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Album Reviews



 
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Guido Fischer
Rondo, June 2017

Als sich Paul Hindemith 1948 ein letztes Mal an den immer wieder von ihm überarbeiteten Liederzyklus „Das Marienleben“ setzte, verfolgte er auch eine intensivere Verbindung zwischen Werk und Zuhörer. „Aus der etwas beschämenden Rolle des bloßen Musikkonsumenten“ wollte Hindemith ihn holen, um ihn „so weit wie möglich in die des Mitfühlenden, des Verstehenden zu erheben.“ Dafür ging er sogar ziemlich weit und komponierte für die Neufassung so manches der insgesamt 15 Lieder neu. Nun schwingt in der von Hindemith in seinem Vorwort formulierten Forderung die Gefahr mit, dass die Sängerin sich eingeladen fühlt, das emphatische Potenzial dieser Musik gefährlich nah bis an die Gefühligkeitsgrenze herauszukitzeln. Im Fall der Schweizer Sopranistin Rachel Harnisch kann man hingegen sagen, dass sie bei Hindemiths Vertonung von Rainer Maria Rilkes gleichnamigem Gedicht-Reigen wirklich alles richtig gemacht hat. Zusammen mit ihrem Klavierpartner Jan Philip Schulze macht sie einerseits den Reichtum einer Musik mühelos plastisch und deutlich, die von nüchtern herb über lyrisch verinnerlicht bis schmerzvoll funkenschlagend reicht. Zugleich schafft es Harnisch mit ihrer ungemein substanzreichen, leuchtkräftigen, auch bei den heftigsten Gefühlswallungen nie die Kontrolle verlierenden Stimme, den Hörer eben zu packen und ihm damit die Klangbild und sinnfülle dieses faszinierenden musikalischen Marien-Porträts zu vermitteln. © 2017 Rondo



Ingobert Waltenberger
Online Merker, April 2017

Gar dicht gesät sind sie ja nicht, die Aufnahmen eines der wohl aufregendsten Liedzyklen der Musikgeschichte. Paul Hindemith hatte sein „Marienleben“ nach Gedichten von Rainer Maria Rilke 1923 geschaffen und 1948 revidiert. Er wollte den Gesang enger an den Text und die Klavierstimme anpassen und den Zyklus stilistisch einheitlicher gestalten. Genau in letzterer Version hat Naxos dieses schwierig zu singende Wunderwerk an der Schnittstelle von Expressionismus zu Impressionismus, changierend zwischen straffer Form und irdischer Sinnlichkeit mit zwei idealen Künstlern aufgenommen. Entstanden ist die Aufnahme im Mai 2014 im Radiostudio DRS in Zürich.

Die große Überraschung der CD ist die Schweizerin Rachel Harnisch, die auf Anhieb wohl die neue Referenz des Marienlebens vorgelegt hat. Frau Harnisch verfügt über einen expansionsfähigen lyrischen Sopran mit Spinto-Anflügen. Der in den verschiedenen Stimmungen der 15 Lieder farbenvoll und bisweilen dramatisch rauschhaft aufblühende Sopran leuchtet warm und cremig. Bruchlos führt Harnisch die Stimme von der quellklaren Tiefe bis hin zu wunderbar luxuriösen in der Kuppel gesungene Höhen. Sperrige Intervallsprünge und vokale Klippen der Partitur meistert sie voller Eleganz und ganz in einen natürlichem Stimmfluss eingebunden. Trotz der stets in Wohlklang geformten Gesangslinie leidet darunter die Textverständlichkeit nicht. Sowohl die Dramatik in der „Rast auf der Flucht nach Ägypten“, die narrative Konkretisierung in der „Hochzeit zu Kana“ als auch elegischen Verse in den letzten Liedern rund um den Tod Marias fasst Harnisch in musikalische Art Deco Juwelen, ohne den übergeordneten Bogen aus den Augen zu verlieren. Stupend. Liedkunst, die keine Vergleiche zu scheuen braucht.

Ihr Opernrepertoire reicht von der Pamina, der Figaro Gräfin bis hin zur Antonia in Hoffmanns Erzählungen und der Emilia in der Sache Makropoulos. Sie war wohl ein Liebling des späten Claudio Abbado, der sie als Marzelline im Fidelio mit Jonas Kaufmann holte, und als Solistin bei den Salzburger Festspielen 2012 (Schuberts Es-Dur Messe, Mozarts Waisenhausmesse) engagierte. Außerdem hat er mit ihr Pergolesis Stabat Mater und dessen Messa di San Emidio eingespielt.

Begleitet wird Rachel Harnisch von Jan Philip Schulze, der für einen straff expressiven, erzählerisch gelaunten Klavierpart sorgt. Die in vier deutlich voneinander getrennte Gruppen angelegten Lieder verlangen dem Pianisten ebenso wie der Sopranistin einiges an technischer Kunst ab. Das Klavier umkreist und schmückt den vokalen Part in wilden Variationen, mit eigensinnigen Ornamenten und auch dissonanter Kommentierung. Schulze ist der Sängerin ein ebenbürtiger Partner, mit der Einschränkung, dass er das Pedal teils doch weniger exzessiv einsetzen hätte können. Da hätte er sich doch die eine oder andere Anleihe beim knackigeren Spiel Glenn Goulds nehmen können, der die erste Fassung des Zyklus beispielhaft mit Roxolana Roslak eingespielt hat.

Die neue Aufnahme insgesamt ist eine willkommene und qualitätsvolle Bereicherung der Hindemith-Diskographie, dessen Marienleben-Lieder es mit den besten von Hugo Wolf aufnehmen können. © 2017 Online Merker



Remy Franck
Pizzicato, April 2017

Schweizer Sopranistin Rachel Harnisch singt den Liederzyklus ‘Das Marienleben’ von Paul Hindemith, den der Komponist 1923 auf Gedichte von Rainer Maria Rilke (1875-1926) schrieb, in der 2. Fassung von 1948. Der Zyklus beschreibt Marias Leben und Leiden, so wie der Dichter die Figur in der Bibel aber auch in Marienbildern von Tizian oder Tintoretto und anderen gesehen hatte. Der Zyklus beginnt mit der Marias Geburt, berührt wichtige Etappen im Leben Jesu Christi, findet einen Höhepunkt im Schmerz über den Verlust des Sohnes und endet mit Marias eigenem Tod. Rilke beschreibt das alles sehr leidenschaftlich und gleichzeitig auch poetisch und einfühlsam, und so ist auch die Musik von Hindemith. Gerade den Charakter einer zwischen Menschheit und Göttlichem pendelnden Figur bringen die Sängerin und ihr Pianist Jan Philip Schulze mit einem nuancenreichen und immer spannungsvollen Musizieren sehr gut zum Ausdruck. © 2017 Pizzicato



RĂ¼diger Winter
Opera Lounge, April 2017

Das Marienleben: Der Liederzyklus von Paul Hindemith nach dem gleichnamigen großen Gedicht aus mehreren Teilen von Rainer Maria Rilke hat seit jeher auf Sängerinnen eine starke Anziehungskraft ausgeübt. Rilke allerdings setzt im Titel zwischen Marien und Leben einen Bindestrich also Marien-Leben. Dabei dürfte auch eine inhaltliche Absicht im Spiele gewesen sein. Für den von einer strenggläubigen katholischen Mutter geprägten Dichter ist das Leben Marias nicht ausschließlich himmlischer, sondern auch betont irdischer Natur—von der Geburt bis zum Tod, der im Gedicht die größte dreigliedrige Strophe beansprucht. Inspiration empfing der weitgereiste Rilke aus Gemälden der italienischen Renaissance. Die Gottesmutter in den verschiedenen Phasen ihres irdischen und weltlichen Daseins ist eine zentrale Gestalt in der Kunst. Naxos hat jetzt eine neue Einsielung herausgebracht (8.573423). Während der Dichter sein Werk in diversen Briefen gern als „eine ganz kleine Sache“ oder als „kleine Nebenarbeit“ abtat, war Hindemith davon fasziniert. Paul Conway zitiert im Booklet-Text aus einem Brief des Komponisten an seinen Verleger, dass er bislang nicht besseres geschaffen habe als diese Lieder. Er arbeitete zwischen 1922 und 1923 daran. Das Gedicht Rilkes war zehn Jahre früher erschienen. „Die Zufriedenheit war indes nicht von langer Dauer“, so Conway. „Hindemith beschloss, das Werk zu überarbeiten, um den Gesang enger an den Text und die Klavierstimmer anzupassen und überdies den Zyklus stilistisch einheitlicher zu gestalten.“ Diese Arbeit beanspruchte nicht weniger als fünfundzwanzig Jahre und wurde 1948 abgeschlossen.

Für ihre Aufnahme wählt die Sopranistin Rachel Harnisch diese Version, die auch die größte Verbreitung fand. Begleitet wird sie von Jan Philip Schulze. Die Sängerin ist Schweizerin und steht am Beginn einer internationalen Karriere. Erfolge sicherte sie sich als sie als Pamina, Fiordiligi, Marzelline, Michaela und Rachel. Mit ihrem schwebenden Sopran bringt sie ideale Voraussetzungen für die Lieder mit. Wenn erforderlich, schwingt sie sich auch zu dramatischen Höhen auf. Sie klingt jung. Das ist auch ein Vorteil. Es hätte allerdings nicht geschadet, wäre noch mehr Wert auf die textliche Ausgestaltung und Verständlichkeit gelegt worden. Schließlich sind die Lieder so komponiert, dass die Stimme auch den Worten folgen kann. Hindemith hatte das immer im Auge. Die Lieder des Zyklus fliegen dem Zuhörer allerdings nicht mal eben so zu wie klar strukturierte Volkslieder oder Kirchengesänge für die Gemeinde. Zu empfehlen ist es, sich die Rilkesche Vorlage unterstützend heranzuziehen. Leider wird sie im Booklet nicht mitgeliefert. Sie ist aber—wenn in Buchform nicht zu Hand—im Internet zu finden.

Die Neufassung des Zyklus unterscheidet sich deutlich von der ursprünglichen Komposition. Lediglich das zwölfte Lied, „Stillung Mariae mit dem Auferstandenen“, blieb unverändert. Erstmals aufgeführt wurde sie von Annelies Kupper 1948 in Hannover. Davon hat sich auch eine Aufnahme beim Label Christophorus erhalten. Bei dieser Sängerin klingen die Lieder mütterlicher als bei der neuesten Einspielung. Die Produktion mit Erna Berger von 1953 wurde besonders berühmt, weil sie auch mehrfach als Schallplatte erschienen war. Aus ihrer Interpretation klingt ein überirdischer Ansatz. The Intense Media nahm einen CD-Umschnitt in seine Erna-Berger-Edition aus zehn CDs „Glockenklang der Seele“ auf. Noch zu haben ist auch die Einspielung von Gerda Lammers bei Cantate, während die Aufnahme mit Gundula Janowitz bei Jecklin Disco seit langem vergriffen scheint. Gerda Hartmann hat den Zyklus für Discover, Veronica Lenz-Kuhn für Thorofon, Maya Boog für cpo, Judith Kellock für Koch, Soile Isokoski für Ondine und Elisabeth Meyer-Topsoe für Danacord eingespielt. Eine orchestrierte Variante gibt es bei Finlandia mit Karita Mattila. Auch die erste Fassung von Hindemiths Marienleben ist aufgenommen worden—und zwar von Roxolana Roslak gemeinsam mit Glenn Gould bei Sony. © 2017 Opera Lounge




Matthias Siehler
Rondo, March 2017

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