Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

Email Password  
Not a subscriber yet?  
Keyword Search
 in   
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...



Martin Blaumeiser
Klassik heute, January 2017

Diese Naxos-CD mit Klaus Hampl und dem Quartetto di Roma vereint zwei stilistisch ganz unterschiedliche Beiträge hierzulande noch immer selten zu hörender Komponisten zum Klarinettenquintett: Samuel Coleridge-Taylor (1875–1912), Sohn eines Arztes aus Sierra Leone und einer Engländerin, war ein musikalisch Frühvollendeter, der bereits als 15-jähriger am Londoner Royal College of Music bei Charles V. Stanford studieren durfte. Der wusste als bekennender Brahmsianer dessen Errungenschaften, insbesondere eine gewisse rhythmische Freiheit bei gleichzeitiger formaler Strenge, an den Schüler weiter zu geben. Coleridge-Taylors Lieblingskomponist war jedoch Antonín Dvořák, dessen Geschick etwa bei der Integration von Volksliedhaftem er übernahm. Die zweite Verbindung ergibt sich durch die Beschäftigung Coleridge-Taylors einerseits mit seinen afrikanischen Wurzeln, aber dann vor allem mit der indianischen Musik Nordamerikas. Wie sein Idol—zum berühmten Thema des zweiten Satzes der 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“—hat ihn Henry Longfellows „The Song of Hiawatha“ zu seiner vielleicht wichtigsten Komposition, einem dreiteiligen Kantatenzyklus gleichen Titels, inspiriert, die Coleridge-Taylor dann, auch als Dirigent, vor allem in den USA bekannt machte.

Das Klarinettenquintett fis-Moll op. 10 (1895) ist quasi das Gesellenstück der fünfjährigen Studienzeit bei Stanford. Und da für den Lehrer natürlich Brahms‘ Gattungsbeitrag das Maß aller Dinge darstellte, eine geradezu gewagte Aufgabe für den jungen Komponisten—vergleichbar mit Ernst Kreneks mutiger Auseinandersetzung mit Beethovens op. 127 in seinem ersten Streichquartett, das im gleichen Alter entstand. Nach Meinung Stanfords ist dies Coleridge-Taylor gelungen. Mag sich das Quintett auch nicht wirklich in seiner Tiefe mit Brahms‘ Spätwerk messen können, so erfüllt es aber einen Anspruch, der über musikantische „Hausmusik“ weit hinausgeht und überdies in Folge die Gattung des Klarinettenquintetts in der britischen Musik zu einer Konstante werden lässt.

In der vorliegenden Interpretation wird dieses Werk leider auf Klangschönheit und „Gefälligkeit“ reduziert. Alles klingt ausgewogen, maßvoll, jede kleine dynamische Veränderung wird teilweise auch agogisch gewissermaßen nochmal mit Flüssigzucker übergossen und geradezu in Schönklang ertränkt. Dies wird, offensichtlich sehr konsequent, erst dadurch möglich, dass alle Tempi für meinen Geschmack deutlich zu langsam genommen werden, was dann allein schon oft tranig wirkt. Die großartige formale Anlage, tatsächlich an Dvořák geschulte rhythmische Prägnanz (Finale), und ein ja zweifelsohne vorhandener, dramatischer Zug, bleiben so gänzlich auf der Strecke. Dass es auch anders geht, beweist die zehn Jahre alte Konkurrenzaufnahme des Nash-Ensembles: Straffe, teilweise schon fast überzogene Tempi halten das lange Werk dort zusammen; ausdrucksmäßige Entwicklungen, wie man sie von einer spätromantischen, wenn auch konservativen Musik für den Konzertsaal erwartet, können sich so spannungsvoll entfalten. Mag gerade auch die Tongebung des Klarinettisten—ohne jegliche Ecken und Kanten—nicht gerade dem Ideal des Rezensenten entsprechen: Hampls Vorstellungen werden im Ensembleklang kohärent umgesetzt, wie aus einem Guss. Immerhin punktet die Einspielung gegenüber der trockenen, topfigen Akustik bei Hyperion mit einem warmen, sehr detailreichen, räumlichen Klangbild ohne Makel.

Paul Ben-Haim (1897–1984) wurde als Paul Frankenburger in München geboren und studierte dort Dirigieren und Komposition, war Assistent von Bruno Walter und später 1. Kapellmeister in Augsburg. Bereits vor der Emigration 1933 nach Palästina hatte er sich musikalisch zu seinen jüdischen Wurzeln bekannt; doch erst dort—wo er sich auch in Ben-Haim umbenannte - lernte er, vor allem durch die jemenitische Sängerin Bracha Zephira, Volksmusik mit hebräischen, arabischen, und allgemein orientalischen Einflüssen kennen, die zunehmend in sein Werk, das eine spezifisch israelische Musikkultur mitbegründen sollte, Eingang fand.

Ben-Haims Quintett ist nicht mehr der Spätromatik verpflichtet; das dreisätzige Werk knüpft, was westliche Kompositionstechniken betrifft, eher an Debussy, Ravel, aber auch an Bartók und den reifen Ernest Bloch an. In seiner differenzierten, reich verzierten Melodik kostet der Komponist jedoch unverkennbar typische Orientalismen aus, was natürlich insbesondere der Klarinette entgegenkommt. Diese spielt allerdings in Ben-Haims Stück längst nicht eine derart dominante Rolle wie bei Coleridge-Taylor: Es gibt immer wieder längere Passagen, in denen das Streichquartett alleine zu hören ist—mit der ganzen Palette moderner Spieltechnik. Der umfangreiche, finale Variationssatz überzeugt durch ein Wechselbad von meditativen Momenten, die beinahe die Zeit aufzuheben scheinen, und rhythmisch zupackenden Episoden. Einfachheit und Verständlichkeit gehen bei dieser Musik zu keinem Augenblick verloren—das von den Darbietenden erneut favorisierte Konzept von Innigkeit und Zurückhaltung geht hier ganz unprätentiös auf. © 2017 Klassik heute



Jan Kampmeier
www.klassik.com, January 2017

Der Klarinettist Klaus Hampl und das Quartetto di Roma haben sich mit den Quintetten von Samuel Coleridge-Taylor und Paul Ben-Haim zweier eindeutig hörenswerter Raritäten angenommen. © 2017 www.klassik.com





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group