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Album Reviews



 
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Ingrid Wanja
Opera Lounge, October 2016

Eine ansehnliche Norma gibt es auf Blu-ray aus dem Liceu aus Barcelona, die Regisseur Kevin Newbury traditionell, unaufgeregt und sängerdienlich inszeniert und R.B. Schlather aufgefrischt hat im Einheitsbühnenbild von David Korins, das sich nur durch das Öffnen und Schließen des riesigen, klobigen Scheunentors verändern lässt, Stierköpfe und ein Pferdegerüst außer Steinquadern und viel Holz, so ein fahrbares Podest für Oroveso, für ein uriges Ambiente bereit hält Weitgehend in Blaugrau und Ocker sind die Kostüme von Jessica Jahn, dazu Gesichts- und Körperbemalungen für die Gallier. Zur Sinfonia wird ein Baumstamm mit Mistelbesiedlung hereingetragen, um die heilige Handlung zu verdeutlichen. Die Optik segelt geschickt durch die Inszenierungsenge der Scylla der betulichen Lächerlichkeit und der Charybdis der rücksichtslosen Modernisierung hindurch. In der Personenregie gefällt ein spannendes Spiel zwischen Zärtlichkeit und Grausamkeit zwischen den handelnden Personen.

Die musikalischen Höhepunkte hat man den beiden Damen zu verdanken, die sich gegenseitig zu beachtlichen Höchstleistungen anzuspornen scheinen. Beide gehören eher zu den vollmundigen als zu den raffiniert zarten Vertreterinnen ihres Fachs, und da der Sopran von Sondra Radvanovsky über eine dunkel-farbige Mittellage verfügt, unterscheidet sich ihre Stimme nicht allzu sehr von dem hochsoliden, runden und gesunden Mezzosopran von Ekaterina Gubanova, die einen besonders schönen Schmerzenslaut für ihr “Ahimè” hat. Radvanovsky hat den notwendigen langen Atem für das Ausspinnen der Melodien, eine klangvolle mezza voce, ab und zu eine Prise Schärfe, so am Ende des 1. Akts, und schöne Pianissimi in der Szene mit den poveri figli. Einen hübschen zarten Sopran setzt Ana Puche für die mitfühlende Clotilde ein.

Ein rechter Hallodri ist hingegen der Flavio von Francisco Vas, der unangenehm herumkaspert und auch mit seinem unschönen Charaktertenor nicht gefallen kann. Geschmackssache ist der Pollione von Gregory Kunde, der nach Belcanto und Rossini nun den Spintotenor bzw. tenore eroico in seiner Stimme entdeckt hat, bekannt dafür ist, dass er sowohl den Otello Rossinis wie den Verdis singen kann. Seine Optik ist eher die eines Wikingers als eines Römers, was man ihm sicherlich nicht nachträgt, eher schon die hell timbrierte, besonders gegen Ende der Vorstellung heiser klingende Stimme, auch wenn er, was zu seinen Gunsten spricht, variationsreich die Cabaletta gestaltet. Kein begnadetes Timbre hat Raymond Aceto für den Oroveso, die Bassstimme klingt recht hohl und besitzt kaum vokale Autorität.

Der Chor unter Peter Burian ist ohne Fehl und Tadel, Renato Palumbo beginnt mit unausgeglichenen Tempi, weiß dann aber sensibel zu begleiten und das Vorspiel zum 2. Akt gestaltet er anrührend. Am Schluss flattern die Programmzettel der begeisterten Zuschauer auf die glückliche Norma hernieder. © 2016 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, September 2016

Norma in Barcelona, wer denkt da nicht an die legendäre Montserrat Caballé, die in den frühen siebziger Jahren die wahrscheinlich stimmschönste und stilistisch umwerfendste Interpretin dieser Rolle in der auf Tonträgern verfolgbaren Musikgeschichte war. Tempi passati, wir schreiben 2015 und wie sieht es nun mit den stimmlichen Leistungen einer Besetzung aus, die vielerorts gerühmt und nach der Aufführung stürmisch gefeiert wurde?

Zur Einheitsszenerie: Das Produktionsteam rund um den amerikanischen Regisseur Kevin Newbury (Bühne David Korins , Kostüme Jessica Jahn ) konzentrierte sich (laut Booklet) auf die“ epischen, mythischen Aspekte“ mit den der Oper inhärenten „Opfer- und Sühneritualen“. Mit optischen Anspielungen der Kostüme auf die Fantasy Welt „Games of Thrones“ stellt die Szene eine Art Lagerhalle aus Holz mit Stiersymbolen, an der Wand hängenden Armbrüsten und Riesenschiebetüren als Fenster zum Außen dar. Rustikaler könnte man sagen, Norma im Luxusstadel. Auch diverse geschmäcklerische Versatzstücke wie ein waagrecht schwebender Baum, Holzrampen oder ein Holzpferd sehen eher nach einer Bemusterung für nostalgische Waren aus dem ländlichen Raum aus, denn wie ein gallischer Druidenhain. Die gewollte Aktualisierung des Zeigens von zwei Gruppen von Menschen unterschiedlichen Glaubens aus verschiedenen Kulturen, die auf engstem Raum zusammenleben müssen und einem aus dieser Situation resultierenden Kreislauf der Gewalt findet visuell keine Entsprechung. Die Personenregie ist statisch und veranschaulicht nicht die Beziehungsebene der Protagonisten. Die altbacken wirkenden Tableaus laufen zwar nicht der Handlung zuwider, könnten aber auch einer Produktion des 19. Jahrhunderts entstammen.

Die Aufführung einer Norma steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. Ich kann mich neben Caballé noch gut an Scotto oder Bumbry in Wien erinnern, die teilweise auch ihre Probleme mit der Tessitura hatten, aber doch mit ihren insgesamt großartigen Leistungen Eingang in die Annalen der Interpretationsgeschichte gefunden haben. In Barcelona hat man die Titelpartie mit Sondra Radvanovsky besetzt, einem Spinto, der in Verdi-Rollen weltweit reüssiert und an der Met Ruhm durch die Interpretation der drei Tudor Königinnen von Donizetti (Anna Bolena, Maria Stuarda, Elisabetta in Roberto Devereux) erlangt hat. Die US-Sopranistin singt die Norma achtbar, ist aber weit davon entfernt, eine Idealbesetzung zu sein. Nach schwersten Verdi Rollen die filigrane und doch dramatische Rolle der Norma anzugehen, ist ein Risiko. Wie clever von Anna Netrebko, die Finger von dieser Partie gelassen zu haben. Sondra Radvanovsky kann die Rolle singen und sie kann auch mit einigen schönen Piani brillieren, die gedeckt in der Kuppel liegen. Der Arienhit „Casta diva“ gelingt sehr gut. Der rezitativische Auftritt im 1. Akt hingegen klingt angestrengt, der Zuseher gewinnt in den Nahaufnahmen einen Eindruck davon, welche Schwerarbeit Singen sein kann. Außerhalb der Komfortzonen weist der Sopran ein kurzes Vibrato/ einen Klirrfaktor auf, was den langen Legatobögen dieser Oper abträglich ist. In der Mittellage hat Radvanovsky bisweilen hörbare Mühe mit der Intonation. Die instrumental und sehr breit geführte Stimme rutscht in den hohen Lagen ganz nach vorne, was zu unschönen Schärfen führ und stimmtechnische Probleme offenbart. Die an Verdi-Rollen geschulte Dramatik beeindruckt in den großen Bögen und den emotionalen Ausbrüchen, dafür wirken die kleinen Verzierungen, Fiorituren und Koloraturen allzu schwer und „gearbeitet“. An vokale Norma-Qualitätsmerkmale wie „raffinert“ und „schwebend“ ist da nicht zu denken. Sondra Radvanovsky hinterlässt somit trotz der an sich integren künstlerischen Qualität einen zwiespältigen Eindruck, wiewohl letztlich jeder selbst für sich entscheiden muss, was und wie er diese Oper hören möchte. Timbres sind bekanntlich Geschmacksache, die technischen Einwände lassen sich jedoch dadurch nicht aus der Welt schaffen.

Radvanovsky zur Seite Ekaterina Gubanova als Adalgisa. Eine warm strömende Mittellage und eine gute Höhe lassen dieser Gegenspielerin Normas sofort Sympathien zufließen. Allerdings hebt sich ihre kleinvolumigere Stimme klanglich zu wenig von derjenigen der Sängerin der Hauptrolle ab. Dem großen berühmten sehr gut gesungenen Duett „Mira, o Norma“ nimmt das vom kontrastierenden und rivalisierenden Reiz eines auch stimmlich höchste eindringlich komponierten Wettkampfes.

Als großes Atout der Aufführung kann Gregory Kunde in der Corelli und Vickers-Partie des Pollione gerühmt werden. Gregorys Kunde bereits edelpatinierter Tenor ist derzeit wohl ideal für diese zwischen den Fächern angesiedelte Rolle. Jemand, der innerhalb einer Woche den Otello von Rossini und von Verdi mit derselben hohen stilistischen Sicherheit und technischen Selbstverständlichkeit singen kann, muss ja wohl als Idealbesetzung für diese höllisch schwere Belcanto Partie mit gehörigem heldischem Aplomb sein. Und ja, er ist grandios voin der ersten bis zur letzten Note und sicherlich der beste Pollione, den ich je gehört habe. Raymond Aceto als Oroveso hat es mit seinem unruhig geführten Bass schon schwerer, zu überzeugen. Dennoch bietet er eine gediegene Leistung.

Dirigent Renato Polumbo führt mit sicherer Hand durch alle Klippen der Partitur, vermag aber dem Symphonieorchester des Gran Teatre de Liceu mit allzu breiten Tempi kaum Spannung abzugewinnen. Der Österreicher Peter Burian hat den exzellenten Chor dieses wohl berühmtesten spanischen Opernhauses trefflich einstudiert.

Dennoch darf sich der Musikfreund schon kritisch fragen, warum beinahe jede Produktion eines größeren Opernhauses ungeachtet des Repertoirewerts und des Rangs einer Produktion gefilmt und dann veröffentlicht werden muss. © 2016 Online Merker





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