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Mátyás Kiss
NMZ, March 2016

CARULLI: Guitar Sonatas Op. 21, Nos. 1- 3 and Op. 5 8.553301
SIBELIUS, J.: Kuolema / King Kristian II / Overture in A Minor (Pajala, Torikka, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573299
SIBELIUS, J.: Belshazzar's Feast / Overture in E Major / Scène de ballet / Cortège / Menuetto (Pajala, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573300
SIBELIUS, J.: Jokamies (Jedermann) / 2 Pieces, Op. 77 / In Memoriam (Pajala, Katajala, Söderlund, Palmu, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573340
SIBELIUS, J.: Swanwhite / The Lizard / A Lonely Ski Trail / The Countess's Portrait (Eklundh, Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573341
SIBELIUS, J.: Scaramouche [Ballet] (Turku Philharmonic, Segerstam) 8.573511

Jean Sibelius hat nur eine Kurzoper („Die Jungfrau im Turm“) hinterlassen. Die Schar seiner Anhänger könnte ihn, abgesehen von den Symphonien, symphonischen Dichtungen, „Kullervo“ und dem Violinkonzert, gar für einen Miniaturisten halten. Dass diese Sicht einseitig ist, lehrt ein genauerer Blick auf jene dreizehn Musiken, welche ursprünglich zur Umrahmung von Theaterstücken bestimmt waren.

Nur wenige davon erreichten in Form nachträglich kompilierter Suiten die Konzertsäle. Aus Anlass von Sibelius’ 150. Geburtstag hat Leif Segerstam mit den Philharmonikern aus dem finnischen Turku nun insgesamt sechs CDs mit szenischen Musiken vorgelegt, die er um einige kleinere, ebenfalls gerne übersehene Genrestücke anreicherte.

Die angeblich vollständige Theatermusik zu „Kuolema“ („Tod“, 1903) bietet allerdings nicht die beiden für den Konzertgebrauch nachkomponierten Stücke und beschränkt sich im übrigen auf die knappe Urversion der vielgeliebten „Szene mit Kranichen“. Lediglich zwei Nummern aus der Musik für Shakespeares „Twelfth Night“ („Was ihr wollt“, 1909) verweisen außerdem unweigerlich auf die umfängliche Partitur zu „The Tempest“ („Der Sturm“): Die liegt bislang zwar in keiner Interpretation Segerstams vor, könnte aber gegebenenfalls zu Shakespeares 400. Todestag im April nachgeschoben werden.

Die wohlweislich nicht durchnummerierte Serie enthält also durchaus nicht alle Schauspielmusiken Sibelius’, gibt jedoch auf hohem musikalischen und aufnahmetechnischen Niveau eine Ahnung davon, welch große Rolle diese spezielle Form von Gebrauchsmusik im schöpferischen Leben des großen Finnen spielte: Derart zweckgebundene Musik sollte Stimmungen unterstreichen oder überhaupt erst erzeugen, musste dabei jedoch, anders als ein Werk „absoluter“ Musik, beim ersten Hören unmittelbar verständlich sein, um nicht von der Szene abzulenken.

Weil aber vor, neben oder hinter der Bühne eines durchschnittlichen Theaters eher kein Hundert-Mann-Orchester Platz findet, kommen wir in den nicht zu unterschätzenden Genuss von Sibelius’ ausgefeilter Schreibweise für Kammerorchester—dies ein Genre, das er auch für den Konzertsaal kultivierte (etwa in den „Zwei ernsten Melodien“ op. 77).

Dabei entpuppt sich Sibelius, wie der nachmalige „Valse triste“ aus „Kuolema“ (1903, dort zunächst schlicht mit „tempo di valse lente“ bezeichnet) bereits im Titel verrät, als der wahrscheinlich begnadetste Verfasser von eleganten Streichermusiken überwiegend düsteren Charakters. Diese Begabung kündigt sich bereits in der eröffnenden Elegie aus „König Christian II.“ (1898) an, und wenn dann noch eine Harfe hinzutritt, ist die verträumt-vergebliche, unheilschwangere Atmosphäre komplett („Fool’s Song of the Spider“). Das ist wirklich originärer, erstklassiger Sibelius. Wenn er jedoch (wie in der Mehrzahl seiner Klavierwerke) unüberhörbar als Auftragskomponist agiert, glaubt man an einigen Stellen ein unbekanntes Grieg-Stück, an anderen eine Fortsetzung des Siegfried-Idylls zu hören. Aber selbst dann kann ihm niemand ernsthaft böse sein; diese durchweg hübschen Piècen aus zweiter Hand erfüllten damals sicher ebensogut ihren Zweck. Heute noch, ihres ursprünglichen Kontextes ganz beraubt, sind sie angenehm anzuhören: „Easy Listening“ im besten Sinn.

Vergegenwärtigen wir uns nur einmal eine repräsentative Theatervorstellung von vor hundert oder zweihundert Jahren. Sprech- und Musiktheater waren keineswegs so sauber voneinander geschieden, wie wir das (außer von besonders musikaffinen Regisseuren wie Robert Wilson) seit längerem gewohnt sind: Mozarts deutsche Singspiele „Entführung“ und „Zauberflöte“ enthalten geradezu irritierend viel Dialog, und umgekehrt hat Beethoven für Kotzebues „Ruinen von Athen“ und Goethes „Egmont“ erstaunlich viel teils symphonisch, teils opernhaft konzipierte Musik hinterlassen. Und so ging es weiter, bis weit ins vorige Jahrhundert. Wir müssen uns das Theater als unmittelbaren Vorläufer des Films vorstellen, der in seinen Anfängen (zu denen Sibelius’ kompositorische Tätigkeit zeitlich parallel läuft) ja auch nicht stumm, sondern stets von Live-Musik begleitet war.

Nur so können wir aus solchen heute wie merkwürdige Zwitter anmutenden Melodramen klug werden wie den hier eingespielten, dankenswert kurzen „A Lonely Ski Trail“ und „The Countess’ Portrait“, die in der Tat das gleichnamige, selbst noch in Dialogszenen mit vollem Orchester unterlegte Filmgenre vorweg nehmen. Leider ist aufgrund des skandinavischen Originaltons gar nicht zu verstehen, worum es dem Erzähler geht, und überhaupt hätte ich die Begleitmusik lieber pur genossen, wie es die Gesamtedition auf BIS ermöglicht.

Mit drei wirklich interessanten, meines Wissens bislang auch nur bei BIS erhältlichen Raritäten kann Segerstam aufwarten: den zwei ausgedehnten Szenen aus „Ödlan“ („Die Eidechse“ op. 8, 1909), die ohne hör- und sichtbare Theaterhandlung leider keinen rechten Sinn ergeben; den offenbar sehr präzise aufs Bühnengeschehen abgestimmten 16 Stationen des Hoffmannsthalschen „Jedermann“ op. 83 (1916), mit drei Solisten, Chor und 50 Minuten Spieldauer eine Semi-Oper im Sinne Purcells—bemerkenswert die fünf aufeinander folgenden, von Schmerz erfüllten langsamen Sätze, welche eine 33-minütige Kammersymphonie für sich bilden; sowie der vollständigen, 71-minütigen Ballettpantomime „Scaramouche“ op. 71 (!) von 1913: Höchste Zeit, dass Sibelius’ längstes durchkomponiertes Instrumentalwerk nicht nur wieder gespielt, sondern auch getanzt wird! Bei alledem ist nicht zu überhören, dass sich Sibelius vor und während des Ersten Weltkriegs obsessiv mit Gevatter Tod beschäftigt hat, den er durch lebenslangen exzessiven Alkoholkonsum geradezu provozierte; angesichts dessen wirkt es im Nachhinein ironisch, dass er am Ende ein biblisches Alter erreichte.

Fazit: Zwar wird hier kein schlüssiges Editionsprinzip erkennbar—falls es eines gab, dann ging es weniger um Vollständigkeit als die persönlichen Vorlieben des Dirigenten. Zum Ausgleich bietet die Reihe eine längst überfällige Gelegenheit, viel attraktive Musik zum attraktiven Preis kennen zu lernen, und dies in Interpretationen, die keine Wünsche offen lassen. © 2016 NMZ



Oliver Fraenzke
The New Listener, January 2016

Nachdem bereits eine beachtliche Anzahl der Orchestermusik aus Bühnenwerken von Jean Sibelius in dieser Reihe erschienen ist, gilt nun die neueste Aufnahme von Leif Segerstam und dem Turku Philharmonic Orchestra Svanevit (Schwanenweiß) und Ödlan (Die Eidechse) sowie den beiden kurzen Melodramen Ett ensamt skispår (Eine einsame Skispur) und Grevinnans konterfej (Das Portrait der Gräfin).

Gegenüber den bekannten sieben großen Symphonien, der frühen Kullervo-Symphonie, den Lemminkäinen-Legenden, einer stattlichen Anzahl symphonischer Dichtungen, der Karelia-Musik, der Valse triste und dem omnipräsenten Violinkonzert des überragenden finnischen Komponisten Jean Sibelius sind unzählige weitere Werke für Orchester unbekannt geblieben. Unter ihnen auch die Bühnenmusiken, von denen—mit Ausnahme von Pelléas et Mélisande und besagter Valse triste aus Kuolema—keines hierzulande regelmäßig aufgeführt wird. Der finnische Dirigent, Komponist, Violinist und Pianist Leif Segerstam will dies nun mit einem groß angelegten Projekt für Naxos ändern und hat bereits viele der selten gespielten Stücke mit neuesten Aufnahmestandards auf CD festgehalten. Nach unter anderem Kuolema, König Kristian II, Pelléas et Mélisande, Belsazars Gastmahl und Jedermann folgen nun Svanevit und Ödlan. Ersteres, Schwanenweiß, ist ein märchenhaftes, dem Symbolismus verschriebenes Schauspiel des wohl eigentümlichsten Autors der schwedischen Literaturgeschichte, August Strindberg, in welchem eine junge Prinzessin sich statt in den König, dem sie versprochen ist, in den als Boten gesandten Prinzen verliebt. Sibelius erhielt als junger Mann den Auftrag, zur Premiere eine Bühnenmusik zu schreiben, welche zusammen mit dem Schauspiel zur Uraufführung kam. Mikael Lybeck war der Verfasser des Schauspiels Ödlan, die Eidechse, in welchem ein Graf zwischen dem Guten in Person seiner Verlobten und dem Bösen in Form eines inneren Widersachers im Eidechsenanzug zu kämpfen hat, wobei alles recht unwirklich und traumhaft erscheint. Sibelius’ Musik zu den beiden literarischen Vorwürfen erscheint sehr divergierend: Für Svanevit schreibt er dreizehn kurze und eingängig-zarte Nummern sowie einen kurzen Hornruf und einen zweimalig erscheinenden an- und abschwellenden Akkord, der den Schwanenflug abbilden soll. Ödlan ist im Gegensatz dazu eine ziemlich düstere Musik, die in zwei ungleich lange Szenen unterteilt ist und suggestiv auf das Bühnengeschehen Bezug nimmt.

Der CD ist ein englischsprachiger Booklettext von Dominic Wells beigegeben, der einige wissenswerten Informationen über die beiden Schauspielmusiken mitteilt, dem ich allerdings inhaltlich in einigen Punkten nicht zustimmen würde und der auch erstaunlich nahe an die Strukturierung und Wortwahl der offiziellen Texte auf Sibelius.fi angelehnt ist.

Das Turku Philharmonic Orchestra unter Leif Segerstam hat bei Sibelius einen natürlichen Heimvorteil und spürbar viel Erfahrung mit der Musik seines großen Landsmannes. Oft lässt sich ein ganz eigener Klang feststellen, der einmalig die Gefühlslage dieser Stücke widerspiegelt und von kaum einem anderen Orchester so natürlich und unverfälscht zu erwarten wäre. Der Klangkörper weist einen vollen und robusten Ton auf, der mit Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit aufwarten kann. Es entsteht auf diese Art ein gewisses Gefühl von Wärme. Dynamisch hingegen wirkt bedauerlicherweise alles viel zu flächig gleich und streckenweise gar abwechslungslos und langwierig. Auf feine melodische und harmonische Veränderungen wird schlicht nicht eingegangen, wodurch der technische dem musikalischen Aspekt gegenüber gewichtiger bleibt. Im Allgemeinen überwiegt ein kräftiger und pathetischer Ton, der das Sangliche und Lyrische verdrängt—wie es vor allem im zarten, märchenhaften Svanevit deutlich wird. Und dies trotz durchgängig kleiner Besetzung in den Werken, in Ödlan (welches ursprünglich für nur neun Musiker geschrieben ist) und Grevinnans konterfej gar mit reiner Streicheraufstellung. Grund für all das ist wohl, dass Segerstam doch nach wie vor hauptsächlich auf Opulenz aus ist, und auf Quantität, wie sowohl im Komponieren von mittlerweile über 250 Symphonien als auch in Bezug auf die Anzahl seiner Einspielungen deutlich wird, durch die sein Name fast monatlich in den Neuheiten erscheint. Da bleibt selbstverständlich wenig Zeit, die Musik auch musikalisch minutiös mit einem Orchester einzustudieren, und so währt hohles Pathos mit Fixierung auf die Hauptstimme als Ausweg fort statt sorgfältiger Ausarbeitung der Unter und Nebenstimmen sowie dynamischer und artikulatorischer Nuancen—die jedoch an sich erst das wahre musikalische Denken offenbaren würden.

Im Anschluss an die beiden Schauspielmusiken folgen noch zwei Miniatur-Melodramen: Ett ensamt skispår, Eine einsame Skispur, und Grevinnans konterfej, Das Portrait der Gräfin. Diese schwedischsprachigen Stimmungsbilder mit nur dezenter Dramatik in der feingliedrigen Musik sind für mich persönlich der Höhepunkt dieser CD. Sie sind von solch einer herrlichen, edlen Zurückhaltung geprägt und wirken doch so unmittelbar und frei, in größter Naturbelassenheit und Ausdruckskraft! Riho Eklundh erweist sich hierbei als ein gelassener Erzähler, der sich nicht zu übermäßig identifiziertem oder übertrieben akzentuierendem Erzählstil hinreißen lässt, dem aber diese Texte doch offenkundig aus der Seele sprechen. Tontechnisch ist er zwar ein klein bisschen zu präsent abgebildet vor dem hier erfreulicherweise ungewohnt lyrisch agierenden Instrumentalkörper, wobei dennoch die Orchesterstimmen gut durchhörbar bleiben. © 2016 The New Listener




Remy Franck
Pizzicato, December 2015

Zwei Bühnenmusiken machen den größten Teil des Programms dieser CD aus. ‘Schwanenweiß’ (Svanevit) ist eine Komposition für das gleichnamige Schauspiel von August Strindberg aus dem Jahre 1908, eine märchenhafte Geschichte von einer 15-jährigen Prinzessin, die zwar in einem Märchenschloss lebt, aber eine böse Stiefmutter hat. Sibelius arbeitete 1908 die Musik auch zu einer Orchestersuite um, aber Leif Segerstam dirigiert hier das Original in 14 Nummern.

‘Ödlan’ (Die Eidechse) ist eine Bühnenmusik aus dem Jahre 1909 zum gleichnamigen Schauspiel von Mikael Lybeck. Die Hauptfigur des Schauspiels, Graf Alban, ist ein Träumer, der mit Elisiv, die das Reine repräsentiert, verlobt ist. Das Böse wird durch Adla im Eidechsenanzug symbolisiert. Elisiv und Adla versuchen beide Albans Seele auf der eigenen Seite zu halten. In diesem Kampf kommt Elisiv ums Leben und aus Rache tötet Alban das Böse in sich bzw. Adla.

Leif Segerstam kann sowohl das Poetische von ‘Svanevit’ als auch das Bedrohlich-Dramatische von ‘Ödlan’ sehr gut umsetzen. Das Philharmonische Orchester Turku spielt auf hohem Niveau, die Aufnahme ist präsent und angenehm räumlich. © 2015 Pizzicato





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