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NHB40022 - STORM, T.: Schimmelreiter (Der)
German 

Der Schimmelreiter

In seinem 67. Lebensjahr, Anfang 1885, begann sich Theodor Storm mit einem „mächtigen Deichsagenstoff“, mit einer „gewaltigen Deichsage“ zu beschäftigen, von der er schon als Kind gelesen hatte. Storm wußte, daß er sich an eine schwierige Aufgabe heranmachte („es gilt vorher noch viele Studien“, und diese würden „sehr weitläufig sein“). Daher hatte er vor „der Deichnovelle einige Furcht“. Dennoch machte er sich an die Arbeit, holte Erkundigungen ein über die Geschichte des Deichbaus und über die Deichbaumeister, zog alte Chroniken zu Rate, nahm Müllenhoffs Sammlung „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg“ (Kiel 1845) wieder vor—an der er selber einmal mitgearbeitet hatte—und las dort: „Wenn ein Damm…halten  solle, müsse was Lebigs da hineingeworfen und verdämmt werden“, fand dort auch die Sage „Das vergrabene Kind“. Die Geschichte vom Schimmelreiter aber, die er als Kind gelesen hatte—„das Wochenblatt, worin er abgedruckt war“ –, konnte er nicht wiederfinden; er erinnerte sich nur daran, daß sie nicht in Schleswig-Holstein gespielt habe, aber „als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hierher“ passe. (Diese Geschichte fand der Literaturwissenschaftler Karl Hoppe erst 1949 in den „Lesefrüchten vom Felde der neuesten Literatur des In- und Auslands“, Band 2, Hamburg 1838, herausgegeben von J.J.C. Pappe; dies war ein Nachdruck der Geschichte „Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer“, die in der in Danzig erschienenen Zeitschrift „Danziger Sturmboot“ Nr. 45 vom 14.04.1838 zu lesen war.)

Im Juli 1886 begann Storm mit der Niederschrift, die dann—anderer Arbeiten wegen oder aus Krankheitsgründen— immer wieder unterbrochen werden mußte. Die Schwierigkeit sah Storm darin, „einen Deichspuk in eine würdige Novelle zu verwandeln, die mit den Beinen auf der Erde steht“, „ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen“. Am 09.02.1888 hieß es endlich: „Heute vormittag 11 Uhr den ,Schimmelreiter’ beendet.“

Das Geschehen spielt im 18. Jahrhundert, und zwar „irgendwo hinter den Deichen in der nordfriesischen Marsch“. Storm verwendet dabei die Form einer Rahmenerzählung, er selbst als Verfasser bleibt dabei scheinbar außen vor. Ein alter Mann erinnert sich an die Lektüre einer Zeitschrift in seiner Jugendzeit—der erste Erzähler; ein reisender Reiter sieht eine dunkle Gestalt auf einem hochbeinigen Schimmel an sich vorbeireiten, ohne daß ihm ein Laut zu Ohren gekommen wäre—der zweite Erzähler; ein Schulmeister erzählt die Geschichte vom Schimmelreiter—der dritte Erzähler; am Ende der Erzählung reitet der zweite Erzähler weiter und schließt damit einen Rahmen; der erste Erzähler wird nicht weiter erwähnt.

Der zweite Erzähler ist ergriffen von einem für ihn realen, grauenhaften, aber unerklärbaren Erlebnis. Der dritte Erzähler, der Schulmeister, versucht alles rational zu erklären—was ihm allerdings nicht immer gelingt—und wird während seiner Schilderung mehrfach durch eine drohende Sturmflut unterbrochen. Es ergeben sich daraus verschiedene Zeitebenen, die von Storm so unauffällig kunstvoll ineinander verwoben sind, daß es dem Leser wie notwendig, einfach und klar vor Augen steht. Die verschiedenen Zeitschichten sind: erster Erzähler—1888; zweiter Erzähler—1830; 3. Erzähler—1830, dessen Erzählung vom Schimmelreiter spielt um 1750, wird jedoch mehrfach unterbrochen durch die 1830, also in der Gegenwart von Erzähler 2 und 3, drohende Sturmflut.

Der Protagonist der Erzählung, Hauke Haien, von hagerer Gestalt, mit „langem Friesengesicht“ und grauen Augen, wird dargestellt als ein kluger, technisch begabter, fleißiger, verantwortungsvoller Mann, zugleich aber als ehrgeizig, durch seine Überlegenheit arrogant wirkend, machtbewußt und von einer Idee—dem neuen Deich—besessen. Gegen den Widerstand von Trägheit und Aberglauben kämpft er mit Härte, ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen sein Ziel verfolgend, einsam und freudlos. Unheimliche Vorboten kündigen Unheil an: die Krankheit seiner Frau, die Geburt einer schwachsinnigen Tochter, eine eigene Krankheit und die Entdeckung einer schadhaften Stelle im alten Deich. Als infolge einer Sturmflut der alte Deich bricht, Frau und Kind ertrinken und sich Hauke als schuldig an dem Unheil erkennen muß, stürzt er sich mit seinem Schimmel in den Abgrund.

Die Novelle—„,Novelle’ braucht es nicht genannt zu werden; etwa: ,eine Deichgeschichte’ oder ,Eine Geschichte aus der Marsch’“—erschien zuerst in „Deutsche Rundschau“ 55 (April 1888), die erste Buchausgabe im selben Jahr. Die Reaktion der Freunde und der Öffentlichkeit war positiv. Erich Schmidt meinte 1888 in seinem „Jubelbrief“ an Storm unter anderem: „Ich staune über die Wucht und Größe, die sie als Siebziger für den ,Schimmelreiter’ aufbieten konnten…“


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