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Album Reviews



 
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Christoph Schl├╝ren
Klassik heute, September 2019

Den jungen, in Paris lebenden italienischen Pianisten Andrea Vivanet kenne ich bereits von einer im vergangenen Jahr erschienenen, hervorragenden CD des kanadischen Labels Centaur, wo er Bartók und Mussorgskys Bilder einer Ausstellung aufgenommen hat—leider ist diese CD in Deutschland bisher nicht veröffentlicht worden. Nun aber kommt Vivanet mit einem Szymanowski-Album bei Naxos, mit der pianistisch so ungeheuer faszinierenden wie diabolisch herausfordernden Musik des bedeutendsten polnischen Komponisten nach Chopin. Karol Szymanowski (1882-1937) hat vor allem das Repertoire der Pianisten und Geiger bereichert, und mit Musikern wie Grzegorz Fitelberg, Artur Rodzinski, Artur Rubinstein oder Pawel Kochanski stellten sich einige der angesehensten polnischen Musiker des 20. Jahrhunderts in den Dienst seiner Musik. Fürs Klavier schrieb er u. a. drei Sonaten, die fantastischen Tondichtungs-Zyklen der Masques und Métopes, die frühen Préludes, zwei Zyklen Etüden, zwei Variationswerke und eine edle Sammlung später Mazurken sowie die konzertante Vierte Symphonie. Andrea Vivanet eröffnet sein Album mit einer Auswahl von fünf Préludes aus Szymanowskis Opus 1 mit erstaunlichem Understatement, wenn man bedenkt, was darauf folgt. Diese Préludes sind von berührend nostalgischer Färbung, sehr intim im Charakter. Darauf folgen die 1900-02 entstanden vier Études op. 4—zwei davon sind in ihrer entfesselten Virtuosität erkennbar etüdenhaft im besten Sinne, und die zwei getrageneren sind eigentlich üppige, fantasieartige kleine Tondichtungen. Die dann folgenden 12 Études op. 33 von 1916 bilden einen untrennbaren, unveränderbaren Formzusammenhang als ein dem Pianisten alles abfordernder Zyklus. Einen exakter den Buchstaben des Komponisten umsetzenden Gestalter als Vivanet dürfte man kaum finden, und zugleich ist alles erfüllt von einer bewussten Musikalität, wie dies äußerst selten ist. Selbst die kleinsten Nebenstimmen inmitten des figurativen, bassmächtigen Tumults, die raffiniertesten Abschattierungen und Phrasierungs-Subtilitäten aller polyphon involvierten Abläufe, alles ist durchgearbeitet, und nichts läge dabei ferner als akademisches Gebaren. Es wirkt überwältigend spontan, obgleich nichts dem Zufall überlassen ist. Und in allen Stimmen ist Gesang, in den wechselnden Schwerpunktgebungen weitestgehend unabhängig von der Metrik. Andrea Vivanet ist bei aller Clarté der Struktur ein herausragender Klangästhet, doch nie gerät es in die Nähe künstlichen Manierismus’. Eigentlich ein Wunder, wenn man in Betracht zieht, dass auch die ganz großen Namen unter den heutigen Pianisten vor einem solchen Meister, den hierzulande noch fast niemand kennt, den Hut ziehen müssten. Höhepunkt dieses großartigen Albums sind selbstverständlich die drei ‚Maski‘ op. 34 von 1915-16 (unmittelbar vor den 12 Études op. 33 entstanden), die auch eine bezwingend geschlossene Form bilden. Höchste kompositorische Meisterschaft, im Charakter am ehesten mit dem orgiastischen und obsessiven Ravel verwandt, allerdings darin höchst eigenständig, verbindet sich mit olympischer Pianistik. Wer jetzt noch skeptisch ist, hört sich am besten zum Einstieg die Shéhérazade (den mehr als zehnminütigen Kopfsatz der Masken) an. Fesselnder geht es eigentlich nicht. Einzig der Aufnahmeklang könnte etwas weniger nah und direkt sein, also weniger Studio-mäßig und eher Konzertsaal-artig—aber das war wohl nicht die Ansicht des Tontechnikers. Erstrangig auch der kompetent und versiert informierende Booklettext von Florian Schuck, der wieder einmal unter Beweis stellt, dass auch ein aufs Wesentliche konzentrierter Artikel nur so kurz sein muss, wie es der Platz im schmalen Beiheft eben erlaubt. Eine grandiose CD, geradezu ein Vermächtnis. Nun bin ich sehr gespannt, was uns Andrea Vivant als Nächstes präsentieren wird, und hoffe, dass wir ihn schon bald an wichtigen Orten im deutschsprachigen Raum in Konzerten hören wird. © 2019 Klassik heute



Ulrich Hermann
The New Listener, September 2019

Schon die ersten Préludes Opus 1 lassen aufhorchen: Da spielt einer nicht nur phänomenal Klavier, nein, er erweckt diese Musik des zwischen Chopin und der Moderne eingespannten, im Westen noch immer nicht so recht gewürdigten großen polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882-1937) zu einem Leben, das unüberhörbar aufzeigt, was für ein Schatz da zu heben ist.

Rhythmisch, harmonisch, melodisch, klanglich, keine Dimension bleibt unerfüllt bei dieser Musik. Als Nachfolge Chopins ist das ebenso zu erleben wie als Zeitgenosse der Moderne eines Debussy, Bartók oder Strawinsky, jedoch mit ganz eigener, überreicher Klang- und Musiksprache.

Dabei sah Szymanowski sich selbst—wie im sehr informativen Booklettext von Norbert Florian Schuck nachzulesen ist—als nicht gerade übermässig virtuosen Pianisten, war aber mit so vielen weltberühmten und erfolgreichen Musikern wie beispielsweise Fitelberg, Artur Rubinstein oder Artur Rodzinski befreundet, dass er seiner musikalischen Fantasie auch im Virtuosen immer freien Lauf lassen konnte.

Zunächst war Szymanowski ein Exponent des hemmungslos blühenden musikalischen Jugendstils der 1910er Jahre, wie man hier in den grandiosen drei ‚Masken‘ von 1915-16 mit ihren herrlichen Orientalismen hören kann. Doch dann lehnte er, der die Geisteswelt des Orient so sehr liebte, eine Berufung ans Konservatorium in Kairo ab, denn er meinte, seiner Heimat dienen zu müssen. Man hat es ihm zu Lebzeiten nicht gedankt, und erst posthum entdeckten die Polen ihre Liebe zu ihm. Als wiederholter Direktor des Warschauer Konservatoriums kam er zwangsläufig in Konflikte mit seinen konservativen Mitarbeitern; er gab diese Stellung resigniert wieder auf, noch dazu quälte ihn seine Tuberkulose, der er 1937 in Lausanne erlag.

Andrea Vivanet spielt diese Musik mit exorbitanter Beherrschung aller Feinheiten, einem äußerst wandlungsfähigen, stets wunderbaren Ton, einer unwiderstehlich leidenschaftlichen Liebe ohne exzessive Entgleisungen, und durchdringt auch die komplexesten Harmonien an den Grenzen der Tonalität mit klar strukturierendem Sinn und macht so das Hören dieser Kompositionen zu einem erlesenen und auf alles Weitere von Szymanowski neugierig machenden Erlebnis. Wahrscheinlich hat in den letzten Jahrzehnten diese Werke keiner so meisterhaft vorgetragen. So gespielt, gehört Szymanowski nachhaltig in den Pianistenolymp und die ‚Gefahr‘, dass Vivanet Nachahmer findet, ist erfreulich groß. Auch der Aufnahmeklang ist ausgezeichnet, so dass ich diese Scheibe nur rundum uneingeschränkt empfehlen kann. © 2019 The New Listener



Oliver Fraenzke
The New Listener, September 2019

„Wie im Fieber blätterten wir die Noten durch—entdeckten wir doch hier einen bedeutenden polnischen Komponisten!“ So rief der Pianist Artur Rubinstein aus, als er erstmals die Préludes Szymanowskis, sein erstes mit Opuszahl versehenes Werk, zu lesen und spielen bekam. Obgleich Szymanowski selbst nie eine Laufbahn als Virtuose einschlagen wollte, verfolgte ihn das Klavier durch sein gesamtes Werkschaffen; und später musste es aus finanziellen Gründen notgedrungen auf das Konzertieren zurückgreifen. Seine eigenen klaviertechnischen Einschränkungen hielten ihn nicht davon ab, den darbietenden Künstlern seiner Werke enorme Schwierigkeiten abzuverlangen: Gab es, neben namhaften Freunden wie Rubinstein, schließlich auch Pianisten in seiner Verwandtschaft, so unter anderem Felix Blumenfeld und weiter entfernt Natalia und Heinrich Neuhaus.

Die neun Préludes op. 1 sind auf die Jahre 1899 und 1900 datiert, auch wenn einige von ihnen sicherlich schon früher entstanden. Sie, wie die 1903/04 entstandenen vier Etüden op. 4, verfolgen einen lyrischen und weichen Stil, immer wieder gewürzt durch rhythmische Divergenzen und zarte Dissonanzen. Popularität erlangte die dritte der Etüden, bei welcher die fingertechnischen Hürden im Hintergrund stehen zugunsten eines hinreißenden Themas und großer Sanglichkeit. Ein ganz anderes Bild geben die späteren Masques op. 34 und die kurz darauf fertiggestellten Etüden op. 33: Hier experimentiert Szymanowski damit, harsche Dissonanzen nicht regelkonform aufzulösen, sondern in neue instabile Klänge weiterzuführen, wodurch die Musik einen schwebenden Zustand erreicht. Die Masques beziehen sich auf drei Gestalten der Weltliteratur, Shéhérazade, Tantris (Tristan) und Don Juan (den er ursprünglich italienisch Don Giovanni bezeichnen wollte), und bringen fantasievolle Seelenlandschaften hervor. Die einzelnen Episoden überlappen sich regelmäßig und in immer neuen Formationen, was eine stete Spannung evoziert. Walter Georgii rühmte die Masques: „Seit Debussy ist kein so persönlicher Klavierstil mehr gefunden worden.“ Die Etüden op. 33 verfolgen ebenso den freien und unaufgelösten Stil; jede für sich ist von miniaturistischer Dauer, doch gehören sie untrennbar und mit „attaca“ verbunden zusammen, wodurch sie einen umfassenden Eindruck bilden.

Das Spiel Andrea Vivanets zeichnet sich aus durch Lebendigkeit und Organik. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hat dies besonders auf die späteren Werke in ihren nahezu undurchdringlichen Harmonien und ihrer Sprunghaftigkeit. Während die meisten Pianisten verständnislos vor den nur noch subtil auftretenden Bezügen zwischen den Episoden stehen (vor allem in harmonischer Hinsicht), gelingt es Vivanets Temperament, die Teile zusammenzuhalten und schlüssig von einem in den anderen überzugehen. Kleine Reminiszenzen hebt Vivanet hervor, um das Verständnis beim Hören zu stärken. Die grellen Harmonien kostet er aus und genießt die Reibungen zwischen den Tönen: so wie beispielsweise die in Shéhérazade oft auftretende Non a-ais‘, die er in Debussys Manier schweben lässt. In den früheren Werken Szymanowskis fokussiert Vivanet die reiche Melodik und die Wendigkeit der Stücke, wobei die reine Fingerfertigkeit in den Hintergrund rückt. Der Pianist versteht die Stücke, selbst die komplexesten unter ihnen, und gibt alles hinein, sie auch dem Hörer verständlich zu machen. So entsteht eine der am tiefsten erspürten, intuitivsten und klarsten Aufnahmen von Szymanowskis Musik. © 2019 The New Listener




Remy Franck
Pizzicato, August 2019

Der polnische Komponist Karol Szymanovski (1882-1937) stand vor einem reichen musikalischen Erbe, das für ihn eine Art musikalische Zwangsjacke war. Daraus versuchte er sich zu befreien. Die auf dieser CD versammelten Klavierwerke gehören zur frühen und zur mittleren Schaffensperiode, wobei ja gewusst ist, dass er in der dritten Schaffensperiode (nach 1917) nur noch wenige Klavierwerke komponierte, Polnische Tänze und Mazurken.

Der italienische Pianist Andrea Vivanet spielt mit großem Können sowie viel viel Engagement und Gespür für die besonderen Klangwelten der in sein Programm aufgenommenen Stücke. Jede dieser Miniaturen kann für sich bestehen, zusammen aber bilden sie ein vielschichtiges und vielseitiges Spektrum, in dem sich ruhigere und kräftigere, rhythmisch brillante und intim verhaltene Momente ablösen.

Die starke Profilierung der Stücke durch Andrea Vivanet zeigt ihre verschiedenartigen Facetten, die hier zu einer interessanten Reise durch die Klaviermusik des polnischen Komponisten werden. © 2019 Pizzicato





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