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Album Reviews



 
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Laszlo Molnar
BR-Klassik, November 2019

Beethovens neun Symphonien hören nicht auf, Zuhörer wie Musiker gleichermaßen zu faszinieren. Obwohl es mehr als genügend Gesamtaufnahmen gibt, erscheint immer wieder eine neue. Diese, mit dem Dänischen Kammerorchester unter seinem Chefdirigenten Ádám Fischer, sollte jeder hören, der sich für Beethovens Symphonien im Detail interessiert—sie wartet auf mit Überraschungen und Neuentdeckungen aus dem Innenleben dieser großartigen Kompositionen.

Während ich die Siebte Symphonie in dieser Aufnahme höre, schaut ein Kollege ins Zimmer herein. Er sagt: Das klingt aber ruppig! Stimmt. Fischers Beethoven ist nicht der Beethoven für die Komfortzone. Es ist der Beethoven für die Stuhlkante. Dort landet man als Zuhörer, weil so vieles in dieser Einspielung so unerwartet, so neu klingt. So wirkt die seltener gespielte Achte bei Ádám Fischer auf einmal wie eine von Beethovens “großen” Symphonien. Das klein besetzte Dänische Kammerorchester gibt den Bestandteilen der Komposition jederzeit hörbares Profil. In der Klangbalance stechen die Bläser scharf heraus. Und die Streicher sind ins Detail hinein durchhörbar, weil sie fast ohne Vibrato spielen.

UNGLAUBLICHE DYNAMIK

Ádám Fischer nutzt den duftigen, leichten Klang und das hochvirtuose Spiel des Dänischen Kammerorchesters, um die Tempi anzuziehen—in Richtung der umstrittenen Metronomangaben Beethovens. Was entsteht, ist eine derartige Dynamik, als warte eine Idee nur darauf, die nächste mitzureißen.

KOLOSS MIT MENSCHLICHEM GESICHT

Die Klangqualität der fünf Naxos-CDs ist nicht die allerhöchste, aber gut genug, um den Hörer Satz für Satz gefangen zu nehmen. Die Neunte macht da keine Ausnahme. Fischer lässt den Hörer regelrecht zuschauen, mit welchen Elementen Beethoven die Musik zusammengefügt und die symphonischen Gesetze der Klassik aus den Angeln gehoben hat. Der Koloss bekommt ein menschliches Gesicht. Alle Neune mit Adam Fischer: ein großartiger Auftakt zum Beethoven-Jahr 2020. © 2019 BR-Klassik




Remy Franck
Pizzicato, September 2019

Schnellen und sehr energetischen Beethoven haben wir schon gehabt, schnell und flach, schnell und aufgeregt… und immer ziemlich in einer Linie, mit meist starren Konzepten oder gar nur nach dem Motto ‘schnell und laut’. Nichts von alledem gibt es bei Adam Fischer und dem Danish Chamber Orchestra, die einen sehr überzeugenden, kohärenten und Sinn machenden Beethoven vorlegen, der, obwohl generell schnell, doch sehr differenziert ist und auch viel Neues zu sagen hat.

Das Hauptmerkmal der neuen Gesamtaufnahme der Symphonien ist wohl die Vielfalt der Rhetorik. Selten hat man so gut begriffen, was Beethoven eigentlich sagen wollte, und das war ja durchaus nicht immer dasselbe.

Wir erleben so den forschen, den draufgängerischen Beethoven so gut wie den verbitterten, den grüblerischen, aber auch den geheimnisvollen und nicht zuletzt den humorvollen Komponisten, immer mit einer dramaturgisch schlüssigen und unmittelbar ansprechenden Rhetorik, die durch spontane Gesten wirkungsvoll unterstrichen wird.

Ein Musterbeispiel für diesen Diversität könnte allein schon der Finalsatz der Eroica sein, der vom Kammermusikalischen bis zum Vollsymphonischen viele Stimmungen durchstreift.

Erreicht wird diese Eloquenz mit einem durchwegs schlanken, vibratoarmen Musizieren mit großer Bandbreite sowohl der Tempi wie auch der Rhythmik und der Dynamik. Spannende Kontraste, kräftige Akzente und Betonungen, ausdrucksvolles, sachdienliches Rubato, all das lässt Beethoven mit einer Überzeugungskraft ‘reden’, wie sie kein Politiker fesselnder auf einer Parlaments- oder einer Wahlkampfbühne haben könnte.

Dabei musiziert das Dänische Kammerorchester, das 2015 quasi tot war und erfolgreich wiederbelebt wurde, mit einer sprühenden Spielfreude, technisch auf hohem Niveau und hoch konzentriert dem Dirigat Fischers folgend.

Und so wage ich zu behaupten, dass jeder, der die Beethoven-Symphonien gut kennt, hier noch jede Menge an Details und Formulierungen finden wird, die ihm neu vorkommen und ihn erstaunen werden, wie etwa das tänzerische Adagio aus der Neunten, das bei Fischer nur 12’12 » dauert (gegenüber Chailly 12’51, Toscanini zwischen 13 und 14’, Karajan 1963 16’35 und Furtwängler 1954 19’24). Nicht weniger überraschend ist dann allerdings der Finalsatz der Neunten, den Adam Fischer bis auf wenige Besonderheiten eher traditionell angeht, so als wage er nicht, an diesem Monument zu rütteln. © 2019 Pizzicato



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, August 2019

Das Beethoven Jahr 2020—der Geburtstag des Komponisten jährt sich am 17. Dezember zum 250. Mal—ist natürlich ein gefundenes „Fressen“ für die Konzert- und Tonträgerwirtschaft. Das ist auch gut so. Neben Wiederveröffentlichungs-Remasterings werden Aufnahmen ins Haus stehen, die vielleicht neue oder zumindest neu kolorierte Seiten in der Interpretationsgeschichte so bekannter Zyklen wie der Klaviersonaten oder der Symphonien aufschlagen. Und so das Interesse für das immens reiche klassisch-klassische Repertoire wachhalten. Wie oft der Gesamtzyklus bisher insgesamt weltweit auf Tonträger aufgenommen wurde, weiß keiner so genau. Aber es werden geschätzt (Quellen Archiv des Beethoven Hauses Bonn u.a.) schon an die 100 Gesamtaufnahmen sein, die Frage nach der Verfügbarkeit im Katalog bleibt davon unberührt.

Die Neuaufnahme mit Ádám Fischer stützt sich auf das Dänische Kammerorchester. Beethoven oder Brahms-Symphonien mit einem Kammerorchester aufzuführen, ist an sich weder neu noch bedeutet das a priori eine Qualität. Thomas Dausgaard hat es pionierhaft—wie ich meine—mit seinem Swedish Chamber Orchestra in den Jahren 2000-2009 vorgeführt und konnte damit durchaus reüssieren. Ähnlich Giovanni Antonini, der mit dem Kammerorchester Basel ebenfalls gute Kritiken einheimsen konnte. Wie sehr den großen klassischen Symphonien eine kammermusikalische Besetzung passend zu Gesichte stehen kann, hat kürzlich Robin Ticciati mit Brahms und dem Scottish Chamber Orchestra vorgeführt.

Nun ist Ádám Fischer an der Reihe und er überrascht mit einer aus der Haydn-Tradition weitergedachten extrem flott genommenen, das Revolutionäre in glühenden Furor gegossenen Interpretation. Ádám Fischer meint zu Recht, dass es nicht reicht, auf Originalinstrumenten zu spielen und die neuesten historischen Forschungsergebnisse dogmatisch zu berücksichtigen. Jeder Dirigent muss wie ein Regisseur versuchen, das heutige Publikum emotional zu packen, Hörgewohnheiten, Phantasien und Träume inklusive.

Das, was der Pianist Igor Levit in einem Zeit-Interview 2016 sagt (ich freue mich sehr auf die für Herbst angekündigte Neuaufnahme aller Sonaten), kann vielleicht Fischers Verständnis der Symphonien verdeutlichen: „Beethoven ist so ungeheuer frei: Er ist formlos und formvollendet wie kein anderer. Beethoven ist ein Mann der Überraschungen, der Überwältigungen: leise, leise, leise, laut! Und das alles kann so witzig sein, anmutig humorvoll, böse humorvoll, dunkel, hell, schnell, langsam.“

Ádám Fischer weiß stets exzellente Beziehungen zu seinen Musikern herzustellen. Das Danish Chamber Orchestra kennt er als Chef bereits seit 21 Jahren. Ein im Jahr 2014 begonnener Zyklus blieb aufgrund einer finanziell bedingten Umstrukturierung des Orchesters unvollendet. Also alles von vorne. So geht Fischer diesmal von den sanglich und organisch fließenden Interpretationen wie wir das von „seinem“ Mozart kennen, ab. Der Beethoven-Zyklus dringt hochenergetisch, dynamisch kontrastreich, rhythmisch strikt (Rubato war gestern) und bisweilen improvisatorisch anmutend ins Wohnzimmer. Der künstlerische Blick hält nach der klugen Einsicht des Dirigenten lediglich einen (Anm.: wohl zeitgeistig motivierten) Augenblick wie einen Schnappschuss fest, stellt eine Momentaufnahme dar und kann niemals zeitlose Gültigkeit in Anspruch nehmen.

Von der akademisch viel diskutierte Frage nach der strikten Befolgung von Metronomangaben und Tempi hält Fischer nicht viel, vor allem nicht, allen Tempoangaben unkritisch zu folgen. Wichtig sei, dass das Tempo kein Ziel an sich darstelle und nur in Verbindung mit dem Aussagewillen des Komponisten verstanden werden will. Es müsse daher flexibel gedacht sein. Die Wahl der Tempi hängt von einer Vielzahl von Faktoren, u.a. von den Akustikverhältnissen eines Raumes und den involvierten Persönlichkeiten ab und ist keine bürokratisch metronomische Trockenübung. Dabei steht Fischer bei den Tempi Arturo Toscanini nahe und ist daher Schöpfer eines der geschwindesten Beethoven Symphonien-Zyklen der Plattengeschichte. Das Adagio der Neunten nimmt Fischer gar noch flotter als Toscanini, wie dies etwa auch Vasiliy Petrenko kürzlich beim Young Euro Classic Konzert des European Youth Orchestra am 1. August in Berlin vorexerziert hat.

Adam Fischers Beethoven Zyklus ist ein aufgewecktes Kind unserer Zeit. Fischer spürt hinter dem titanischen Aufbäumen immer mal wieder die fugitiven Sehnsüchte nach Harmonie auf, den subkutanen Kanonendonner und ätzenden Pulverdampf der Zeit spachtelt er hastig mit in sein detailreiches Menschheitsfresko. Vom Charakter her fallen eine hoch konzentrierte Rasanz sowie kammermusikalische Ruhepole—einige wie auf leisen Pfoten—auf. Der Pinsel ist trocken, die Pressung noch frisch. Viele werden sich über eine Wiedergabe frisch von der Leine freuen. Wer seinen Radar auf den durch Erfahrung und großen Wissen intuitiv erahnten Sinn der Kompositionen richtet, wird spannende Erlebnisse mitnehmen. Allerdings können bei aller mitreissenden Dynamik die strikte Rhythmisierung und die schnellen Tempi irritieren. Wer seine epochalen Haydn Aufnahmen in Erinnerung hat, muss sich auf ein anderes Hörerlebnis einstellen. Fischer auf Currentzis‘ Spuren sozusagen. Selbstredend ist dies auch ein Teil der Qualität des neuen Zyklus. © 2019 Online Merker





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