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Album Reviews



 
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D. Zweipfennig
Online Merker, November 2015

Schon lange habe ich Beethoven-Klaviersonaten nicht mehr so neu und unmittelbar gefühlt gehört wie gestern, als ich die neue Giltburg-CD erstmals hörte. Da muss ich schon lange zurückgehen zu Konzerterlebnissen mit Arturo Benedetti Michelangeli in Wien oder nicht ganz so lange her Rudolf Buchbinder in Paris, um eine ähnliche Intensität wachzurufen. Mein absoluter unerreichter Beethoven-Traumpianist ist und bleibt Wilhelm Backhaus. Dessen sensibler Anschlag und ein gewissermaßen humanistischer „basso continuo“ sind aber auch Markenzeichen des russisch israelischen Pianisten Giltburg. In seinen Interpretationen „mit feiner Perle“ sind glasklare kontrapunktische Perfektion ebenso selbstverständlich wie eine Genesis aus dem Geist der (Früh) Klassik heraus und ein Durchdringen der kompositorischen Strukturen mit durchaus romantischer Fingerspitze. Lassen wir einmal die „Pathetique“ beiseite, die nie meine Lieblingssonate werden wird, und wo auch Giltburg noch nicht ganz in seinem Element ist. Wiewohl er durch seinen klaren (kaum Pedal!) Anschlag und den sparsamen Rubati auch im gefährlichen Adagio cantabile jeden Anflug von Kitsch klug vermeidet.

Großartig ist für mich hingegen das Allegro brio der Waldsteinsonate. Das klingt wie aus dem Moment heraus erfunden, als würde Giltburg nicht nur eine Partitur spielen, sondern sie unmittelbar nachschöpfen. In den pulsierenden Motiven, den Läufen, Trillern, Binnensteigerungen, im Aufbäumen und Verdichten des thematischen Materials, den repetitiven Obsessionen kann man den Grundmythus des romantischen Helden „erhören“. Das Adagio molto lässt den Hörer innehalten, mutig wie Giltburg den Rhythmus dehnt, ja beinahe auseinanderfallen lässt und so das Skelett der Komposition freizulegen scheint. Bevor er den Hörer mit der wunderbaren Melodie des Rondo quasi erlöst, den programmatischen Sonnenaufgang in ein berauschend flottes Finale übergehen lässt, das Beethovens Experimentierfreude zum Fest werden lässt.

Den Höhepunkt der CD und auch von Beethovens Klavierschaffen stellt die zweisätzige späte Sonate Op. 111 dar. Was sich in der mehr als 18-minütigen Arietta mit Variationen musikalisch abspielt, kann man nicht nur hören, sondern auch im Booklet im vom Pianisten selbst verfassten Aufsatz nachlesen. Das liest sich beinahe wie Programmmusik, wenn Giltburg schreibt, dass die ersten drei Variationen das Überschäumen der Jugend, trunken vor Glück und dem Gefühl der Unbesiegbarkeit symbolisieren (und keine Vorwegnahme des Jazz, Ragtime oder Boogie-Woogie Musik ist, wie oft von anderen beschrieben). Diese Auffassung ist in seiner Interpretation auch in jeder Note faszinierend hörbar, bevor Beethoven in das Weltall abhebt. Und weiter geht die musikalische Suche und unglaubliche Antworten bekommen wir zu hören, so eindringlich und notwendig, wie sie mir kein anderer Komponist geben kann. Und wie sie nur in einer großen Lesart verständlich werden.

NAXOS hat mit dem Langfrist-Engagement von Boris Giltburg jedenfalls einen goldenen Griff getan. Kündigt sich da ein gesamter Beethoven-Zyklus an? © 2015 Der Neue Merker




Julia Spinola
kulturradio vom rbb, November 2015

Mit seiner analytischen Klarheit und seiner hohen Emotionalität hat Giltburg das Zeug zu einem guten Beethovenspieler. Die Poesie seines Spiels kommt einem oft malträtierten Stück wie der Sonate Nr. 8, der „Grande Sonate Pathétique“ zugute. Die großen Leidenschaftsgesten gerade des ersten Satzes sind schon oft zu Tode geritten worden. Bei Giltburg aber gerät das Stück nicht zur vordergründigen theatralischen Veranstaltung, sondern es bewahrt noch etwas Unausgesprochenes, ein Geheimnis. Die punktierte Akkordfolge der Grave-Einleitung, mit der die Sonate beginnt, klingt bei ihm markant und rhythmisch gespannt, aber nicht wuchtig. Und auch das Hauptthema hat nichts Donnerndes, sondern eine unterschwellig pulsierende Unruhe. Dieser bebende Grundpuls bleibt auch im Seitenthema spürbar, weil Giltburg der Versuchung widersteht, hier langsamer zu werden—wie es viele Pianisten tun, obwohl Beethoven es nicht gefordert hat. Im Adagio kann Giltburg wunderbar auf dem Klavier singen und erinnert beinahe an Wilhelm Kempff. Und den Schlusssatz nimmt er rasch, aber zugleich wieder sehr beseelt. Der ganze Satz atmet in einer euphorischen Leichtigkeit, von der auch das Choralthema profitiert, das hier nicht weihevoll erstarrt.

Ein kleiner Tick zu wenig

Vom Anfang der "Waldstein"-Sonate meinte Joachim Kaiser in seinem Beethoven-Buch, sie würde allzu oft klingen wie eine "stampfende Büffelherde". In der Tat ist die Sonate heikel und kann auch steif und sperrig klingen. Giltburg bekommt schon die Akkord repetitionen gut hin, tatsächlich beinahe im geforderten Pianissimo, rhythmisch federnd. Statt durch das Brio dieses Satzes zu rattern, belebt er es durch flexible Tempi und durch charakteristische Farbwechsel. Er mogelt allerdings auch ein wenig, indem er die Wiederholung der Exposition weglässt. Giltburg hebt die schubertnahe Seite an Beethoven hervor: nicht den Titanen und auch nicht den berserkerhaft ringenden Wüterich. Das geht fast überall sehr gut, ist aber manchmal auch einen kleinen Tick zu wenig. Im Rondo-Finale der Waldstein-Sonate zum Beispiel. Da klingt der Anfang wundschön zart, entrückt und visionär. Auch das Rubato, das Giltburg hier gebraucht, ist gerade noch angemessen— mehr wäre schon gefühlig. Herrlich sinnlich steigert er dieses zarte Leuchten in den Trillerpassagen zu einem brillanten Klangrausch. In dem c-moll-Ausbruch des Zwischensatzes der dann folgt, ist er dann allerdings eine Spur zu vorsichtig, da fehlt die Ekstase. Technisch ist er über alle Zweifel erhaben, aber er dennoch überlässt er sich dieser Klangentladung nicht so rückhaltlos, wie es die Musik fordert.

Als reflektierter und auch sehr redlicher Interpret erweist sich Giltburg auch in der Sonate opus 111, dieser spätestens seit Thomas Manns literarischer Rezeption mit einer mystischen Aura umgebenen letzten Klaviersonate. Der erste Satz klingt bei ihm sehr dramatisch und wie aus einem Guss. Das ist ja Musik, die durchaus auch in disparate Gesten zerfallen kann. Den Variationensatz über das Arietta-Thema nimmt Giltburg in einem nicht zu langsamen Tempo, sehr natürlich im Ton, wiederum nah an Schubert. Der Satz entwickelt sich bei ihm als innerer Monolog, als Reise in Traumgefilde. Die große, abschiedsnehmende Geste, gar Transzendenz, und der Charakter des Überpersönlichen, den man mit Thomas Mann in diesem Variationensatz immer wieder gesehen hat, sind Giltburgs Sache weniger. Sein Beethoven bleibt sehr menschlich. Auch das ist eine legitime Deutung. Damit aus dieser sehr schönen und klugen Interpretation allerdings eine atemberaubende Interpretation werden könnte, müsste sich Giltburg noch etwas stärker in Grenzbereiche vorwagen und ein wenig Mut zum Risiko mitbringen. © 2015 Kulturradio



Andreas Kunz
Fono Forum, November 2015

Musik:
Klang:

Boris Giltburg bringt viel von dem mit, was einen herausragenden Beethoven-Spieler auszeichnet: Strukturbewusstsein und Emotionalität halten sich bei ihm sicher die Waage, und pianistisch ist der 1984 geborene Israeli über jeden Zweifel erhaben. Musikalisch sensiblere Künstler haben sich in den letzten Jahren kaum mit dem Bonner Meister auseinandergesetzt—wobei Gilburg bei der Ausgestaltung feiner Details nicht den Blick für große Bögen verliert. Wie er etwa den dritten Satz der „Waldstein-Sonate“ zu Beginn wunderbar zart-verhangen (nicht verschwommen!) leuchten lässt, um ihn dann organisch immer weiter zu steigern, das haben überzeugender selbst die Großen nicht vermocht. Und auch temperamentvoll zuzupacken scheut sich dieser begnadete Musiker keineswegs. Zwar fehlt ihm etwas von dem tiefen Wissen für innere Dramatik, fur das beispielhaft Artur Schnabel steht. Zu den Hoffnungsträgern seiner Generation aber darf man ihn schon jetzt zählen. © 2015 Fono Forum




Remy Franck
Pizzicato, October 2015

Boris Giltburg ist ein anspruchsvoller Pianist. Für sein neues Beethoven-Album ließ er, wie Naxos mitteilte, eigens ein Klavier seiner Wahl einfliegen. Er bestimmte ebenfalls über jedes Detail des Aufnahmeprozesses mit, heißt es beim Label: « In der Person von Andrew Keener stand ihm auch bei seinem Beethoven-Album wieder ein Nestor der Producer-Szene zur Seite, der von Yehudi Menuhin über André Previn bis hin zu Marc-André Hamelin die größten Künstler der klassischen Musik aufnahmetechnisch betreut hat. Mit Phil Rowlands wurde ein Tonmeister verpflichtet, der in den 1980er-Jahren sein Handwerk bei den legendären Aufnahmen der ‘Academy of St Martin-in-the-Fields’ gelernt hat. » Giltburg hat auch selber einen sehr detaillierten Text über die gespielten Werke für das Booklet der CD verfasst, in der er seine durchaus persönlichen, gut durchdachten und fein nuancierten Interpretationen begründet.

Giltburg erreicht in den drei Sonaten dieses Programms, dass man ihm genauestens zuhört und gespannt verfolgt, welche Akzente er setzt, welche Kontraste er herausarbeitet, welche fein ausgewogenen agogische Biegungen, welche subtilen Farbveränderungen er vornimmt. Sein Beethoven lebt von geistiger Freiheit, aber auch von einer glücklichen Verbindung von Energie und Sensibilität. © 2015 Pizzicato





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