About this Recording
GP741 - GLINKA, M.I.: Piano Works (Complete), Vol. 1 - Variations (Fiolia)
English  German 

MIKHAIL IVANOVICH GLINKA (1804–1857)
SÄMTLICHE KLAVIERWERKE • 1

 

Dem russischen Realisten Ilja Repin verdanken wir eine der berühmtesten Darstellungen des Komponisten Mikhail Iwanowitsch Glinka. Das Bild entstand 1887, mithin rund dreißig Jahre nach dem Tode des Komponisten, und zeigt einen versonnenen Glinka, der sich (»bei der Arbeit an Ruslan und Ljudmila«) im modischen Morgenrock auf seiner Chaiselongue ausgestreckt hat. Der Kopf ruht auf einem dicken, von Polstern gestützten Kissen, die rechte Hand hält einen Bleistift, dessen Ende nachdenklich gegen den Mundwinkel gedrückt ist, indessen der Blick sich wie entrückt in die Ferne richtet. Auf dem angezogenen Knie ruht ein Manuskript, und auf dem Beistelltisch sehen wir neben weiteren Papieren ein Trinkglas, in dem sich, dem darin befindlichen Silberlöffel nach zu schließen, eine Arznei befunden haben muss.—Durch das gestalterische Nebeneinander von Schläfrigkeit und schwächlicher Konstitution verstärkte Repin die Ansicht, dass sein »Modell« ein Hypochonder gewesen sei. Vielleicht wäre es indes netter, ihn als einen Gesundheitsfanatiker zu bezeichnen, denn eigentlich war er nicht ständig krank, sondern ständig bestrebt, nicht krank zu werden.

1824 bot man ihm in St. Petersburg eine recht anspruchslose Beamtenstelle von der Art, wie sie seinerzeit viele junge Russen von Rang bekleideten. Ehe er jedoch seinen Posten antrat, unternahm er etwas gegen seine kultivierte Langeweile, indem er sich eine »Auszeit« von etlichen Monaten nahm. Er reiste in den Kaukasus, dessen wilde, romantische Szenerie ihn ebenso verzauberte wie die exotische Volksmusik dieser Region. Danach entwickelte sich allmählich die Idee hinter seiner späteren, vielfach zitierten Aussage: »Das Volk schafft die Musik—der Komponist arrangiert sie nur«. Natürlich hatte es schon vor Glinka russische Komponisten gegeben, doch es ist nicht verfehlt, ihn als die fruchtbringende Eichel zu bezeichnen, aus der im 19. Jahrhundert die mächtige Eiche der russischen Nationalmusik emporwuchs.

In seiner Jugend hatte Glinka ein paar Privatstunden bei dem irischen Komponisten und Pianisten John Field genommen, der sich in Russland niedergelassen hatte. Nachdem er dann 1822 die Schule verlassen hatte, begann er damit, ein festes Fundament für seine künftige musikalische Karriere zu legen. Gewissenhaft studierte er die Musik der großen Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven, während er sich zugleich für die führenden Pariser Komponisten interessierte—allen voran Luigi Cherubini und der unlängst verstorbene Étienne Méhul (die auch Beethoven sehr bewunderte). Später freundete er sich mit Hector Berlioz an, der Glinkas Werke gern auf seine Konzertprogramme setzte.

Zu Glinkas frühesten erhaltenen Werken gehören die graziösen Variationen über ein Thema von Mozart, die 1822 zunächst für Harfe komponiert und erst später vom Komponisten aufs Klavier übertragen wurden. Das Thema soll aus der Zauberflöte stammen, müsste dann aber so sehr verwandelt worden sein, dass daraus praktisch ein Originalthema wurde. Dass das Werk nicht verloren ging, ist Glinkas aufmerksamer Schwester Ljudmila zu verdanken, die die Musik aus der Erinnerung niederschrieb, nachdem die Noten abhanden gekommen waren. Es ist durchaus denkbar, dass sie die Variationen dabei erheblich umkomponiert und die jugendlichen Bemühungen ihres Bruders verbessert hat.

Aus der Zeit um 1824—Glinka hatte eben seine Beamtenstelle angetreten—stammen die Variationen über ein Originalthema mit der quälend unbestimmten, tatsächlich französisch-deutschen Widmung: »Dediées à … ich werde es nicht sagen«. Im Laufe der nächsten drei Jahre schrieb er mehrere Variationswerke für den Salon. Die früheste dieser Kreationen entstand Ende Dezember 1825 in Smolensk. Dazu Glinka: »Während meines dortigen Aufenthalts war die Musik natürlich der letzte Schrei. Um meiner Nichte eine Freude zu machen, schrieb ich Klaviervariationen über die damals sehr beliebte italienische Romanze Benedetta sia la madre (in E-dur). Diese Variationen wurden ein wenig korrigiert […] und einem Verleger übergeben (wann genau, weiß ich nicht mehr). So wurde das Stück meine erste publizierte Komposition«.

1826 schrieb Glinka eine Variationsfolge über das russische Volkslied Sredy doliny rovnyja (»In dem weiten Tal«). Sie wurde erst 1839 zusammen mit etlichen Stücken unterschiedlichen Alters gedruckt. Unter anderem enthielt die Kollektion auch die Variationen über ein Thema aus Cherubinis ›Faniska‹, die vermutlich schon um 1826/27 entstanden waren. Glinka war ein großer Bewunderer dieser Oper, in deren erstem Akt er das Thema seiner Variationen gefunden hatte.

1830 befand Glinka, stets in Sorge um seine Gesundheit, dass ihm das wärmere Klima Italiens zuträglicher wäre. Er ließ sich in Mailand nieder und blieb drei Jahre in Italien; in dieser Zeit lernte er viele Berühmtheiten der Opernbühne und Komponisten wie Vincenzo Bellini und Gaëtano Donizetti kennen.

Eine Neuheit der Saison 1831 war ein überaus populäres Ballett namens Chao-Kang (oder Kia-King), dessen Musik aus Werken Rossinis, Spontinis und Romanis zusammengesetzt war. Glinka besuchte eine Aufführung und schrieb dann seine Variationen über zwei Themen aus dem Ballett ›Chao-Kang‹, die er Graf Iwan Woronzow-Daschkow, dem russischen Gesandten am sardinischen Hofe, widmete.

In Mailand wurde Glinka recht berühmt—und zwar, weil er in der Lage war, auf dem Klavier die Eigenarten und Nuancen menschlicher Stimmen nachzuahmen. Seine Hörer wussten sofort, ob er soeben den Gesang von Giuditta Pasta, Giovanni Rubini oder einer anderen aktuellen Zelebrität nachahmte. Seitentriebe dieser beneidenswerten Fertigkeit sind zwei weitere Variationswerke. Die Variazioni brillanti über ein Thema aus Donizettis ›Anna Bolena‹ (1831/32) entstanden nach den Worten des Komponisten, um »etwas von dem [erworbenen] Ruhm zu konservieren«. Gleichen Alters sind die Variationen über ein Thema aus Bellinis ›I Capuleti e i Montecchi‹, in denen Glinka sich mit der Cavatine des Tebaldo aus dem ersten Akt der »Romeo-und-Julia«-Oper befasste.

Nach drei italienischen Jahren kam Glinka zu der Ansicht, dass er nicht seinem wirklichen Wege folgte und »nie ein echter Italiener werden würde. Allmählich zwang mich mein Heimweh, im russischen Stil zu schreiben«. 1833 reiste er nach Berlin, um dort formellen Fugen-Unterricht zu nehmen. Im Dezember desselben Jahres schrieb er, um sich von seinen Studien zu erholen, die Variationen über Aljabjews ›Nachtigall‹ – eines dieser melancholischen russischen Lieder, worin ein Mädchen der Nachtigall gesteht, dass niemand bedauernswerter sei als sie, nachdem ihr Geliebter sie im Frühling verlassen habe.

Wie es sich fügte, starb Glinka 1857 nach jahrelangen Reisen in Berlin—wenige Tage nach seiner Begegnung mit Giacomo Meyerbeer im königlichen Schloss. Die unablässige Sorge um die Gesundheit hatte ihn im Stich gelassen, als er sich an einem frostigen Februartag erkältete, nachdem er sich nicht warm genug angezogen hatte. Eine seiner letzten musikalischen Arbeiten bestand in der Revision seiner frühen Variationen über ein Thema von Mozart.

Als sein Leichnam nach Russland überführt wurde, kritzelte jemand auf die Kiste: »Vorsicht. Porzellan«. Es war dies ein Wortspiel mit dem Namen Glinka, den man ungefähr mit »kleines Tonstückchen« (glina = Tonerde) übersetzen könnte.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window