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Album Reviews



 
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Rolf Fath
Opera Lounge, April 2019

PFITZNER, H.: Lieder (Complete), Vol. 2 (Balzer, K. Simon) 8.572603
DEBUSSY, C.: Chansons de Bilitis / 6 Épigraphes antiques / Syrinx (Lombardi, Giottoli, D'Aniello, Farinelli, Magadis Ensemble) BC95678
Vocal and Piano Recital: Sämann, Gerlinde / Weber, Claude - BUCHHOLTZ, H. / KONTZ, K. / ZELIANKO, T. (Und hab' so große Sehnsucht doch …) SM309

Keiner wird spontan nach der CD mit der Dame greifen, die wie eine Hofschauspielerin in der Ahnengalerie des Burgtheaters aussieht: Helen Buchholtz. Auch nicht in Luxemburg, wo sie so lange unbekannt blieb wie andernorts und allenfalls Lou Koster die Riege komponierender Frauen anführte. Erst 1998 ist man auf die 1877 in Esch-sur-Alzette geborene und 1953 in Luxemburg gestorbene Komponistin aufmerksam geworden, die sich ihre kompositorischen Kenntnisse autodidaktisch bzw. durch private Studien erwarb und zeitlebens mit dem Musikleben ihrer Heimat gut vernetzt war. Nach dem Tod des Vaters 1910 war sie finanziell unabhängig und gut gestellt, hielt Anteile an der von ihrem Bruder und Schwager geleiteten Brauerei, und konnte die Musik zum Zentrum ihres Lebens machen. 1914 heiratete sie in Metz einen deutschen Arzt, lebte bis zu dessen Tod mit ihm in Wiesbaden und kehrte anschließend nach Luxemburg-Stadt zurück. Buchholtz komponierte ihr ganzes Leben, nicht übermäßig viel, doch wohl dosiert; die Werkliste umfasst 135 Kompositionen, darunter rund 50 Lieder. Das von ihrem Neffen gerettete Konvolut mit Kompositionen wurde 1998 von Danielle Roster wiederentdeckt und gesichtet und als Archiv Helen Buchholtz der Frauen- und Genderbibliothek CID/ Fraen an Gender übergeben.

Im Februar 2018 entstand im luxemburgischen Ettelbruck als wichtigstes Dokument der jahrlangen Recherche, Sichtung und Bewertung die Aufnahme mit 25 Liedern der Helen Buchholtz Und hab‘ so große Sehnsucht doch…, die abgerundet wird durch vier Aufträge an Komponistinnen. Drei von ihnen stellen den Buchholtz-Vertonungen ihre Neuvertonung gegenüber. Einen Schwerpunkt in dieser Buchholtz-Auswahl bilden die Texte der deutschen Dichterin Anna Ritter (1865-1921). Im Beiheft dieser Ausgabe (Solo Musica SM 309) schreibt Roster, “In der Auswahl ihrer Gedichte legte sie offensichtlich Wert auf die weibliche Perspektive. Tod und Vergänglichkeit. Einsamkeit, Verlust und Sehnsucht sind Themen, die sie sie in ihrer Vokalmusik, aber auch in den Charakterstücken für Klavier, immer wieder musikalisch verarbeitet”. Auffallend ist der selbstverständliche, natürliche, geradezu private Ton, den Buchholtz anschlägt als spreche sie zu sich oder allenfalls im vertrauten Kreis. Das gibt den romantischen Liedern eine gewisse Originalität, die sich auch in den Betonungen, in den lapidaren Akzenten und der Gliederung der Sätze niederschlägt. Man könnte das naiv nennen, doch die Umsetzung ist so charmant, auch reizvoll im durchaus nicht unaufwendigen Klavierpart und den von Claude Weber seigneural gespielten Vor- und Nachspielen, dass man den Liedern, denen sich die Sopranistin Gerlinde Sämann mit großem Fleiß annimmt, nicht ungerne lauscht, wobei Sämanns flacher Sopran nicht die Kraft aufbringt, um das dichte Programm zu tragen, geschweige denn hinreichend Reiz für so umfangreiche Stücke wie die neunminütige “Blauvögelein” oder die anderen umfangreichen Balladen verströmt.

Eine ganz andere Qualität besitzen freilich die Lieder von Hans Pfitzner. Sie sind von derart überraschender und faszinierender Schönheit, spätromantischen Schwermut und Jugendstil-Überschwang, dass man sich fragt, weshalb sie so gut wie nie in Lied-Programmen erscheinen. Vielleicht hilft die Gesamteinspielung aller Lieder bei Naxos. Nach den Liedern für Sopran auf Volume 1 mit Britta Stallmeister von 2013 folgte jetzt mit großem zeitlichem Abstand die bereits 2010 in Emmendingen mit Colin Balzeraufgenommene zweite Folge. Bei diesem Veröffentlichungs-Rhythmus wird es noch etwas dauern, bis alle Lieder vorliegen. Auf seiner Internetseite spricht Pianist Klaus Simon von einer vierteiligen Ausgabe, wozu noch die Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner und der Bariton Uwe Schenker-Primus genannt werden. In der zweiten Ausgabe (Naxos 8.572603) singt der kanadische Tenor Colin Balzer Lieder, die zwischen 1884 und 1916 entstanden, also viele Lieder der Jugendzeit. Bereits der 15jährige vertonte Heines “Ein Fichtenbaum steht einsam” WoO 12 und Geibels “O schneller, mein Roß” WoO 5, aber in den sieben Liedern op. 2 auch weniger bekannte Autoren wie Hermann von Lingg und August Schnezler oder stellt in op. 6 Texte aus seinem Freundeskreis von James Grun und Paul Cossmann wiederum Heine gegenüber. Hochromantische Szenen, dicht eingefangen mit einem sprechenden prägnanten Klavierpart, Eichendorffschen Stimmungszauber, den er in op. 7 atmosphärisch und musikalisch à la Hugo Wolf ausmalt. Außerdem eine geradezu jungmännerhafte Kraftmeierei, wie sie bereits in “O schneller, mein Roß” angelegt ist, aber in “Wie Frühlingsahnung weht es durch die Lande” op. 7/5 und “Studentenfahrt” nach Eichendorff op 11/3 geradezu ekstatische Lust versprüht. Das klingt nach Strauss. Dieser bewunderte Pfitzners Lieder ebenso wie Gustav Mahler. Colin Balzer verfügt nicht über den Heldentenor, den sich Pfitzner dafür vorgestellt haben mag, kann aber mit seinem hellen, stählernen Timbre einen heldischen Eindruck vermitteln. Er singt so textverständlich, dass es eine Freude ist, ihm und seinem Begleiter Klaus Simon bei dieser ausgezeichneten Aufnahme zuzuhören.

Mit wenig Gewinn hörte ich The Wagon of Life eine Hommage an den vielseitigen Kalligraphen, Graveur, Buchbinder, Möbelbauer, Lehrer, doch vor allem Komponisten Thomas Pitfield (1903-99), entstanden 2003 anläßlich seines 100. Geburtstags in Manchester, nicht am Royal Manchester College of Music, wo Pitfield von 1947-73 unterrichtete, sondern an der Chetham’s School of Music. Neben Liedern von Pitfield, dessen erstes, The Wagon of Life/ Der Wagen des Lebens, der Sammlung den Titel gibt (ddv 24168), haben sich Bariton Mark Rowlinson und sein Begleiter Peter Lawson der ermüdenden Fleißaufgabe unterzogen, noch Lieder von gleichzehn weiteren Komponisten zu präsentieren, die irgendwie zu Pitfield und seiner Frau in Beziehung stehen. Am bemerkenswertesten sind die beiden Psalm-Vertonungen der Sasha Johnson Manning.

Sinnlich, lüstern, lustvoll ist die Atmosphäre in den Bilitis-Gesängen von Claude Debussynach Texten seines Freundes Pierre Louÿs (1870-1925), der die Verse als Gedichte einer aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert stammenden Griechin ausgab. Fake. Eine Fälschung, ebenso wie die angeblich aus der gälischen Urzeit stammenden Gesänge des Ossian. Louÿs dachte sich für seine Bilitis eine Biografie aus, die von erwachender Sexualität und Sinnlichkeit erzählt. Als Jugendliche wird sie vergewaltigt, auf Lesbos findet sie ihr Liebesglück mit Mnasidika und auf Zypern wird sie als Tempelhetäre bewundert.

Bereits 1898 hatte Debussy drei der Gedichte als Klavierlieder vertont. 1901 folgten anlässlich einer Privataufführung, bei der zwölf Gedichte rezitiert und als tableaux vivants dargestellt wurden, zu jedem Gedicht kurze Bühnenmusiken für zwei Flöten, zwei Harfen und Celesta. 1914 arbeitete Debussy sieben Abschnitte diese Musique de scène pour Les Chansons de Bilitis zu sechs Klavierstücken zu vier Händen um, die er Six épigraphes antiques nannte. Es schön, diese aus einander hervorgegangenen und dennoch unterschiedlichen Stücke auf dieser klangsinnlichen neuen Einspielung mit der vollmundigen Mezzosopranistin Elisabetta Lombardi, dem Magadis Ensemble um die Schauspielerin Carole Magnini und den beiden Pianisten Filippo Farinelli und Raffaela D’Aniello zu hören (Brilliant Classics 95678). Ergänzt wird die runde Aufnahme durch La flûte de Pan, bekannter als Syrinx, die sehr kurze Bühnenmusik, die Debussy für das Stück Psyché seines Freundes Gabriel Mourey schrieb, mit dem er zahlreiche weitere Projekte angedacht hatte. Es ist besonders reizvoll, dass diese Aufnahme den Beginn des dritten Aktes mit der Szene der Nymphen bringt, wollte doch Debussy mit absoluter Präzision wissen, nach welchem Vers die Flöte Pans einsetzen solle. © 2019 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, March 2019

Richard Strauss, Gustav Mahler, Alban Berg und Hugo Wolf haben das deutsche Kunstlied noch einmal in schillernden Pracht einer letzten Blüte zugeführt. Ihre Schöpfungen gehören zum teils melodienreich expressiven, teils harmonisch und chromatisch kühnen Erbe spätromantischer Ausdruckskunst. Auch Hans Pfitzners lyrischer Genius‘ ist in einer Reihe mit seinen bekannteren Kollegen zu nennen. Das Haus Naxos ist nun in der verdienstvollen Gesamtaufnahme aller Pfitzner-Lieder bei Teil 2 der Edition (Vol. 1 wurde von der Sopranistin Britta Stallmeister bestritten) angekommen.

Der kanadische Tenor Colin Balzer interpretiert mit Klaus Simon am Flügel zunächst frühe Bespiele aus Pfitzners beeindruckendem Liedschaffen. Die Texte der 1884 bis 1916 entstandenen, in Zyklen zusammengefassten Lieder Opp. 2, 6, 7, 11, 21, 24, 26 stammen von bekannten Dichtern wie dem von ihm bevorzugten Eichendorf, weiters von Heyse, Heine, Hebbel oder Goethe. Pfitzner vertonte aber auch Lyrik von heute vergessenen Namen wie Hermann Lingg, August Schnetzler und Robert Reinick. Sogar engen Freunden wie Paul Nikolaus Cossmann, James Grun oder Mary Graf-Bartholomew widerfuhr die Ehre, mit ihren Reimen Pfitzner zu großartigen Liedern inspiriert haben zu können.

In den in ihrer Tonsprache an die großen Frühromantiker anknüpfenden Liedern wird, wie könnte es anders sein, der Liebe und als Metapher für menschliche Gefühlswelten der Natur gehuldigt. Pfitzner glücken schon in seinen frühersten Versuchen beachtliche Würfe wie “In der Früh, wenn die Sonne kommen will” oder “Ist der Himmel darum im Lenz so blau”. Zu volksliedhafter Einfachheit gesellt sich ein harmonisch reicher Klavierpart. Das Fluidum der melodischen Eingebung, die maßgeschneidert zu den Worten erspürten Harmonien, eine raffinierte, oftmals lautmalerische Klavierbegleitung machen die Erkundungsreise durch Pfitzners Liedkosmos zu einem gar abwechslungsreichen Abenteuer. Dramatisch geht es in “Wie Frühlingsahnung weht es durch die Lande” oder “Studentenfahrt” zu, durchaus kühn und mit reif entwickelter, individueller Tonsprache gefallen die Entwürfe zu “Herbstbild”, “Die Nachtigallen” bzw. Petrarcas “Sonett” (unüberhörbar eine klangliche Studie zur Oper “Palestrina”) aus den Jahren 1907 bzw. 1909. Die späteren Lieder verlangen dem Solisten viel an ekstatischer Verzückung, emotionalen Ausbrüchen und Spitzentönen ab.

Colin Balzer ist ein typischer Vertreter der hohen angelsächsischen Vokalkultur. Mit gut in der “Maske” sitzender Stimme gelingen ihm eindrückliche, ja überwiegend mustergültige Interpretationen. Intonation, ein wunderbares Legato, bis in die kleinste Silbe hinein fein abschattierte Nuancen, eine kluge Phrasierung und eine farbig reich abgestimmte Textausdeutung sind die Vorzüge dieses erstklassigen Sängers. Jedes Wort ist zu verstehen. Das eher neutrale, hell silbrige Timbre und die instrumental geführte Stimme kommen am besten bei den lyrischen Liedern bis 1900 zur Geltung. Der Tonumfang Balzers ist nach oben und unten hin jedoch begrenzt. In den hochdramatischen Passagen der expressionistisch ausladenden Lieder “Wie Frühlingsahnung weht es durch die Lande” “Herbstlied” oder “Sonett” stößt Balzers Tenor in den Akuti bzw. hoch gelegenen Phrasen an seine natürlichen Grenzen.

Ohne Vorbehalt begeistert die in jeder Hinsicht poetisch sinnliche Begleitung des auf die Spätromantik spezialisierten deutschen Pianisten Klaus Simon. Für Naxos erarbeitet der vorzügliche Musiker auch eine Edition sämtlicher Lieder Erich Wolfgang Korngolds.

Die CD bietet eine gute Gelegenheit, die stilistische Entwicklung des fünfzehnjährigen Schülers und Frühzünders Hans bis hin zu den komplex ausgefeilten Kompositionen des 47 Jahre alten Meisters in einer guten Stunde nachvollziehen zu können. © 2019 Online Merker




Uwe Krusch
Pizzicato, March 2019

Wollte man die im Zeitraum sechzehn Jahre vor und nach der Wende ins 20. Jahrhundert entstandenen Lieder dieser Einspielung unter einem thematischen Ansatz fassen, so ist die Überschrift unserer Rezension diese Klammer. Pfitzners Liedschaffen stellt die jeweilige Stimmung mit nur wenigen einleitenden Klaviertakten her und bleibt dann innerhalb eines Liedes meist einer lyrischen Linie treu. Neben bekannten Dichtern vertont er ebenso unbekannte bzw. aus seinem Freundeskreis stammende Verse.

Auf dieser Aufnahme, nach Sopranliedern in der ersten Veröffentlichung, folgen hier nun solche für einen Tenor, deren Inhalte und Stimmungen von leidvollen Momenten bis um Heldentenor bei der Studentenfahrt reichen.

Den Klavierpart hat wie bei der ersten Aufnahme Klaus Simon übernommen. Sein pianistisches Interesse liegt ganz bei der Liedbegleitung und dort wiederum insbesondere bei spätromantischen und frühen modernen Liedern. Damit ist Pfitzner, der genau auf dieser Grenze wandelt, bei ihm bestens unter sensiblen Fingern gelandet. Mit den kurzen, daher mitunter ein wenig spröde wirkenden Vorspielen gelingt es ihm, sofort das erforderliche Timbre zu erfühlen, um dem Sänger direkt anregen zu können.

Colin Balzer übernimmt diese Ideen nahtlos und kann darauf seine Linienführung aufbauen. Bei guter Artikulation sind die Texte zumeist verständlich, so dass man die über einen genannten Internet-Link verfügbaren Texte nicht nachlesen muss. Balzer singt nuanciert und kann damit die verschiedenen Stimmungen aus den Liedern herausschälen. So gelingt eine sehr erfreuliche Fortsetzung der Reihe der Lieder von Hans Pfitzner. © 2019 Pizzicato





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