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Album Reviews



 
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Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley
The New Listener, February 2016

Der Belgier Henri Vieuxtemps (1820–81) war nicht nur der überragende Violinvirtuose seiner Generation, sondern vor allem ein ganz großer Musiker und wunderbarer Komponist. Bei Charles de Bériot als Geiger ausgebildet, lernte er Louis Spohr kennen, hörte Niccolò Paganini und erwarb sein kompositorisches Rüstzeug bei dem so gestrengen wie eigenwilligen Kontrapunktmeister Antonín Reicha. Die Violinkonzerte Nr. 4 und 5 von Vieuxtemps gehören zu den schönsten Gattungsbeiträgen der Epoche, werden bis heute gerne gelegentlich von all jenen Virtuosen dargeboten, die den puren romantischen Ausdruck in seiner Pracht und Schönheit lieben, und genießen die volle Ignoranz der intellektuellen Kritik. Das besagt in diesem Fall nichts außer dass es sich um sinnlich bestrickende Musik handelt, die außerdem vortrefflich komponiert ist und auch architektonisch—anders als die meisten Virtuosenkonzerte der Zeit—anspruchsvoll und stimmig, ja sogar interessant für das begleitende Orchester ist. Schande über die Ignoranten!

Wer die Qualitäten von Vieuxtemps’ Musik kennt, wird von diesen Solowerken nicht überrascht sein. Wer sich bisher nicht damit befasst hat, umso mehr. Die meisten—auch Geiger—denken nämlich, dass in der Sololiteratur für ihr Instrument zwischen den Capricen von Paganini und den Sonaten von Ysaÿe eine Etüdenwüste liegt, die außer Pierre Rode, Rodolphe Kreutzer, Charles de Bériot und ähnlichen für den Unterricht nach wie vor höchst verdienstvollen Meistern nichts Nennenswertes hervorgebracht habe. Diese Einschätzung beruht einzig auf Unwissen, und vorliegende Aufnahme korrigiert sie in schönster Weise. Reto Kuppel ist Münchner Konzertgängern als langjähriger Konzertmeister des neben den Berliner Philharmonikern führenden Orchesters der Nation, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, bekannt. Warum seine solistische Karriere bisher nicht ganz nach oben geführt hat, darf nach dem Hören dieser Aufnahme als Rätsel bezeichnet werden. Hier liegt zweifellos ein Album vor, das prädestiniert ist, alle internationalen Preise—inklusive des lokalen Preises der Deutschen Schallplattenkritik—abzuräumen. Ob es bei letzterem Gremium, das fast immer nur auszeichnet, was bereits allerorten etabliert ist, dazu kommen wird, ist allerdings äußerst fragwürdig, denn wahrscheinlich werden sich die in Ehren ergrauten Juroren diese Scheibe gar nicht erst anhören. Lassen wir sie also einfach links liegen und widmen uns kurz und knapp dem wertvollen Gegenstand der Besprechung.

Man kann hier vorzüglich die Reifung des Stils von Vieuxtemps, wenngleich nicht chronologisch angeordnet, mitvollziehen—von den noch insgesamt, bei aller Noblesse und Satzkunst, etwas salonhafteren und technischer orientierten sechs Konzertetüden op. 16 (1845) und der obsessiven Studie ‚La chasse’ aus op. 32 über die sechs großartigen Nummern aus den Etüden op. 48 aus den 1870er Jahren zu den sechs erlesen verfeinerten und dabei in der Vitalität kein bisschen verringerten, sechs postum publizierten Stücken op. 55. Vieuxtemps verschmilzt die Einflüsse seiner Vorgänger Bach, Viotti, Paganini und Bériot, aber auch anderer großer Komponisten aus Klassik und Romantik, die keine Meistergeiger waren, zu einem absolut authentischen, schwärmerisch empfindsamen, melodisch tragfähigen, harmonisch substanziellen, motivisch und rhythmisch hochlebendigen Ganzen. Ja, hier vereinen sich Bach und Paganini, bevor sein geistiger Nachfolger Ysaÿe in späten Jahren seine neue, eigene Fusion schuf. Sollte bei Ysaÿe das impressionistische Element neu sein, so war es bei Vieuxtemps das romantische. Wir dürfen nicht vergessen, dass er nur ein Jahrzehnt nach Chopin, Mendelssohn, Schumann und Liszt geboren wurde! Das war damals die Avantgarde!

Sowohl die furios virtuosen Paradestücke wie Torment, Tarantella oder Agitato aus op. 48 als auch die eher meditativ lyrischen Miniaturen zeugen von hoher kompositorischen Meisterschaft und beherrschter Leidenschaft. Die postumen Stücke erklimmen einen weiteren Gipfel, der sich zum Beispiel in einem herrlich stilisierten, geigerisch mehr als reizvollen Menuett oder in einer an Bach gemahnenden großen Fuge ausdrückt.

Reto Kuppel spielt all das nicht nur mit einer exzeptionellen Liebe und Sorgfalt, sondern überdies mit überall überlegenster geigerischen Meisterschaft. Herrlich, wie er auch die unteren Noten der gebrochenen Akkorde stets klar resonieren lässt, wie sein Spiel bei allem Feinsinn und aller nie verkünstelten Raffinesse stets eine Klarheit und Entschiedenheit ausstrahlt, den Mut des Spontanen, der sich in seiner natürlichen Emphase niemals gehen lässt. Das ist vorbildlich und wegweisend. Auch die Klangtechnik ist ausgezeichnet, und der Booklettext von Bruce Schueneman fasst kompetent das Wesentliche zusammen. Eine ideale Vorzeigeproduktion, die in schönster Weise den Weg in unbekannte Musik weist, die längst in den Konzertsälen in aller Welt heimisch sein sollte. © 2016 The New Listener



Salvatore Pichireddu
artistxite, November 2015

Der Belgier Henri Vieuxtemps war einer der bedeutendsten Violinvirtuosen des 19. Jahrhunderts und ein beachtenswerter Komponist. Er verstand es, seine bemerkenswerten technischen Fähigkeiten in formvollendete Werke einzubetten, ohne dass diese vordergründig prahlerisch und prätentiös klingen. Der deutsche Violinist Reto Kuppel gehört eher zu den stillen Stars der Szene. Obwohl er mit zahlreichen ersten Preisen (etwa bei “Jugend musiziert” oder beim internationalen Wettbewerb “Château de Courcillon”) ausgezeichnet wurde und zwischen 1997 und 2013 Konzertmeister des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks war, ist sein Name nur relativ wenigen Connaisseurs ein Begriff; vielleicht weil er sich bei seinen von der Kritik hochgelobten Veröffentlichungen gerne abseits des Mainstreams bewegt. Mit seiner Aufnahme ausgewählter Werke Vieuxtemps’ für Solovioline setzt Kuppel diese Tradition fort. Der Professor für Violine an der Nürnberger Hochschule für Musik spielt Vieuxtemps Etüden, Morceaux und Konzert-Etüden mit bemerkenswerter spielerischer Raffinesse und gleichzeitiger musikalischer Bescheidenheit. Nicht Kuppels Fähigkeiten an der Violine stehen hier im Vordergrund, sondern Vieuxtemps’ Erfindungsgabe, technische Zuckerstückchen (manchmal auch wörtlich, wie in den “Morceaux”) in tänzerisch leichte, verspielte und tänzerische, manchmal auch leicht melancholische Miniaturen einzubetten. © 2015 artistxite





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