About this Recording
NHB20092 - KELLER, G.: Kleider machen Leute
German 

Kleider machen Leute

„Kleider machen Leute“ ist 1874 im zweiten Teil des Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“ erschienen. Seldwyla ist eine fiktive Stadt, an deren Bewohnern Keller die vorherrschenden Tendenzen seiner Zeit darstellt: die zunehmende Macht des Geldes, die zu Besitzgier, Neid, Konkurrenzkampf führt und menschliche Beziehungen zerstört. In „Kleider machen Leute“ geht es um das Verhältnis zwischen Sein und Schein. Die romantische Figur des wandernden Schneiders Wenzel Strapinski dient dazu, die geistige Enge der bürgerlichen Existenzen des Städtchens Goldach zu entlarven. Wenzels kostbarer Mantel und sein melancholisches Aussehen führen die Bürger von Goldach dazu, ihre eigenen Wünsche in ihn zu projizieren und ihn als Grafen zu behandeln. Sein „aristokratisches“ Verhalten kommt dem entgegen, von sich aus fördert er das Mißverständnis nicht. Auch für die Amtstochter Nettchen ist er der romantische Märchenprinz, auf den sie schon immer gewartet hat. Es kommt, wie es kommen muß: die Täuschung fliegt auf. Doch Nettchen wendet sich nicht etwa—wie es die Konvention verlangen würde—entrüstet von ihm ab, sondern sie entlockt ihm die Wahrheit und steht zu ihm. Nun erst sind die beiden Liebenden imstande, den romantischen Schein abzuwerfen und die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist. Indem sie ihrem natürlichen Gefühl folgen und nicht den gesellschaftlichen Konventionen, gelangen sie in den „wahren“ bürgerlichen Zustand—aber dieser Zustand wird eben nicht besinnungslos, sondern durch einen bewußten Entschluß herbeigeführt. Wenzel wird ein erfolgreicher Kaufmann und zeugt mit Nettchen viele Kinder. Das Spiel mit Sein und Schein, Realität und Täuschung gestaltet Keller mit viel Humor und Verständnis fürFiguren die, jedoch auch mit Distanz zu ihnen. Diese Haltung macht die angenehm milde Menschlichkeit der Erzählung aus, die gerade dadurch zeitlos wird.


Close the window