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Hans-Juergen Fink
KulturPort.De, September 2014

Loussier macht nun Geld zu Freiraum, um die Weiten des musikalischen Universums zu erkunden. Sein Experimentierfeld: Fusion zwischen Rock, Jazz und Klassik. Es entstehen genreübergreifende Kompositionen für akustische und elektronische Instrumente. Eine faszinierende Frucht dieser Arbeit an der Integration der Genres ist 1986 seine großartige, eingängige, farbenprächtige und mitreißende „Barocke Messe des 21. Jahrhunderts—Lumières“.

1988 schreibt er sein erstes Violinkonzert. Es nimmt rhythmische und melodische Impulse aus Jazz, Tango und Zigeunermusik auf. Das Schlagwerk ist weit weniger präsent, als der Titel Concerto No.1 for violin und percussion“ das vermuten lässt. Statt dessen erweist sich Loussier—„für mich ist die Melodie das A und O“—als Erfinder hochmelodischer, sehnsüchtiger bis leidenschaftlicher Violin-Passagen und als Meister im präzisen Ausmalen atmosphärischer Stimmungen. Bauchmusik auch das—und der Kopf, der sie geschaffen hat, soll nicht spürbar werden.

Im ersten Satz mit dem Titel „Prague“ steigt die Melodie über einer synkopierten Staccato-Begleiter von Streichern und Schlagzeug auf, die vage Anklänge an Vivaldi hervorholt. Der zweite Satz—„L’homme nu“—entwickelt sich als verträumter Melodiefaden aus einem Streicher-Flimmern und blüht langsam zu einem Cinemascope-Dolby-Surround-Ambiente auf, bei dem sich unwillkürlich irgendwann der Name „Morricone“ in Erinnerung ruft. Der dritte Satz nimmt die Zuhörer mit zu einem heißen Flirt in eine Tango-Kaschemme in Buenos Aires, und im vierten schlägt die Stunde der Percussion, überschrieben mit „Tokyo“ wird das Publikum in eine fremdartige Höreindrücke hineingezogen, das Schlagwerk treibt Solisten und Orchester durch flirrende und faszinierende Klangwelt.

Das „Concerto No. 2 for violin and tabla“ entstand 20 Jahre später, und es klingt ein wenig wie eine kleine Reise durch Loussiers Leben. Gleich der erste Satz beginnt mit einem zwingenden Marschrhythmus und exotisch anmutenden Harmonien, auf denen die Violine tanzt—es wird ein Kampf des Gleichschritts gegen die Freiheit des Jazz, Ausgang da noch ungewiss.

Der zweite Satz zieht eine einzige große Violin-Linie, die als integratives Element über einer von viele Fragmente zersplitterte Begleitung schwebt und die Andeutungen der Tupfer zu einem Ganzen rahmt. Eine Cadenza führt dann zum wilden vierten Satz, der in klarer Verwandtschaft zum Czardas Zigeunerklänge den furiosen und virtuosen Schlusspunkt setzen lässt.

Zugabe auf dieser CD für Entdecker: die Sonate für Violine und Klavier des Polen Ignacy Jan Paderewski, geboren 1860. 1882, also fast zeitgleich, geschrieben mit den drei Sonaten für Klavier (Gunther Hauer) und Violine von Johannes Brahms. Bei Paderewski konzertieren ein spätromantisches, hoch virtuoses Klavier mit einer Violine, deren Ton sich noch aus dem sentimental-sehnsüchtigen Duktus des zwanzig Jahre zuvor entstandenen g-Moll-Violinkonzerts von Max Bruch zu speisen scheint und dem die Schroffheiten in der Tonsprache von Brahms noch fremd zu sein scheinen. © 2014 KulturPort.De



The Listener, July 2014

Huch, was kommt denn da auf den Tisch? Violinkonzerte von Jaques Loussier, dem König des Klassik-Jazz! Das ist doch zumindest so überraschend, dass man auf jeden Fall mal reingehört haben muss. Und das Schöne ist: Je länger man reinhört, desto mehr merkt man, dass dieses Album richtig gut ist!

Vor allem Loussiers erstes Violinkonzert aus den Jahren 1987/88 vermag durchaus zu begeistern. Keine Spur allerdings von Loussiers „play-Bach“-Attitüde. Stattdessen lässt der Franzose Erinnerungen an diverse Belmondo-Filmmusiken aufkommen (ich nenne jetzt als Beispiel mal das berühmte Thema aus „Der Profi“) und bewegt sich somit in einem Fahrwasser zwischen Ennio Morricone und nur randseitigen Jazz-Ausflügen.

Das zweite Konzert ist ganz anders, viel mehr vom Jazz beeinflusst, sehr viel stärker improvisatorisch für den Solisten angelegt. Insgesamt wirkt das zweite Konzert sperriger und auch – ich nenne das jetzt mal – „wilder“. Durch die zahlreichen Improvisationsparts (die Jazzer womöglich begeistern werden) stellt sich bei mir kein Charakter eines durchkomponierten Stücks ein, und ich muss sagen, dass ich dieses Konzert (2006 komponiert) nur bedingt überzeugend finden kann.

Beide Werke sind aber wirklich interessant und beweisen, dass man auch heute noch etwas „leichtere“ E-Musik auf trotzdem sehr hohem Niveau komponieren kann.

Nun aber der Fauxpas: Wie kann man Loussiers spritzige Werke, die sicherlich kein ausschließlich klassikaffines Publikum anziehen, nur mit Paderewskis enorm sperriger Violinsonate koppeln? Sicher, beim Paderewski-Stück kann Solist Adam Kostecki überhaupt erst alles „rauslassen“, was er so kann. Doch die Musik wird viele Hörer verschrecken. Und das kann im Übrigen sogar ich verstehen: Die Sonate ist ein übersprudelnder Quell sinnbefreiten Virtuosentums, bei dem die Show mehr zählt als die Musik.
Ignaz Paderewski mag ein guter Ministerpräsident gewesen sein, auch ein guter Außenminister. Sogar einige Klavierwerke von ihm sind prima, und sein herausragender Virtuosenstatus steht außer Zweifel. Als Komponist dieser Violinsonate jedoch hat er sich als eine Art „polnischer Sarasate mit Kunstanspruch“ zu profilieren versucht, was in meinen Ohren einfach nicht geklappt hat.

Die Interpretationen aller Stücke sind absolut exzellent ausgeführt. Vor allem die Loussier-Konzerte hätten gar keine bessere Interpretation erfahren können. Das Polish Philharmonic Chamber Orchestra erweist sich als ausgesprochen qualitätvolles Ensemble, das vor allem auch den richtigen „Drive“ mitbringt, um Loussiers Jazz-beeinflussten Stil nicht knöcherig sondern schön organisch und swingend durch die HiFi-Anlage zu pusten. Piotr Iwicki, der großartige Schlagzeuger dieser Produktion, trägt einen Großteil zu diesem positiven Eindruck bei. Solist Adam Kostecki ist neben seiner Solistenrolle auf diesem Album auch als Dirigent aktiv, und das nötigt einem bei diesem durchaus komplexen Repertoire schon Respekt ab. Und zuguterletzt ist Pianist Gunther Hauer jeder Technikhürde gewachsen, die Paderewski ihm in die Partitur geschrieben hat.

Einziger Streitpunkt dieser Aufnahme dürfte der Aufnahmeklang sein, der mit enorm viel Raumhall ausgestattet ist. Zwar ist diese CD in einer polnischen Kirche mitgeschnitten worden. Doch muss man deswegen gleich sämtlichen Hall mit auf das Endprodukt bannen, den die Kirche zu bieten hatte? Vor allem das Schlagzeug bekommt durch diese Hallumgebung zuweilen Böller-Charakter. Und man fragt sich, wie diese Kammerkonzerte (letztendlich sind sie das ja) geklungen hätten, wären sie in einem Kammermusiksaal mitgeschnitten worden, was eigentlich logischer gewesen wäre.

Alles in allem aber: Daumen nach oben für Loussiers Violinkonzerte und die ausführende Mannschaft. Ganz große Klasse! Paderewskis Musik hingegen ist und bleibt Geschmackssache. © 2014 The Listener





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