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GP750 - LOURIÉ, A.: Piano Works (Complete), Vol. 2 (Koukl)
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ARTHUR VINCENT LOURIÉ (1891–1966)
KLAVIERWERKE • 2

 

Das Schicksal hat es mit dem Komponisten Arthur Lourie nicht immer gut gemeint. Schon gegen Ende seines Lebens war der aus Russland stammende Mann fast vollig vergessen, und dieser Zustand sollte wahrend der nachsten Jahrzehnte andauern. Er schien zu kaum mehr als einer musikhistorischen Fusnote bestimmt zu sein—eine Figur im Schatten ohne eine wirkliche individuelle Stimme. Wahrend der letzten Jahre jedoch erlebt sein Schaffen eine bemerkenswerte Renaissance. Man hat aufgehort, seine Musik nur in Relation zu den Werken seiner bekannteren Zunftgenossen zu betrachten und beispielsweise mit dem zu vergleichen, was sein einstmaliger Freund Igor Strawinsky komponiert hat.

Was wir uber Louries fruhe Jahre wissen, liegt in einem Nebel der Ungewissheiten. Diese betreffen so grundlegende Fakten wie das Jahr und den Ort seiner Geburt, ja sogar seinen wirklichen Namen. Lourie war selbst fur einige dieser Ratsel verantwortlich. Er scheute sich nicht, sich mit lockeren Flunkereien zu helfen, vor allem dann nicht, wenn sie seiner Karriere dienten, seinen Militardienst verzogerten oder sich bei seinen amourosen Vorhaben als vorteilhaft erwiesen—er war ein unverbesserlicher Casanova. (Es sei bemerkt, dass auch die Dichterin Anna Achmatova, eine seiner ernsthafteren Beziehungen, die Altersfrage auf sehr kreative Weise loste.) Je nach der Quelle, der wir glauben wollen, wurde Lourie 1891, 1892 oder 1893 geboren. Einige Belege sprechen sehr dafur, dass sein Geburtsort die fruhere Eisenstadt Propojsk (das heute weisrussische Slauharad) war, doch Lourie wollte von der russischen Oberschicht akzeptiert werden und lies zu, dass man verbreitete, er sei in St. Petersburg zur Welt gekommen. Die vielfaltigen Attraktionen der kaiserlichen Hauptstadt boten ihm ein weit groseres Spektrum an kunstlerischer und epikureischer Befriedigung als er je in der provinziellen Durre seiner Heimatstadt hatte erhoffen durfen. Wahrend ihn die Geschichte unter dem Namen Arthur Vincent Lourie registriert hat, hies er am Anfang seines Lebens Naum Israilewitsch Luria. Aus gesellschaftlichen und kunstlerischen Grunden nahm er den Namen Arthur an, um Arthur Schopenhauer zu ehren. Auserdem gab er seiner Bewunderung fur Vincent van Gogh dadurch Ausdruck, dass er den Vatersnamen durch Vincent ersetzte.

In seinen fruheren Jahren befasste sich Lourie mit dem revolutionaren Nihilismus. Obwohl er wenig Interesse an organisierter Religion zeigte, konvertierte er 1912 vom Judentum zum Katholizismus—das aber auch nur, um eine Polin heiraten zu konnen (Mischehen waren in Russland noch nicht erlaubt). Nachdem er dann in Frankreich eine enge, dauerhafte Freundschaft mit dem katholischen Philosophen Jacques Maritain geschlossen hatte, wurde er allerdings ein gluhender Katholik. 1959 brachte er in einigen Gedanken diesen Glauben zu Papier, indessen er zugleich auf die beschwerliche Zeit zuruckblickte, die Russland vier Jahrzehnte zuvor erlebt hatte: »Die spirituelle Revolution, von der wir seit den fruhesten Tagen der politischen Revolution traumten. Blok hat mich damals genau damit infiziert und ›verfuhrt‹. Davon haben die linken sozialistischen Revolutionare getraumt. Die Ruckkehr zu den Wahrheiten des Christentums. Der Sozialismus muss auf christlichen Fundamenten verwirklicht werden. Korrektur und Reinigung der historischen Linie. So wird es sein, es wird sein! Die historische Kirche sollte aus den Banden der kapitalistischen Welt befreit werden!‹«

Zwar gehorte Alexander Glasunow zu Louries Kompositionslehrern am St. Petersburger Konservatorium, doch den wichtigsten musikalischen Einfluss ubte seinerzeit zweifellos der exzentrische Alexander Skrjabin auf ihn aus, dessen geistige Gesundheit Nikolaj Rimskij-Korssakoff ab und zu in Frage stellte. Angeregt wurde der junge Lourie uberdies von den russischen Futuristen, die die »statische« Natur der fruheren Kunst ablehnten. Ihr kunstlerisches Credo ist in dem Manifest Ein Schlag ins Gesicht des öffentlichen Geschmacks zusammengefasst. Wladimir Majakovskij und Alexander Blok beruhrten Lourie zutiefst durch ihre eloquente Schreibweise und den Reiz ihrer politischen Ansichten, die genau auf seine radikale Gesinnung trafen. Voll und ganz unterstutzte er die Idee von der Verwandlung des menschlichen Bewusstseins durch jene spirituelle Revolution, die das Kennzeichen der russischen Symbolisten war.

In der ausergewohnlich hitzigen Atmosphare des kunstlerischen Optimismus, der fur kurze Zeit im nachrevolutionaren Russland gedieh, gerieten hoffnungsvolle Kunstler von der Art Louries in den Bann Anatolij Lunatscharskijs, des aufgeklarten Volkskommissars fur das Bildungswesen. Doch schon 1921 zogen die dunklen Wolken der Repression auf, und Lourie hatte seine Illusionen restlos verloren. Er entschied sich zur unwiderruflichen »Desertion« und lies sich in Paris nieder, wo er ein entschiedener, loyaler Anwalt von Igor Strawinskij wurde (bis eine personliche Fehde die beiden entzweite). Nach der formellen Grundung der Sowjetunion im Jahre 1922 war seine Musik in Russland verboten.

Als die deutschen Truppen 1940 in Paris einmarschierten, sah sich Lourie gezwungen, weiter nach Westen zu fliehen—dieses Mal in die USA, wo ihm durch den aus Russland emigrierten Dirigenten Serge Kussewitzkij ein warmherziger Empfang bereitet wurde (Lourie schrieb spater ein Buch uber seinen Freund mit dem Titel Sergej Kussewitzkij und seine Zeit). Obwohl er auch weiterhin komponierte, brachte er es nicht mehr zu der Anerkennung, die er in fruheren Jahren genossen hatte. Das lag unter anderem an seiner »roten Vergangenheit«, durch die er in den fruhen funfziger Jahren zwangslaufig ins Visier des antikommunistischen »Saubermannes« McCarthy geraten musste. Arthur Lourie starb 1966 in Princeton (New Jersey), nachdem er viele Jahre an seinem magnum opus, der riesigen (und bis heute unaufgefuhrten) symbolistischen Oper Der Mohr Peters des Großen gearbeitet hatte. Diese Oper ist »der russischen Kultur, dem russischen Volk und der russischen Geschichte« gewidmet und erzahlt die Geschichte von Puschkins verwegenem Urgrosvater, der aus Afrika kam und das Patenkind des Zaren war.

Das Klavier stand im Mittelpunkt des Lourie’schen OEuvres. Seine Solostucke hat er jedoch allesamt komponiert, bevor er Europa verlies. Die fruhesten Nummern dieser CD, Deux Poèmes op. 8, stammen aus dem Jahre 1912 und somit aus einer Zeit, als Lourie mit der erweiterten Tonalitat experimentierte, ohne dass er die Tonartvorzeichen schon vollig aufgegeben hatte. Als er 1914 die Synthèses op. 16 schrieb, hatte sich sein personlicher Stil herausgebildet und in riesigen, skrjabinesken Akkorden manifestiert, die jede konventionelle harmonische Analyse uberflussig machen. Solch schwer zu fassende Musik steht im krassen Gegensatz zu dem Menuett nach Gluck, das gleichfalls 1914 entstand und den starken Duft der Salons verbreitet.

Das auch als L’Ordre du jour bekannte Dnevnoj uzor aus dem Jahre 1915 erschien zunachst in einer russischen Edition, die auf dem Umschlag die Zeichnung eines zeitgenossischen Futuristen zeigte. Der Titel des Gesamtwerkes lasst sich als »Tagesbefehl« oder »Tagliches Einerlei« ubersetzen, doch die einzelnen Satze tragen aufreizend ratselhafte Uberschriften wie »Sorcellerie« (»Hexerei«) und »Polissonerie« (»Schadenfreude, Missgeschick«). Die auch unter dem Titel Piano gosse bekannte Suite Rojal’ v detskoj (»Das Klavier im Kinderzimmer«) von 1917 wurde in englischen Editionen als »Acht Szenen aus der russischen Kindheit« bezeichnet. Die Sammlung handelt von Themen, die mit der kindlichen Weltsicht zu tun haben. Die letzte Szene ist insofern bemerkenswert, als eprolifis sich dabei um eine Mazurka nach dem polnischen Kinderlied »Wlazł kotek na płotek« (»Das Katzchen kletterte auf den Zaun«) handelt, das auch als Titel des Satzes genannt wird. Aus demselben Jahr 1917 stammt auch die einsatzige, harmonisch scharfe Sonatine Nr. 3, die Alexander Borowskij gewidmet ist—einem Pianisten, der in einer engen Beziehung zur Musik Skrjabins stand.

Nachdem sich Lourie in Paris niedergelassen hatte, schrieb er eine Reihe kurzer Stucke fur Freunde und Berufskollegen. Die Toccata von 1924 ist dem Musikwissenschaftler und Ubersetzer Boris de Schloezer gewidmet, der gleichfalls aus Russland ausgewandert war. Die Valse von 1926 entstand fur die Grafin Marianna Zarnekau, die in die Ermordung Rasputins verwickelt war, ehe sie unter dem Kunstlernamen Mariana Fiory eine glanzvolle Schauspielkarriere machte. 1927 schrieb Lourie die Gigue fur seinen Freund Jacques Maritain, und er produzierte auserdem eine kurze Marche fur Vladimir Horowitz, der kurz vorher wahrend einer Tournee aus der Sowjetunion desertiert war.

Im nachsten Jahr schrieb Lourie zwei weitere Klavierminiaturen. Die erste der beiden, das Nocturne, ist Alfred Cortot gewidmet, wahrend er das Intermezzo der bekannten Debussy-Interpretin Denise Molie verehrte. Seine zwei letzten Solostucke, die Berceuse de la chevrette (»Wiegenlied fur das Geislein«) und A Phoenix Park Nocturne, verfasste Lourie in den Jahren 1936 bzw. 1938. Die Berceuse schrieb er fur den franzosischen Historiker und christlichen Humanisten Henri-Irenee Marrou zur Geburt seiner Tochter Catherine. Das Nocturne mit dem Zusatz »Zur Erinnerung an James Joyce« beschwort einen Abendspaziergang in Dublins beruhmtestem Park. Das Stuck wurde 1942 gedruckt und erhielt seine Widmung vermutlich erst bei der Veroffentlichung, nachdem Joyce im Vorjahr verstorben war.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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