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NHB20052 - LONGOS: Daphnis und Chloe (gekurzt)
German 

Longos

 

Jeder kennt die Namen Daphnis und Chloe, kaum bekannt aber ist der Roman des griechischen Dichters Longos aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert. Über den Verfasser wissen wir so gut wie nichts. Seine Lebenszeit läßt sich um 200 n.Chr. annehmen; wer sich hinter dem Namen Longos verbirgt, bleibt unbekannt (der Name Longos war derzeit im griechischen Inselbereich nicht selten); möglicherweise stammte er von Lesbos. Mit „Daphnis und Chloe“ hat er jedoch ein unsterbliches Werk geschaffen.

Schon immer waren Menschen interessiert an Berichten und Erzählungen von großartigen oder merkwürdigen Ereignissen. Diesem Interesse dienten lange Zeit die Epen, in denen zum Beispiel von den Kämpfen um Troja, von den Irrfahrten und Abenteuern des Odysseus oder der Argonauten erzählt wurde. Gegenüber der Form des Epos gewann etwa um 200 v. Chr. die Form der Prosaerzählung immer mehr an Boden, obwohl auch das Epos nicht verschwand. Das Interesse an außergewöhnlichen Vorkommnissen aber blieb dasselbe. So finden sich—neben Prosaerzählungen von den Vorgängen um Troja—vor allem zwei Bereiche, an denen Leser interessiert waren: Abenteuer und Liebe; daran hat sich bis heute nichts geändert. Den Erzählungen von Abenteuern dienten vor allem Reiseromane, wobei zwischen dem, was erfunden, und dem, was auf Tatsachen beruht, nicht unterschieden wurde. Ähnliches gilt auch für biographische Darstellungen. Zumeist war es den Autoren am wichtigsten, das Publikum zu unterhalten. So verwundert es nicht, daß sich ein Lukian mit der Parodie seiner „Wahren Geschichten“ über die zum Teil phantastischen Erfindungen lustig machte. Am beliebtesten waren aber Romane, in denen Liebes- und Abenteuerhandlungen miteinander verbunden waren (Abenteuer im weitesten Sinne verstanden); wenn sich dann alles auch noch in einem fremden Land abspielte, übte das Exotische zusätzlich einen Reiz aus. Zu denen, die dem eigentlichen Liebesroman den Weg bereiteten, zählte nicht nur Euripides, sondern auch die Verfasser der sog. Neuen Komödie und der hellenistischen Elegie. Es bildete sich ein bestimmtes Handlungsschema heraus, das 1. aus der (mitunter abenteuerlichen) Annäherung der Liebespartner, 2. der Trennung der Liebenden (etwa durch Entführung o.ä.) und 3. der endlichen Vereinigung bestand. Vor allem der zweite Teil des Schemas ließ unendliche Variationen zu. Dieser Art des Liebesromans ist auch Longos zuzuordnen. Dennoch unterscheidet er sich von anderen solchen Romanen: erstens und vor allem durch den Einfluß der Hirtendichtung (Theokrit, Vergil), insbesondere die Verbindung von Bukolik und Erotik; zweitens dadurch, daß Longos die Darstellung der Liebesbeziehung und deren Entwicklung in den Mittelpunkt seines Romans stellt und nicht eine Fülle von Abenteuern; drittens schließlich fehlt jegliches exotische Element, stattdessen bleibt die Einheit des Ortes gewahrt; viertens betont Longos das Religiöse (Eros, Pan und Nymphen bestimmen das Leben der Liebenden, diese begegnen dem Göttlichen ehrerbietig und dankbar; auch weiht Longos sein Werk dem Eros, den Nymphen und dem Pan). Stil und Darstellung des Romans scheinen einfach, aber: „Das ganze Gedicht verrät die höchste Kunst und Kultur. Es ist so durchdacht, daß darin kein Motiv fehlt und alle von der gründlichsten besten Art sind, wie z.B. das von dem Schatz bei dem stinkenden Delphin am Meeresufer. Und ein Geschmack und eine Vollkommenheit und Delikatesse der Empfindung, die sich dem Besten gleichstellt, das je gemacht worden! Alles Widerwärtige, was von außen in die glücklichen Zustände des Gedichts störend hereintritt, wie Überfall, Raub und Krieg, ist immer auf das schnellste abgetan und hinterläßt kaum eine Spur. Sodann das Laster erscheint im Gefolg der Städter, und zwar auch dort nicht in den Hauptpersonen, sondern in einer Nebenfigur, in einem Untergebenen. Das ist alles von der ersten Schönheit. Man müßte ein ganzes Buch schreiben, um alle großen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen. Man tut wohl, es alle Jahr einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit aufs neue zu empfinden.“ Soweit Goethe am 20. März 1831 zu Eckermann. Diesem Urteil Goethes stehen Bewertungen entgegen, die von „abstoßend“ bis zum „Mißbehagen über diese Mischung süßlicher Poesie und nicht zu überbietender Deutlichkeit in der Behandlung geschlechtlicher Vorgänge und sexueller Perversität“ (R. Helm, 1947) reichen.

Noch Erhart Kästner meint, daß in diesem Roman „das Hirtenthema in eine gefährliche Rokoko-Nähe gerät, hart ans Süßliche, Lüsterne, Zierliche: an das, was man gezwungen ist, die Hirtenlüge zu nennen. Eine Frühlings-Erwachen-Geschichte für schon allzulange Erwachte.“ Die europäischen Literaturen sind nach dem Mittelalter in ihrer Wertung anders mit dem Roman umgegangen. Er hatte in der Folgezeit—zum großen Teil in Verbindung mit der antiken Hirtendichtung überhaupt, mit Theokrit und Vergil, mit der Vorstellung eines Arkadien, eines locus amoenus—einen großen Einfluss auf die byzantinische, italienische, französische, spanische, englische und deutsche Literatur.

In seiner Vorrede schreibt Longos, daß er ein Bild gesehen und dieses ihn veranlaßt habe, sein Werk zu verfassen: „In Lesbos auf der Jagd, in einem Haine der Nymphen, sah ich den schönsten Gegenstand, den ich je gesehen, ein Werk der Malerei, eine Geschichte der Liebe. Schön war wohl auch der Hain, baumreich, blumengeschmückt und wohlbewässert: Eine Quelle nährte Alles, sowohl die Blumen als die Bäume. Ergötzlicher aber war das Gemälde, welches überschwengliche Kunst zeigte, und ein Abenteuer der Liebe; daher denn auch viele Fremde dahin kamen auf des Bildes Ruf, Verehrer der Nymphen und Bewunderer des Kunstwerks. Kreisende Weiber sah man darauf; andere, die etwas mit Windeln schmückten; ausgesetzte Kinder; nährende Tiere; wegtragende Hirten; Liebesvereine der Jugend; einen Streifzug von Räubern, einen feindlichen Einfall. Als ich nun vieles andere noch und alles voll von Liebe sah und bewunderte, ergriff mich ein Verlangen, mit dieser Schilderei wetteifernd zu erzählen. Nachdem ich mir also einen Erklärer des Bildes ausgesucht hatte, arbeitete ich vier Bücher aus, ein Weihgeschenk dem Eros, den Nymphen und dem Pan; allen Menschen aber ein erfreuliches Besitztum, das dem Kranken zur Heilung, dem Trauernden zum Trost, dem Liebeskundigen zur Erinnerung, dem Unkundigen zur lehrenden Vorbereitung dienen wird. Denn keiner ist je dem Eros entflohen oder wird ihm entfliehen, so lang es Schönheit gibt und Augen sehen. Uns aber verleihe der Gott, die Geschichte der Anderen mit nüchternem Sinne zu schreiben.“
Auch wenn es vergleichbare Einleitungen gibt und Longos Vorbildern gefolgt sein könnte, ist nicht auszuschließen, daß diese seine Angaben auf Wahrheit beruhen.

Dieser Aufnahme liegt die Übersetzung von Friedrich Jacobs zugrunde, die schon Goethe kannte.


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