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GP737 - LOURIÉ, A.: Piano Works (Complete), Vol. 1 (Koukl)
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Arthur Vincent Lourié (1891–1966)
Klavierwerke • 1

 

So langweilig und abgedroschen die alte Redensart auch ist, wonach das Leben eine lange Reise durch eine in stetem Wandel befindliche Landschaft sei—manchmal passt sie einfach perfekt. Beispielsweise zu dem außerordentlich wechselvollen Leben des Komponisten Arthur Lourié, einer Gestalt des 20. Jahrhunderts, die zugleich radikal und konservativ war. Da er nach der Oktoberrevolution als Volkskommissar für Musik beim sowjetischen Bildungsministerium gearbeitet hatte, betrachteten viele westliche Kritiker ihn und seine Politik mit tiefem Argwohn und großer Skepsis. Verstärkt wurde ihre Zurückhaltung durch Louriés Beziehung zum Futurismus und seine Experimente mit der Mikrotonalität. In seiner Heimat hingegen galt er schon bald als »Formalist« und »Décadent«. Man registrierte zum Beispiel, dass er bei seinen öffentlichen Auftritten ein völlig unproletarisches Samtjacket und eine Fliege trug.

Arthur Vincent Lourié wurde 1892 (oder 1891) als Kind jüdischer Eltern im weißrussischen Propoysk, dem heutigen Slauharad, geboren. Ursprünglich hieß er Naum Israilewitsch Luria. Seine Hochachtung vor Arthur Schopenhauer und seine Bewunderung für Vincent van Gogh veranlassten ihn, seinen Vor- und Vatersnamen aufzugeben. 1912 trat er nominell zum Katholizismus über, um eine Polin heiraten zu können (Mischehen waren im damaligen Russland nicht erlaubt), doch als er einige Jahre später in Frankreich eine enge Freundschaft mit dem katholischen Philosophen Jacques Maritain schloss, wurde aus dem jugendlich-revolutionären Nihilisten tatsächlich ein glühender Katholik.

Obwohl Lourié am St. Petersburger Konservatorium unter anderem bei Alexander Glasunow studiert hatte, wurde er in jungen Jahren vor allem von Alexander Skrjabin beeinflusst, dessen späte Klavierwerke ihn faszinierten. Eine große Anregung verdankte er auch den Futuristen, und er vertonte Gedichte von Poeten wie Anna Achmatowa (mit der er eine leidenschaftliche Affaire hatte). Wladimir Majakowskij und Alexander Blok berührten ihn zutiefst durch ihren eloquenten Stil und ihre verlockenden politischen Ansichten, die Louriés eigene radikale Gesinnung ansprachen. Demzufolge übernahm er auch die grundlegende Vorstellung der Symbolisten, die danach strebten, das menschliche Bewusstsein durch eine spirituelle Revolution zu verwandeln.

Der berauschende künstlerische Optimismus, der sich unter der aufgeklärten Führung des Hauptkommissars für Erziehung, Anatolij Lunatscharskij, nach der Revolution ausgebreitet hatte, war genau das Tonikum, das hoffnungsvolle Künstler wie Lourié suchten. Es blieb indes nur ein kurzes, sonniges Intermezzo. Schon 1921 hatte Lourié sämtliche Illusionen verloren. Als er Ferruccio Busoni in Berlin besuchte, entschied er sich, unwiderruflich in den Westen überzulaufen. Nachdem 1922 die offizielle Gründung der Sowjetunion erfolgt war, wurde dort Louriés Musik verboten. Er ging nach Paris, wo er ein treuer, loyaler Anwalt Igor Strawinskijs wurde (bis eine persönliche Fehde sie entzweite). Als die deutschen Truppen 1940 in Paris einmarschierten, floh Lourié weiter nach Westen—dieses Mal in die USA, wo ihm durch den emigrierten russischen Dirigenten Serge Kussewitzky eine willkommene Unterstützung zu Teil wurde. Obwohl er weiterhin komponierte, gelang es ihm nicht, an die Anerkennung anzuknüpfen, die er in früheren Jahren genossen hatte. Das lag unter anderem an seiner »roten Vergangenheit«, durch die er in den frühen fünfziger Jahren zwangsläufig ins Visier des antikommunistischen »Saubermannes« McCarthy geriet. Als Arthur Vincent Lourié 1966 in Princeton (New Jersey) starb, war er weitgehend vergessen. Lange Jahre hatte er an seinem magnum opus, der riesigen (und immer noch unaufgeführten) symbolistischen Oper Le Maure de Pierre le Grand gearbeitet. Diese Oper ist »der russischen Kultur, dem russischen Volk und der russischen Geschichte« gewidmet und erzählt die Geschichte von Puschkins afrikanischem Urgroßvater, dem »Mohren« und Patenkind Peters des Großen.

1959 brachte Lourié eine Reihe prägnanter Gedanken zu Papier, in denen er sich zu den schwierigen Zeiten äußerte, die Russland vier Jahrzehnte früher erlebt hatte. Gleichzeitig spricht aus diesen Worten eine ungebrochene Glaubensfestigkeit: »Die spirituelle Revolution, von der wir seit den frühesten Tagen der politischen Revolution träumten: Blok hat mich damals genau damit infiziert und ›verführt‹. Davon haben damals die linken sozialistischen Revolutionäre geträumt. Die Rückkehr zu den Wahrheiten des Christentums. Sozialismus muss auf christlichen Fundamenten verwirklicht werden. Korrektur und Reinigung der historischen Linie. So wird es sein, es wird sein! Die historische Kirche sollte von den Beziehungen zur kapitalistischen Welt befreit werden«.

Der Musikwissenschaftler Calum MacDonald beobachtete im Zusammenhang mit der außerordentlichen Begabung des jungen Lourié, dass die frühen Klavierstücke seit den Cinq Préludes fragiles op. 1 des Sechzehnjährigen und den Estampes op. 2 ganz deutlich den Weg erkennen lassen, der bei einem »debussysistischen« Impressionismus begann und über eine gelungene, wirkungsvolle Entwicklung der fieberhaften Chromatik Skrjabins zu einem unruhigen, fragmentierten Idiom von ganz eigener Art führte, das besonders deutlich in den geisterhaften Masques (Tentations) von 1913 und der beinahe kubistischen Ästhetik der Formes en l’air (1915) gelang, die Pablo Picasso gewidmet sind. Diese »Formen in der Luft« sind auf unkonventionelle Weise notiert: Scheinbar willkürlich sind Bruchstücke von Notenzeilen auf den Seiten verteilt, womit sie oberflächlich betrachtet die Verfahren späterer Komponisten wie Boulez oder Stockhausen vorwegnehmen—mit dem Unterschied, dass bei Lourié noch rudimentäre Elemente der Tonalität und des Metrums gewahrt bleiben. Die zwischenzeitlich entstandenen Werke, die Mazurkas op. 7 (1911–12) und die Quatre poèmes op. 10 (1912–13), deuten unverkennbar auf den späteren, individualistischeren russischen Stil des Komponisten hin. Das erste der Poèmes mit dem Titel »Spleen« trägt die verblüffende musikalische Anweisung »empoisonnée« (»vergiftet«).

In den letzten Jahren vor der Revolution lag noch der musikalische Impressionismus in der Luft, und Louriés Klaviermusik war nach wie vor stark von Debussy beeinflusst. Das zeigt sich besonders in Upmann, a smoking sketch (1917). Dieses gewinnende Divertissement ist eine unmissverständliche Würdigung der berühmten kubanischen Upmann-Zigarren. Ihrem Wesen nach ist diese »Raucherskizze« eine winzige Ballettszene für zwei Tänzer (einen Dandy und einen zeittypischen »Chinamann«), worin auch jene stark markierten Rhythmen vorkommen, die viele Stücke Ravels auszeichnen. Der Originaldruck zeigt auf den Umschlagseiten die beiden Charaktere in Pavel Mansurows quasi-kubistischen Zeichnungen und stellt an sich schon ein Kunstwerk dar.

Die Petite Suite en Fa (1926) ist in dem neoklassizistischen Stil geschrieben, den sich Lourié in Frankreich anverwandelte, wo er seinem ehemals futuristischen Kompositionsansatz entsagte. Trotz seiner harmonischen Bissigkeit und einer Schreibweise, die an den Freund Igor Strawinsky erinnert, fällt an dem Werk ein gewisser nostalgischer Zug auf. Auch ist etwas von dem typisch französischen Flair der damaligen Groupe de Six zu spüren—die Unbekümmertheit des jüngeren Zeitgenossen Francis Poulenc wird sofort offensichtlich. Das letzte Werk dieser Produktion, Dialogue, eine freie Fantasie über kontrastierende thematische Ideen, hat Lourié selbst nicht mehr veröffentlicht. Seltsamerweise beginnt das Manuskript, das in der Paul Sacher Stiftung zu Basel liegt, offenbar mit der Studienziffer 8—es ist dies eine skurrile Geste, die von dem großen musikalischen Spaßvogel Erik Satie stammen könnte.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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