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Album Reviews



 
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Simon Haasis
www.klassik.com, January 2018

Stimmkultur paart sich mit feinsinnigem Spiel, ohne dabei aufdringlich zu wirken oder Alte-Musik-Allüren (man denke an seltsame, ja unnatürlich zu nennende Tempi oder ähnliches) zu pflegen […]. Diese CD gehört […] zu einem Muss, vor allem wenn man bedenkt, dass auch technisch das Gesamtpaket stimmt. Hier wird mehr als angemessen musiziert. © 2018 www.klassik.com



Ulrike Albrecht
tonk√ľnstler-forum, December 2016

…Der Codex sei „fast so kitschig wie ein Poesiealbum“, schreibt Marc Lewon, „aber wegen der hohen Qualität von Inhalt und Ausführung unvergleichlich schön.“ Der Musiker, Musikwissenschaftler und Spezialist für die Interpretation, Aufführung, Analyse und Edition von Musik des 12.-15. Jahrhunderts hat 19 der insgesamt 43 Lieder des „Chansonnier Cordiforme“ ausgewählt und mit seinem Ensemble Leones auf CD eingespielt. Und wie schon auf seinen sechs früheren, allesamt mit dem International Classical Music Award (ICMA) ausgezeichneten Alben stellt das Ensemble Leones einmal mehr unter Beweis, dass es die Musik vergangener Jahrhunderte wie kaum eine zweite Formation mit Leben erfüllen kann.

Die exzellenten Musiker des Ensembles haben allesamt an der Schola Cantorum Basiliensis studiert und sind durch ihre jahrelange gemeinsame Arbeit ein außergewöhnlich gut eingespieltes Team. Neben den schönen Stimmen der Sänger, die auch die historische Aussprache des Französischen und Italienischen pflegen, erklingt ein Ensemble aus historischen Instrumenten der Epoche mit Vielle, Laute, Cetra und Lira da braccio.

…„Die Art und Weise, wie die Musiker mit diesem Repertoire umgehen, zeugt von großer historischer Kenntnis und gutem Gespür für die Anforderungen der einzelnen Stücke“, so Bettina Winkler in „SWR2 Treffpunkt Klassik“. Und mehr noch: Sie zeugt von der ganz besonderen Liebe, die Marc Lewon und seine Musiker mit dieser Musik verbindet. „Straight from the Heart“ ist eine Herzensangelegenheit—aus Begeisterung gemacht, um zu begeistern. Oder wie Beethoven über seine „Missa solemnis“ sagte: „Von Herzen—möge es wieder zu Herzen gehen“. © 2016 tonkünstler-forum



Karfunkel Magazin, December 2016

Zu den ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, wie es möglich ist, dass selbstbezogene, gierige, übelwollende, rassistische oder ganz allgemein bösartige Komponisten wunderschöne Musik schreiben können. Bei Richard Wagner ist diese Frage ebenso ungeklärt wie bei Jean de Montchenu, der seine Karriere als Günstling des Bischofs von Genf begann und später selbst erst zum päpstlichen Protonotar, dann zum Bischof von Agen und Viviers ernannt wurde und 1475 ein feinsinnig zusammengestelltes Songbuch in Herzform in Auftrag gab. Auf kostbarstem Pergament geschrieben und äußerst sorgfältig in Lineatur und Musiknotation mit Dekorationen auf jeder Seite, wenngleich letztere im Verlauf des Manuskripts vielleicht angesichts einer drohenden Deadline mit zunehmender Ungeduld erstellt worden sind, bleibt das Songbuch schon durch seine nirgendwo sonst wiederzufindende Herzform einzigartig. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Verbindung von Text und Melodie nicht nur in den oberen Stimmen findet, wie sonst üblich, sondern vielfach auch in den unteren.

Was die Aufführungspraxis angeht, bewegt man sich beim Hören dieser CD auf dem sichersten aller möglichen Böden. Denn obgleich wir auch nach vielen Jahren engagierter Auseinandersetzungen nicht genau wissen können, wie man die Chansons in der burgundischen Periode gesungen hat—ein Punkt, der sich wohl auch in Zukunft nicht wesentlich ändern wird—sind Marc Lewon und sein “Ensemble Leones” ausgewiesene Experten bei der Interpretation Alter Musik. Sie haben sich neben der Notation umfassend mit der Geschichte und den Lebensverhältnissen der Zeit auseinandergesetzt, deren Musik sie zum Klingen bringen, und kommen dem originalen Klang wohl so nah, wie es nur möglich sein kann. Da sie außerdem ausgezeichnete Musiker sind, klingt das Ergebnis mehr als überzeugend. Auch wenn Jean de Montchenu also kein nice guy ist—Hinhören lohnt sich. Naxos 2016. © 2016 Karfunkel Magazin



Bettina Winkler
SWR2 Radio, October 2016

Das Chansonnier Cordiforme, dieses herzförmige Buch, wurde um 1475 für einen Geistlichen namens Jean de Montchenu hergestellt, der damals in Genf lebte. Der Stil der Ausschmückung deutet auf das Umfeld des Hofs von Savoyen hin. Jean de Montchenu hatte einen miserablen Ruf, Zeitgenossen bezeichnen ihn als regelrechten Gauner; vor allem während seiner Amtszeit als Bischof von Viviers zeichnete er sich durch unverschämte Habgier aus—das weckt doch gleich Assoziationen an einen Bischof, der für seinen neuen Wohnsitz auch nur das Beste haben wollte … Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, hatte Jean de Montchenu einen ganz ausgezeichneten Musikgeschmack, wie das Chansonnier Cordiforme beweist.

Die Musiker haben 19 der 43 Lieder dieser Handschrift aufgenommen. Dieser Kodex besticht nicht nur durch seine Herzform und die üppigen Verzierungen der einzelnen Seiten, er ist auch aus einem ganz ausgezeichneten Pergament hergestellt. Eine weitere Besonderheit bei diesem Codex: Die Unterstimmen sind mit einer erstaunlichen Textmenge versehen, was sofort die Frage aufkommen lässt, ob die Lieder für mehrere Stimmen oder nur eine Gesangsstimme und zwei Begleitinstrumente vorgesehen waren, und ob die Texte deshalb lediglich zur Platzersparnis und zugunsten eines eleganteren Schriftbildes so verteilt wurden.

Marc Lewon und sein Ensemble Leones haben sich für ganz unterschiedliche Interpretationslösungen entschieden, mal singen sie dreistimmig, mal werden die Stimmen durch die Instrumente gedoppelt, wie im gerade gehörten Lied; mal gibt es nur eine Stimme mit Begleitung, mal spielen sie eine Instrumentalversion. So oder so, die Art und Weise, wie die Musiker mit diesem Repertoire umgehen, zeugt von großer historischer Kenntnis und gutem Gespür für die Anforderungen der einzelnen Stücke. Besonders zwei der italienischen Lieder aus dem Chansonnier Cordiforme scheinen der schriftlosen Tradition zu entstammen und auf eine Praxis des begleiteten Sologesangs hinzuweisen, wie er im 15. Jahrhundert nachweisbar ist—etwa das Lied „Ben los a Dio se sum vergine e pura“—„Der Herr weiß, dass ich eine reine Magd bin.“

Mit dieser ausgezeichneten Aufnahme ergänzen die Musikerinnen und Musiker ihre breite Palette mit Aufnahmen von historischen Liederbüchern um ein weiteres Juwel. © 2016 SWR2 Radio




Guy Engels
Pizzicato, October 2016

Jean de Montchenou, ein Geistlicher aus Genf, muss ein übler Zeitgenosse gewesen sein. Er war allerdings ein Gauner mit exquisitem Kunstverstand. Nur so konnte jene Sammlung entstehen, die als ‘Chansonnier Cordiforme’ bekannt ist und hinsichtlich Form und Graphik manchem heutigen CD-Cover-Gestalter die Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte. Hier erkennt man nicht nur solides Handwerk, sondern echtes gestalterisches Können.

Dieses darf man selbstverständlich auch den Musikern des 15. Jahrhunderts zusprechen, seien es die vielen anonymen Autoren dieser Sammlung, seien es bekannte Namen wie Gilles Binchois oder Guillaume Dufay. Auch sie waren keine Amateure, keine Stümper, sondern Musiker, die es in höchstem Maße verstanden,  Dichtung in Klang umzusetzen. Das Resultat ist eine seltene Einheit von Buch- und Tonkunst, die mit der Interpretation des Ensembles Leones zu einer nahezu vollkommenen Trias wird.

Mark Lewon und sein Team verstehen es, die 19 ausgewählten Liebeschansons, die von Verlangen, Schmerz, Leidenschaft, Sehnsucht und Melancholie singen, rhetorisch akkurat auszuformen. Jeder Ton, jede Stimmung wird klar artikuliert. Man spürt förmlich die Entdeckerlust, mit der Lewon und seine Mitstreiter sich einmal mehr auf eine Zeitreise gemacht und einen verborgenen Schatz ausgegraben haben. © 2016 Pizzicato




Detmar Huchting
Klassik heute, October 2016

Herzförmiges Liederbuch—Chansonnier cordiforme—heißt die Handschrift der Lieder dieser Einspielung. In der Tat ist das geschlossene Manuskript in Form eines Herzens zugeschnitten, so dass sich beim Aufschlagen zwei aneinander geschmiegte Herzen ergeben. Urheber dieser einzigartigen Herzhandschrift ist ausgerechnet ein Geistlicher—Jean de Montchenu (1442–1506), Mitglied des Antoniter-Ordens: Er wurde in Rom Doktor des kanonischen Rechts, stand dann in den Diensten des Bischofs von Genf, und wurde 1478 Bischof von Viviers. 1497 wurde er auf einer Schiffsreise nach Rom Opfer nordafrikanischer Piraten, die ihn bis zu seinem Freikauf durch den Mercedarier-Orden 1505 in Gefangenschaft hielten. Seit 1498 war sein Bischofssitz anderweitig besetzt worden, sein letztes Lebensjahr verbrachte er in Saint-Antoine-l'Abbaye, der Mutterabtei seines Ordens. Im Begleittext dieser CD wird ein Zeitgenosse zitiert, der Jean de Montchenu ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausstellt: „…ein besonders heimtückisches Individuum, von beschämendem Benehmen, unkeusch, verachtenswürdig, zügellos und voll sämtlicher Laster“.

Über Geschmack und Kultur hat Monseigneur de Montchenu freilich in hohem Maße verfügt, wie das außerordentlich schöne Chansonnier cordiforme und die hohe Qualität der darin vereinten Musik beweisen. Die Handschrift entstand um 1470, sie enthält 44 Chansons (30 auf französische, 14 auf italienische Texte), und neben einer Anzahl anonymer Meister tauchen unter den Komponisten so berühmte Namen wie Gilles Binchois, Guillaume Dufay, Johannes Tinctoris und Johannes Ockeghem auf.

Das gesamte Korpus des Chansonnier Cordiforme ist 1979 vom Consort of Musicke unter Anthony Rooleys Leitung aufgenommen worden, diese Einspielung zählt zu den legendären Meilensteinen in der Diskographie mittelalterlicher Musik—und sie erschien 2011 als Wiederveröffentlichung. Es ist keine leichte Aufgabe für ein Ensemble der jüngeren Generation, gegen Musiker anzutreten, die für die historisch orientierte Aufführungspraxis den Status von Kirchenvätern und—müttern (wie man heute korrekterweise sagen muss) genießen.

Dennoch zeigt die heutige Interpretation der hier vereinten Auswahl von Liedern aus dem Chansonnier cordiforme durch das Ensemble Leones unter seinem Leiter Marc Lewon, dass die musikalische Ästhetik auch der historisch informierten Aufführungspraxis in den letzten 35 Jahren nicht dieselbe geblieben ist. Es mindert den Wert der grandiosen Aufnahme von 1979 in keiner Weise, wenn jetzt zu sagen ist, dass die jüngst vergangenen Jahrzehnte der Anschauung der Musik aus der Zeitenwende zwischen dem späten Mittelalter und der Renaissance neue Horizonte eröffnet haben—und diese liegen nach dem Vergleich dieser beiden Aufnahmen von Musik höchster Qualität aus dem 15. Jahrhundert eindeutig in einer klarer nachvollziehbaren Deutung des emotionalen Gehalts dieser Musik. Da gehen Marc Lewon sein Ensemble Leones (die übrigens aus der hervorragenden Musikerschmiede der Schola Cantorum Basiliensis hervorgegangen sind) nicht den heute gern beschrittenen Weg der emotionalen Angleichung an unsere Vorstellungen eines wiederbelebten Mittelalters: So etwas läuft ja häufig auf eine musikalische Begleitung volkstümlicher Mittelaltermärkte hinaus, die gern auf Marktplätzen stattfinden und so authentisch sind wie volkstümelnde Popmusik mit Drehleier und Laute. Nein, hier nehmen die Musiker ihre 500 Jahre alte Musik so ernst wie die besten Barockspezialisten die Werke von J. S. Bach—sie deuten die Musik des 15. Jahrhundert als einen geistigen Kosmos mit eigener jahrhundertealter Verwurzelung in der Tradition, und lassen sich dennoch von der zeitlos schönen Gegenwart dieser Klangwelt verführen, sie als Musiker unserer Zeit über die Brücke der Jahrhunderte hinweg in unsere Gegenwart zu transportieren. © 2016 Klassik heute



Goldberg Stiftung, October 2016

Unser Partner, das Ensemble Leones, hat einige der Chansons aus dem prächtigsten Chansonnier des 15. Jahrhunderts eingespielt. Es ist ein Chansonnier in Herzform das fast durchgängig mit Miniaturen versehen ist. Die Chansons werden in verschiedenster Besetzung gesungen und gespielt, besonders schön die Gamben von Richard Earle, die ja derzeit auch für unsere Stiftung gebaut werden. Sehr lobenswert auch die instrumentalen Strophen, die mit Verzierungen versehen werden, wie es unbeindgt gemacht werden muss. Der Gesang ist lebhaft, rhetorisch, könnte noch sprachbetonter sein. Auch die Tempi sind endlich nicht nur langsam melancholisch.

Leider sind einmal mehr keine Text im Booklet wiedergegeben, man muss sie auf der Homepage von Naxos aufsuchen, was sicherlich nur selten gemacht wird… © 2016 Goldberg Stiftung





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