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GP760 - STEPANIAN, H.: Preludes, Opp. 47, 48 and 63 (Ayrapetyan)
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HARO STEPANIAN (1897–1966)
26 PRELUDES

 

Die reiche Kultur- und Musikgeschichte Armeniens lässt sich bis in das dritte vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgen. Schon damals gab es in dem Land eine eigene Sprache und eine unverwechselbare monodische Vokalmusik. Während der Jahrhunderte des Wachstums, der Kriege und der politischen Fremdbestimmung (vor allem unter persischer und osmanischer Herrschaft) stellten Kirchen- und Volksmusik wichtige Mittel zur Wahrung der regionalen Identität und Selbstachtung dar. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sollte die Volkstradition dann eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung einer nationalen Kunstmusik spielen. Die nächstliegenden Musikmetropolen außerhalb Armeniens waren Konstantinopel im Westen und Tiflis im Osten—und diese beiden großen Zentren verbanden das Land mit den kulturellen Entwicklungen Europas und Russlands. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand die erste Oper in armenischer Sprache, und in den Achtzigern begannen einige Musiker mit der systematischen Sammlung von Volksliedern und Tänzen. Nachdem Komponisten wie Komitas (1869–1935) und Aleksandr Spendiarian (Spendiarov) (1871–1928) ihre bahnbrechenden Arbeiten geleistet hatten, wurde Haro Stepanian (1897–1966) in der aserbaidschanischen Stadt Ganja, dem damaligen Elisabethpol, geboren—wie es sich fügte, im Todesjahr von Johannes Brahms.

Von 1923 bis 1926 wurde Stepanian am Moskauer Gnessin-Institut ausgebildet, wo seinerzeit auch Aram Chatschaturjan (1903–1978) studierte. Danach führte sein Weg ans Staatliche Konservatorium von Leningrad (St. Petersburg) und in die Kompositionsklasse von Wladimir Schtscherbatschow, dem das armenische Erbe seines neuen Schülers nicht verborgen blieb: »Er hat als Komponist ein Talent für das armenische Kolorit«, schrieb Schtscherbatschow. Nach dem Examen erhielt Stepanian einen Lehrauftrag am Staatlichen Konservatorium der armenischen Hauptstadt Eriwan, und Ende der dreißiger Jahre führte er den Vorsitz beim Organisationskomitee des armenischen Komponistenverbandes. Er interessierte sich zunehmend für die Volksmusik seiner Heimat und unternahm verschiedene Expeditionen, um Musik aus ganz Armenien zusammenzutragen. »Ich fasste jene tiefe Zuneigung zur armenischen Volksmusik, die man für die Mutter, den Freund oder die Geliebte empfindet«, erklärte er. »Ich hörte darin das Herz und die Seele meines Heimatlandes sprechen, hörte das Echo der stürmischen Vergangenheit, Schmerzen, Freuden und Hoffnungen, Wut und Träume meines Volkes. Mein ganzes Leben lang habe ich die Musik stets als Lebewesen betrachtet«. Stepanians Arbeiten auf diesem Gebiet fanden große Bewunderung, und Aram Chatschaturjan, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, schrieb ihm 1953: »Ich glaube, dass du der größte sowjetischarmenische Komponist bist und dich um die Kunst der Heimat wirklich sehr verdient gemacht hast«.

Für die in Eriwan uraufgeführte Oper Heroine, das vierte seiner fünf vollendeten Bühnenwerke, erhielt Haro Stepanian im Jahre 1951 den Stalinpreis dritter Klasse. 1960 folgte die Auszeichnung als Volkskünstler der Armenischen SSR. Er schrieb auch drei Symphonien sowie zahlreiche Lieder und Kammermusiken. Es ist allerdings zu bemerken, dass er sich trotz der großformatigen Werke, die er in den ersten Nachkriegsjahren komponierte, während seiner gesamten Laufbahn für musikalische Miniaturen interessierte. Sein Moskauer Lehrer Michaïl Fabianowitsch Gnessin bemerkte, dass Stepanian als Student »einen feinen Geschmack, Poesie und stilistische Ambitionen« erkennen ließ. »Es war ein reines Vergnügen, ihm beim Schliff seiner feinen, talentierten Werke für Singstimme und Klavier zu helfen. Nach größeren Formen verlangte es Haro Stepanian in jenen Jahren nicht; er bemühte sich ganz bewusst darum, möglichst vollkommene musikalische Miniaturen zu schaffen«.

Die hier eingespielten Preludes entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg und wurden zu Stepanians Lebzeiten in Heften zu jeweils acht Stücken als op. 47 (1947), op. 48 (1948) und op. 63 (1956) veröffentlicht. Zwei letzte Preludes erschienen in den Jahren 1964 und 1965.

Der Stil dieser Preludes, bei denen es sich in gewisser Hinsicht um »musikalische Tagebücher« handelt, ist insgesamt und innerhalb der einzelnen Gruppen sehr abwechslungsreich, wobei in vielen Stücken die Charakteristika der armenischen Volksmusik zu vernehmen sind. In diesem Sinne gehen sie auf Vorbilder von Chopin, Liadow, Tschaikowsky und anderen zurück, während sie zugleich in die Reihe jener armenischen Klavierminiaturen gehören, die Komitas, Nikoghayos Tigranian (1856–1951) und Sarkis Barkhudarian (1887–1972) geschrieben haben.

Etliche Stücke sind anscheinend regelrechte »Lieder ohne Worte«—namentlich das allererste Prelude in g-moll (op. 47 Nr. 1) sowie die beiden späteren Geschwister in e-moll (op. 48 Nr. 1) und in f-moll (op. 48 Nr. 5). Andere wiederum sind deutlich nach armenischen Volkstänzen gestaltet und bringen oftmals zusammengesetzte Taktarten oder ungewöhnliche rhythmische Bildungen.

Das Prelude A-dur op. 47 Nr. 2 beruht auf einer wiederholten Melodie, um die Harmonien und Begleitfiguren vom Bass bis zum hohen Diskant herumspringen—ein Ansatz, der auch in dem Prelude h-moll op. 63 Nr. 6 zu finden ist. Bei dem G-dur-Prelude op. 47 Nr. 5 haben wir eine beschwingtere Art des Tanzes vor uns. Ähnlich abwechslungsreich sind die übrigen Nummern des Opus 47: Der elegischen Trauer des dritten Preludes folgt ein Satz, in dessen Mittelteil die authentische Volksmelodie Alagyaz (Name eines armenischen Berges) zu hören ist. Das sechste Prelude in f-moll ist rastlos und dramatisch, das siebte akkordisch und nachdenklich—und der Zyklus endet mit einem chromatischen Wirbel.

Von ähnlicher Vielfalt sind die Verfahrensweisen und Stimmungen der späteren Werke. Das dritte und vierte Prelude des Opus 48 bilden aus einem stolzierenden Tanz und einer zarten Pastorale ein Paar—wobei das a-moll-Prelude auf eine Melodie zurückgehen soll, die Stepanian von einem Waisenmädchen im Hofe seines Hauses hatte singen hören. Zumeist herrscht in den einzelnen Stücken eine einzige Stimmung, doch gibt es in manchen Sätzen der zweiten Sammlung auch scharfe Kontraste: Das zweite Prelude in c-moll enthält einen wirbelnden Mittelteil, und im Zentrum des fis-moll-Preludes op. 48 Nr. 6 steht das besinnliche Volkslied Abrban. In einigen Stücken werden sogar spezifische Volksinstrumente wie die Laute tār und die zweifellige Röhrentrommel dhol imitiert.

Bei den passionierteren Stücken der späteren Sammlung—zum Beispiel in dem fis-moll-Prelude op. 63 Nr. 3—ist der Einfluss Rachmaninoffs offenkundig. Neben diesen stehen Momente einer volkstümlich gefärbten Lyrik (op. 63 Nr. 7), und in der Schlussnummer dieses dritten Heftes, dem g-moll-Prelude op. 63 Nr. 8, sind diese beiden Stile anscheinend sogar miteinander kombiniert.

Die zwei letzten Preludes sind von klarer, mitunter beinahe »debussystischer« Struktur. Haro Stepanian blieb seinen spätromantischen Vorbildern bis zum Ende seiner Laufbahn verpflichtet. Er komponierte Miniaturen, in denen Trauer, poetische Kontemplation, Natur und Szenen aus dem armenischen Leben abwechseln.

Haro Stepanian war einer der prominentesten armenischen Komponisten und hinterließ ein beträchtliches musikalisches Vermächtnis, dessen Stil in der Zeit des sozialistischen Realismus entstand. Er wurde zu einer sehr geachteten Persönlichkeit der armenischen Musikszene und hat die Komponisten seiner Heimat bis ins 21. Jahrhundert inspiriert: »Haro Stepanians Werke gehören zu den originellsten Phänomenen der armenischen Musik«, konstatierte Edward Mirzoyan (1921–2012). »Die besten Stücke dieses romantischen Komponisten sind echte musikalische Meisterwerke«.

Cris Posslac
nach Materialien von Mikael Ayrapetyan


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