verschwanden. Wie sein älterer Zeitgenosse Bohuslav Martinu hatte auch Schulhoff den Jazz in sein musikalisches Denken integriert, ohne dass er seine Aufmerksamkeit hätte darauf richten müssen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Am 31. April 1931 vollendete Erwin Schulhoff in Prag seine sechssätzige Suite dansante en Jazz. Die Komposition, die er dem Schriftsteller und Musikwissenschaftler Henry-Gil Marchex widmete, ist das letzte Werk, in dem sich der Komponist ganz unverhohlen der Sprache des Jazz bedient, die er freilich mit seinem eigenen, intellektuellen Akzent spricht. Der Stomp gebärdet sich in seinen Phasenverschiebungen—ein notierter Alla breve-Takt wird gewissermaßen mit metrischen Variablen ausgefüllt—wie ein toccatenartiges Präludium, der regelmäßigere Gang des nachfolgenden Strait wird immer wieder von unberechenbaren Einblendungen durchbrochen. Der Waltz ist gewiss keine Hommage an die Donaumetropole, sondern erinnert vielmehr in seinen Wendungen an Ähnliches von Maurice Ravel und wäre in einer Nachtbar, wie sie Otto Dix etwa oder George Grosz hätten malen können, die rechte Begleitmusik. Am gleichen Ort, wo die Männer, wie Erich Kästner schrieb, beim Tanzen den Hut aufbehielten, wäre auch der Tango zu finden, dessen markanter Rhythmus geradezu skelettiert erscheint. Entspannt, elegant und rauchig wie eine Gruppe halblauter Saxophone, führt der Slow zum abschließenden Foxtrott: Wieder sind die Ph(r)asen gegen die Taktstriche verschoben, und nicht nur die »schräge« Spannung der Harmonien, sondern auch die zeitweilig recht gespannten Dezimen der linken Hand bringen die Tanzsuite zu einem pfiffigen Ende.

Seiner Freundin Suse Eschweiler von Baumbach widmete Schulhoff die Neun kleinen Reigen Werk 13. Die feine Kollektion des Neunzehnjährigen wirkt wie eine geistreiche, mal aphoristische, mal umfänglichere Spiegelung gegenwärtiger Salonklänge und Tanzkreationen, schaut mitunter aber auch mit einer leisen Wehmut in frühere Zeiten zurück: In der Atmosphäre der »Valses nobles et sentimentales«, die Maurice Ravel eben erst in Druck gegeben hatte, beginnt die neunteilige Suite »leicht bewegt«, ehe es auf Zehenspitzen »mäßig bewegt« dahintrippelt. Wie ein rasanter Pas de deux sausen in der dritten Nummer die beiden Hände aufeinander zu und voneinander weg, mit genügend Schwung, um attacca den rustikalen, von Dudelsackquinten getragenen Dorfreigen zu tanzen. Ein eher wienerischer, ungemein koketter Walzer (5) verhaucht und macht einem kleinen Experiment Platz, das »ruhig fließend« von allen zwölf Tönen der chromatischen Leiter beinahe systematischen Gebrauch macht, bevor ein »ruhiges Walzertempo« die dezente Hommage an Frédéric Chopin (7) bestimmt. Danach schließt sich der Reigen: Der achte Tanz besinnt sich auf den zweiten, und ein weiteres »ruhiges Walzertempo« lässt im Anklang an die ersten Takte der Suite leise und kaum mehr vernehmlich den Vorhang fallen.

»Berlin, im Juli 1923« lautet das Abschlussdatum des Ostinato, bei dem es sich, wie der Untertitel erläutert, um »sechs familiäre Angelegenheiten« handelt. Gewidmet hat Erwin Schulhoff die »lustigen Klavierstücke für große und kleine Kinder« seinem »kleinen Sohn Peter«, der damals gerade seinen ersten Geburtstag feiern konnte.) Der Papa versteckt in weichen, gebundenen Achteln verschiedene Liedanklänge (»Backe, backe Kuchen«), die Mama erledigt »das bisschen Haushalt« in einem anmutigen Walzer. Der Kleine sagt das erste, vieldeutige Wort: da … da, was »Papa« und »Mama« oder »sieh mal an« heißen könnte und jedenfalls einen Dadaismus in statu nascendi darstellt. Hopp … hopp bezeichnet den »wilden Reiter«, bei dem das Pferdchen Galopp läuft. Was dann »a … a« zu sagen hat? Das überlassen wir der Phantasie des Hörers und Lesers: ein kleines crescendo markiert die 2 x 2 Anfangstöne (a), und gegen Ende rieselt es in der höheren Lage, als träfe Flüssiges auf Porzellan. Die fröhlichen kleinen Trompeten des Trara si¹nd nicht misszuverstehen.

Am 16. November 1926 schloss Erwin Schulhoff in Prag seine Cinq Études de Jazz ab. Eine besondere Rolle spielt in diesen fünf Stücken der amerikanische Pianist und Komponist Edward Elzear (»Zez«) Confrey, der damals gerade seine zwei ersten Hits gelandet hatte: den Shimmy (oder Ragtime) Kitten on the keys und die gleichermaßen dauerhaften »Dizzy Fingers«. Dem Verfasser dieser aktuellen Schlager widmete Schulhoff seine erste Etüde, einen extrem chromatischen, dissonant-perkussiven Charleston, dem sich ein ebenso entspannter wie sinnlich raunender Blues für den berühmten Bandleader und Komponisten Paul Whiteman (1890–1967) anschließt. Beim Chanson für Robert Stolz (1880–1975) sieht man den letzten berühmten Meister des klassischen Operettenschlagers (»Salome, schönste Blume des Morgenlands«, »Zwei Herzen im Dreivierteltakt«) in einer seiner gemütlichen Improvisationen am Klavier, worauf seinem deutschen Kollegen Eduard Künnecke (1885–1953) ein Tango mit ungewöhnlich reicher Ornamentik dediziert wird. Am Ende steht nun die Toccata sur le Shimmy »Kitten on the keys« de Zez Confrey für den deutschen Kritiker und Musikschriftsteller Alfred Baresel (1893–1984), der sich bereits in den zwanziger Jahren als Mitbegründer der deutschen Jazzbewegung hervorgetan hatte.

Der motorischen Variation folgt das Original: Kitten on the keys, die neuzeitliche Antwort auf Domenico Scarlattis »Katzenfuge«. Nachdem Zez Confrey die Katze seiner Großmutter hatte über die Klaviertasten laufen hören, gelang ihm ein pianistisches Evergreen, das er am 21. September 1921 selbst für Edison Re-Creation aufgenommen hat. Der direkte Vergleich mit Schulhoffs Reflexion spricht für sich…

Cris Posslac

¹ Petr Schulhoff hat sich bis zu seinem Tode im Jahre 1986 in der CSSR einen Namen als Regisseur und Drehbuchautor gemach


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