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RĂ¼diger Winter
Opera Lounge, September 2020

Die Wiener Staatsoper ist aufs Land gegangen. Und zwar nach Mürzzuschlag im Nordosten der Steiermark. Eine idyllisch gelegene Kleinstadt mit um die achttausend Einwohnern. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek ist dort geboren. Am 30. März 1977 wurde im Kulturhaus Gaetano Donizettis komische Oper Don Pasquale aufgeführt—im Rahmen einer Arbeiterkammer-Tournee. Arbeiterkammer nennt sich in Österreich die gesetzliche Vertretung der Arbeitsnehmer. Historische Hintergründe sind aus dem Booklet zu erfahren. Da die Staatsoper als so genanntes Bundestheater von allen österreichischen Steuerzahlern finanziert wird, nicht alle aber Gelegenheit habe, das Haus zu besuchen, sollte auch die Opernfreunde fernab der Hauptstadt ihr Stück vom Kuchen bekommen. Eine schöne Idee, die sich im Booklet von 2020 mit den Worten von Erich Seitter so liest: „Um ein Publikum, das zum Teil noch nie eine Oper live erlebt hatte, nicht zu überfordern, wollte man eine unterhaltsame Oper mit einfacher Handlung und einer leicht ins Ohr gehenden Musik spielen. Und so einigte man sich bald auf das vorliegende Meisterwerk Donizettis—ausnahmsweise aber, zwecks besserer Verständlichkeit, in deutscher Sprache.“ Dass „immer was von Herablassung dabei sein“ muss, sagt schon der Baron Ochs auf Lerchenau zu Octavian im Rosenkavalier. Wenn sich der Autor da mal nicht täuscht. Der jetzt bei Naxos herausgekommene Mitschnitt auf DVD (2.110659) beginnt während der rasanten Ouvertüre mit einem Schwenk der Kamera ins Publikum. Da sitzen Damen und Herren in eleganten Abendkleidern und feinem Zwirn im Stil der Zeit, denen man durchaus zutraut, Wagner von Mozart unterscheiden zu können.

Schnitt. Das Vorspiel ist noch nicht zu Ende, als der Bus mit den Künstlern angefahren kommt. Ein bisschen wie in Leoncavallos Pagliacci. Nur, dass die Geschichte diesmal gut ausgeht. Alle sind bestens gelaunt als befinde man sich auf einem Betriebsausflug in die Berge. Die Ouvertüre ist lang genug, um auch noch Ankunft zu filmen. Requisiteure stellen die kleine Bühne voll. In der Garderobe machen sich die Sänger für ihren Auftritt zurecht. Noch ein letzter Blick in die Noten. Es wurde eine Wanderdekoration mitgebracht, die sich den räumlich beschränkten Ausmaßen der Kulturhausbühne, auf der unter gewöhnlichen Umständen vielleicht die Tanzkapelle Platz nimmt, anpasst. Los geht’s. Die Inszenierung von Helge Thoma in gründerzeitlicher Optik, in die sich auch modernere Elemente mischen, ist gut und genau gearbeitet, voller Witz und unterhaltsamer Delikatesse. So eine Darbietung würde mancher Opernbesucher wohl auch heute noch gern sehen. Für ihre Zeit ist die Bildqualität in ausgewogener Farbe exzellent.

Für das ambitionierte Unternehmen spricht, dass die Provinz nicht mit einer B-Besetzung abgespeist wurde. Es kamen die Stars. Edita Gruberova war als Norina besetzt. Sie hatte 1970 als Königin der Nacht an der Wiener Staatsoper debütiert und war zu einer Berühmtheit auch auf Bühnen außerhalb Österreichs aufgestiegen. Die freche Rolle ist ihr wie auf den Leib geschrieben. Den Ernesto hatte Luigi Alva übernommen, dessen beste Tenorjahre hinter ihm lagen, der mit seiner Erfahrung die Figur des schwärmerischen jungen Mannes noch immer glaubhaft machen kann. Oskar Czerwenka singt die Titelrolle, Hans Helm den umtriebigen Doktor Malatesta und Alois Pernerstorfer den Notar. Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper, das in kleiner Besetzung spielt, steht Héctor Urbón. Was ist aus ihm geworden? Der aus Buenos Aires stammende Dirigent war in den siebziger Jahren an vielen Opernhäusern aktiv. „Nach einer schweren Krankheit widmete er sich mehr und mehr dem Tango—und damit der Musik seiner Kindheit“, ist auf der Seite des in Freiburg ansässigen Janus-Ensembles zu lesen. „Er entdeckte das Lied seiner Stadt und deren Stimme: das Bandoneón. Mittlerweile hat sich der in Kirchzarten lebende Künstler durch seine tiefschürfenden, hochemotionalen Interpretationen von Werken Astor Piazzollas auch in der Tangoszene einen Namen gemacht. Seine Arrangements sind gekennzeichnet von großer Farbigkeit, Transparenz und hohem musikalischen Anspruch.“ Urbón sei als Bandoneónist Leiter des Freiburger Quartetts Cuarteto Buenos Aires. Die DVD ist also auch eine schöne Erinnerung sein erstes musikalisches Leben. © 2020 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, August 2020

Ab der Saison 1977/78 begann die Wiener Staatsoper als Teil der Bundestheater durch die nähere und fernere Provinz zu touren. Organisiert hat das die Arbeiterkammer Wien. Gespielt wurde damals in Gmunden, Krems, Enns, Villach, Bad Gastein, Güssing, Bad Ischl und auch in Mürzzuschlag in Stadttheatern, Kongresszentren, Volksheimen und sonstigen Sälen, wie Erich Seitter in seinem hochinformativen Aufsatz „Don Pasquale und Die Wiener Staatsoper on Tour“ zu berichten weiß. Ich selber erinnere mich an eine sehr gute Aufführung der Staatsoper von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in Hollabrunn im Oktober 1981 mit Lotte Rysanek als Gräfin, Franz Waechter als Graf  und Silvia Herman als Cherubino.

Zurück nach Mürzzuschlag, der steirischen Stahlstadt mit 9000 Seelen, wo Elfriede Jelinek geboren war und Johannes Brahms 1884 auf Sommerfrische weilte und Teile seiner vierten Symphonie schrieb. Am 30. März 1977 gibt es da eine kleine italienische Oper mit einer für heutige Verhältnisse MET-tauglichen Besetzung: Donizettis Buffa „Don Pasquale“.

Gefilmt hat Video Direktor Wolfgang Lesowsky nicht nur drinnen, sondern auch die gesamte Anfahrt bis zum Heben des Vorhangs wurde dokumentiert. Während der Ouvertüre steigt der Zuseher mit in den rot-weißen “Huber-Reisen“ Bus zum Volkshaus nach Mürzzuschlag, wo das Ensemble in bester Laune oder doch verschlafen durch die idyllische Landschaft zuckelt. Das Bühnenbild wird aufgebaut, Requisiten zurechtgerückt, ein Blick in die Garderobe geworfen, das Ausverkauft-Schild auf das Besetzungsplakat geleimt. Das junge slowakische Koloratursternchen Gruberova blinzelt durch den Vorhang auf den vollen Saal mit typisch für die 70-er Jahre auftoupierten Galafrisuren. Dann darf das dreiaktige federleichte Dramma buffo aus dem Jahr 1842 in die erste Runde gehen.

Auf der Bühne (Matthias Kralj Bühnenbild, Evelyn Frank Kostüme) wird sich gleich eine Heiratsintrige um den alten geizigen Junggesellen Don Pasquale und seinen Tenorneffen Ernesto abspielen. Es herrscht optischer Realismus samt pseudo Jugendstilelementen, giftgrünen Kunstpflanzen und sonstiger Möblage im „Leiner-Barock“.  Das war auch 1977 nicht geschmackssicher, aber halt eine praktikable Reiseausstattung. So oder so ähnlich waren damals auch Aufführungen von Salonstücken im Burgtheater oder Operetten an der Volksoper ausstaffiert.

Auf den Brettern tummelt sich eine Abordnung des Ensembles der Wiener Staatsoper. Nur der schon im Herbst seiner Karriere näselnde Luigi Alva in der Rolle des jugendlichen Liebhabers  Ernesto war Gast. Natürlich hatte der Peruaner Alva glanzvolle Zeiten hinter sich, u.a. wirkte in der Plattenaufnahme von Rossinis „Barbier von Sevilla“ an der Seite von Maria Callas als Graf mit. Zumindest technisch war Alva 1977  aber noch ein äußerst verlässlicher Sänger.

Die Titelrolle des heiratswilligen Junggesellen im Johannistrieb war dem österreichischen Bass-Urgestein Oskar Czerwenka anvertraut, sein Hausarzt Malatesta war beim eleganten Hans Helm in sehr guten Händen. Wenngleich nach strengen Belcanto Maßstäben doch das eine oder andere Stilauge zugedrückt werden muss, sind da zwei Erzkomödianten und echte Bühnentiere am Werk, die das Stück mit prall bodenständigen Humor und stummfilmtauglicher Mimik wie am Schnürl abspulen lassen. Vor allem gelingt es Czerwenka als auch Helm, Figuren aus Fleisch und Blut mit all ihren seelischen Freuden und Nöten samt passenden Zwischentönen vor uns erstehen zu lassen. Auch Ex-Alberich Alois Pernersdorfer in der kleinen Rolle des Notars agiert vorzüglich.

Im Zentrum der Aufführung stand natürlich die junge Edita Gruberova, die damals in Wien in mehreren komischen Rollen reüssierte (Adele, Fiakermilli, Aminta). Ihre eigentliche Glanzrolle war ja die Zerbinetta, was gelegentlich nach all den Belcanto-Queen Rollen im letzten Viertel ihrer Karriere übersehen wird. 1977 war Gruberova eine bildhüsche Sängerin, darstellerisch mit einer untrüglichen Begabung für komische Rollen begabt. Ein zwitschernder Wirbelwind, ein Naturwunder an Bühnenpräsenz, erhöht der herb-süße Charme noch die darstellerische Wirkung. Die unglaubliche Wandlung von der schüchternen Klosterschülerin Sofronia zum zickig verschwenderischen Monster ist eines ihrer faszinierenden Kabinettstücke, die das Publikum zu Ovationen hinriss. Der Streit mit Pasquale im dritten Akt kulminiert in einer handfesten Watschen. Die glitzernden Koloraturen und spielerisch leicht anspringenden Höhen tun das ihrige, um über das Gesamtkunstwerk Gruberova am Sprung zur internationalen Karriere staunen zu können.

Dirigent Héctor Urbón schlägt gleichermaßen Funken und melancholische Kantilenen aus der meisterlichen Partitur. Die kleinere Orchesterbesetzung bietet den Vorteil, dass das Kammermusikalische der Oper auch im Graben ausgesprochen gut funktioniert.

Fazit: Unbedingte Empfehlung für alle Gruberova-Fans und für diejenigen, die sich vom hohen Niveau des Ensembles der Wiener Staatsoper 1977 einen Eindruck verschaffen wollen. © 2020 Online Merker





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