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Rolf Fath
Opera Lounge, August 2020

ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (NTSC) 2.110662
ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (Blu-ray, HD) NBD0112V

Kurz bevor das Berufsbild des Postkutschers dem technischen Fortschritt weichen musste, erwies ihm Adolphe Adam 1836 seine Referenz mit einer komischen Oper, die sechzig Jahre lang bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, als schon längst die ersten Luxuszüge Europa durchquerte, über die Bretter der Opéra Comique ging. Knapp 600-mal. Dann stellte Le Postillon de Lonjumeau seinen Pariser Betrieb ein. In Deutschland erfreute sich der Postillon von Lonjumeau, seit er ein Jahr nach der Uraufführung an der Berliner Hofoper gegeben wurde, besonderer und langer Beliebtheit, die, wie im Fall von Aubers Fra Diavolo und im gewissem Sinn auch Boieldieus La dame blanche, zwei Weltkriege überdauerteKaum zu glauben, dass sich die Opéra Comique in Zusammenarbeit mit der Opéra de Rouen erst 2019 auf eines der Schlüsselwerke ihres Repertoires besann. 120 Jahre nach seiner letzten Aufführung bekam der Postillon eine zweite Chance. Dafür hatten der Schauspieler und Regisseur Michel Fau, sein Ausstatter Emmanuel Charles und der seit Aufgabe seines Modeimperiums immer häufiger als Kostümbildner tätige Christian Lacroix an nichts gespart, und sich Fau zusätzlich die Sprechrolle der Kammerzofe Rose gekrallt. Der König selbst, Louis XV., enttäuscht über die Absage von „Castor und Pollux“, gibt sich in einem kurzen Prolog die Ehre und beauftragt seinen Intendanten „Cherchez les voix“, was doppelt Sinn macht, da die die Autoren die Handlung in die Zeit seiner Regentschaft verlegten und Louis XV. der Opéra Comique den Status einer royalen Truppe verlieh und zu dem Stück Land verhalf, auf dem sich die heutige Salle Favart befindet. Man wird das Gefühl nicht los, dass die opulente Aufführung (DVD Naxos 2.110662) mögliche Zweifel an der Tauglichkeit des Werkes durch überbordende Dekors und Kostüme, ziselierte Korsagen und Bordüren, aufgetürmte Rokokoperücken und zeichenstarke Maquillage zu zerschlagen versucht. Dabei hat der Postillon übereifrige Nachsicht nicht nötig. Es handelt sich um perfektes Stück musikalischen Unterhaltungstheater, in dem die Rädchen einer Geschichte um den zum Tenorstar der Opéra aufgestiegenen Postillon Chapelou originell ineinandergreifen und die auf drei Akte verteilten 13 Nummern neben charmierenden Arien und Ensembles, wie die an Rossini erinnernde Bassarie von Chapelous ebenfalls Opernsänger gewordenen Freunds Biju alias Alcindor und das Angst-Terzett „Pendu! pendu!“, vor allem mit dem Tenorschlager „Mes amis, écoutez l’ histoire“ auftrumpft, eine Art Remake von Fra Diavolos berühmter Romanze; beide Werke wurde von Monsieur Chollet kreiert.

Während eines Halts in Lonjumeau entdeckt der königliche Intendant Marquis de Corcy den Postillon mit dem sicheren hohen D und verspricht ihm eine Karriere in Paris. Chapelou verlässt seine ihm soeben angetraute Gattin Madeleine. Zehn Jahre später: Chapelou ist zum Tenorstar Saint-Phar avanciert, Madeleine wurde dank des Erbes ihrer Tante zur reichen Madame Latour. Chapelou erkennt Madeleine nicht, verliebt sich neuerlich in sie und lässt sich sogar zu einer Heirat mit ihr breitschlagen—statt einer Scheinehe wird die Trauung tatsächlich vollzogen. Chapelou, der sich der Bigamie schuldig fühlt, steht größte Ängste aus, bis Madeleine die zweimalige Heirat aufklärt und der Chor nochmals die Weise vom schönen Postillon anstimmt.

Fau hat die schmale Bühne der Opéra Comique in die Auslage einer Patisserie mit rosa und blau beleuchteten Gateaux verwandelt, in der sich der Postillon Chapelou und die Wirtin Madeleine anlässlich ihrer Hochzeit zu Beginn auf einer gigantischen Torte feiern lassen. Das ist allerliebst, pittoresk, und wenn sich Michael Spyres im adretten Postillions-Kostüme adrett dreht und wendet und kokett dessen selbstverliebtes „Il etait beau“ ausstellt, wirkt er, nicht mehr jung, was die aufdringliche Schminke unterstreicht, nicht ganz schlank, ganz so wie Chollet beschrieben wurde, der zwanzig Jahre nach der Uraufführung bei seiner Rückkehr nach Paris neuerlich den Chapelou verkörperte: Formidable Diktion, gezierte Gestik, Eleganz und Stilgefühl im geschmeidig kolorierten (fast schon zu heroischen) Gesang, ein süßes Timbre und eine geschmeidige, nie auftrumpfende Höhe. Ein Gesamtkunstwerk. Die niedliche Kutsche, die himmelwärts stürmenden Pferde, die feinst dekorierten Chöre, ein Bilderbuch ist nichts dagegen. Klar, das ist ein vordergründiges Ausstattungstheater, dessen Feinschliff in den gedrechselten Bewegungen liegt, die aus älteren Molière-Aufführungen der Comédie Française zu stammen scheinen, viele Rampen-Aktionen und ausgedehnte Sprechszenen. Doch was soll‘s. Mit seiner musikalischen Delikatesse und dem reichen Kulissenzauber ist dieser Mitschnitt ein absoluter Gewinn.

Übertroffen werden diese Bilder durch das Fortuny-Rokoko, das sich Emmanuel Charles ausgedacht hat, wo die mit einem Perückenturm belastete Madeleine, jetzt Madame de Latour, in ihrem Salon der Liebe zu Chapelou hinterher trauert. Die etwas spitz herbe Florie Valiquette gewinnt in ihrer Arie dem leichten Sopran einige dramatische Akzente ab, während Michel Fau als Rose, wie die Herrin ein Traum in Pink, prätenziöse Sentenzen beisteuert. Franck Leguérnel ist als Marquis de Corcy, wie stets, von darstellerischer Präsenz, während sein Bariton kaum noch nennenswerte Substanz besitzt. Eine weitere Steigerung und oftmals groteske Überzeichnung erfährt das Dekorationstheater durch das „Theater auf dem Theater“ im zweiten Teil des zweiten Aktes, auf dessen übertriebene barocke Pracht jede historisierend Händel-Aufführung neidig sein könnte, und in der Saint-Phar, ausstaffiert wie einst die teuersten Kastraten, mit seiner kleinen Romance „Assis au pied d’un hétre“ und dem goldenen Kostümgefieder glänzt. Der Belgier Laurent Kubla erweist sich mit robustem Bassbariton in Alcindors witziger Zéphire-Arie über die Chorsänger der Oper („Qui, des choristes du théatre“) als fescher Nebenrollensänger. Im dritten Akt, wo man des Ausstattungsplunders langsam überdrüssig wird und—leider—auch der von Spyres grell ausgestoßenen Höhen in Saint-Phars Grand Air „A la noblese, je m’aille“ kommt als Stütze für das erwähnte Trio noch der unauffällige Bass Julien Clément als Bourdon dazu. Sébastien Rouland und das Orchestre der Opéra de Rouen und der dortige accentus Chor musizieren mit wohltuender Selbstverständlichkeit und lyrischer Feinheit. Das ist französische Oper in Idealbesetzung. © 2020 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, July 2020

ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (NTSC) 2.110662
ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (Blu-ray, HD) NBD0112V

Oper in der Oper ist ein dankbares und vielfältiges Sujet, wie wir von Mozarts „Schauspieldirektor“ oder der „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss wissen. Die frz. Opernkomödie „Le Postillon de Lonjumeau“ hat es als flotte Ehefarce auf einen charakterlich—nun sagen wir—karriereorientierten Tenor abgesehen. Der soll im Saft der eigenen Untreue und Durchtriebenheit schmoren. Aber die Oper ist auch ein liebevoller Schwanengesang auf den damals populären Berufsstand des Postkutschers mit Horn und Peitsche. Im Entstehungsjahr der Oper 1836 ist nämlich die erste zivile Eisenbahnlinie in Frankreich im Bau, die 1837 ihren Betrieb aufnehmen wird…

Dank des bis in die Stratosphären des hohen D reichenden Reißers „Ah mes amis, qu’il était beau, le postillon de Lonjumeau!“ (Nicolai Gedda sang das einst zum Niederknien gut), aber auch einer schönen, stilistisch an Rossini anknüpfenden Arie für den Bassbariton Alcindor im zweiten Akt, lyrisch ausufernder Duette sowie allerlei vokalen Zierrats für eine wendige Koloratursopranistin (Madame de Latour) darf das sanft-komische Stück auch als eine empfindsame Hommage an virtuose Sangeskünste gelten.

Die Story um unser ehrgeiziges, der Kutsche und vorübergehend dem Ehebett entsprungenes Goldkehlchen geht so: In Lonjumeau, einer frz. Stadt zwischen Paris und Orléans, feiert der schneidige Postillon Chapelou Hochzeit mit der feschen jungen Schankwirtin Madeleine. Sie verzichtet auf das Erbe einer reichen Tante, er auf den außerehelichen Einsatz seiner beachtlichen Verführungskünste. So weit so gut. Nur blöd, dass während der Hochzeit der Operndirektor Marquis de Corcy auftaucht, der auf Drängen des Königs Ludwig XV. einen Tenor für eine höfische Aufführung von Rameaus „Castor et Pollux“ sucht. Mit seiner glänzenden Naturstimme samt hohem C ist der Postillon dafür der richtige Mann. Da unvorstellbarer Ruhm und Glück winken, setzt sich der frisch Angetraute noch vor der Hochzeitsnacht klammheimlich nach Paris ab.

Nach einem Zeitsprung von 10 Jahren entwickelt sich ab Akt 2 ein Verwirrspiel um Rache und Verführung mit der dank Erbschaft von Madeleine zu Madame de Latour avancierten einst Sitzengelassenen als raffinierter Strippenzieherin. In ihrer Opernloge verführt die nun reiche Madame den berühmten Tenorstar Saint-Phar. Natürlich ist das unser Postillon, dem die Ähnlichkeit mit seiner eigenen Madeleine zwar auffällt, aber die Begehrte halt als die schönere Variante der Verlassenen begreifen will. Die zweite Hochzeit wird arrangiert, sonst ist es nämlich aus mit dem Hupfkonzert in Madames Bett. Da auf Bigamie die Todesstrafe durch Erhängen steht, ist es diesmal der Tenor, der eine gar nicht angenehme Hochzeitsnacht verbringt. Am Ende klärt Madeleine alles auf. Mit derselben Frau zweimal vor den Traualtar zu treten, erfüllt natürlich nicht den todeswürdigen Kriminaltatbestand. Das Happy End nach reumütigem Kniefall wird auch musikalisch ausgiebig gefeiert.

Der nun publizierte Film ist 2019 in der Opéra Comique in Paris entstanden. Die farbentrunkene, barock blumenschnörkelige Produktion von Michel Fou (Regie), Emmanuel Charles (Bühne) und Christian Lacroix (Kostüme) ist eine Kooperation von Opéra Comique und Opéra de Rouen Normandie. Einst war diese charmante Oper ein Erfolgsstück (bis zum Jahr 1894 gab es 569 Vorstellungen alleine an der Opéra Comique, dann war Schluss bis 2019), nun ist es eine Rarität. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1837 in Berlin statt. Auch auf Tonträgern führt „Le Postillon de Lonjumeau“ vergleichsweise ein Schattendasein: Zwei vergriffene Studioproduktionen und zwei historische Aufnahmen aus dem Jahr 1952. Und aus. Umso willkommener ist dieser musikalisch hochkarätige und szenisch doch ziemlich überkandidelte Mitschnitt. Unbefriedigend ist auf jeden Fall, dass sich die Personenregie auf das Dekorieren und Anordnen der Protagonisten in überladenen Tableaus reduziert. Da wäre, was die komödiantische Aktion betrifft, wesentlich mehr drinnen gewesen. Das reine Rampentheater vor den grell gemalten Kulissen wirkt auf Dauer zudem filmisch ermüdend.

Dafür ist der Abend musikalisch ein voller Genuss. Dafür sorgen in erster Linie der amerikanische, für schwierigste Aufgaben prädestinierte Tenorstar Michael Spyres in der Titelpartie und die aparte lyrische Koloratursopranistin Flori Valiquete als Madeleine. Spyres singt seine Arien und Ensembleszenen mit einer „anbetungswürdigen“ Geschmeidigkeit in der Mittellage, überhaupt ist da ein Stilist von Gnaden am Werk. Die Triller sind spektakulär, die Akuti sitzen technisch perfekt. Ob jemand bei einem hohen D aber noch von Wohllaut sprechen will, sei generell dahingestellt. Mit blasierter Mimik und wegwerfenden Gesten gelingt ihm auch darstellerisch ein—wenn auch etwas schwerfälliges—kammersängerisches Bravourstück. Der erfolgsverwöhnte Frauenheld und windig eitle Sänger feiert hier fröhliche Urständ.

Fiori Valiquete gibt mit verschwenderischem Augenaufschlag die junge Landpomeranze. Später als wissende Frau hält sie das Maß zwischen Rachelust und aufrichtiger Zuneigung und Treue. Das zeigt sich auch in der musikalischen Sprache. Während der Postillon selbstverliebt melodische Girlanden windet, endlose Triller spinnt und die hohen Töne balzend als erotische Zirkusnummer einsetzt, setzt Adolphe Adam bei dieser selbstbewussten Frauenfigur auf emotional differenziertere Töne. Da singt Madame/Madeleine doch mit Herzblut, was der Komödie eine gewisse Tiefe verleiht.

Der Intendant der kleinen Belustigungen des Königs, der dick geschminkte Marquis de Corcy, wird von Franck Leguérinel mit gutsitzendem Charakterbariton wortreich-komisch in Szene gesetzt. Seine verquere Verliebtheit in Madame gibt reichlich Anlass für lautmalerischen Witz. Die Rolle des Biju/Alcindor (durch den Postillon entthronter Dorfschöner aus Lonjumeau, der es an der Oper zum Choristen schafft) wird vom Bassbariton Laurent Kubla mit zünftig derben Basstönen ausstaffiert. Zwei exzellente Schauspieler ergänzen das sängerische Kleeblatt in Kurzauftritten. Der Regisseur Michel Fau selbst schlüpft in die Travestierolle der Rose, Dienerin von Madame. Yannis Ezziadi darf zu Beginn der Oper als Louis XV hysterisch stotternd nach einem Sänger verlangen, weil der Tenor für Rameaus Castor ausgefallen ist.

Am Pult des Orchestre de l’Opéra de Rouen Normandie und des Chors accentus waltet Sébastian Rouland mit Umsicht. Er bringt besonders die lyrischen Qualitäten der Partitur zum Leuchten. Die ‚Offenbachiaden‘ und Anleihen bei Rossini werden ohne Übertreibung organisch in den musikalischen Fluss mit eingebunden. © 2020 Online Merker




Remy Franck
Pizzicato, July 2020

ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (NTSC) 2.110662
ADAM, A.: Postillon de Lonjumeau (Le) [Opera] (Opéra Comique, 2019) (Blu-ray, HD) NBD0112V

Adolphe Adams heitere und an bezaubernden Melodien reiche Oper Le Postillon de Lonjumeau wurde 1836 in der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt, und dort wurde auch diese Aufführung aufgezeichnet.

Es geht um einen Tenor, der seine Frau Madeleine seiner Karriere wegen verlässt und diese 10 Jahre später als erfolgreicher Opernsänger wiedertrifft, ohne sie zu erkennen. Er verliebt sich erneut und will sie heiraten. Die Verwirrung erreicht ihren Höhepunkt, als er des Verbrechens der Bigamie beschuldigt wird. Als die Wache herbeieilt, um ihn zur Exekution zu geleiten, erklärt die zur Schlossherrin avancierte Madeleine, dass es kein Verbrechen sein kann, zweimal dieselbe Frau zu heiraten.

Michel Fau hat im grell-farbigen und wunderbar kitschigen Bühnenbild von Emmanuel Charles und den opulenten Kostümen von Christian Lacroix eine faszinierend komische Inszenierung erschaffen, die mit ihrem herrlichen Fantasy-Charakter die Oper zu einem hinreißend bezaubernden Erlebnis macht, dies umso mehr als die Solisten ebenfalls hervorragend sind.

Der amerikanische Tenor Michael Spyres mag nicht die beste Aussprache im Französischen haben, aber sein Gesang ist tadellos, weil er von baritonaler Tiefe bis zu tenoraler Höhe die Rolle von Chapelou/Saint-Phar brillant singt und der Figur eine starke Ausstrahlung gibt. Die Sopranistin Florie Valiquette ist stimmlich genauso gut und darstellerisch entzückend. Die Nebenrollen sind ausnahmslos zufriedenstellend besetzt, und das Orchestre der Oper von Rouen et der Chœur Accentus warten unter der Leitung von Sébastien Rouland mit feinen Leistungen auf. Die Produktion von Naxos hat keine Konkurrenz auf dem Markt, und das macht die hochkarätige Aufführung nur noch wertvoller. Es handelt sich um die Video-Ersteinspielung der Oper! © 2020 Pizzicato





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