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Album Reviews



 
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Thomas Baack
Klassik heute, December 2019

Johann Sebastian Bachs sechs für die Traversflöte geschriebene Sonaten—jeweils drei mit obligatem und begleitendem Cembalo—sind hinsichtlich ihrer technischen und musikalischen Anforderungen die komplexesten Werke für diese Besetzung, die uns das Barock überliefert hat. Der geforderte ungewöhnlich große Tonumfang von d1-g3—die meisten Zeitgenossen beschränken sich auf d-e3—hat zu der Spekulation Anlass gegeben, dass es sich hier um Auftragswerke für den Dresdner Hofflötisten Pierre-Gabriel Buffardin oder dessen Schüler und Kollegen Johann Joachim Quantz handeln könnte, jedoch sind bisher keine diesbezüglichen Quellen aus den Beständen der Sächsischen Hofkapelle ans Licht gekommen. Werke mit dem üblichen geringeren Umfang lassen sich problemlos auf einer Blockflöte in D, einer sogenannten Voice-Flute, in der Originaltonart spielen. Will man eine „normale“ Alt-Blockflöte verwenden, muss man die Stücke—wie bereits in den barocken Quellen vielfach beschrieben—um eine kleine oder große Terz aufwärts transponieren. Dies funktioniert mit den Bach-Sonaten wegen ihres erweiterten Umfangs nur mit Abstrichen, da es zwar Kopien nach Instrumenten der Bach-Zeit gibt, auf denen diese extrem hohen Töne, wenngleich mit Kniffen wie dem Abdecken des Schallbechers auf dem Oberschenkel, dynamisch variabel ansprechen (Denner-Modelle), diese aber über ein eher schwaches tiefes Register verfügen. Instrumente nach englischer Bauart (Stanesby/Bressan) verfügen zwar über eine sonore Tiefe, reagieren jedoch oberhalb von e3 (Voice)/g3(Alt) nur auf einen, der Klangqualität abträglichen erhöhten Blasdruck.

Eine moderne Lösung

Michala Petri, die „Primadonna assoluta ohne Allüre“ der Blockflöte löst dieses Problem radikal, indem sie auf „harmonische“ Blockflöten setzt, einen Instrumententypus, der durch längere Bauart—selbst Sopranflöten benötigen hier eine Doppelklappe—den Spielern einen erweiterten Umfang, eine weitere Dynamik und ein auch in großen Sälen tragfähiges Volumen verschafft. Diese Instrumente wurden in den 90er Jahren parallel für Moeck (Ralf Ehlert) und Mollenhauer (Joachim Paetzold und Nik Tarasov) entwickelt und liegen von der Klangcharakteristik in der Mitte zwischen einer Barockblockflöte und einer hölzernen Querflöte in konischer Bohrung, wie sie bis zum Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen Orchestern geblasen wurde. Nachteil ist allerdings, dass diese Instrumente nur in moderner Stimmung (442 Hz) zur Verfügung stehen, was für das Cembalo—und in diesem Fall die Gambe—bedeutet, einen Halbton höher als gewohnt musizieren zu müssen.

Prüfsteine des Bach-Sonatenspiels sind die beiden düsteren Werke in h- und e-moll. Petri, die sich dank des bis e1 erweiterten Tonumfangs der Mollenhauer-Instrumente für die Originaltonart und nicht für die grifftechnisch einfachere Halbtontransposition nach c-moll entschied, und ihre Kollegen verzichten darauf, das Andante, dessen Anfangsduktus an die Bass-Arie „Erleucht‘ auch meine finstren Sinnen“ aus dem Weihnachtsoratorium anklingt, mit einem passionsartigen Trauerflor zu versehen. Sie stellen vielmehr die gezackten 32stel-Motive, die sich in den anschließenden—von Petri wundervoll schlackenlos im Legato phrasierten—16tel Triolen nie ganz entspannen können, als Moment der Aggression klar heraus, so dass sich ein Bogen zu den trotzigen Synkopen des Gigue-Abschnitts im Presto-Finale ergibt. Ähnliches geschieht im Adagio ma non troppo der e-moll Sonate (hier nach g-moll inklusive des b3 als „Crí de coeur“ transponiert) wo die Zweierbindungen der 16tel nicht geschmackvoll angeseufzt, sondern als existenzielles Stöhnen wahrnehmbar werden. Ursprünglich hat mich der improvisatorische Einstieg in den chaconneartigen Bass des Andantes irritiert. Als Antwort im Gestus eines „sich erst einmal selbst wieder finden Müssens“ auf das im vorangegangen Allegro entfachte Feuerwerk, überzeugt es mich nach wiederholtem Anhören durchaus, wenngleich dieser Effekt der Ratlosigkeit „live“ noch stärker wirken dürfte.

Diskussionen dürfte die Verwendung der Gambe in den Sonaten mit obligatem Cembalo entfachen. Hier befinden wir uns in einem Grauzonenbereich. Die h-moll Sonate würde sich vom Charakter her durchaus als Bereicherung der 6 Sonaten a 2 Clav. et Ped. für Orgel anbieten. Ebenso wäre ein Arrangement als Trio für Flöte, Violine, Continuo denkbar. Somit stört die sehr differenziert eingesetzte Gambe Hille Perls den Gesamteindruck weniger als der eher farblose Klang des Cembalos in der Lage zwischen c1 und c3. Hier hätte eine massivere Registrierung oder aufmerksamere Aufnahmetechnik zu optimalen Resultaten führen können. Auch überzeugt mich das von Jukka Ollikka neu entworfene Cembalo mit Carbon-Resonanzboden nur bedingt, da es mich zu sehr an die Bach-Cembali des seligen Neupert erinnert, was allerdings auch an der für Cembali klanglich unfreundlichen hohen Stimmung liegen mag, die der spielerischen Brillanz Mahan Esfahanis den gebührenden Raum verweigert.

Vergleich mit der alten Aufnahme mit Keith Jarrett

Vergleicht man die neue Einspielung mit der 1992 eingespielten Version, muss das Urteil lauten: für die damaligen Verhältnisse durchaus eine Sensation, im Vergleich zur Neueinspielung technisch damals schon von einer unglaublichen Könnerschaft beflügelt, interpretatorisch jedoch viel zu brav—ein Umstand, der mir manche frühe Petri-Interpretation verleidet, was gerade dann peinlich auffällt, wenn die Gambensonaten auf nur bedingt historischen „Fifth Flutes“ musiziert werden, so klanglich nett und spannend das auch sein mag… Oder zynisch formuliert: Heinz und Sabinchen spielen virtuos mit einem Sonatinchen. Um den Reifungsprozess Michala Petris nachvollziehen zu können, reicht einzig ein Vergleich mit BWV 1034/1.

Präsentation

Das Booklet mit Beiträgen aller drei Protagonisten ist höchst informativ und liegt dankenswerterweise auch in deutscher Übersetzung vor. Klangtechnisch erscheint mir das Cembalo etwas benachteiligt.

Fazit: Michala Petri, Mahan Esfahani und Hille Perl verweisen mit ihrem tiefen Eindringen in die Bach-Sonaten und ihre stupende Umsetzung des Erkannten sämtliche Aufnahmen mit Block- und moderner Querflöte auf die hinteren Plätze. Einzig Barthold Kuijken auf dem Traverso erreicht dieses Niveau annähernd. Faszinierend, wie sich Petris in flötistischer Sicht immer allen Zweifeln überlegene Interpretation zum Essentiellen gewandelt hat. Unbedingte Kaufempfehlung!. © 2019 Klassik heute



Dr. Matthias Lange
www.klassik.com, December 2019

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:

Eine tolle Kammermusikformation hat sich da zusammengefunden: Petri, Perl und Esfahani musizieren intensiv, schlüssig und inspiriert. Diese Drei haben ihren Bach verstanden. © 2019 www.klassik.com



Christian Lahneck
Concerti, November 2019

Michala Petri, Hille Perl und Mahan Esfahani formieren sich für Bachs Flötensonaten zu einem harmonierenden Ensemble.

Bachs Flötensonaten haben nun drei Protagonisten der Alten Musik zusammengeführt, die so bislang noch nicht auf dem Tonträger-Markt in Erscheinung getreten sind: Mahan Esfahani sitzt am Cembalo, Hille Perl an der Gambe, und Michala Petri spielt auf Tenor-und Altblockflöten. Auf dem Programm stehen die insgesamt sechs Bach zugeschriebenen Sonaten BWV 1030-1035. Im Beiheft betont Esfahani, dass man versucht habe, die Möglichkeiten der gewählten Instrumente an Bachs Vorgaben anzupassen. Das Ergebnis ist überzeugend und stimmig, klanglich allenfalls minimal getrübt durch den leicht halligen Klang in der Garnisons Kirke in Kopenhagen. Alle Musiker zeichnen sich durch hohe gegenseitige Aufmerksamkeit aus, die drei Solisten fügen sich zu einem gut harmonierenden Ensemble. Das gilt für die behutsam-natürlich gewählten Tempi, die Phrasierung und die kundigen Ornamentierungen. © 2019 Concerti




Guy Engels
Pizzicato, November 2019

Bachs sechs Flötensonaten waren vom Komponisten nicht als Zyklus angelegt. Ob sämtliche Sonaten überhaupt von Bach sind, ist eine bis heute nicht restlos geklärte Frage. Ein anderes Thema ist die Wahl des Instruments. Bach kannte viele Traversspieler, inklusive den preußischen Kronprinzen Friedrich, und hat die Sonaten BWV 1030-1036 wohl für die Traversflöte geschrieben.

Bei Michala Petri sind die Kompositionen auf der Blockflöte allerdings auch in besten Händen. Nicht zu Unrecht wirft ihr Partner am Cembalo, Mahan Esfahani, im Begleitheft die Frage auf, ob es letztendlich nicht eher auf die musikalische Kommunikation ankomme, denn auf die buchstabengetreue Besetzung.

Mahan Esfahani stellt nicht nur die Frage, er und seine Partnerinnen Michala Petri und Hille Perl geben auch die treffende Antwort.

Michala Petri spielt die sechs Sonaten mit erfrischendem Esprit, mit brillanter Rhetorik. Hier ist kein Hauch von Akademismus und gelehrter Formensprache zu spüren. Obwohl die Blockflöte die Wortführerin ist, wirkt sie nie vorlaut und dominant. Hier spielen drei Musiker, die genau wissen und vor allem spüren, was ein ausgewogener Dialog ist und wie man untereinander und mit dem Zuhörer eine spritzige Konversation führen kann. © 2019 Pizzicato





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