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Bernd Hoppe
Opera Lounge, December 2015

Spektakulär und ehrgeizig eröffnete Barrie Kosky 2012 sein Amt als Intendant der Komischen Oper Berlin mit einer aufwändigen Monteverdi-Trilogie, in der alle drei Opern des Komponisten hintereinander gezeigt wurden. Ein Marathon von zwölf Stunden Theater, ein einzigartiges Projekt, das nun von ARTHAUS als Schuber mit fünf DVDs (109078) veröffentlicht wurde und in einem Abstand von drei Jahren rückblickend eine nochmalige Beurteilung ermöglicht. Dass Kosky kein Stilpurist ist, bewies er mit der Verpflichtung der aus Taschkent stammenden Komponistin Elena Kats-Chernin, die Monteverdis Musik neu instrumentierte und das Orchester um fremdartige Instrumente—Akkordeon, Bandoneon, Cimbalon und Djoze—bereicherte, was ein gänzlich neues Klangbild mit exotischen Farben ergab. André de Ridder am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin versteht es souverän, diese ungewohnten Töne mit dem festlich-pompösen Fanfarenglanz der Bläser aus den Rang-Logen zu mischen. Auch die Chorsolisten des Hauses (Einstudierung: André Kellinghaus) erfreuen mit fröhlich-vitalen wie würdevoll-feierlichen Gesängen. Und sie vereinen sich mit den Tänzern in der Choreografie von Otto Pichler in einer paradiesischen Idylle zu ausgelassener Fröhlichkeit und Sinnlichkeit. Zu dieser Stimmung trägt vor allem Katrin Lea Tag bei, die eine üppig blühende und wuchernde arkadische Landschaft auf die Bühne zauberte, gar im Zuschauerraum liebliche Vögel flattern ließ und gemeinsam mit Katharina Tasch die vielfältigen Kostüme entwarf. Da gibt es lustvolle halbnackte Faune in ihren Fellhosen, barbusige Blumenmädchen und bunte Sommerkleider für die Schäferinnen. Und in der Figur des Amor, der Spielführer des Geschehens in Orpheus ist und in Travestie-Kostümierung mit Blütenkranz im Haar und rosa Röckchen auftritt, sieht man ein prägnantes Beispiel von Koskys ästhetischem Credo, das glamouröses Entertainment, queere Lebensfreude und schrille Transgenderwelt einschließt. Peter Renz lässt einen charaktervollen, prägnanten Tenor von gestochener Diktion hören. Ein attraktiver jungmännlicher Orpheus ist Dominik Köninger mit sonorem lyrischem Bariton, der aber in den Schlüsselszenen auch dramatische Akzente setzt und mit expressiver Deklamation besticht. Für die stärksten darstellerischen Momente sorgt er bei der Nachricht von Eurydikes Tod und in der von existentiellem Schmerz erfüllten Finalszene. In dem kleinen See in der Bühnenmitte, auf dem zuvor ein gefaltetes Papierschiffchen die Fahrt über den Styx in die Unterwelt symbolisiert hatte, folgt Orpheus seiner Geliebten (Julia Novikova mit zartem, lieblichem Sopran) in den Tod. Beiden sind Marionetten-Doubles zugeordnet, die der Puppenspieler Frank Soehnle virtuos zu führen weiß. Einen profund-sonoren Bass lässt Alexey Antonov als Pluto erklingen, während es Stefan Sevenich als Charon vor allem in der Tiefe an stimmlicher Autorität mangelt. Theresa Kronthaler ergänzt die Besetzung als energische Proserpina.

Im Odysseus sorgen Instrumente wie Harmonium, Kora und Oud für orientalische wie argentinische Klänge. Eine spartanische Landschaft mit herbstlich kahlen Bäumen steht für den Verlust Arkadiens, die Kostüme spiegeln unsere Zeit wider. Die seit Jahren auf ihren Mann wartende Penelope singt Ezgi Kutlu ausdrucksstark mit samtigem Mezzo und gibt auch optisch ein eindrucksvolles Bild der treuen Gattin ab. Peter Renz, der als Amor die drei Opern verbindet, ist hier zur zynisch-fiesen, gealterten Drag Queen mutiert und offenbart mit dem höhnischen Verlachen Penelopes seinen perversen Charakter. Im strengen dunklen Kostüm erscheint Christiane Oertel als Euryklea wie eine gestrenge Gouvernante und bestätigt auch stimmlich diesen Eindruck. Penetrant klingt der Sopran von Mirka Wagner als Penelopes Dienerin Melanto in grellem Outfit, die sich mit Eurymachos (Adrian Strooper tenoral unauffällig) derb und schamlos vergnügt. Günter Papendell ist in der Erscheinung ein viriler Odysseus, singt eloquent, klangvoll und in seinem existentiellen Schmerz bewegend. Bei seiner Rückkehr sieht man ihn noch mit der Pistole am Schädel, seine Klage nimmt bald pathologische Züge an und steigert sich bis zur Raserei. Minerva (Annelie Sophie Müller in androgyner Ausstrahlung) rät ihm, zunächst unerkannt zu bleiben. Jens Larsen, Christoph Späth und Tom Erik Lie geben als Karikaturen die drei Freier Antinoos, Pisandro und Amphinomos, denen Penelope standhaft widersteht. Die Nachricht von Odysseus’ Rückkehr, überbracht von Eumaios (Thomas Michael Allen mit prägnanten Tönen), versetzt sie in Schrecken. Doch zunächst gibt dieser sich nur seinem Sohn Telemachos (Tansel Akzeybek vital und mit jugendlichem Tenor) zu erkennen. Den Zweikampf mit dem hochmütigen Prahler Iros (Peter Renz gebührend grotesk), vom Orchester rasant illustriert, gewinnt er ebenso spielend wie das Kräftemessen beim Bogenspannen mit den Freiern, die er danach erschießt. Die Begegnung von Penelope und Odysseus bringt nach Irritation und langen Zweifeln endlich das Glück des Wiederfindens mit beider wunderbarem Schlussduett.

Eine schroffe Felsenlandschaft bestimmt optisch die Poppea, die Brigitte Geller mit expressiver Stimme und verführerischer Aura von starkem körperlichem Einsatz gibt, wie man es von ihr bisher in dieser totalen Hingabe noch nicht erlebt hat. Ungewöhnlich und nicht passend ist die Besetzung des Nero mit einem Bariton—in diesem Fall einem langjährigen Ensemblemitglied des Hauses, Roger Smeets. Ihm fehlen die lüstern-lasziven Farben, auch optisch wirkt er zu seriös-väterlich. Umwerfend ist Thomas Michael Allen als Poppeas Amme Arnalta—eine rauchende alte Schlampe mit rosa Schürze und üppigen Hängebrüsten. Stimmlich bleibt er mit seinem prägnanten Tenor—bis auf wenige beabsichtigte vokale Ausschweifungen—im seriösen Bereich. Bei Arnaltas Schlaflied für Poppea lässt er sogar betörende Töne vernehmen. Deren Konkurrentin, die noch amtierende Kaiserin Octavia, ist mit der gesanglich expressiven Helene Schneiderman eine alternde Schönheit, die dem Alkohol zuspricht. Ihre Amme sorgt für regelmäßigen Nachschub auf dem Getränkewagen und rät zu einem neuen Liebhaber. Tom Erik Lie im karierten Rock gibt hüftschwingend ein Paradestück samt vokaler Zirkusnummer.

Merkwürdig kostümiert im grauen Faltenrock ist Seneca (Jens Larsen mit brummigem Bass), der von Nero sexuell malträtiert wird und später ein kreatürliches Bild abgibt, wenn er in seiner totalen Blöße zwischen den Felsen und seiner Bücherwand umher kriecht und dann Neros Befehl zur Selbsttötung ausführt. Eimer voller Blut schütten drei Todesengel über den Nackten, der zur roten Statue erstarrt. Danach geben sich Poppea und Nero mit umso größerer Lust ihrem Verlangen hin und beziehen gar noch einen lasziven Jüngling in ihr perverses Spiel ein, wie überhaupt das ausschweifende Treiben in Rom mehr und mehr dekadente Züge annimmt.

Der Otho ist mit Theresa Kronthaler en travestie besetzt, optisch gebührend androgyn, stimmlich solide und darstellerisch besonders intensiv. Auch der Valletto von Tansel Akzeybek vermag mit frischem Tenor, der über imposante Spitzentöne verfügt, und agilem Spiel zu gefallen. Seine Damigella, die wie eine Internatsschülerin daherkommt, ist Ariana Strahl mit munterem Sopran.

Nach dem von Octavia initiierten, doch vereitelten Mordversuch an Poppea und der Aufklärung aller damit verbundenen Verwirrungen werden Otho, Drusilla und Ocavia von Nero nicht nur verbannt, wie es das Libretto sagt, sondern von ihm erschossen. Bis zum Schluss ungebrochen war der Stolz der Kaiserin, ihr Abschied von Rom beginnt stammelnd und steigert sich zum schmerzlichen Lamento. Vor dem finalen Duett von Nero und Poppea, das beide gealtert und gezeichnet zeigt, hat Arnalta noch einen spektakulären Auftritt im Glitzerfummel, den Thomas Michael Allen wiederum brillant auskostet. Am Ende ihres Gesanges versinken der Kaiser und seine neue Gattin wie in ihr eigenes Grab.

Mit dieser einzigartigen Produktion ist der Komischen Oper Berlin eine ganz ungewöhnliche Lesart von Monteverdis drei Werken gelungen—musikalisch innovativ, szenisch provokant. Dank an ARTHAUS für diese wichtige Dokumentation. © 2015 Opera Lounge





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