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GP726-27 - JACOBI, W.: Piano Works (Blome, Groschopp)
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WOLFGANG JACOBI (1894–1972)
KLAVIERMUSIK

 

Saxophonisten und Akkordeonspielern wird der Komponist Wolfgang Jacobi geläufig sein, denn er hat die expressiven Möglichkeiten ihrer Instrumente mit viel Vergnügen ausgelotet. Die große Mehrheit der Künstler und Konzertbesucher jedoch wird den Namen bestenfalls in einer der hintersten Nischen ihres musikalischen Bewusstseins verstaut haben. Man hört ihn nur selten—in der flüchtigen Randbemerkung eines Rundfunksprechers vielleicht oder in der Fußnote eines wissenschaftlichen Journals. Das Schicksal hat es mit ihm nicht gut gemeint. Nachdem er ein Jahrzehnt damit beschäftigt gewesen war, seine mühsam errungene Position als Komponist seriöser Musik zu festigen, wurden all seine Bemühungen zu Nichts, als die Geschmacksrichter des Nationalsozialismus sich rücksichtslos gegen ihn stellten und sein Schaffen als »entartet« brandmarkten.

Karl Theodor Franz Wolfgang Jacobi wurde am 25. Oktober 1894 in Bergen auf der Insel Rügen geboren. Obwohl er sich schon früh für die Musik begeisterte, fasste er erst 1917 den Entschluss, aus dem Komponieren einen Beruf zu machen. Die schwere und recht kühne Entscheidung fiel, während er in einem Sanatorium in Davos die Tuberkulose auskurierte, die er sich nach der Schlacht an der Somme als Kriegsgefangener in Carcassonne zugezogen hatte. Nach seiner Genesung studierte er bis 1922 an der Berliner Hochschule für Musik und erwies sich als äußerst begabter Komponist. Dann unterrichtete er bis 1933 am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium in Berlin, indessen er eine Reihe bemerkenswert erfolgreicher Werke verfasste—unter anderem seine beliebte Sonate für Altsaxophon und einige experimentelle Stücke für das Theremin und andere neue elektrische Instrumente. Außerdem engagierte er sich für gesellschaftliche Fragen und schrieb Chormusik für die Gewerkschaftsbewegung.

Die immer stärkere Kontrolle des deutschen Kulturlebens durch die Nazis hatte für Jacobi schwerwiegende persönliche und künstlerische Folgen. Als sogenannter »Halbjude« wurde er ein Opfer der Rassengesetze, die ihm öffentliche Aufführungen seiner Werke fortan unmöglich machten. 1934 ging er mit seiner Familie nach Italien, doch die Einführung neuer Devisenvorschriften zwang ihn schon ein Jahr später zur Rückkehr nach Deutschland. Zum Glück überstand Jacobi die Zeit, doch der Preis dafür war eine qualvolle Dekade des inneren Exils: Er war für seine Heimat praktisch unsichtbar geworden und fristete ein äußerst entbehrungsreiches Dasein in ständiger Angst. Ein weiterer Schlag kam 1942, als eine Brandbombe seine Berliner Wohnung zerstörte und dabei rund einhundert seiner Kompositionen vernichtete.

Ende 1945 konnte er sich wieder gefahrlos an die Öffentlichkeit wagen, und damit war es ihm auch möglich, seine frühere Unterrichtstätigkeit fortzusetzen. Er nahm einen Lehrauftrag der Münchner Hochschule für Musik an und trug maßgeblich dazu bei, der bayerischen Metropole wieder zu ihrem einstigen Ansehen als lebendiges, fortschrittliches Zentrum der Musik zu verhelfen. Die Welt des Akkordeons eröffnete ihm in den fünfziger Jahren eine Nische, für die er seine meistgespielten Werke komponierte. Diese Stücke machten aus dem »Schifferklavier« ein virtuoses, anspruchsvolles Konzertinstrument. Nunmehr stellte sich auch die Anerkennung ein: In seinen letzten zehn Lebensjahren erhielt Wolfgang Jacobi viele nationale Preise und Auszeichnungen. Nach seinem Tod am 15. Dezember 1972 fielen seine Aktien allerdings wieder, und erst in den letzten Jahren findet allmählich eine Wiederentdeckung seines Schaffens statt.

Jacobi hatte in den dreißiger Jahren zwar nicht lange in Italien bleiben können, doch das Land inspirierte ihn stark und wurde zu seiner spirituellen Heimat. Er lebte mit seiner Familie in Malcesine im Schatten des Monte Baldo am östlichen Ufer des Gardasees. Die wunderbaren Lichtverhältnisse und Farben der Gegend belebten seine Liebe zur Malerei, die sich in ausgesprochen gekonnten Aquarellen niederschlug. Im rund 70 km südlich gelegenen Verona lernte er den vielseitigen Künstler Pino Casarini kennen, der in verschiedenen Bereichen tätig war: Unter anderem schuf er Kirchenfresken sowie monumentale Skulpturen für Kirchen und öffentliche Gebäude. Außerdem gestaltete er viele Bühnenbilder für die Opernaufführungen in der berühmten Arena di Verona.

Wolfgang Jacobis zweite Klaviersonate aus dem Jahre 1936 ist Casarini gewidmet. Das Werk beginnt mit einem moto perpetuo, das von unablässigen Triolen angetrieben wird. Im zentralen Scherzo wetteifern zwei kontrastierende Stimmungen um die Aufmerksamkeit: Stark akzentuierte Viertel des Basses begegnen einer unschuldigen, lyrischen Melodie, die zwei Takte später einsetzt. Der Satz endet überraschenderweise mit einem geheimnisvollen Lento, das die Rolle des langsamen Satzes spielt. Das Finale ist eine wilde Toccata mit einem eher versonnenen Mittelteil, der direkt zu dem stürmischen Abschluss führt.

Auch die Sängerin und Chorleiterin Pina Agostini Bitelli gehörte zu den italienischen Künstlerbekanntschaften Jacobis. Sie hatte nicht allein zeitgenössische Werke, sondern auch alte Musik im Repertoire und nahm schon zu einer Zeit, als die historische Aufführungspraxis noch in den Sternen stand, Monteverdi auf Schallplatten auf. Ihr hat Jacobi 1939 seine dritte Klaviersonate gewidmet. Dem rhythmisch erregten, bitonalen Kopfsatz folgt ein recht langsames Siciliano, das durch sein wiegendes Thema definiert ist. Jacobi bemüht hier eine Tanzform, die bei unzähligen Meistern des Barock beliebt war. Das motorische Final-Rondo erinnert uns daran, dass auch die Toccata zu den populären Gattungen des Barock gehörte. Jacobi mäßigt freilich die charakteristischmotorische Bewegung durch einen ruhigeren Mittelteil.

Wolfgang Jacobi stand mit seinem Interesse an der Musik des Barock und Vorbarock nicht allein. Für den »alten Stil« begeisterte sich in Italien unter anderem Ottorino Respighi, dem mit seinen Antiche Danze ed Arie nach Lautenkompositionen des 16. und 17. Jahrhunderts ein unmittelbarer Publikumserfolg gelang. In England sorgten Pioniere wie Arnold Dolmetsch wesentlich dafür, die in Vergessenheit geratene Blockflöte und andere antiquierte Instrumente wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Deutsche Pädagogen erkannten schnell das didaktische Potential der Blockflöte, die auf breiter Front im Schulunterricht Verwendung fand. Hilfreich waren dabei die fantasievollen Programme, die beispielsweise die Bogenhauser Künstlerkapelle gestaltete: Dieses Blockflöten-Ensemble wurde 1890 in München gegründet und brachte bis zum Ende der dreißiger Jahre »unbekannte« Werke und Arrangements von Monteverdi, Lully, Purcell, Vivaldi, Telemann und anderen alten Meistern zur Aufführung. Wolfgang Jacobi und sein Freund Paul Hindemith produzierten zahlreiche Unterrichtsstücke für die Blockflöte, und auch in Jacobis Cembalokonzert aus dem Jahre 1927 manifestiert sich das Engagement des Komponisten für die Renaissance alter Instrumente.

Wenn man erstmals der Musik eines uns kaum bekannten Komponisten begegnet, ist man stets versucht, sein Schaffen mit den Werken vertrauter Kollegen zu vergleichen. Das wird im Falle Jacobis nicht anders sein, obwohl er über ein breitgefächertes und ausgesprochen persönliches Spektrum musikalischer Stile gebot. Seine Klavierstücke aus den zwanziger Jahren werden uns recht bald an die barocken Strukturen denken lassen, die wir von seinem älteren Landsmann Max Reger kennen, dessen schöpferische Fantasie sich so oft an den Vorbildern der Vergangenheit entzündete. Tatsächlich hat Jacobi seinen Schaffensprozess noch 1967 mit Regers Arbeitsweise verglichen: »Ich kann nur innerhalb meiner vier Wände komponieren. Aber wie das eigentlich vor sich geht, weiß ich nicht. Man sagt, dass Reger geäußert habe, die Noten kämen aus dem Notenpapier heraus. Mir geht es ähnlich.«

Nach Max Reger klingen auch die Titel der beiden Klavierwerke, die Jacobi 1922 komponiert hat—doch sowohl über der Passacaglia und Fuge als auch über der Suite im alten Stil schwebt ein weiterer wohlwollender Geist: Edvard Grieg. Dieser zeigt sich in gelegentlichen melodischen Wendungen, die an den »alten Stil« erinnern, dessen sich der Norweger in seiner Suite Aus Holbergs Zeit befleißigt hatte. Für Jacobi standen die beiden Werke in einem engen Bezug zu seinen Eltern: Passacaglia und Fuge ist der Erinnerung an seine Mutter, die Suite im alten Stil seinem Vater gewidmet.

Mehr als vierzig Jahre später fühlt sich Jacobi bemüßigt, die heitere Sonatine für Klavier zu komponieren, die er seinem Enkel Andreas Ullrich (»Andi«) 1968 zum Geburtstag widmete. Die sparsame Textur des dreisätzigen Werks verbreitet ein leise neoklassizistisches Flair, das zum Vergleich mit den großen musikalischen Figuren im Paris der Nachkriegsjahre einlädt—insbesondere mit Francis Poulenc aus der Groupe des Six und mit Bohuslav Martinů, dem hervorragendsten Mitglied der Groupe des Quatre (einem lockeren Verbund mitteleuropäischer Komponisten, die in Frankreich lebten).

Ähnlich leichte Musik bieten die Miniaturen für Klavier vierhändig. Diese bezaubernden Stücke bilden eine liebenswürdige Tanzkollektion, die von einigen »gelehrteren« Formen wie der Fuge durchsetzt sind und sich ideal für den Unterricht eignen. Bisweilen erinnern sie an Maurice Ravel, vor allem an Le Tombeau de Couperin und ähnliche Kreationen.

Während Jacobi sich nach dem Kriege mit Erfolg an der Wiederbelebung der Musikstadt München beteiligte, komponierte er 1951 eine dreisätzige Musik für zwei Klaviere. Das erste Stück ist ein »Choralvorspiel über ›Durch Adams Fall‹« nach der Choralmelodie des lutherischen Komponisten Lazarus Spengler (1479–1534), die Johann Sebastian Bach später verschiedentlich benutzt hat (»Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen«). Jacobi wiederholt die Melodie im Verlaufe des Satzes beinahe wie einen cantus firmus, zu dem die Pianisten kontrastierende Stimmen spielen, deren emotionaler Gehalt vom Gewaltsamen bis zum Kontemplativen reichen. Der zweite Satz ist eine anrührende Aria, und das joviale Finale stellt sich als energievolles Scherzo mit Trio dar.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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