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GP745 - GLASS, P.: Glassworlds, Vol. 5 - Mad Rush / Metamorphosis II / 600 Lines (Enlightenment) (Horvath)
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Glassworlds • 5
Die Erleuchtung: Mad Rush • Metamorphosis Two • 600 Lines • The Sound of Silence

 

Nachdem wir auf unserer Reise die ersten Stationen des Lebenskreises durchmessen haben, können wir jetzt—nach Beginn, Virtuosität, Verwandlung und Liebe—den einzigartigen Philip Glass und den Nuancenreichtum seiner äußerst raffinierten, spirituellen Kompositionen begreifen.

Im Zentrum des vorliegenden Programmes stehen zwei gigantische Werke, an die sich jeweils eine kurze Weltpremiere anschließt. Mad Rush (»Verrückte Eile«) ist eine Meditation in sieben wechselhaften Abschnitten, und die mantra-artigen 600 Lines (»sechshundert Zeilen«) bestehen aus komplexen monodischen Strukturen von äußerster Radikalität und Kompliziertheit. Ergänzt wird die Produktion durch die jüngste Version der Metamorphosis Two und die Transkription des Sound of Silence von Paul Simon—meines Wissens die einzige Bearbeitung dieser Art, die Philip Glass je hergestellt hat.

Mad Rush aus dem Jahre 1979 war ursprünglich ein Orgelstück und gehört als Teil 4 in die Reihe 4, die Glass für Radio Bremen, das Holland Festival und das Festival de Saint-Denis komponierte. Ihren neuen Titel erhielt die Musik, als Lucinda Childs sie für ihr Tanzensemble adaptierte. Der Komponist hat das Stück mehrmals selbst aufgeführt—unter anderem im Herbst 1981 beim ersten öffentlichen Auftreten des Dalai Lama in New York City. Hier gab er dem Werk eine »offene Form«, die den berühmten Gast bei seinem Einzug in die Kathedralkirche St. John the Divine begleitete.

Die erste Aufnahme des Stückes erschien 2006 auf dem Album Analog by Philip Glass (OMM0029) als Musik zu Lucinda Childs Choreographie. Hier wurde Mad Rush als postmoderne, nicht-erzählende, undramatische Komposition aufgefasst, wodurch sie ganz so wirkte, als seien hier ruhige und rasante Passagen in einem einfachen, kontrastierenden Wechsel organisiert. Philip Glass hat allerdings in Interviews der siebziger Jahre erläutert, wie er musikalische Strukturen anordnet—indem er nämlich die Noten auf den Boden legt, um die spezifischen Teile aneinander zu passen. Überraschenderweise ist Mad Rush, wenn wir die jüngsten Fassungen des Komponisten hören, offenbar durch eine lange und reiche Konzerterfahrung erleuchtet worden. Die musikalische Entwicklung, die Philip Glass durch seine Live- Auftritte erlebt hat, zeigt nunmehr vier vernehmliche Abschnitte in einer dreiteiligen Anlage, die beinahe wie eine versteckte Sonatenform erscheint.

Das Stück beginnt mit der Exposition dreier Abschnitte. Der erste ist ein intimes Präludium, in dem sich wechselnde Intervalle rhythmisch als Achtel und Achteltriolen überlagern und so eine ruhige, friedvolle Atmosphäre erzeugen. Dann tobt ein Sturm auf dem Meer, wenn unnachgiebige Sechzehntelarpeggien sich rasant gegeneinander bewegen. Die See beruhigt sich, und die Überlagerung der beiden vorigen Teile (mit den gebrochenen Terzen in der linken und den Sechzehnteltriolen in der rechten Hand) lässt uns auf faszinierende Weise die kontemplative Betrachtung der Meeresoberfläche sehen. Dann werden die Abschnitte eins, zwei, drei (und ein vierter) in aufgeregterer Weise gespielt. Diese gewissermaßen bogenförmige Entwicklung könnte ein Ausdruck für den Schmerz und die Verzweiflung derer sein, die im Trubel des Lebens verloren sind. Der Abschnitt löst sich in eine abgeklärte, zugleich aber auch traurige Wiederholung der ersten beiden Abschnitte auf. Während nun der Mond langsam von der Oberfläche eines Sees verschwindet, erscheint wie eine Coda der vierte und letzte Teil, in dem eine melancholische Linie über den letzten Wiederholungen der Bassstimme driftet und im Nirgendwo verklingt.

Mad Rush ist eines jener Schlüsselwerke, die die Saat dessen, was Glass künftig schaffen sollte, in sich trägt. Der erste Teil wurde zu der berühmten Opening From Glassworks, der zweite Teil zu Koyaanisqatsi – Vessels, der dritte zum sechsten Satz des dritten Streichquartetts (Mishima) und der vierte zu Metamorphosis Two.

Manchmal kommt es durch die konzertanten Aufführungen des Komponisten (namentlich bei bestimmten kanonischen Werken) zu evolutionären Veränderungen, die über eine bloße Neuinterpretation des jeweiligen Stückes hinausgehen. Bei Metamorphosis Two etwa war das der Fall. In der dritten Folge der Glassworlds (Metamorphosis – GP691) war bereits ausführlich von diesem Werk die Rede. Die bis heute unveröffentlichte Neufassung erschien zu Beginn des 21. Jahrhunderts und ist hier als Ersteinspielung zu hören. Die sehr subtile Veränderung, die wohl nur echten Glass-Experten auffallen dürfte, besteht in einer neuen harmonischen Fortschreitung, die einer früher sehr statischen Passage eingefügt wurde. Durch diese sinnreiche Variante erscheint das Stück in einem völlig neuen Licht—ganz ähnlich wie das Seestück Helvoetsluys – the City of Utrecht 64 Going to Sea, dem William Turner durch eine einzige rote Boje seine Farblosigkeit genommen hat.

»Was ich wie eine Offenbarung erlebte, war die Verwendung des Rhythmus bei der Entwicklung einer übergeordneten musikalischen Struktur«. Mit diesen Worten lassen sich die tranceartigen 600 Lines treffend beschreiben—das radikalste und faszinierendste Stück, das Philip Glass komponiert hat. Die fünf Töne C, D, E, F und G, die in ständigen Mutationen von großer, raffinierter Komplexität organisiert sind, wecken durch ihre Wiederholung den trügerischen Eindruck einer zyklischen Struktur. Die obsessive, hypnotische Toccata mit ihren monumentalen Ausmaßen stellt den Höhepunkt der Erfahrungen dar, die Glass bei seiner Zusammenarbeit mit Ravi Shankar und in seinen Privatstunden bei Alla Rakha sammeln konnte. Harmonik, Melodik und Rhythmik sind hier in einen einzigen musikalischen Ausdruck integriert, der die Monodie völlig neu erfindet. Merkwürdigerweise findet man in der Literatur über Philip Glass (Music by Philip Glass und Words Without Music) keinerlei Informationen zu dem Stück. Es wurde 1967 für das Philip Glass Ensemble komponiert, doch die Musiker haben es vor 1970 nie aufs Programm gesetzt und auch nie eingespielt. Aufgrund ihres Copyright-Vermerks (1992) fehlen die 600 Lines sogar in Glass’ Werkverzeichnis, das 1992 erschien und drei Jahre später aktualisiert wurde. Einen Kommentar gab der Komponist erst im Zusammenhang mit der Erstaufnahme durch das Ensemble Alter Ego (2013), die bei Stradivarius (STR 33649) erschienen ist. Hier finden wir auch einige Hinweise auf die vermeintliche Vernachlässigung dieser Musik: »Bei 600 Lines handelt es sich de facto um ein ›Übungsstück‹. Tatsächlich lösten die äußerst umfangreichen Partituren, aus denen die Musiker spielen sollten, bei mir eine neue Krise aus. Dieses neue Problem wurde zum Gegenstand neuer Kompositionen und führte schließlich zu der Formulierung des ›additiven Prozesses‹ und den Fundamenten vieler Stücke, die in den nächsten zehn Jahren folgten«. 600 lines wurden so außerordentlich kompliziert, dass sie die letzte Komposition ihrer Art wurden und fast völlig in Vergessenheit gerieten. Welch tragisches Schicksal für ein solches Hauptwerk.

Offenbar hat Philip Glass seine Transkription des Sound of Silence nur ein einziges Mal gespielt, und zwar am 23. Mai 2007 bei der Verleihung des First Annual Gershwin Prize for Popular Song, den die Library of Congress vergibt. Nach einer friedlichen Einleitung intensiviert Glass das bekannte Thema durch eine Technik aus seiner Etüde Nr. 19 (gebrochene Akkorde in einer Überlagerung von Zweier- und Dreierrhythmus). Die Transkription endet, wie sie begonnen hatte und bildet somit einen Bogen. Das Ergebnis ist eine respektvolle, nirgends lärmende oder auffallend virtuose Hommage.

Die Werke dieses Programms zeigen, dass es dem Komponisten stets um den Kontakt mit seinem Publikum zu tun ist. »Musik ist eine gesellschaftliche Angelegenheit«, sagt Glass. »Musik hat für mich eine sehr starke Anziehungskraft. Musik offenbart mir nichts. Musik ist ein Ort, und wenn man Musik hört, geht man an diesen Ort. Musik ist eine Transaktion; sie geht zwischen uns hin und her«.

Nicolas Horvath
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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