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Neue Zürcher Zeitung, August 2013

Der Verkannte

Das Werk von Carlo Gesualdo—ein neues Bild in neuen Aufnahmen

Lange Zeit galt der vor dreihundert Jahren verstorbene Carlo Gesualdo als komponierender und mordender Fürst, der Musik im Wahnsinn schuf. Neueste Aufnahmen zeichnen ein anderes Bild— vielfältig, aber auch widersprüchlich.

Marco Frei

Natürlich lag Igor Strawinsky nicht ganz richtig, als er 1968 feststellte, dass Carlo Gesualdo «noch heute als spinnerter Chromatiker» abgestempelt und selten gesungen werde. Denn schon in den 1950er Jahren hatte sich Theodor W. Adorno positiv über ihn geäussert, und noch früher waren es die Komponisten Luigi Dallapiccola und Goffredo Petrassi, die ab den 1930er Jahren mit dem Neomadrigalismo auch Gesualdo reflektierten—um eine Gegenwelt zum italienischen Faschismus zu schaffen.

Späte Renaissance

Gleichwohl gewann die Wiederbelebung des 1566 geborenen Komponisten erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Fahrt, wobei die von Glenn Watkins herausgegebene Gesamtausgabe und die Einspielungen unter der Leitung von Robert Craft wesentliche Voraussetzungen schufen. Die 1990er Jahre brachten den Durchbruch, auch dank den Aufnahmen des Hilliard-Ensembles und der Tallis Scholars. Zuvor aber fristete Gesualdos Schaffen für Jahrhunderte ein Schattendasein und wurde misstrauisch beäugt.

So bezeichnete Charles Burney um 1780 Gesualdo als «erlauchten Dilettanten», dessen «rücksichtslose Dissonanzen» er ebenso monierte wie den Kontrapunkt und die Wortausdeutung. Wie neue Interpretationen zeigen, die Gesualdo mit Werken von Zeitgenossen koppeln, ist das historisch durchaus verständlich—aber auch falsch. Da ist das Tenebrae-Ensemble von Nigel Short, das Responsorien Gesualdos mit Lamentationen von Tom´as Luis de Victoria verbindet: Im Vergleich zu Gesualdos Dissonanzen, seiner Chromatik und den harmonischen Rückungen komponierte der Spanier regelkonformer. Andererseits zeigt die Doppel-CD von Concerto Soave, die Motetten und Madrigale von Gesualdo mit Werken von Ascanio Mayone koppelt, dass Gesualdo kein Einzelgänger war. Einen besonders grossen Einfluss auf Gesualdo hatten freilich Komponisten aus Ferrara wie Luzzasco Luzzaschi, zumal er mit der Tochter des Herzogs von Ferrara eine zweite Ehe einging; zuvor hatte Gesualdo seine erste Gemahlin beim Ehebruch ertappt und sie mit ihrem Liebhaber umgebracht.

Dieser Doppelmord ereignete sich 1590 und hat die weitere Gesualdo-Rezeption massgeblich geprägt. Auch die Opern «Gesualdo» von Alfred Schnittke und «Luci mie traditrici» von Salvatore Sciarrino, die Mitte der 1990er Jahre entstanden sind, greifen dieses Ereignis auf; es markierte einen tiefen Einschnitt im Leben und Schaffen Gesualdos. Als strenggläubiger Katholik fühlte er sich schuldig, obwohl nach damaligem Recht ein Ehebruch eine solche Tat rechtfertigte. Giovanni Balducci malte für ihn 1609 das Bild «Il perdono di Carlo Gesualdo», zudem liess sich Gesualdo regelmässig geisseln—an den Wunden soll er gestorben sein. Nicht zuletzt schuf Gesualdo bald nur noch geistliche Musik. In den Responsorien für die Karwoche, die Philippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent in Kürze als neue Gesamtaufnahme vorlegen (Outhere), wandelt sich das Leid Christi zu einem höchst expressiven, persönlichen «Mea culpa», woran Komponisten der Gegenwart anknüpften—neben Sciarrino auch Giacinto Scelsi, Arvo Pärt, Klaus Huber, Ivan Fedele oder Wolfgang Rihm.

«Gerade hat der Principe noch mit dem Dolch in Leichen gestochert, schon setzt er peinvolle, süss-dunkle Kontrapunkte», bemerkt Rihm. Indes offenbart ein Vergleich zwischen den Responsorien und den Madrigalen, die nun ebenfalls in neuen Einspielungen von Delitiae Musicae und von La Compagnia del Madrigale vorliegen, wie sehr sich Gesualdos Stil wandelte. Insgesamt erscheinen die Responsorien geläuterter, Burneys Kritik bezog sich seinerzeit einzig auf Gesualdos Madrigale. Fast schon konventionell wirken gar die frühen Bücher des «Sacrarum cantionum». Mit seinem Vocalconsort Berlin hat James Wood das zweite Buch nun erstmals auf CD eingespielt, wofür er die verschollenen Bassus- und Sextus-Stimmen rekonstruierte. Mehrheitlich ist diese Sammlung kontrapunktisch durchkomponiert, expressive Mittel werden sehr massvoll eingesetzt. Denn im Grunde war Gesualdo ein konservativer Komponist; mit seinen Madrigalen pflegte er eine Gattung, die bald schon aus der Mode kommen sollte— auch wegen der Geburt der Oper.

Selbst die kühne Harmonik liesse sich als Wiederbelebung älterer Tonsysteme verstehen, die zwischen Diatonik, Chromatik und Enharmonik changieren.Wie jedoch diese Stilmittel authentisch interpretiert werden können, darüber gehen die Meinungen bis heute mitunter weit auseinander; das zeigen auch die neuen Aufnahmen.

Wege der Interpretation

Neben der Frage, ob die höheren Stimmlagen mit Sopranistinnen oder Countertenören besetzt werden sollen, dreht sich vieles um den Einsatz des Vibratos. Für Wood ist das Vibrato der «Feind der Polyfonie», weswegen er fast vollständig darauf verzichtet—wie Herreweghe. Um gezielt Affekte und Phrasen zu betonen, setzen hingegen Delitiae Musicae, das Tenebrae-Ensemble sowie La Compagnia del Madrigale Vibrato ein. Dabei zeigt die Aufnahme der Responsorien unter Herreweghe, wie klar und zwingend das Raffinement in Harmonik und Stimmführung verlebendigt werden kann, wenn auf das Vibrato verzichtet wird. Auf diese Gesamteinspielung, die im Spätsommer bei Outhere erscheinen soll, darf man sich freuen. © Neue Zürcher Zeitung





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