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Mátyás Kiss
NMZ, March 2016

CARULLI: Guitar Sonatas Op. 21, Nos. 1- 3 and Op. 5 8.553301
SIBELIUS, J.: Kuolema / King Kristian II / Overture in A Minor (Pajala, Torikka, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573299
SIBELIUS, J.: Belshazzar's Feast / Overture in E Major / Scène de ballet / Cortège / Menuetto (Pajala, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573300
SIBELIUS, J.: Jokamies (Jedermann) / 2 Pieces, Op. 77 / In Memoriam (Pajala, Katajala, Söderlund, Palmu, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573340
SIBELIUS, J.: Swanwhite / The Lizard / A Lonely Ski Trail / The Countess's Portrait (Eklundh, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573341
SIBELIUS, J.: Scaramouche [Ballet] (Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573511

Jean Sibelius hat nur eine Kurzoper („Die Jungfrau im Turm“) hinterlassen. Die Schar seiner Anhänger könnte ihn, abgesehen von den Symphonien, symphonischen Dichtungen, „Kullervo“ und dem Violinkonzert, gar für einen Miniaturisten halten. Dass diese Sicht einseitig ist, lehrt ein genauerer Blick auf jene dreizehn Musiken, welche ursprünglich zur Umrahmung von Theaterstücken bestimmt waren.

Nur wenige davon erreichten in Form nachträglich kompilierter Suiten die Konzertsäle. Aus Anlass von Sibelius’ 150. Geburtstag hat Leif Segerstam mit den Philharmonikern aus dem finnischen Turku nun insgesamt sechs CDs mit szenischen Musiken vorgelegt, die er um einige kleinere, ebenfalls gerne übersehene Genrestücke anreicherte.

Die angeblich vollständige Theatermusik zu „Kuolema“ („Tod“, 1903) bietet allerdings nicht die beiden für den Konzertgebrauch nachkomponierten Stücke und beschränkt sich im übrigen auf die knappe Urversion der vielgeliebten „Szene mit Kranichen“. Lediglich zwei Nummern aus der Musik für Shakespeares „Twelfth Night“ („Was ihr wollt“, 1909) verweisen außerdem unweigerlich auf die umfängliche Partitur zu „The Tempest“ („Der Sturm“): Die liegt bislang zwar in keiner Interpretation Segerstams vor, könnte aber gegebenenfalls zu Shakespeares 400. Todestag im April nachgeschoben werden.

Die wohlweislich nicht durchnummerierte Serie enthält also durchaus nicht alle Schauspielmusiken Sibelius’, gibt jedoch auf hohem musikalischen und aufnahmetechnischen Niveau eine Ahnung davon, welch große Rolle diese spezielle Form von Gebrauchsmusik im schöpferischen Leben des großen Finnen spielte: Derart zweckgebundene Musik sollte Stimmungen unterstreichen oder überhaupt erst erzeugen, musste dabei jedoch, anders als ein Werk „absoluter“ Musik, beim ersten Hören unmittelbar verständlich sein, um nicht von der Szene abzulenken.

Weil aber vor, neben oder hinter der Bühne eines durchschnittlichen Theaters eher kein Hundert-Mann-Orchester Platz findet, kommen wir in den nicht zu unterschätzenden Genuss von Sibelius’ ausgefeilter Schreibweise für Kammerorchester—dies ein Genre, das er auch für den Konzertsaal kultivierte (etwa in den „Zwei ernsten Melodien“ op. 77).

Dabei entpuppt sich Sibelius, wie der nachmalige „Valse triste“ aus „Kuolema“ (1903, dort zunächst schlicht mit „tempo di valse lente“ bezeichnet) bereits im Titel verrät, als der wahrscheinlich begnadetste Verfasser von eleganten Streichermusiken überwiegend düsteren Charakters. Diese Begabung kündigt sich bereits in der eröffnenden Elegie aus „König Christian II.“ (1898) an, und wenn dann noch eine Harfe hinzutritt, ist die verträumt-vergebliche, unheilschwangere Atmosphäre komplett („Fool’s Song of the Spider“). Das ist wirklich originärer, erstklassiger Sibelius. Wenn er jedoch (wie in der Mehrzahl seiner Klavierwerke) unüberhörbar als Auftragskomponist agiert, glaubt man an einigen Stellen ein unbekanntes Grieg-Stück, an anderen eine Fortsetzung des Siegfried-Idylls zu hören. Aber selbst dann kann ihm niemand ernsthaft böse sein; diese durchweg hübschen Piècen aus zweiter Hand erfüllten damals sicher ebensogut ihren Zweck. Heute noch, ihres ursprünglichen Kontextes ganz beraubt, sind sie angenehm anzuhören: „Easy Listening“ im besten Sinn.

Vergegenwärtigen wir uns nur einmal eine repräsentative Theatervorstellung von vor hundert oder zweihundert Jahren. Sprech- und Musiktheater waren keineswegs so sauber voneinander geschieden, wie wir das (außer von besonders musikaffinen Regisseuren wie Robert Wilson) seit längerem gewohnt sind: Mozarts deutsche Singspiele „Entführung“ und „Zauberflöte“ enthalten geradezu irritierend viel Dialog, und umgekehrt hat Beethoven für Kotzebues „Ruinen von Athen“ und Goethes „Egmont“ erstaunlich viel teils symphonisch, teils opernhaft konzipierte Musik hinterlassen. Und so ging es weiter, bis weit ins vorige Jahrhundert. Wir müssen uns das Theater als unmittelbaren Vorläufer des Films vorstellen, der in seinen Anfängen (zu denen Sibelius’ kompositorische Tätigkeit zeitlich parallel läuft) ja auch nicht stumm, sondern stets von Live-Musik begleitet war.

Nur so können wir aus solchen heute wie merkwürdige Zwitter anmutenden Melodramen klug werden wie den hier eingespielten, dankenswert kurzen „A Lonely Ski Trail“ und „The Countess’ Portrait“, die in der Tat das gleichnamige, selbst noch in Dialogszenen mit vollem Orchester unterlegte Filmgenre vorweg nehmen. Leider ist aufgrund des skandinavischen Originaltons gar nicht zu verstehen, worum es dem Erzähler geht, und überhaupt hätte ich die Begleitmusik lieber pur genossen, wie es die Gesamtedition auf BIS ermöglicht.

Mit drei wirklich interessanten, meines Wissens bislang auch nur bei BIS erhältlichen Raritäten kann Segerstam aufwarten: den zwei ausgedehnten Szenen aus „Ödlan“ („Die Eidechse“ op. 8, 1909), die ohne hör- und sichtbare Theaterhandlung leider keinen rechten Sinn ergeben; den offenbar sehr präzise aufs Bühnengeschehen abgestimmten 16 Stationen des Hoffmannsthalschen „Jedermann“ op. 83 (1916), mit drei Solisten, Chor und 50 Minuten Spieldauer eine Semi-Oper im Sinne Purcells—bemerkenswert die fünf aufeinander folgenden, von Schmerz erfüllten langsamen Sätze, welche eine 33-minütige Kammersymphonie für sich bilden; sowie der vollständigen, 71-minütigen Ballettpantomime „Scaramouche“ op. 71 (!) von 1913: Höchste Zeit, dass Sibelius’ längstes durchkomponiertes Instrumentalwerk nicht nur wieder gespielt, sondern auch getanzt wird! Bei alledem ist nicht zu überhören, dass sich Sibelius vor und während des Ersten Weltkriegs obsessiv mit Gevatter Tod beschäftigt hat, den er durch lebenslangen exzessiven Alkoholkonsum geradezu provozierte; angesichts dessen wirkt es im Nachhinein ironisch, dass er am Ende ein biblisches Alter erreichte.

Fazit: Zwar wird hier kein schlüssiges Editionsprinzip erkennbar—falls es eines gab, dann ging es weniger um Vollständigkeit als die persönlichen Vorlieben des Dirigenten. Zum Ausgleich bietet die Reihe eine längst überfällige Gelegenheit, viel attraktive Musik zum attraktiven Preis kennen zu lernen, und dies in Interpretationen, die keine Wünsche offen lassen. © 2016 NMZ



Rüdiger Winter
Opera Lounge, November 2015

SIBELIUS: GREAT PERFORMANCES 028947885894
SIBELIUS, J.: Belshazzar's Feast / Overture in E Major / Scène de ballet / Cortège / Menuetto (Pajala, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573300
SIBELIUS, J.: Symphonies Nos. 1, 2, 5, 7 (Vienna Philharmonic, Bernstein) (Blu-ray, HD) 732404
SIBELIUS, J.: Pelleas and Melisande / Musik zu einer Szene / Autrefois / Valse Chevaleresque (Pajala, Nordqvist, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573301
SIBELIUS, J.: Jokamies (Jedermann) / 2 Pieces, Op. 77 / In Memoriam (Pajala, Katajala, Söderlund, Palmu, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573340
SIBELIUS, J.: Kuolema / King Kristian II / Overture in A Minor (Pajala, Torikka, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573299
SIBELIUS, J.: Lemminkäinen Suite - Pohjola's Daughter (Finnish Radio Symphony, Lintu) ODE1262-5

Genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie die zweite Sinfonie von Jean Sibelius in meine Hände gelangte. Dafür ist es zu lange her. Es war wohl eine ehr beiläufige Anschaffung. Vielleicht auch eine Empfehlung. Ich schleppte die Schallplatte nach Hause, legte sie auf und war von dieser Musik auf Anhieb hingerissen. Das Gewandhausorchester Leipzig spielte unter der Leitung von Carl von Garaguly. Es mag aufregendere Interpretationen geben—von Roshdestwenski etwa, Barbirolli, Maazel, Bernstein oder Berglund. Die Auswahl ist enorm. Kaum ein anderes Werk von Sibelius ist so oft eingespielt worden wie dieses. Noch immer wächst der Katalog. Zumal 2015. Am 8. Dezember wird der 150. Geburtstag des berühmtesten finnischen Komponisten begangen. In aller Welt nehmen sich Dirigenten und Orchester seiner Werke an. Sibelius ist eher noch im Kommen, als dass er in Vergessenheit geriete. Der Philosoph Theodor W. Adorno sollte nicht Recht behalten, als er Sibelius in mehreren Schriften als rückwärtsgewandt schmähte, gegen Mahler und Schoenberg ausspielte und ihn auf das Niveaus eines Amateurs herabsetze. Adorno hasste an Sibelius, wofür dieser vom Publikum geliebt wurde. Wobei diese Liebe und Verehrung oft auch missverständlich ist. Den Finnen auf grandiosen Naturschilderungen festnageln zu wollen, halte ich für einen Irrtum. Er lässt sich davon zwar inspirieren, aber seine Werke sind meist seelische Bekenntnisse. Depressiv, dunkel, eine Musik am Abgrund, eine Musik, die nicht wärmt. Es kommt mir so vor, als scheine durch die Töne immer nur die Mitternachtssonne. Sibelius war im Grunde ein unglücklicher, zerrissener Mensch, der alle Tiefen durchschritt, die das Leben bereithält. Er komponierte keine Alpensinfonie wie sein Zeitgenosse Richard Strauss.

Decca hat ihr Archiv durchsucht. Fundstücke wurden in eine Edition mit elf CDs gepackt: Sibelius Great Performances (478 8598). Der Titel stimmt immer. So viele Aufnahmen es auch gibt, völlig daneben liegt keine. Im Gegenteil. In der Menge drückt sich die Vielfalt aus. Decca hat sich für die Gesamtaufnahme der sieben Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra unter Anthony Collins entschieden. Es ist die zweite Gesamtaufnahme aus den Kindertagen der Langspielplatte, aufgenommen Anfang der 1950er Jahre. Erstmals hatte Sixten Ehrling die Sinfonien in Stockholm eingespielt. Collins, der sich als Komponist von Filmmusik einen Namen machte, bemüht sich um eine sehr genaue und exakte Wiedergabe, die in heutigen Ohren mitunter etwas trocken und spannungsarm klingt. Als historisches Ereignis ist sie aber unbestritten. Collins gilt als ein Wegbereiter von Sibelius, zumal er auch mit sinfonischen Stücken bekanntmachte, die bis dahin weitgehend unbekannt waren.

Zweimal—und das aus meiner Sicht völlig zu Recht—ist in der Edition die 2. Sinfonie vertreten. Neben Collins nimmt sich Pierre Monteux des Werkes an. Finlandia findet sich gar viermal. Beide Stücke—die Sinfonie und die sinfonische Dichtung—sind am populärsten geworden. Während sich Hans Rosbaud mit den Berliner Philharmonikern bei Finlandia um Schönklang bemüht (1955), schlägt Charles Mackerras am Pult des London Proms Symphony Orchestra (1958) herbe Töne an (1958). Erik Tuxen mit dem Dänischen Rundfunkorchester (1954) und Eduard van Beinum am Pult des Concertgebouw Orchestra (1957) liegen irgendwo dazwischen (1954). Nähe zu Tschaikowski, die Sibelius oft angekreidet wurde, ist nicht zu überhören. Das Werk ist auch deshalb interessant, weil es politische Positionen von Sibelius erkennen lässt. Seine Entstehungsgeschichte ist eng verknüpft mit den Bestrebungen der Finnen, innerhalb des russischen Reiches, zu dem sie seit 1809 gehörten, mehr nationale Eigenständigkeit zu gewinnen. Sibelius war Teil dieser Bewegung. 1899 gelangte in Helsingfors—das ist die schwedische Form von Helsinki—ein neues Werk zur Aufführung, das aus einer Ouvertüre und sechs Orchesterstücken bestand, zu denen Szenen aus dem finnischen Leben dargestellt wurden. Die Form war etwas störrisch, doch ungewöhnlich. Aus dem sechsten Tableau ging in überarbeiteter Form Finlandia hervor. Die übrigen Teile haben gekürzt als Scènes Historiques Eingang ins Gesamtwerk gefunden. Sibelius soll sich zunächst dagegen gewehrt haben, Finlandia einen Text unterzulegen. Er ließ sich aber umstimmen. Anlass dafür war 1939 der Überfall der Sowjetunion auf Finnland. Dieser Krieg endete der mit der Einverleibung finnischer Gebiete, darunter Teile Kareliens. In einer besonderen Fassung ist dem hymnischen Teil Musik ein Gedicht des Finnen Veikko Antero Koskenniemi untergelegt. Hier eine Übersetzung ins Deutsche:

O Finnland, sieh, nun endlich will es tagen, / die Nacht vergeht, ist sie auch schwarz und lang. / Hör, wie die Lerche, die noch schluchzt in Klagen, / bald alle Himmel füllt mit dem Gesang. / Und alle werden frei zu atmen wagen. / Dein Morgen naht, geliebtes Vaterland! / Finnland, erhebe dich aus dunkler Stunde, / den neuen Tag begrüß’ offen und frei./ Die alte Kraft, von der wir haben Kunde, / zerbreche auch die jüngste Sklaverei. / Kein Herr schlug je dir tödlich eine Wunde. / Dein Tag bricht an, geliebtes Vaterland.

Leopold Stokowski soll dafür geworben haben, diesen Gesang zur Nationalhymne aller Länder zu küren. Ein Gedanke, der mir so faszinierend wie naiv erscheint. Schließich brauchte ja nur „Finnland“, das in dem Vers zweimal vorkommt, durch das jeweilige andere Land ersetzt zu werden. Lediglich Biafra, das sich in den 1960er Jahren kurzzeitig von Nigeria abspaltete und keine internationale Anerkennung fand, folgte dieser Idee. Decca entschied sich in der Box für die am weitesten verbreitete Orchesterfassung.

Mehr als hundert Lieder hat Sibelius komponiert, meist in schwedischer Sprache. Finnland gehörte bis Anfang des 19. Jahrhunderts zu Schweden. Schwedisch ist noch heute eine der offiziellen Landessprachen. Oft eingespielt, haben sich die Lieder—ähnlich den von vokalen Einsprengseln durchsetzten Theatermusiken—im Konzertbetrieb nie durchgesetzt. Obwohl deutsche Opernhäuser und Konzertagenten selbst vor Tschechisch und Russisch—oder dem, was sie dafür halten—nicht zurückschrecken, sind nordische Sprachen deutlich unterrepräsentiert. Kirsten Flagstad hatte Lieder von Sibelius ständig im Repertoire. Die Einspielung von vierzehn Titeln in der Orchesterfassung für Decca aus dem Jahr 1958 gehören zum eisernen Bestand dieses Labels und haben auch in der neuen Edition ihren Platz. Die Flagstad stand damals im Herbst ihrer Karriere. Noch einmal versammelt sie all ihre individuellen stimmlichen Mittel zu majestätischer Entfaltung. Die Aufnahmen glänzen wie altes Gold. Der Flagstad gelingt das Wunder, sprachliche Grenzen durch stimmliche Pracht zu überwinden, als seien es Vokalisen, Stimmungen, Farben, die sie vorträgt und keine in Musik gesetzten Texte. Höstkväll (Herbstabend) ist dafür ein treffendes Beispiel. Var det en dröm? (Was es ein Traum?) ebenfalls. „Bitte schön, hier mein schönstes Lied“, soll der Komponist gesagt haben, als er das Manuskript der Sängerin Ida Ekman übergab. Fällig ist eine Neuauflage der Lieder gewesen, die Birgit Nilsson mit einem Wiener Opernorchester unter Bertil Bokstedt 1965 für die Decca einspielte. Da es Überschneidungen mit dem Programm der Flagstad gibt, drängt sich ein Vergleich regelrecht auf. Ihre Stimme ist zwar intakter als die der älteren Kollegin. Mit deren Ausdruck und Beseeltheit kann sie es aber nicht aufnehmen.

Eine Klasse für sich ist Sibelius mit Leonard Bernstein. In seinen späten Jahren hat er zwischen 1986 und 1990 Anlauf zu einer neuen Produktion der Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern genommen. Es blieb bei den Sinfonien Nummer 1, 2, 5 und 7, mitgeschnitten im Konzert, bei C Major nun auch als Blu-ray (732404). Ton und Bild sind gleichermaßen wie gestochen. Sie lassen die Erinnerung an die kunterbunten verwaschenen Filme vergessen, die mal durch die Bezahlklassiksender geschoben wurden. Jetzt erst wird deutlich, wie sinnstiftend die Regie gearbeitet hat. Die Hinlenkung zu einzelnen Instrumenten oder ganzen Gruppen im rechten Moment legen dem Zuschauer die Struktur der Sinfonien offen. So schön und lehrreich zugleich kann Musik am Bildschirm sein! Bernstein ist mitten hineingestellt. Er berauscht die Musiker, das Publikum und sich selbst. Sein Sibelius ist ganz ungezügelte Hingabe und Leidenschaft. Dafür wurde er geliebt. Doch Vorsicht! Vier Sinfonien hintereinander sind nicht zu schaffen. Zu groß ist die emotionale Wucht, die Bernstein niederprasseln lässt. Es empfiehlt sich, sich die Werke einzeln vorzunehmen.

Ein Dirigent unserer Tage hat sich in der Sibelius-Rezeption allein dadurch verdient gemacht, dass er den Blick auf das Gesamtwerk neu schärft—der charismatische Finne Leif Segerstam, der auch 285 Sinfonien komponiert hat. In seinen neuen Einspielungen mit dem Turku Philharmonic Orchestra für Naxos widmet er sich den Theatermusiken. Sie gehören für mich zu den spektakulärsten Ereignissen im Gedenkjahr. Diese farbigen, facettenreichen und kräftigen Kompositionen offenbaren ein starkes dramatisches Talent. In seiner vorzüglichen Biographie (eine Besprechung weiter unter) vertritt Volker Tarnow die Auffassung, Sibelius hätte „der größte Opernkomponist Skandinaviens“ werden können. In Bayreuth und München hörte er noch im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert Wagners Parsifal und fühlte sich für das eigene Schaffen beflügelt. Pläne gab es reichlich. Am Ende lief es auf den kurzen Einakter Die Jungfrau im Turm hinaus, 1896 in Helsinki uraufgeführt und seither zu einem Schattendasein verurteilt. Wenngleich in einzelnen Szenen von betörender Schönheit, fehlt der Zusammenhalt. Die kurze Oper zerfällt in aufwühlende Einzelteile und dürfte auf dem Konzertpodium größere Chancen haben als auf einer Bühne.

Inzwischen sind bei Naxosfünf CDs erschienen, darunter die komplette Bühnenmusik zum Schauspiel Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck (8.573301), welches Debussy als Vorlage für seine gleichnamige Oper diente. Im Gegensatz zu diesem ist Sibelius direkter, einschmeichelnder in der musikalischen Erfindung, weniger geheimnisvoll und entrückt. Als Reaktion des schwedischen Schriftstellers August Strindberg auf Materlincks Symbolismus gilt sein Bühnenstück Svanevit (Schwanenweiß). Die Musik dazu wird von einem Hornsignal eingeleitet, das mit seinen zehn Sekunden als eigenständiger Teil ausgewiesen ist. Ein unglaublicher Einfall! (8.573341). Zudem hat sich Segerstam die Bühnenmusik zu Jedermann vorgenommen (8.573340). Das Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal war auch ins Finnische übersetzt worden. Sibelius, der viele Male in Deutschland und Österreich weilte, dürfte es schon im Original gekannt haben. Die Musik hebt gewaltig an, als würde zum letzten Gericht geblasen und verdichtet sich in der Mitte zu einem erschütternden Largo, aus dem ich schon die Metamorphosen von Strauss heraushöre, obwohl diese erst dreißig Jahre später entstanden sind.

Kuolema (Der Tod) und Kung Kristian II (König Christian II.) füllen die nächste CD (8.573299). Kuolema untermalt das Schauspiel des Finnen Arvid Järnefelt, Kung Kristian ein Theaterstück von Adolf Paul, der Schwede war, sich die meiste Zeit seines Lebens aber in Berlin aufhielt. Er war mit Sibelius, August Strindberg und Edvard Munch eng befreundet. Solche Beziehungen und Lebensstationen ragen in viele Werke von Sibelius hinein. Kristian (1481–1559) war König von Dänemark und Schweden. Finnland war zu seiner Zeit Teil Schwedens. Bis heute beruht das große Ansehen dieses Königs darauf, dass er sich auf die Seite der im Aufblühen begriffenen Städte und der Kaufleute, die daran großen Anteil hatten, stellte und die Macht des Adels zurückdrängte. Inhalt des Stückes sind weniger die politischen Verhältnisse als die Beziehung von Kristian zu seiner Geliebten Dyveke Sigbritsdatter, der unheilvolle Einflüsse auf den König nachgesagt wurden und die offenbar einem Giftmord zum Opfer fiel. Von großer Sympathie für Dyveke, deren Schicksal in der nordischen Kunst oft thematisiert wurde, scheint die Musik getragen. Andererseits wirkt sie aber auch aus sich heraus, ohne dass es genauer Kenntnisse der historischen Hintergründe bedarf. Eine knappe Suite aus der Schauspielmusik hatte sich schon zu Lebzeiten von Sibelius durchgesetzt. Er dirigierte sie oft selbst. In der Decca-Sammlung wird sie von Alexander Gibson mit dem London Symphony Orchestra gespielt.

Bei Sibelius stellt sich hartnäckig die Frage nach den Quellen, aus denen sich viele seiner Werke speisen. Muss man die kennen? Bei Finlandia liegen die Dinge noch vergleichsweise einfach. Ist es aber unabdingbar, sich durch den Kosmos der fünfzig Gesänge des finnischen Nationalepos Kalevala zu arbeiten, um die Lemminkäinen-Legenden, die eines der zentralen Werke sind, zu verstehen? Von den einzelnen Fassungen gar nicht zu reden. Ondine hat sie in einer neuen Einspielung des Finnischen Rundfunkorchesters unter Hannu Lintu produziert (ODE 1262-5), gekoppelt mit Pohjola’s Tochter. Der Schwan von Tuonela—mal an zweiter, mal an dritter Stelle der Legenden positioniert—führt auch ein eigenständiges Leben in Konzerten und Einspielungen. Anklänge an die Vorspiele der jeweils dritten Aufzüge von Tristan und Meistersinger sind nicht zu überhören. Im Epos umkreist der heilige Schwan die Toteninsel Tuonela. Lintu, Jahrgang 1967 und gebürtiger Finne, dürfte mit dem mythischen Metaphern vertraut sein. Er zieht seine Hörer in diese dunklen Geschichten hinein und erspart ihnen nicht den Blick in Abgründe, die Sibelius so vertraut waren. Rau und gnadenlos raunt es aus dem Orchester. Lemminkäinens Abenteuer sind keine Strandspaziergänge. Nach Mord und Todschlag werden menschliche Körper zerteilt—und schließlich wieder zusammengesetzt.

Wer sich auf den Weg zu Jean Sibelius macht, sein Werk genauer erkunden will, findet sich auf einer Bildungsreise wieder. Sie führt nicht nur in den Norden Europas sondern quer durch den Kontinent, den er selbst oft durchquerte. Er war das, was man einen Europäer nennt. Allein deshalb ist er auch im Jahr seines 150. Geburtstages so zeitgemäß. © 2015 Opera Lounge



Salvatore Pichireddu
artistxite, July 2015

Bereits der erste Teil dieser hochinteressanten Sibelius-Reihe aus dem Hause Naxos konnte mich begeistern. Statt die x-te Einspielung der bekannten Sinfonien und sinfonischen Dichtungen auf den Markt zu werfen, gewann man mit dem Dirigenten Leif Segerstam einen Experten, der Sibelius’ unbekannte Orchesterwerke kompetent beleuchtet. Der vorliegende zweite Teil macht genau dort weiter, wo der Vorgänger aufgehört hat: Erstklassige, mitreißende Aufnahmen von bisher wenig beachteten Kompositionen. Wieder steht mit „Belsazars Gastmahl“ eine Schauspielmusik im Mittelpunkt des Albums. Sie entstand 1906, zeitgleich mit seiner dritten Sinfonie, als Begleitung für das Theaterstück seines Landmanns Hjalmar Procopé. Die Geschichte der Jüdin Leschanah, die an Belsazars Hof gesendet wird, um diesen zu töten und in deren Verlauf die beiden Protagonisten sich ineinander verlieben, lässt viel Raum für in suggestive Musik gefasste Imagination: Exotische Tänze voller Orientalismen, lyrische Romantik, reich verzierte Orchesterpassagen und komplexe, arabeske Rhythmen. Das Turku Philharmonic orchestra erweist sich (wieder) als kompetenter Klangkörper, der auch mit Sibelius’ (schwärmerisch-verklärten) Fantasien über das Morgenland bestens umzugehen weiß. Wieder mit von der Partie ist auch die Sopranistin Pia Pajala, die in „Den judiska flickans sång“ mit zartschmelzender Stimme brilliert. © 2015 artistxite



Peter Steder
Der Reinbeker, July 2015

SIBELIUS, J.: Kuolema / King Kristian II / Overture in A Minor (Pajala, Torikka, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573299
SIBELIUS, J.: Belshazzar's Feast / Overture in E Major / Scène de ballet / Cortège / Menuetto (Pajala, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573300

Jean Sibelius, erster finnischer Komponist von internationalem Rang, schrieb außer Sinfonien und Tondichtungen eine Reihe von Bühnenmusiken, die in Konzertführern meist ubergangen werden, anlässlich seines 150. Geburtsju-biläums aber auf dem Naxos-Label eine besondere Würdigung erfahren. Die CD-Reihe startet mit »Kung Christian II« (1898) über die unglückliche Liebe des Regenten zu einer Bürgerlichen und »Kuolema« = „Tod“ (1903) mit dem berühmten »Valse triste«.

Selten zu hören ist auch »Belshazzar’s Feast« (1906) mit z.T. orientalischem Flair entsprechend der Thematik: Intrigen am Hofe des Königs von Babylon, seine von einer Jüdin geplante, durch Liebe zunächst verhinderte, schließlich doch ausgeführte Tötung. Einige weitere Raritäten: »Die Sprache der Vögel«, »Cortège«, »Procession«, »Menuetto«.

Der für seinen Witz bekannte international agierende Dirigent und Komponist Leift Segerstam ist Garant für authentische Interpretation seines Landsmannes. © 2015 Der Reinbeker





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