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Bernd Hoppe
Opera Lounge, May 2018

Erst jetzt veröffentlicht Naxos/Unitel die bereits vor drei Jahren in der Oper Stuttgart aufgenommene Produktion von Jommellis Dramma per musica Il Vologeso (2 DVD 2.110395-96). Die Württembergische Staatsoper hatte in der Saison 2014/15 den 300. Geburtstag des Komponisten zum Anlass genommen, den Vologeso als eines seiner zentralen Werke unter dem Titel Berenike, Königin von Armenien herauszubringen. Es war die erste szenische Aufführung nach fast 250 Jahren. Dabei hatte der Komponist im Dienste des Herzogs von Württemberg Stuttgart von 1753 bis 1768 zu einer Metropole europäischer Opernkultur erhoben, doch gerieten seine Werke später in Vergessenheit. Vor 20 Jahren realisierte Frieder Bernius in Form einer konzertanten Aufführung (mit CD-Einspielung) die Wiederentdeckung der Oper in moderner Zeit.

Ein Jahr hat Berenice um ihren vermeintlich gefallenen Verlobten Vologeso, König der Parther, getrauert. Fast gibt die Königin dem Werben des siegreichen römischen Feldherrn Vero, der sich in sie verliebt hat, nach, da kehrt der tot geglaubte Geliebte schwer verstümmelt zurück. Berenice steht nun zwischen zwei Männern, aber auch Vero ist im Konflikt zwischen Berenice und seiner Verlobten Lucilla. Der letzte Akt bringt das traditionelle lieto fine—Vero bittet Lucilla um Vergebung und wird römischer Kaiser; Berenice und Vologeso sind wieder glücklich vereint

Liest man die Namen des Stuttgarter Produktionsteams, muss man sich auf einen Regietheater-Abend einstellen. Denn das im Dauereinsatz befindliche Duo Jossi Wieler/Sergio Morabito (Inszenierung) und die mit ihm untrennbar verbundene Anna Viebrock (Ausstattung) haben schon manchem Klassiker des Repertoires ihren eigenwilligen, oft befremdlichen Stempel aufgedrückt. Auch hier warten sie mit einer sehr divergierenden Optik auf. Im Hintergrund der Bühne ist ein Prospekt mit maroden Neubauten zu sehen, davor stehen Säulen von historischer Architektur, ein Brunnen und ein stufenförmiges Theaterpodest, auf dem das Spiel um Liebe und Macht gezeigt werden soll. Die Sänger in Jogging-Anzügen, T-Shirts und Turnschuhen legen ihre Kleidung teilweise ab und wechseln zu historischen Gewändern mit Gehröcken, Hüten und Perücken. Der Mix aus beiden Stilen bleibt während der gesamten Aufführung erhalten, immer wieder steigen die Sänger aus ihrer barocken Gewandung aus und legen ihre Perücken ab mit dem Ergebnis einer extrem auseinander klaffenden Ästhetik. Auch die Personenführung ist konfus, denn die Regisseure beziehen neben der Bühne auch den Orchestergraben und den Zuschauersaal in das Geschehen ein, was stets für Verwirrungen sorgt. Das lieto fine wird gebrochen, wenn Vero, den Lucilla mit Schärpe und Krone schmückt, sich von der Situation überfordert zeigt und bedrohlich schwankt. Eine Szene der Auflösung folgt, in der auch die Musik stockt, und die Sänger sich ihrer Kostüme entledigen.

Eine Besetzung von recht unterschiedlichem Niveau ist in Stuttgart versammelt. Den stärksten Eindruck hinterlässt der Tenor Sebastian Kohlhepp in der Rolle des Lucio Vero. Optisch ist er mit seiner strohblonden Haartolle und in der Physiognomie fast ein Trump-Double (eine erstaunliche Vision des Produktionsteams—war doch 2015 noch keine Rede vom neuen amerikanischen Präsidenten). Darstellerisch muss er Berenice mit albernen Spielchen, ob mit einem Fisch oder anderen ausgestopften Tieren, necken und sich in Begleitung seiner Verlobten Lucilla huldvoll dem Volk präsentieren wie der amerikanische Präsident. Gesanglich beweist er hohes Niveau in der perfekten Stimmführung und der Formung der Koloraturen. Seine Arie im 1. Akt, „Luci belle“, klingt schwärmerisch und lockend, die im 2., „Sei tra’ ceppi“, ist ein wilder Zornesausbruch, weil Vologeso sich weigert, ihm Berenice zu überlassen. Der deutsche Tenor meistert dieses Stück von heroischem Charakter mit Glanz. Die von Streichern zart umspielte Cavatina „Che farò“ zeigt dagegen seine lyrischen Qualitäten. Und zu Recht empfängt er für seine bravouröse Interpretation der Arie im 3. Akt, „Uscir vorrei“, die zwischen schmerzlich-klagender und grimmiger Stimmung wechselt, den stürmischen Beifall des Publikums.

Die weibliche Hauptrolle der Berenice nimmt Ana Durlovski mit einem interessant timbrierten Sopran wahr, dessen erregtes Vibrato für den Seelenzustand der Figur steht. Mit heftiger Attacke geht sie ihre Arie „Se vive il mio bene“ an, die einem verzweifelten Aufschrei gleicht. In „Tu chiedi il mio core“ weist sie energisch Veros Werben zurück, schwankt dabei immer wieder in ihrem Entschluss aus Angst um Vologesos Leben, was zu lyrischen Einschüben führt. Die Situation ist vergleichbar Konstanzes Martern-Arie in Mozarts Entführung im Anspruch an den dramatischen Affekt und die lyrische Emphase. Im Terzett am Ende des 2. Aktes eskaliert die Situation, denn Berenice hat Vero ihr Herz versprochen, das er ihr freilich aus dem Leib reißen müsse. Dieser fühlt sich getäuscht und rast, während Vologeso und Berenice in unerschütterlicher Liebe zueinander stehen. Der 3. Akt hält für die Sopranistin nach einem ausgedehnten Recitativo accompagnato eine große, vom Orchester filigran umspielte ombra-Arie bereit, in der Berenice von Visionen gepeinigt wird, Vologesos abgeschlagenes Haupt zu sehen.

Der Titelheld ist eine klassische Hosenrolle und Sophie Marilley setzt dafür einen passend strengen Mezzosopran ein. Mit vehementer Attacke schleudert sie die Koloraturen ihrer ersten Arie, „Invan minacci“, heraus, scheut als Ausdrucksmittel auch nicht verfärbte Töne oder Schreie. Die untere Lage ist etwas schwächer ausgebildet, wovon die Arie im 2. Akt, „Cara, deh“, zeugt. Mit Helene Schneiderman ist die Lucilla zu reif besetzt. Der Mezzo klingt ältlich und hat Mühe mit der Ausformung des vokalen Zierwerks, der Ausdruck wirkt verhärmt. Die Arie im 2. Akt, „Partirò“, schildert die Enttäuschung der Zurückgewiesenen, das Solo im letzten Akt, „Amor non sa“ ist ein munterer Diskurs über die Liebe. Eine akustische Prüfung ist Catriona Smith als Flavio, die zwar engagiert spielt und singt, aber mit grellem, jaulendem Klang nervt. Gleich die erste Arie „Crede sol“, bringt sie technisch an Grenzen, die im 2. Akt, „Rammentagli chi sei“, kann den Eindruck kaum verbessern. Die Besetzung ergänzt Igor Durlovski als Aniceto mit einem Counter von durchschnittlicher Qualität, der in seiner Arie „So ben comprenderti“ gleichfalls in Bedrängnis gerät.

Das Staatsorchester Stuttgart spielt Jommelis Musik in ihrer Mischung aus höfischer Galanterie, fein ziselierter, kammermusikalischer Transparenz und straffem Impetus unter Gabriele Ferros kundiger Führung engagiert und klangvoll. © 2018 Opera Lounge



Ingobert Waltenberger
Online Merker, April 2018

JOMMELLLI, N.: Vologeso [Opera] (Staatsoper Stuttgart, 2015) (NTSC) 2.110395-96
JOMMELLI, N.: Vologeso [Opera] (Staatsoper Stuttgart, 2015) (Blu-ray, HD) NBD0067V

Ja auch Stuttgart war einmal Nabel europäischer barocker Opernkunst: Genau für 15 Spielzeiten, als Jommelli 1753 bis 1768 am Württembergischen Hof engagiert war. Daran sollte zum 300. Geburtstag Jommellis in Stuttgart mit der Aufführung der Opera seria „Il Vologeso“ erinnert werden. 250 Jahre war es damals her, dass diese Oper zuletzt auf einer Bühne zu sehen war. Das populäre Sujet unter verschiedenen Titeln wie „Vologeso“ oder „Berenike“ wurde allein zwischen 1700 und 1816 ungefähr 100 mal vertont. Selbst für Jommelli war der hier zu sehende, am Hoftheater Ludwigsburg 1766 uraufgeführte Vologeso die zweite kompositorische Befassung mit dem Plot nach dem als „Lucio Vero“ 1754 in Milano herausgebrachten Stück. „Il Vologeso“ ist das musikalisch wohlgelungene Produkt einer Überarbeitung unter Zuhilfenahme der damals aktuellsten venezianischen Fassung Giuseppe Sartis. Worum geht‘s? Lucio Vero, Mitregent des römischen Kaisers Marc Aurel, hat sich auf dem Feldzug gegen die Parther in Berenike, Königin von Armenien und Braut seines totgeglaubten Gegners Vologeso, verliebt. Doch Vologeso lebt. Und auch die Kaisertochter Lucilla ist nicht bereit, ihren Anspruch auf die Hand ihres Verlobten Lucio Vero aufzugeben. Am Ende ein aufklärerisch angehauchtes, nachdenklich in der Gegenwart angesiedeltes „Happy end“.

 

Für die Regie zeichneten Sergio Morabito und Jossi Wieler (der Chefdramaturg und sein Intendant) verantwortlich. Ein wahrlich eingespieltes Team, das 36 gemeinsame Opernproduktionen in 25 Jahren erarbeitete. Das Stück wird von den beiden nicht ohne Komödiantik sachte an ein angsterfülltes Jetzt herangeführt. Spiel im Spiel, die brennende Frage im Gepäck, was Kunst in unsicheren, bürgerkriegsbedrohten Zeiten bewirken kann. Aber auch die Fragen nach der Identität und den eigentlichen Motiven der Handelnden interessiert Wieler/ Morabito, die alle Unsicherheit und das existenzielle Ringen der Figuren geschickt in eine exquisite Personenregie transponieren. Bühnen—und Kostümbildnerin Anna Viebrock hat in diesem Sinne eine durch Waffengewalt versehrte Stadt auf die Bühne gehievt, über die historisch Gemaltes als barocker Aufsatz gestülpt wird. Die solcherart hübschen Kulissen zitieren Fragmente aus Tintorettos „Die Fußwaschung“. Die Kostüme signalisieren die zwischen dem Jetzt und der imaginierten Antike verlaufenden Zeitebenen. Am Schluss der Oper zeigt sich raffiniert, dass wir der Zeit, in der wir leben, auch durch Kunst und Musik nicht entkommen können. Alle reissen sich die auf der Haut unangenehm gewordenen Kostüme sprichwörtlich vom Leib. Die Aufgabe stellt sich hier und jetzt, keine noch so ausgeklügelte Maskerade darf darüber hinwegtäuschen.

Die wahre Sensation der Aufführung ist die Musik, die spätbarocke Elemente mit wunderbar empfindsamer, zu Herzen gehender Melodik eint. Ein Feuerwerk an subtilen den Emotionshaushalt der Protagonisten in alle Richtungen abschreitenden Arien und Ensembles (ein Gustostück das Quartett am Ende des ersten Aktes) lässt den Hörer aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Sergio Morabito merkt zur Musik im Bookletaufsatz erhellend an: „Jommellis Musik horcht nach innen, in die Seelen der Figuren hinein—etwas von dem wir annehmen, dass es erstmals in der Musik Mozarts realisiert sei (der im Uraufführungsjahr der Berenike 10 Jahre alt war). In Jommellis Arien und Ensembles ist die barocke Einheit des Affekts außer Kraft gesetzt zugunsten eines filigranen Reichtums an Farben und Zwischentönen. man könnte sagen: Seine Gestalten sind sich selber zum Rätsel geworden. Die tastende Suche nach der eigene Emotion und der des Partners tritt an die Stelle ihrer barocke Zurschaustellung. Wir dürfen Jommelli als den ersten Psychologen der Opernbühne im modernen Sinn bezeichnen.“

Der integralen, strichlosen Aufführung liegt eine Computertranskription der Partitur zugrunde, die Frieder Bernius vor 20 Jahren für eine konzertante Wiedergabe anfertigte. Was die motivisch und kontrapunktisch außerordentlich verdichteten Streicherstimmen angeht, hat der mit allen barocken Wassern gewaschene Dirigent Gabrielle Ferro versucht, den Klang mittels dreier kleiner Streichergruppen im Raum klanglich aufzufächern. Das Resultat begeistert, zumal Ferro ungemein spannungsgeladen nicht nur allen dynamischen, instrumentalen und vokalen Details nachspürt, sondern eine große dramaturgische Klammer findet, in der der Humanismus der Musik wie ein Licht über die gesamter Oper und deren Protagonisten strahlt.

Die überwiegend aus Hauskräften formierte Besetzung gibt ein intensiv eingespieltes Ensemble ab. Stimmlich ist sie nicht ganz einheitlich: Äußerst positiv fallen der markant kernige Tenor des Sebastian Kohlhepp als Lucio Vero und der mächtige, koloraturengewandte Mezzo von Sophie Marilley in der Hosenrolle des Vologeso auf. Leider ist der Sopran der Ana Durlovski (Berenice) trotz dramatischer Qualitäten (zu) eng geführt und in der Höhe scharf. Der Countertenor Igor Durlovski (Aniceto) wiederum hat mehr Luft als Kontur in der Stimme, und irritiert durch massive Brüche in die Basslage. Die übrigen Rollen sind mit Helene Schneidermann (Lucilla) und Catriona Smith (Flavio) adäquat besetzt.

Fazit: Eine ganz wichtige Ausgrabung zur Wiederentdeckung des großartigen Niccolo Jommelli in einer klugen und feinen Inszenierung. Das Wagnis wurde zurecht in der Opernwelt mit der Auszeichnung „Wiederentdeckung des Jahres 2015“ belohnt. Auch die klangliche Qualität ist ganz hervorragend und genügt—was bei Videoproduktionen selten der Fall ist—hohen audiophilen Ansprüchen. © 2018 Online Merker



Operapoint, April 2018

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