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Album Reviews



 
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Teresa Pieschacón Raphael
Concerti, November 2018

„Oh man, it’s a girl!“, murmelten die Männer im Orchester, als beim Meisterkurs in Tanglewood Anfang der Achtzigerjahre eine junge Frau im Batikhemd und Kurzhaarfrisur an das Pult ging und übernahm. Nur einer im Publikum schwieg, hatte die Augen geschlossen und hörte zu. Es war Leonard Bernstein. Nach der Probe offenbarte er ihr, er könne nicht sagen, ob da eine Frau dirigiert hatte oder nicht. Ungalant hätte Marin Alsop das finden können, doch für sie war es das größte Kompliment.

Bereits mit neun Jahren hatte sie zwei Poster in ihrem Zimmer in New York gehängt: eines von den Beatles. Und ein noch viel größeres von Bernstein. Kurz zuvor hatte sie ihn in einem Young People’s Concert des New York Philharmonic erlebt. „Ich sah diesen Typen herauskommen und er fing an, mit dem Publikum zu reden. Und er erzählte, wie aufgeregt er bei Musik sei. Als er dann dirigierte, sprang er herum und war irgendwie verrückt“. Das wolle sie auch, sagte sie ihren Eltern, die begeistert reagierten. Schließlich bestimmte die Musik ohnehin das Familienleben. Der Vater war Konzertmeister im Orchester des New York City Ballet, die Mutter Cellistin. Und Marin spielte Geige. Sogar „unser Hund jaulte, wenn mein Vater zu Beginn von Bartóks sechstem Quartett das Bratschensolo spielte“.

Beim vierten Anlauf klappte es

Der Gang zu den Musikinstitutionen war für die zwanzigjährige New Yorkerin geografisch nicht weit: da die weltberühmte Juilliard School, und gut hundert Meter entfernt davon die Orchestergräben der New Yorker Philharmoniker und der Met. Und doch war der Weg steinig. Sie schaffte es in die Endauswahl der Dirigentenklasse, wurde dennoch nicht angenommen. Und auch bei Bernsteins Talentschmiede Tanglewood klappte es erst beim vierten Anlauf. Um die Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, spielte sie in der Jazz Band String Fever sogar mit Charlie Parker und Duke Ellington. Um mehr Praxis als Dirigentin zu gewinnen, gründete sie 1983 das Kammerorchester Concordia.

1988 war es dann endlich soweit. Bernstein feierte seinen 70. Geburtstag, Fernsehteams filmten ihn bei der Arbeit in Tanglewood mit seiner Dirigentenklasse, und Alsop hatte ihren ersten großen Auftritt. Nun wurde sie endlich wahrgenommen. Jeder konnte sehen, was Bernstein von ihr hielt. „Er übertraf alle meine Erwartungen. Er war großzügig, liebevoll, fürsorglich. Die wertvollste Erkenntnis, die er mir gab: Jedes Stück Musik habe seine Geschichte, und die müsse man als Dirigent finden. Man müsse von jeder Note in einer Sinfonie sagen können, weshalb sie dort steht.“ Allerdings hat sie auch ihre Geige immer dabei, denn neben der Analyse und dem Dirigat bleibe es wichtig, das Musizieren nicht zu vergessen. „Wenn ich spiele, habe ich wieder unmittelbar das Gefühl dafür, wie der Ton gemacht wird, dann merkt man, wie dankbar man als Dirigent dem Orchester sein sollte.“

Als sie für die Chefposition nominiert wurde, waren 90 Prozent der Musiker gegen sie

Manchmal, räumt sie ein, sei die männliche Dominanz einschüchternd gewesen. In solchen Momenten dachte sie an Bernstein, der ihr stets gesagt hatte, „nichts darauf zu geben, was irgendjemand über mich sagt, sondern frei zu sein“. Als sie 2005 für die Chefposition am Baltimore Symphony Orchestra nominiert wurde, waren 90 Prozent der Musiker gegen sie. Erst nachdem sie ihre Pläne vorlegte, änderte sich die Stimmung. Heute können sie nicht leugnen, dass sie sich unter Alsops Leitung verbessert haben.

„Wenn man in einen Job geht, um populär zu sein, ist das der falsche Grund“, sagt sie. „Ich möchte eher respektiert statt gemocht werden“. Sie sei bereits als Kind immer sehr „bossy“ gewesen, versucht aber, diese Eigenschaft am Pult vor dem Orchester zu unterdrücken. Sie weiß: „Wenn ein Mann sehr stark und intensiv ist, heißt es: wunderbar, stark, Macho. Wenn eine Frau sehr intensiv ist, gilt das als bedrohlich“. Unlängst wurde ihr Vertrag in Baltimore verlängert, seit 2012 führt sie das São Paulo Symphony Orchestra, ab 2019 das Radio-Symphonieorchester Wien. „Es gibt keinen logischen Grund, warum Frauen nicht dirigieren können“, sagt sie. „Der Taktstock wiegt kaum mehr als 25 Gramm. Man braucht keine übermenschliche Kraft. Nur eine musikalische Vision.“ © 2018 Concerti



CLASS: aktuell, October 2018

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Clemens Haustein
Fono Forum, April 2017

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Alain Steffen
Pizzicato, March 2017

Die Dirigentin Marin Alsop ist bekannt dafür, dass sie sich engagiert für amerikanische Musik einsetzt. Zusammen mit dem ‘Baltimore Symphony Orchestra’ bietet sie eine sehr analytische und für meinen Geschmack etwas zu kühle Leseart der beiden ersten Symphonien von Leonard Bernstein an. Die Mezzosopranistin Jennifer Johnson Cano überzeugt in der der ersten Symphonie ebenso wie der Pianist Jean-Yves Thibaudet in der Zweiten, ‘The Age of Anxiety’. Insgesamt zwei sehr gute Einspielungen, wenn ich persönlich auch Bernsteins eigene Aufnahmen und die mit Leonard Slatkin sowie John Axelrod vorziehe. © 2017 Pizzicato



Ingobert Waltenberger
Online Merker, February 2017

Es ist DAS Album der vielleicht besten Dirigentin in den USA geworden. Nach der Kaddish Symphonie die zweite Auseinandersetzung vonMarin Alsop mit dem symphonischen Schaffen Leonard Bernsteins. Alsop, seit 2007 mit der musikalischen Leitung des renommierten Baltimore Symphony Orchestra betraut (ihr Vertrag läuft bis 2021!), hat echte Pionierarbeit geleistet. Die Präzision und breite Ausdrucksspanne, die Klarheit und Durchsichtigkeit des Klangs, die Macht der Tutti und die immer rein der Musik geschuldete Dramatik und Intensität, das Drängende und Packende der symphonischen Welt Bernsteins, das Leuchten und Lodern im Glauben an die Kraft der Musik, machen diese CD zu einem tiefen Erlebnis.

Assistiert von Jennifer Johnson Cano, einem klang—und charaktervollen Mezzo, im dritten Satz der ersten Symphonie Bernsteins, den Lamentations of Jeremiah, sowie dem französischen Pianisten Jean Yves Thibaudet in der zweiten Symphonie, ersteht die gesamte Klangwelt Bernsteins, wie neu und nie gehört. Und es zeigt sich, nicht die West Side Story oder andere populäre Bühnenwerke, nein, die Symphonie war das ureigenste Ausdrucksmittel dieses genialen Dirigenten, Musikpädagogen, Showmasters mit dem Stab und ganz in der abendländischen Musiktradition verhafteten Tausendsassas. Heute sind diese in den 40-er Jahren entstandenen Kompositionen aktueller denn je, die zweite Symphonie hat Bernstein 1965 noch einmal revidiert. Die Klagen des Jeremias rund um das zerstörte Jerusalem wecken massive Assoziationen ausgelöst von Fernsehbildern von ausgebombten Städten im Mittleren Osten.

Die zweite Symphonie besteht aus einem Prolog, den zwei mal sieben Variationen „The Seven Ages“ und „The Seven Stages“ sowie den abschließenden drei Sätzen des Teils 2 „The Dirge“, „The Masque“ und „The Epilogue“, aufbauend auf W. H. Audens 80-seitigem Poem „The Age of Anxiety“. Und wieder verblüfft, wie Maestra Alsop diese Reihe an rein instrumentaler, den Konversationen dreier Männer mit einer Frau, die sich in einer New Yorker Bar abspielen, nachempfundenen Musik in spannende Klangrede wandelt. Eine Oper ohne Worte ist diese Koussevitzky gewidmete Symphonie geworden. Stilistisch ist dieses Meisterwerk eine Symbiose aus Reminiszenzen aus der Alten Welt (Britten, Shostakovich, Schoenberg lassen grüßen) vermischt mit Anleihen aus der Jazzmusik, im Charakter insgesamt Filmmusik nicht unähnlich. Die neue Aufnahme zeigt auch hier Referenzcharakter, besser hat das auch Bernstein selber nicht dirigiert. © 2017 Online Merker



Werner Theurich
Spiegel Online, May 2015

Niemand besseres als der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet lässt sich wohl für den Solopart denken, denn zwischen Eric Satie und George Gershwin, dazu Klassiker wie Chopin, Brahms, Schumann und Liszt repräsentiert Thibaudets Repertoire seit Jahrzehnten genau die musikalische Bandbreite, die den idealen Background für Bernsteins Universalmusik liefert und ihm schon zwei Grammy-Nominierungen einbrachte.

Gemeinsam mit der US-amerikanischen Dirigentin Marin Alsop spielte er schon Gershwins Pianokonzerte ein, und Alsops temperamentvoller Zugriff treibt Thibaudet auch im Falle Bernstein zu Höchstleistungen. Nicht nur in technischer Hinsicht: Die Bewusstseinsreise des “Age of Anxiety” (“Das Zeitalter der Angst”) nach dem erzählenden Gedicht von W.H. Auden komponiert, bietet dem Klavierpoeten Thibaudet beste Voraussetzungen für eine kongeniale Interpretation. Audens lyrische Darstellung eines Abends dreier Männern und einer Frau, die gemeinsam und dennoch einsam nach dem Zweiten Weltkrieg durch die New Yorker Nacht ziehen, gießt Bernstein in musikalische Form. Marin Alsop hat ihr Baltimore Symphony Orchestra, das sie schon seit 2007 leitet, bestens im Griff und serviert eine vielfarbige Tondichtung, die in dieser Version durchaus mit den Interpretationen des Komponisten mithalten kann.

Eine Vorkämpferin am Pult

Sie war und ist auch eine Vorkämpferin: Marin Alsop, 1956 in New York geboren, gehört zu den immer noch wenigen weiblichen Dirigenten, die sich einen festen Platz in der Szene erobert haben. Auch in Deutschland machten erfolgreiche Gastspielen in München, Berlin und Köln sie zu einer hoch angesehenen Künstlerin am Pult, wie sie auch als erste Frau das Abschlusskonzert der traditionsreichen Prom-Reihe in London leitete. Für Bernsteins Großwerk jedenfalls ein Glückfall, ebenso wie für den verdienten Virtuosen Thibaudet. Also keine Angst vor der “Anxiety”. © 2017 Spiegel Online





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