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Album Reviews



 
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Oliver Fraenzke
The New Listener, November 2016

Alle Symphonien Ludwig van Beethovens einzuspielen: dieser Mammutaufgabe stellte sich nun Philippe Jordan gemeinsam mit dem Orchestre de l’Opéra National de Paris. Bei Arthaus Musik ist das Resultat in Bild und Ton auf vier DVDs erschienen.

Äußerst repräsentativ erscheint die große Box, mit welcher sich Philippe Jordan in den Kanon derer einreiht, die alle neun Symphonien Beethovens kommerziell festgehalten haben. In einer äußerst stabilen breitformatigen Box befinden sich ein Hardcover-gebundenes und reichlich mit Bildern bestücktes Booklet sowie drei DVD-Hüllen mit insgesamt vier DVDs, auf welchen die neun Meisterwerke sowie eine Dokumentation von Reiner E. Moritz über Philippe Jordan zu finden sind.

Auch die Bildaufnahmen können sich durchaus sehen lassen, die Aufnahmequalität ist bestechend scharf und makellos, die Kameras sind wohl positioniert. Die Schnitte sind allesamt recht musikalisch gesetzt, und auch die Kamerafahrten wirken nie planlos. Das Bild ruht nicht zu lange auf einer Stelle, springt aber auch nicht allzu wild herum, beleuchtet dabei oft auch interessante Details, die durch die visuelle Hervorhebung besonders nachdrücklich zu Gehör gebracht werden.

Mit großen Gesten und mächtigem Pomp geht Philippe Jordan an die Gratmesser-Werke seiner Zunft. Das Orchester intoniert triumphal wahre Siegesmärsche, glänzt in den höchsten Lagen. Die Tempi sind durchweg schnell und nach vorne drängend, auch die langsamen Sätze nimmt Jordan recht zügig. Dies hat unweigerlich die Unterbelichtung subtiler Details zur Folge, doch ist erstaunlich, dass das Orchester selbst in den hektischsten Passagen lupenrein synchron spielt, scheinbar vollkommen ohne Probleme. Die Bewegungen Jordans beim Dirigieren sind weit ausladend und machen optisch großen Eindruck, dienen jedoch oftmals mehr der Show als der Musik. Daraus resultierend verschleift gerne der Rhythmus, der nicht genau vorgegeben wird, besonders die Punktierungen leiden darunter—extrem zu hören ist dies im langsamen Satz der Eroica, im ersten Satz der fünften Symphonie (wo schon der zweite Einsatz nicht auftaktig wirkt) sowie im berüchtigten Kopfsatz der siebten Symphonie, vom dem Celibidache einst sagte, er sei das schwerste Stück der symphonischen Literatur. Eine zweite Konsequenz der Gesten des Dirigenten ist, da sie nicht immer der natürlichen Phrasierung entsprechen, dass das Orchester zu monochromer Gleichförmigkeit neigt, was gerade in den Tutti-Passagen—vor allem in der neunten Symphonie—zu marschähnlicher Pauschalisierung führt. Dies wirkt zwar sehr prächtig, pompös und eindrucksvoll, unterdrück jedoch in gleichem Maße alles Mannigfaltige, Flexible in diesen so minutiös durchstrukturierten Werken. Sehr angenehm klingen die Männersoli in der Neunten (Robert Dean Smith, Günther Groissböck), besonders der Tenor ragt durch klare Tongebung und eine außergewöhnliche Stimme hervor. Bedauerlich ist, dass die Mezzo-Sopranistin Daniela Sindram von der übermächtigen Sopranistin Ricarda Merbeth zugedeckt wird. Der von José Luis Basso einstudierte Chor ist streckenweise schlecht abgestimmt und gerade in der großen polyphonen Aufgipfelung, wo sich die einzelnen Themen noch einmal gegenseitig überlagern, geht dann doch eine ganze Menge unter.

Es ist letztlich der Pomp, der siegt, der große mitreißende Effekt, der die Zuschauer zum Jubeln bringt. Publikumswirksam ist diese Gesamtaufnahme aller Symphonien Beethovens zweifelsohne, sie erfüllt das Klischee vom zornigen Meister, wobei es leider durchaus an so einigem fehlt, was nicht weniger in diesen Meisterwerken auf subtileren, feinfühligeren Ebenen existiert, sofern man nicht lediglich dem Bann der extrovertierten Kraftdemonstration erliegen würde. © 2016 The New Listener



Guido Krawinkel
Klassik heute, October 2016

Ludwig van Beethoven—dieser Name steht für den Klassik-Olymp. Es gibt wohl keinen ernsthaften Musiker, der etwas auf sich hält, und der sich nicht mit Beethovens Werk beschäftigt. Und so verwundert es nicht, wenn auch ein ausgewiesenes Opernorchester eine DVD-Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sinfonien veröffentlicht. Für dessen Kernrepertoire ist Beethovens Beitrag mit dem Fidelio als einziger Oper eher bescheiden ausgefallen, außerdem ist eine solche Aufnahme ein wichtiger Baustein im Portfolio eines jeden großen Orchesters, zumal wenn es sich um ein solch renommiertes wie das Orchester der Pariser Nationaloper handelt. Denn daran, dass es sich hier um ein Spitzenorchester handelt, dürfte kein Zweifel bestehen. Zudem steht mit Arthaus ein ebenso erfahrenes wie anspruchsvolles Label zur Verfügung, das auch in diesem Fall den gewohnten Qualitätsmaßstäben genügt.

Mit Philippe Jordan steht der derzeitige Musikdirektor der Pariser Oper und damit der künstlerische Leiter dieses formidablen Orchesters am Pult, der gleichzeitig auch Chefdirigent der Wiener Symphoniker ist. Letztere gehören auch nicht gerade zur zweiten oder dritten Liga und so hat sich Jordan ein ziemlich sportliches Programm auferlegt. Sportlich muss man seinen Zugang zu Beethovens Sinfonien zwar nicht nennen, da sind ihm andere Dirigenten—vornehmlich solche, die dezidiert der historisch informierten Aufführungspraxis fröhnen—durchaus noch voraus.

Jordan setzt auf einen sozusagen aufgeklärten Ansatz, bezieht aktuelle Erkenntnisse der Beethoven-Forschung ebenso wie Erfahrungswerte aus der musikalischen Praxis der Beethoven-Zeit mit ein, etwa wenn es um die Frage des Tempos und der Metronomzahlen oder die Größe und Besetzung des Orchesters geht. Hier ist Jordan meilenweit vom genialisch-verklärenden Ansatz früherer Generationen entfernt und präsentiert „seinen“ Beethoven modern, entschlackt und insgesamt auf der Höhe der gegenwärtigen Musikpraxis. Nur beim stellenweise mit sehr viel Vibrato singenden Chor der Pariser Nationaloper und den Solisten in der neunten Sinfonie muss man kleinere Abstriche machen.

Das schlüssige Konzept zeigt sich sowohl an der Größe des nicht in Riesenbesetzung spielenden Orchesters als auch am interpretatorischen Zugriff. Jordan ist zwar zügig aber nie überstürzt unterwegs. Der feine und äußerst kultivierte Orchesterklang ist erhaben aber nie zu pastos. Jordan präsentiert eine insgesamt überaus gelungene Aufnahme der Sinfonien Beethovens. Alles hat Biss, Eleganz und eine dezidierte musikalische Aussage, die ohne Extreme auskommt. Denn eines sind Jordan und die Musiker des Orchesters der Pariser Nationaloper ganz gewiss nicht: Bilderstürmer. Sie versuchen „ihren“ Beethoven nicht krampfhaft auf neu oder sensationell zu trimmen, sondern besinnen sich auf die Substanz der Musik und lassen diese durch ihre erfreulich unprätentiöse Interpretation ganz für sich sprechen. Und das macht diese ausgezeichnete Aufnahme so überzeugend. © 2016 Klassik heute





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