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Album Reviews



 
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Remy Franck
Pizzicato, December 2016

Am Anfang dieser Produktion von Verdis ‘Traviata’ aus dem Festspielhaus Baden-Baden sieht man die sterbende Violetta mit einer Spieldose. In der Dose sieht sie ihr Leben, erlebt die Szenen noch einmal, die Verdi für seine Oper benutzte. Und entsprechend vergrößert Rolando Villazon diese Spieldose dann für seine Inszenierung. Diese Traviata spielt von Anfang bis Ende in dieser Spieldose, mit mehr oder weniger Zirkusatmosphäre. Eines muss man dem Tenor-Regisseur lassen: er hat Fantasie und er weiß, seine Ideen umzusetzen. Zwar sollte man besser nicht versuchen, das Bühnengeschehen mit dem Text in Einklang bringen zu wollen, denn das gelingt nicht immer, und dass Villazon für den Vater Germont den Komtur aus dem Don Giovanni ausgeliehen hat, muss man auch nicht unbedingt gutheißen, aber im Großen und Ganzen ist die farbige und einfallsreiche Inszenierung durchaus beachtlich.

Viel Gutes ist von der Musik zu sagen. Olga Peretyatko ist, mit heutigen Maßstäben gemessen, eine gute Violetta, stimmlich wie darstellerisch. Da Villazon ihr durch seine Inszenierung eine krankheitsbedingte Alterung versagt, kann man der Sängerin nicht vorwerfen, diesen Aspekt vernachlässigt zu haben. Generell fehlt bei Villazon die gesellschaftliche Komponente der Oper, die Verdi so sehr am Herzen lag…

Mit einer wunderbar flexiblen und wohlklingenden Stimme ist Atalla Ayan ein großartiger Alfredo. Dagegen fällt Simone Piazzola vor allem gestalterisch etwas ab, weil er dem Vater Germont das erforderliche Profil nicht geben kann. Aber vielleicht leidet er auch nur unter seiner Komtur-Aufmachung. Die Nebenrollen sind korrekt besetzt und Pablo Heras-Casado sorgt für ein perfektes Miteinander von Bühne und Orchestergraben. © 2016 Pizzicato



Ingrid Wanja
Opera Lounge, November 2016

Rolando Villazón liebt Clowns, sind doch gleich zwei, ein wirklicher und ein erträumter, Helden seines bisher einzigen Romans. Er liebt sie so sehr, dass er als Regisseur auch Verdis La Traviata 2015 in Baden-Baden in einem Zirkuszelt ansiedelte, allerdings gibt es hier außer Clowns zwei Akrobatinnen namens Violetta, die das Schicksal der vom Wege Abgekommenen spielen und eine von ihnen singt auch. Obwohl die Sängerin dunkelhaarig und ihr Double blond ist, verwechselt sie Alfredo, offensichtlich ein Bürgersohn und damit librettonah, miteinander und wendet sich mal der einen, mal der anderen zu. Die Aufführung beginnt mit der sterbenden, auf ihr Leben zurück blickenden Violetta, die sich einer Clownsspieluhr zuwendet und wehmütig ein Medaillon betrachtet, wohl das, welches sie mit „prendi quest’é l‘immagine“ Alfredo hinterlassen wird. Wie aus dem Nichts auftauchend erklingt die Sinfonia, die Zirkusfiguren erwachen zum Leben und zeigen sich bereits beim Brindisi einschließlich der Dressurreiterin Flora als recht aggressive Gesellen, die dem armen Alfredo zusetzen. Auch im zweiten Teil des zweiten Akts zeigt Villazón seinen Hang zum Düsteren, wenn das Fest bei Flora eher eine Schwarze Messe als ein Ball zu sein scheint. Die kurze Episode des vorbei ziehenden Karnevals wird optisch mächtig aufgewertet. Das bunte Bühnenbild (Johannes Leiacker), bleibt ein einheitliches mit schräg gestellter Manege und an das baldige Ende gemahnender Uhr (siehe Salzburg), die Personenregie ist abgesehen vom rabiaten Chor schlüssig, weniger die Bühne, die natürlich ohne Ortswechsel auch nicht den Eindruck von „tanto lusso“ vermitteln kann, die Kostüme sind dem Zirkusmilieu angemessen und damit bunt (Thibault Vancraenenbroeck).

Chor und Orchester, das Balthasar-Neumann-Ensemble unter Pablo Heras-Casado, sind mitunter sehr derb, wohl inspiriert von der ebensolchen Optik. Ein Glücksfall ist die mädchenhafte Olga Peretyatko, die in ihrem Zirkuskostüm zauberhaft aussieht, deren Sopran in der Mittellage dunkel grundiert ist und dessen Timbre sowohl dolcezza wie amarezza in sich vereint. Besonders gefallen kann sie im ersten Akt mit ihrem „Sempre libera“, mit sicherem Spitzenton, mit zartem, anrührendem „mori, ma“, während im letzten Akt „Morir sì giovine“ noch etwas zu dramatisch für die Stimme zu sein scheint. Dass sie „Addio del passato“ zweistrophig singt, wovon die Callas bekanntlich abriet, kann sie sich durch Variationsreichtum leisten. Einen soliden Alfredo singt Atalla Ayan, kein besonders reizvolles Timbre, aber ein sensibles Singen und Darstellen anbietend, in der Höhe etwas blass, doch die Cabaletta nach oben singend. Wie der Steinerne Gast muss Padre Germont in der Sängerperson von Simone Piazzola autreten und ist auch vokal zunächst recht ruppig mit einem „Pangi“ im Befehlston, aber schnell trennen sich Optik und akustischer Eindruck vorteilhaft voneinander, und der Bariton lässt kultivierten Verdi-Gesang und ein „Di provenza il mar“ so agogikreich hören, dass er den herzlichsten Szenenapplaus einfahren kann, und drei so unterschiedliche Si” wie die seinen von Empörung bis zu Milde wie bei ihm hat man noch nie zuvor gehört. Man kann gespannt sein, die Liebe zu welcher Gattung Mensch oder auch Tier Rolando Villazón demnächst entdeckt und wie sich das bei seiner nächsten Regiearbeit auswirkt. © 2016 Opera Lounge





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