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Album Reviews



 
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Oliver Fraenzke
The New Listener, June 2017

SCHUBERT, F.: Winterreise (Fischer-Dieskau, Brendel) (NTSC) 109317
SCHUBERT, F.: Winterreise (visualized by William Kentridge) (Goerne, Hinterhäuser) (Blu-ray, HD) 738104

Nicht nur in Miroslav Srnkas Oper South Pole kann der Hörer gleich zwei Erkundungstouren durch Schnee und Eis erleben, nein, auch der Vertrieb Naxos ermöglicht derlei Gegenüberstellung durch zwei Neuerscheinungen von Franz Schuberts unvergänglchem Liederzyklus ‚Winterreise’. Fünfunddreißig Jahre liegen zwischen den Aufnahmedaten, und sowohl in akustischer wie in optischer Hinsicht sind deutliche Unterschiede zu verzeichnen.

Die Stimme Dietrich Fischer-Dieskaus prägte Generationen und entzieht sich aufgrund des massiven Einflusses fast schon einer objektiven Besprechung. Manche kritisieren seine Unbeteiligtheit am textlichen Geschehen und die Starrheit seines Tonfalls, andere bevorzugen eben diese nüchterne Passivität und Schlichtheit—und beide Seiten haben in gleichem Maße Recht. Mechanisierungen und gelegentliche, nicht dem musikalischen Phrasenfluss entsprechende Schwerpunktsetzungen stechen unangenehm ins Ohr, doch lässt seine Zurückhaltung Platz für freie Entfaltung der innermusikalischen Bedeutung, viele melodischen Finessen treten unerwartet hervor. Nicht der Sänger steht im Mittelpunkt, sondern die Musik. Legendär sind die Kontraste, die Fischer-Dieskau erschafft und damit bei präzisester Verständlichkeit einzelne Passagen stimmlich voneinander abhebt, geradezu schon, als wären mehrere Sänger am Start, die da zusammenwirken. Zu statisch hingegen agiert Alfred Brendel als Klavierpartner, der kaum Nuancierungen und dynamische Feinheiten plaziert. Er bleibt stets im Schatten des Sängers, verleiht ihm nicht den nötigen Widerpart, der auch durch die Tasten singen sollte.

Leidenschaftlicher involviert gibt sich Matthias Goerne in der neueren Einspielung aus Frankreich. Seine Stimme funkelt in unzähligen Abschattierungen und blühender Lebendigkeit, bleibt dabei immer klar und meist auch gut verständlich. Manchmal lässt er sich jedoch etwas zu sehr hinreißen von überschäumenden Emotionen und der Kontext bricht in sich zusammen, was gerade die so hinreißende Schlussnummer „Der Leiermann“ aufgebürdet bekommt, die ihre Simplizität und unschuldige Natürlichkeit einbüßt. Doch überwiegend stellt auch Goerne die Musik in den Mittelpunkt, reflektiert genauestens innermusikalische Prozesse und rückt vieles ans Licht, was meist verborgen bleibt. Erstaunlich sanft und flexibel ist Goernes Vibrato? Allgemein legt er eine introvertiert zarte Seite offen, der Oberflächlichkeit fremd ist. Am Klavier bleibt Markus Hinterhäuser wie schon Brendel eher im Hintergrund, doch auch dort phrasiert er konturiert und vernachlässigt nicht das harmonisch so ausgeklügelte Konstrukt, auf dem sich der Gesang erst entfaltet. Die Visualisierung durch William Kentridge bringt—gerade im Gegensatz zum dunkel-monochromen Erscheinungsbild bei Fischer-Dieskau und Brendel—Abwechslung und einige stimmungsvolle Elemente ein, lenkt dabei nicht übermäßig von der Musik ab, bringt allerdings auch keinen signifikanten Mehrwert in die Aufführung hinein. © 2017 The New Listener



Rüdiger Winter
Opera Lounge, March 2017

Eine Text über Winterreisen, die neu oder wieder auf den Markt gelangen, kommt ohne Dietrich Fischer-Dieskau nicht aus. Es geht bei diesem Thema nun mal nicht ohne ihn. Zwischen dem Namen dieses Sängers und Schuberts Liedern steht so etwas wie ein Gleichheitszeichen. Fischer-Dieskau dürfte die mit Abstand meisten einschlägigen Produktionen und Mitschnitte von Schubert-Liedern hinterlassen haben, darunter mindestens achtmal die Winterreise. Stimmt diese Aufzählung, dann ist die neue DVD-Ausgabe bei Arthaus die neunte (109317). Am Klavier sitzt Alfred Brendel. Produziert wurde die Aufnahme bereits 1979 in der prachtvollen Berliner Siemens-Villa, in der es einen eigenen Konzertsaal gibt. Ihren Mehrwert gewinnt diese Aufnahme für den ehemaligen Sender Freies Berlin (SFB) durch ihren einzigartigen Bonus. Während der Probe liefen die Kameras bereits mit, was beide Künstler zu vergessen schienen. „Das Resultat ist die Dokumentation einer völlig unbefangenen Arbeitsatmosphäre, bestimmt von persönlichem Respekt voreinander, bei gleichzeitiger großer Offenheit in der Diskussion künstlerischer Fragen“, wird im Vorspann völlig zu Recht herausgestellt. Wie kein anderer Komponist hat Schubert seine lange Karriere geprägt und er die Interpretation des Zyklus´. Der Sänger kam nie von ihm los, hat nach immer neuen Ansätzen und Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Die Ergebnisse sind bekanntermaßen unterschiedlich ausgefallen. © 2017 Opera Lounge




Guy Wagner
Pizzicato, February 2017

1979 entstand diese ‘Winterreise’-Einspielung in den Studios des Sender Freies Berlin. Erstmals veröffentlicht wurde sie von TDK, und bei dieser Gelegenheit erschien die Rezension von Guy Wagner (ϯ) in der Print-Ausgabe von Pizzicato.

Dietrich Fischer-Dieskau singt hier einen Zyklus, den er in all seinen Schattierungen und Nuancen kennt. Sein Partner ist Alfred Brendel, und der ist kongenial.

In der Aufnahme sind die beiden nur mit Kameras du Mikrophonen konfrontiert. Um aber keine Puzzlearbeit zu machen, haben sie den Liederzyklus wie ein Konzert, ohne Unterbrechung, aufgezeichnet. So erreichen sie die nötige Kontinuität, die das Seelendrama erst zu einem geschlossenen Ganzen macht.

Fischer-Dieskau kennt diese Musik in- und auswendig, und so versteht er auch, sie konsequent aufzubauen und zu einer Lebensparabel zu machen. Jedes Wort, jede Stimmnuance zählt, wird vom Klavier übernommen und weitergeführt. Und man soll nur nicht meinen, Brendel kenne seinen Schubert nicht. Er ist schließlich einer der ersten gewesen, der sich konsequent für ihn eingesetzt hatte, als er noch lange nicht die Bedeutung besaß, die er heute hat.

Fischer-Dieskau setzt nicht zu stark auf, nuanciert gut, wirkt fließend und selbstverständlich. Und dabei behauptet man immer, Fischer-Dieskau sei manieriert gewesen. Würde ich so nicht behaupten: Schon sein von der Kamera unerbittlich festgehaltenes Gesicht sagt so viel über den Gehalt jeden Liedes aus, dass dieser für jeden verständlich wird. Es wird noch verständlicher, wenn man die 56-minütige Zusatzdokumentation betrachtet, die die Probenarbeit zeigt und deutlich macht, wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem Zyklus für beide Interpreten gewesen ist. Auch dies ist eine Lehrstunde. © 2017 Pizzicato





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