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NBD0061 - HANDEL, G.F.: Messiah [Oratorio] (Herfurtner, Petrone, Schade, Immler, Salzburg Bach Choir, Bach Consort Wien, Dubrovsky) (Blu-ray, HD)
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Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Der Messias

 

Händel sagt, dass er kommenden Winter nichts thun wolle; allein ich hoffe ihn zu überreden, dass er eine weitere Kollektion nach der Schrifft vertone, die für ihn angefertiget habe… Hoffentlich wird er sein ganzes Genie und Vermögen anwenden, dass diese Compositio alle frühern Compositiones übertreffe, wie auch der Gegenstand jeden andern Gegenstand übertrifft. Der Gegenstand ist der Messias…—Charles Jennens, 10. Juli 1741

Händel schrieb den Messias im Jahre 1741 im Vorfeld seiner Reise nach Dublin. Auf Einladung des Lord Lieutenant of Ireland (Vizekönig) veranstaltete er während der Winterspielzeit 1741/42 zwei Konzertreihen, die in der dortigen New Music Hall in der Fishamble Street stattfanden. Den Messias sparte er bis zuletzt auf, um ihn schließlich unter hingerissenem Beifall am 13. April 1742 aus der Taufe zu heben. Weniger gut kam der Messias im nächsten Jahr in London an. Dem Publikum schien Händels Samson, das zweite neue Oratorium, besser zu gefallen, und vielen Menschen widerstrebte es zutiefst, dass Worte der Heiligen Schrift in einem normalen Theater erklangen, wo Händel ja die meisten seiner Oratorien aufzuführen pflegte. Selbst Händels Librettist Charles Jennens war überhaupt nicht begeistert: Sein Messias hat mich enttäuscht, maßen in großer Hast gesetzet ist, wo er doch gesagt hatte, dass er ein Jahr daran arbeiten & ihn zum besten seiner Werke machen wollte. Ich werde ihm keine Heiligen Worte mehr in die Hand geben, dass er sie also missbrauche.

1745 und 1749 hatte Händel mehrfach versucht, seinem Messias neues Leben einzuhauchen. Doch erst seit 1750 brachte er das Werk dann alljährlich am Ende seiner Oratorien-Saison—mithin während der Fastenzeit—an Covent Garden zur Aufführung. Rund einen Monat später kam es dann jeweils zu einer Wiederholung in der Kapelle des Foundling Hospital (Hospitals für den Unterhalt und die Erziehung von gefährdeten und verlassenen Kindern), zu dessen Prinzipalen er gehörte. Um diese Zeit sah man allmählich das Empfinden des Publikums sich wandeln, schrieb Sir John Hawkins, und der Messias ward mit allgemeinem Applauso empfangen. Im April 1749 kam das Werk erstmals in die Provinz, als es nämlich in Oxford unter der Leitung des Musikprofessors William Hayes aufgeführt wurde. Bald darauf folgten die musikalischen Vereinigungen von Salisbury, Bath, Bristol, Gloucester und Worcester, und es dauerte nicht mehr lange, bis der Messias an Beliebtheit alle anderen Händel- Oratorien übertraf. Während des 19. Jahrhunderts wurde das Stück beinahe zu einer nationalen Institution. Die ausführenden Ensembles wurden immer gewaltiger—man sprach von 4000-köpfigen Chören—, und der Messias wurde zu einem geeigneten Sprachrohr für die viktorianische Doktrin von Fortschritt und gesellschaftlicher Verbesserung.

Händel fertigte zwar den ersten Entwurf des Messias bekanntermaßen in nur 24 Tagen, doch hat er nie wirklich aufgehört, an dem Werk zu arbeiten. Ständig veränderte und modernisierte er die Partitur, um sie den jeweils verfügbaren Sängern und Aufführungsumständen anzupassen. Somit gibt es also keine verbindliche Fassung des Werkes, der wir heute folgen könnten.

Charles Jennens’ Messias-Libretto unterscheidet sich deutlich von den Texten der anderen Händel-Oratorien. Anders als etwa in Samson, der eine dramatische Geschichte erzählt, während Solisten und Chöre bestimmte Charaktere darstellen, befasst sich der Text des Messias fast ausschließlich mit Prophezeiung und Kontemplation. Die Worte entstammen durchweg der offiziellen englischen Bibelausgabe und dem Book of Common Prayer.

Dabei verfuhr Jennens bei seiner Zusammenstellung sehr überlegt, und es gelang ihm eine äußerst kraftvolle Gesamtkonzeption. Durch die geschickte Kombination alt- und neutestamentlicher Texte konnte er illustrieren, wie sich die messianische Prophezeiung des Alten Testaments in den Ereignissen erfüllte, von denen die Evangelien berichteten. Jennens gliederte das Oratorium in drei Teile. Teil I behandelt die Prophezeiung, Verkündigung und Geburt Christi. Teil II befasst sich mit der Leidensgeschichte, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi sowie mit der Verbreitung des Evangeliums und endlich dem ekstatischen Ausblick auf das Reich Gottes. In Teil III, der auf dem anglikanischen Begräbnisgottesdienst beruht, geht es um die Auferstehung Christi und die Seele des Christen, die durch das Erlösungswerk des Heilands Unsterblichkeit erlangt hat.

Ungeachtet seines Themas und seines Textes ist der Messias kein geistliches Werk im eigentlichen Sinne. Jennens selbst nannte ihn schlicht a fine Entertainment, und Händel führte ihn ohnehin nur dann in einem geweihten Gebäude auf, wenn er in der Kapelle des Foundling Hospital seine alljährlichen Wohltätigkeitskonzerte veranstaltete. Das verhinderte aber nicht die spätere Weihe des Werkes durch das verehrungsvolle Publikum, das durch den Besuch einer Aufführung an einer heiligen Handlung teilzunehmen glaubte. Nachdem der junge John Wesley den Messias 1758 in Bristol bei einer der wenigen kirchlichen Darbietungen gehört hatte, meinte er ironisch, er wisse nicht, ob diese Gemeinde bei einer Predigt je so ernst wie bei dieser Aufführung gewesen sei. Es gibt allerdings absolut keinen Hinweis darauf, dass Händel mit dem Werk einen Verkündigungszweck verfolgt hätte. Wenn überhaupt, verfolgte er einen karitativen Zweck, denn regelmäßig während seiner gesamten Laufbahn führte er den Messias zugunsten der Armen und Bedürftigen auf. Letztlich wollte Händel seine Zuhörer jedoch erfreuen und bezaubern. Ein Kritiker schrieb nach der ersten Aufführung im Dublin Journal: Es fehlen die Worte, um die außergewöhnliche Freude zu beschreiben, die das Werk dem hingerissenen Publikum bereitete. Das Erhabene, Großartige und Empfindsame, passend zu den pathetischsten, erhabensten und bewegendsten Worten, kam zusammen, um das entzückte Herz und Ohr zu überwältigen und zu bezaubern.

Simon Heighes
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Stefan Zweig
Händels Auferstehung und Ende (Ausschnitt)

Am 7. April 1742 war endlich die letzte Probe angesetzt. Nur wenige Anverwandte der Chorsänger aus beiden Kathedralen waren als Zuhörer zugelassen, und man hatte, um zu sparen, den Raum der Music Hall in Fishamble Street nur schwach erleuchtet. Vereinzelt und verstreut saß da ein Paar und dort eine Gruppe auf den leeren Bänken, um das neue Opus des Meisters aus London zu vernehmen, dunkel und kalt nebelte die weite Halle. Aber ein Merkwürdiges geschah, kaum daß die Chöre, klingenden Katarakten gleich, niederzubrausen begannen. Unwillkürlich rückten die einzelnen Gruppen auf den Bänken zusammen und ballten sich allmählich zu einem einzigen dunklen Block des Hörens und Staunens, denn jedem war, als sei die Wucht dieser nie gehörten Musik für ihn, den einzelnen, zuviel, als müsse sie ihn wegschwemmen und wegreißen. Immer näher drängten sie aneinander, es war, als wollten sie mit einem einzigen Herzen hören, als eine einzige fromme Gemeinde das Wort Zuversicht empfangen, das, immer anders gesagt und geformt, ihnen entgegenbrauste aus den verschlungenen Stimmen. Schwach fühlte sich jeder vor dieser urhaften Stärke und doch selig von ihr gefaßt und getragen, und ein Schauer von Lust ging durch sie alle wie durch einen einzigen Leib. Als das »Halleluja« zum erstenmal dröhnte, riß es einen empor, und alle wie mit einem Ruck erhoben sich mit ihm; sie fühlten, man konnte nicht an der Erde kleben, angepackt von solcher Gewalt, sie standen auf, um mit ihren Stimmen Gott um einen Zoll näher zu sein und ihm dienend ihre Ehrfurcht zu bieten. Und dann gingen sie und erzählten von Tür zu Tür, ein Werk der Tonkunst sei geschaffen wie noch nie eines auf Erden. Und in Spannung und Freude bebte die ganze Stadt, dies Meisterwerk zu vernehmen.

Sechs Tage später, am 13. April, abends, staute sich die Menge vor den Türen. Die Damen waren ohne Reifröcke gekommen, die Kavaliere ohne Degen, damit mehr Zuhörer Raum finden konnten in dem Saale; siebenhundert Menschen, eine nie erreichte Zahl, drängten heran, so rasch hatte der Ruhm des Werkes sich im voraus verbreitet; aber kein Atem war zu hören, als die Musik begann, und immer lautloser wurde das Lauschen. Dann aber brachen die Chöre herab, orkanische Gewalt, und die Herzen begannen zu schauern. Händel stand bei der Orgel. Er wollte sein Werk überwachen und führen, aber es riß sich los von ihm, er verlor sich in ihm, es ward ihm fremd, als hätte er es nie vernommen, nie geschaffen und gestaltet, abermals strömte er mit in dem eigenen Strome. Und als am Ende das »Amen« anhub, da brachen ihm unwissend die Lippen auf, und er sang mit in dem Chor, er sang, wie er nie gesungen in seinem Leben. Aber dann, kaum daß der Jubel der anderen tosend den Raum erfüllte, schlich er still seitab, um nicht den Menschen zu danken, die ihm danken wollten, sondern der Gnade, die ihm dies Werk gegeben.

Die Schleuse hatte sich geöffnet. Nun strömte durch Jahre und Jahre wieder der klingende Strom. Nichts vermochte von jetzt ab Händel zu beugen, nichts den Auferstandenen wieder niederzuzwingen. Abermals wurde die Operngesellschaft, die er in London gegründet, bankrott, abermals hetzten ihn die Gläubiger mit Schulden: nun aber stand er aufrecht und bestand alle Widrigkeiten, unbekümmert schritt der Sechzigjährige seinen Weg die Meilensteine der Werke entlang. Man machte ihm Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, aber glorreich wußte er sie zu besiegen. Das Alter höhlte mählich seine Kraft, es lahmten ihm die Arme, die Gicht krampfte die Beine, aber mit unermüdlicher Seele schuf er weiter und schuf. Schließlich versagte das Augenlicht; während er seinen »Jephta« schrieb, erblindete er. Doch noch mit verschlossenem Auge, wie Beethoven mit verschlossenem Ohr, schuf er weiter und weiter, unermüdlich, unbesiegbar, und nur noch demütiger vor Gott, je großartiger seine Siege auf Erden waren.

Wie alle wahren und strengen Künstler rühmte er seine eigenen Werke nicht. Aber eines liebte er, den »Messiah«, er liebte dieses Werk aus Dankbarkeit, weil es ihn aus dem eigenen Abgrund gerettet, weil er sich in ihm selber erlöst. Jahr für Jahr führte er es in London auf, jedesmal den vollen Ertrag, jedesmal fünfhundert Pfund zum Besten des Hospitals, überweisend, der Genesene an die Gebrestigen, der Befreite an jene, die noch in den Banden lagen. Und mit diesem Werke, mit dem er aus dem Hades aufgestiegen, wollte er auch Abschied nehmen. Am 6. April 1759, schon schwer erkrankt, ließ sich der Vierundsiebzigjährige noch einmal nach Covent Garden aufs Podium führen. Und da stand er, der riesige blinde Mann, inmitten seiner Getreuen, inmitten der Musiker und der Sänger: seine leeren, seine erloschenen Augen konnten sie nicht sehen. Aber als nun in großem, rauschendem Schwung die Wogen der Töne gegen ihn rollten, als der Jubel der Gewißheit orkanisch aus hunderten Stimmen ihm entgegenschwoll, da erleuchtete sich das müde Gesicht und ward hell. Er schwang die Arme zum Takt, er sang so ernst und gläubig mit, als stünde er priesterlich zu Häupten seines eigenen Sarges, und betete mit allen um seine und aller Erlösung. Nur einmal, als bei dem Anruf »The trumpet shall round« (»Die Posaune soll erschallen«) scharf die Trompeten ansetzten, zuckte er auf und sah mit seinen starren Augen nach oben, als wäre er schon jetzt bereit zum Jüngsten Gericht; er wußte, er hatte sein Werk gut getan. Er konnte aufrechten Hauptes vor Gott hintreten. Ergriffen führten die Freunde den Blinden nach Hause. Auch sie fühlten: es war ein Abschied gewesen. Auf dem Bette regte er noch leise die Lippen. Am Karfreitag möchte er sterben, murmelte er. Die Ärzte staunten, sie verstanden ihn nicht, denn sie wußten nicht, daß dieser Karfreitag der 13. April war, der Tag, da die schwere Hand ihn zu Boden geschlagen, und der Tag, da sein »Messiah« zum erstenmal in die Welt geklungen. Am Tage, da alles in ihm erstorben gewesen, war er auferstanden. Am Tage, da er auferstanden war, wollte er sterben, um Gewißheit zu haben des Auferstehens zum ewigen Leben.

Und wirklich, wie über das Leben, hatte auch über den Tod noch dieser einzige Wille Gewalt. Am 13. April verließen Händel die Kräfte. Er sah nichts mehr, er hörte nichts mehr, unbeweglich lag der massige Leib in den Kissen, ein leeres, schweres Gehäuse. Aber wie die leere Muschel dröhnt vom Tosen des Meeres, so rauschte innen unhörbar Musik, fremder und herrlicher, als er sie jemals vernommen. Langsam löste ihr drängendes Schwellen die Seele ab von dem ermatteten Leibe, sie emporzutragen ins Schwerelose. Flut in Flut, ewigen Klang in die ewige Sphäre. Und am nächsten Tage, noch waren die Osterglocken nicht erwacht, starb endlich dahin, was an Georg Friedrich Händel sterblich gewesen.

Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit


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