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Album Reviews



 
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Wilfried Schäper
Radio Bremen, August 2016

Diese Platte kann süchtig machen, denn Boris Giltburgs Klavierspiel trifft ohne Umwege über den Kopf direkt ins Herz. Er stemmt Sergej Rachmaninovs erzromantische Klangmassen souverän und locker und verfällt dabei immer wieder in eine Art “kontrollierte Raserei”. Die Wirkung von Giltburgs Klavierkunst ist elementar, doch trotz der enormen pianistischen Schwierigkeiten steht die technische Seite bei diesem Musiker nie im Mittelpunkt. Giltburg spielt so überlegen, natürlich und urmusikalisch als ob der Komponist selber am Klavier sitzen würde—und der war immerhin einer der besten Pianisten aller Zeiten. Boris Giltburg macht aus jeder von Rachmaninovs “Études-tableaux” eine eigene Geschichte, die oft auch ein Abenteuer erzählt. In der sechsten Etüde ist es Rotkäppchen, das vom bösen Wolf gejagt wird—ihn hört man bei Giltburg buchstäblich brutal zuschnappen.

Boris Giltburg hat 2013 einen der schwierigsten Klavierwettbewerbe der Welt gewonnen, den “Concours Reine Elisabeth” in Brüssel. Spätestens seit diesem Erfolg gilt der 32-jährige Israeli als einer der Spitzenpianisten seiner Generation. Anders als zum Beispiel sein berühmter Kollege aus China erspürt Boris Giltburg die Seele von Rachmaninovs Musik, ihre tiefe Melancholie und Poesie. Unter Giltburgs Händen klingen diese Stücke nie kitschig oder schwülstig, sondern immer authentisch.

Boris Giltburg spielt mit einer Intensität, die atemberaubend ist. Nur ganz wenige Pianisten begegnen Rachmaninov auf diesem Niveau, quasi auf Augenhöhe. Hier spürt man in jeder Sekunde eine Wesensverwandtschaft zwischen Komponist und Interpret, und mit diesem Album katapultiert sich Giltburg in die allererste Reihe der aktuellen Rachmaninov-Interpreten. Besser kann man das nicht machen, und diese CD ist wie eine Droge—man will sie immer wieder hören. © 2016 Radio Bremen



Gregor Willmes
Fono Forum, August 2016

Musik:
Klang:

Boris Giltburgs Rachmaninow-Einspielungen zeichnen sich durch eher langsame Tempi, einen großen Farbenreichtum und eine sehr differenzierte Dynamik aus. Rachmaninows Kantilenen singt Giltburg wunderbar aus. Allerdings leidet seine Einspielung etwas unter dem halligen Klangbild, sodass die Aufnahme bei den Moments musicaux nicht die Klarheit etwa der von Nikolai Lugansky (Erato) erreicht. Bei den Etudes-tableaux bleiben für mich John Ogdon (EMI) und Swjatoslaw Richter (Praga) der Maßstab. Richter hat zwar nur eine Auswahl der Stücke eingespielt. Aber wo Giltburg schöne Bilder malt, kochen bei Richter die Emotionen hoch. © 2016 Fono Forum



Ihr Opernratgeber (Herausgeber: Sven Godenrath), July 2016

Im ersten Teil dieser CD spielt Boris Giltburg am Klavier die Teile 1, 3, 6, 7 und 9 mit einer energiegeladenen Dynamik, und vollkommen unsentimental. Einfühlsamer hingegen, wird das 2. Stück gespielt, während die Nummer 4 eher einen fröhlichen Charakter entfaltet. Mit einer eleganten Mischung aus energiegeladenem Spiel und lyrisch einfühlsamen Passagen werden die Teile 5 und 8 bedacht. Bei den Moments musicaux op. 16 werden die Teile 1, 3 und 4 einfühlsam interpretiert, während im ersten Stück rauere Akzente zum Tragen kommen, einhergehend mit einigen virtuosen, perlend anmutenden Trillern. Temperamentvoll und mit unsentimental anmutenden Läufen, wird Titel Nummer 2 gespielt; dynamisch und dennoch einfühlsam dann Titel 6. Boris Giltburg glänzt in seinen Interpretationen der Rachmaninov Werke dadurch, dass er jedes Stück anders charakterisiert; keines dieser Stücke klingt wie das andere; sie alle erhalten eine individuelle Klangausdeutung. © 2016 Ihr Opernratgeber (Herausgeber: Sven Godenrath)



Chantal Nastasi
NDR Kultur (NDR.de), May 2016

Auch wenn er vor drei Jahren in Brüssel den renommierten Klavierwettbewerb “Reine Elisabeth” gewonnen hat - Boris Giltburg gilt bis heute als ein Geheimtipp unter den Pianisten und nur einigen ist sein Name geläufig. Ein Name allerdings, den man sich merken sollte, findet NDR Kultur Redakteurin Chantal Nastasi. Denn der junge israelische Pianist, der in Moskau geboren wurde und in Tel Aviv aufwuchs, hat nun ein spannendes, neues Album herausgebracht: Seine inzwischen vierte CD, auf der er Werke von Rachmaninov spielt.

Raffinierte Klangschattierungen und filigrane Töne

In seinen Klavierminiaturen zeigt sich wohl am deutlichsten, wie viele Ideen und Stimmungen Sergei Rachmaninov in seiner Musik verarbeitet hat. In wenigen Minuten Spielzeit rauscht man durch komplexe Gefühlswelten.

20 Jahre liegen zwischen den beiden Klavierzyklen, zwischen den 1916/17 komponierten Études-tableaux und den früheren Moments musicaux, die Boris Giltburg für seine Rachmaninow-CD ausgewählt hat. Wie sehr Rachmaninov, der gerne als letzter Romantiker bezeichnet wurde, über das Klangspektrum der Romantik hinausging, mit zarten Schattenspielen und mit Harmonien, die den Impressionismus, aber auch den Expressionismus ankündigen, zeigt Giltburg auf subtile Art und Weise. Er vermeidet die allzu großen Gesten, das Pathos, das Rachmaninovs Musik manchmal überfrachtet wirken lässt. Stattdessen durchleuchtet Giltburg die Melodien mit seinem sehr klaren Anschlag und damit, dass er im Lauten nicht in brachiales Donnern abgeleitet.

Stets auf die Balance zwischen den Stimmen bedacht, arbeitet Giltburg so auch die Struktur dieser kleinteiligen Stücke deutlich heraus. Schade allerdings, dass er in manchen mit zu vielen Anschlagsverzögerungen und nicht immer passenden Rubati den Fluss der Musik mitunter bremst.

Doch seine raffinierten Klangschattierungen und vor allem in den langsameren Stücken, sein filigraner Ton wie zu Beginn der achten Etüde, in der zweiten und im dritten Moment musical, sind so anrührend und ebenso faszinierend wie die halsbrecherischen Tempi, die er für manches schnelle Stück wählt.

Eindringliche Geschichten

Giltburg erzählt eindringliche Geschichten. Im beiliegenden Booklet erläutert der 32-Jährige die Bilder, die ihm beim “Erzählen” durch den Kopf gehen. Das ist neben dem bloßen Hörgenuss auch eine Bereicherung, da er mit seinen Ausführungen den Bogen nicht längenmäßig überspannt und dennoch ein paar interessante Denkanstöße gibt.

Ein gelungenes Rachmaninov-Album, mit dem Boris Giltburg zeigt, wie sehr ihm diese Musik liegt. © 2016 Norddeutscher Rundfunk (NDR.de)



Salvatore Pichireddu
artistxite, May 2016

Boris Giltburg, israelischer Pianist mit russischen Wurzeln, vereint exzellente Spieltechnik und höchste Anschlagkultur mit einem natürlichen Zugang zum poetischen Subtext klassisch-romantischer Werke. Nach hochgelobten Alben mit Werken von Beethoven und Schumann widmet sich Giltburg auf seinem dritten Album für das Naxos-Label einem Komponisten, den er sich längst auf umjubelten Konzerten angeeignet hat: Sergei Rachmaninow. Mit den “Études-tableaux” und den “Moments musicaux” hat sich der Israeli zwei der beliebtesten Klavier-Zyklen des “letzten Romantikers” ausgesucht. Mit drängender Intensität und großer Energie, aber auch Transparenz und feinsten Nuancierungen spielt Giltburg Rachmaninows perfekte Kleinode. Der “neue junge Superstar unter den Pianisten” (so das Label) schreibt dazu in den Anmerkungen, dass er die “Dunkelheit, Gratwanderung, Leidenschaft, Emotion” an den “Moments musicaux” liebt— und in der Tat: Schon lange hat man Rachmaninows frühe Werke nicht mehr so emotional verdichtet und gleichzeitig technisch brillant hören können. Ein ausdrückliches Lob verdient auch die audiophile Aufnahmetechnik der Concert Hall von Wyastone Leys in englischen Monmouth (der Heimstätte von Nimbus Records). Sie lässt den Hörer unmittelbar und facettenreich an Giltburgs aufwühlender musikalischer Vision teilhaben. © 2016 Artistxite



Oliver Fraenzke
The New Listener, May 2016

Über siebzig Minuten Rachmaninoff gibt es auf der nunmehr dritten CD von Boris Giltburg für Naxos zu hören. Den zweiten Band der Études-tableaux Op. 39 und die zwanzig Jahre früher entstandenen Moment musicaux Op. 16 (wenn auch die Jahreszahlen auf der CD vertauscht wurden) spielt der 1894 in Moskau geborene Pianist.

Die unglaubliche Inspiriertheit von Sergei Rachmaninoff manifestiert sich nirgendwo monumentaler als in seinen Klavierminiaturen. Der lyrische Moment der nachklingenden Romantik ist in diesen auf vollendete Weise enthalten, sie haben eine fesselnde und mitreißende Wirkung, stets schillernde Bildhaftigkeit und auch pianistisch mehr als reizvolle Passagen. Sehr eindrücklich zeigen dies bereits die frühen Moments musicaux Op. 16 von 1896, von welchen vor allem die vierte Nummer in e-Moll berühmt geworden ist durch ihre packende Virtuosität, über die sich ein Thema erhebt, welches schlichter und eingängiger kaum sein könnte. Für mich der spannendste und vielleicht ausgereifteste Werkzyklus des Russen bleibt allerdings derjenige der Études-tableaux, der in zwei Bänden Op. 33 und Op. 39 erschienen ist. „Etüden-Bilder“, dieser Name trifft den Inhalt vorzüglich, weisen doch alle enthaltenen Stücke horrende technische Anforderungen auf (teils hintergründig und versteckt wie bei Op. 33, Nr. 3, doch beim Spielen durchaus merklich, denn gerade hier liegt die Herausforderung darin, die Stimmführung herauszumeißeln – auch das ist eine technisch nicht zu unterschätzende Aufgabe!) und sind doch allesamt keine reinen Übungsstücke, sondern abstrakte Illustrationen oder, wie Giltburg in seinem Booklettext schreibt, Kurzgeschichten, teils wie akustische Filmvorlagen. Die Etüden aus dem hier zu hörenden Opus 39 weisen zwar nicht die würzige Kürze und Unmittelbarkeit derjenigen aus Op. 33 auf, doch dafür einen viel weiter gespannten Bogen über mehrere Abschnitte hinweg, noch höhere pianistische Anforderungen und eine ausgereifte Vielstimmigkeit.

Boris Giltburg findet in den Werken einen durchwegs lyrischen Grundcharakter, eine gewisse Weichheit und bildliche Strahlkraft. Auch die vielstimmigen Akkorde erhalten einen vollen Ton und gleiten nicht in ein dumpfes Schlagen ab. Manuell kann Giltburg bis hin in enorme Tempi überzeugen, manch horrend schwieriges Stück gerät bei ihm gar noch schneller als vom Komponisten intendiert und lässt dadurch staunen.

Einiges verliert sich allerdings in Willkür, so werden die Tempi zu oft durch freie Rubati unterbrochen und jeder Grundpuls geht dadurch verloren, teilweise auch die innere Ruhe durch beschleunigenden Puls wie in Op. 39, Nr. 2. Die Ritardandi sind zudem vielerorts mechanisiert und treten automatisch an gewissen Stellen auf, meist beim Zulaufen auf den neuen Takt oder einen Themeneinsatz. Aus mir nicht erkennbaren Gründen, scheinbar unbewusst, durchlebt die Dynamik erhebliche Abweichungen von der in den Noten stehenden Vorzeichnung, wodurch einige Kontraste verloren gehen. Nicht zuletzt tauchen, hauptsächlich bei den Etüden, auch einige zentrale Melodien komplett in den Untergrund ab, die entscheidend für die melodische Aussage der Werke wären.

So wäre wirklich zu wünschen, Boris Giltburg würde intensiv daran arbeiten, die Stücke aus ihrer Unmittelbarkeit heraus zu erleben und aus mancherlei tradierten Willkürlichkeiten, Manierismen und Mechanisierungen zu befreien. Denn die Auffassungsgabe, den Kern aus der Musik herauszuholen, hat er eigentlich und kann es in manchen Stücken auch eindrucksvoll umsetzen. © 2016 The New Listener



Christoph Schlüren
Klassik heute, May 2016

Lange sind die Zeiten vobei, als viele skeptisch waren, wenn Naxos Standardrepertoire vorstellte. Heute schmückt man sich mit erstklassigen Künstlern und weiß sich aufgrund des exzellenten Vertriebs und der bei Schwerpunkten sehr effizienten Promotion kaum mehr zu retten vor Mainstream-Angeboten. Der 1984 in Moskau geborene und in Israel ausgebildete Pianist Boris Giltburg zählt zu den Favoriten des Labels. Er hat bereits zwei CDs—mit populären Beethoven-Sonaten und einigen der bekanntesten Zyklen Schumanns—aufgenommen, und nun geht er mit Rachmaninoff „ins Volle“, mit dem zweiten Heft der Études-Tableaux und den frühen Moments musicaux op. 16.Pianistisch hat er alle Voraussetzungen, um einen solchen Hardcore-Test mit Bravour zu bestehen, sowohl manuell als auch intellektuell, und meistert beispielsweise die horrend schweren Passagen im vierten und sechsten Moment musical, auf die er sich in seinem so persönlichen wie informativen Booklettext bezieht, bravourös. Kein Zweifel, Giltburg hat das Potential, ein hervorragender Rachmaninoff-Spieler zu sein, das Technische ist bei ihm kein Hindernis.

Was jetzt noch zu entwickeln wäre, möchte ich zusammenfassend so beschreiben: die genauere Umsetzung der dynamischen und agogischen Angaben des Komponisten, denn da kommen viele Kontraste nicht wie erforderlich zum Zug, und dafür werden andere Kontraste geweckt, die dem Zusammenhang des Ganzen eher abträglich sind; ein weniger draufgängerischer Zugang in Tempofragen, wo sowohl langsame Stücke (wie op. 39 Nr. 2) grundsätzlich zu geschwind aufgefasst sind als auch eigentlich entspannte Tempi hochgeschraubt werden (op. 16 Nr. 2) und bewegte Stücke teils extrem überhastet genommen werden (op. 39 Nr. 6, die berühmte Rotkäppchen-Etüde—wie könnten, so rasant im Grundansatz verstanden, die von Rachmaninoff intendierten Tempo-Kontraste, der schnellere Presto-Mittelteil, sich überhaupt noch auswirken können?); ein weniger stereotypes Verständnis des Staccato, das viel mannigfaltigere Nuancierungen erlauben würde; ein weniger pauschal dröhnendes Fortissimo in der Tiefe und in jedem dynamischen Bereich die Balancierung der Akkorde als einheitliche Gesamterscheinung; die Überwindung des Manierismus, Rubato vor allem immer so verwenden, dass zum Phrasenende vor der nächsten Eins verzögert wird, denn dadurch entsteht domestizierende Kleinteiligkeit der Entwicklung; generell ein klareres Verständnis der Spannungsverhältnisse innerhalb des kadenzierenden Sogs und, analog dazu, in weiteren melodischen Bögen, also: wo entspannt sich die Linie, und wo geht sie sinnvollerweise wieder ran—denn das steht meistens nicht in den Noten. Wenn Giltburg an all’ diesen Punkten gezielt arbeitet, dann kann aus ihm durchaus ein ganz Großer werden. Ein brillantes Album ist ihm hier, dem Gegenstand angemessen, allemal geglückt. © 2016 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, May 2016

Als ‘Kurzfilme’ oder ‘Farbige Tondichtungen’ bezeichnet der israelische Pianist Boris Giltburg (*1984) die ‘Etudes-tableaux’ von Sergei Rachmaninov. Und so spielt er sie auch auf dieser neuen Naxos-CD.

Rachmaninow hat seinen Interpreten hier freie Hand gelassen: ”Ich halte nichts davon, wenn der Komponist zu viel von seinen Bildern verrät. Sollen sie selbst malen, was sie am stärksten ausdrücken.“ Was auch immer Giltburg an Bildern im Kopf hatte, als er am Klavier saß, die Musik ist evokativ genug, um bei jedem halbwegs inspirierten Zuhörer ebenfalls Bilder zu suggerieren. Technisch ist sein Spiel hervorragend, von bestechender Klarheit und einem großen Klangreichtum. Allein diese Pianistik ist großartig. Aber, wie gesagt, die Stimmungen sind nicht weniger packend.

In den ‘Moments musicaux’ hingegen distanziert sich Giltburg völlig richtig vom Bildlichen und legt mehr Wert auf das Poetische, und hier kommt dann auch Rachmaninovs russische Melancholie bestens zum Ausdruck. © 2016 Pizzicato



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, April 2016

Nach dem eher klassisch-individuellen Beethoven Album hat sich Boris Giltburg nun also die fantastischen Solonummern Rachmaninovs der Études-tableaux und Moments musicaux vorgenommen, übrigens Stammrepertoire u.a. des Sjatoslav Richter. Wie der junge Ivo Pogorelich stürzt sich der überaus begabte Giltburg (was für ein Goldgriff für Naxos ) nun auf Rachmaninov mit einer Intensität und Unbedingtheit, als gäbe es kein Morgen mehr. Für Giltburg sind die études-tableaux („Studienbilder“) packende Kurzgeschichten, exzessiv vielfältige eigene Welten, geschickt gefertigt wie Kurzfilme mit vollendeter Lichtregie. So ist die Études Nr. 6 inspiriert von Bildern des Gedichts „Little Red Riding Hood and the Wolf“ (Roald Dahl). Die musikalische Rotkäppchen-Version ist dann eben noch ein Stück dunkler, doppeldeutiger und gruseliger. Man kann es förmlich fühlen, wie der Wolf mit seinen scharfen Zähnen zupackt.

Es ist höchst faszinierend, wie pastos Giltburg die Farben spachtelt und zuweilen auch pointilistisch aufträgt bei diesen Klangmalereien, wo die Textur der Komposition plötzlich zu schillern und zu irrlichtern beginnt. Der pädagogische Effekt der verschieden höllisch schweren technischen Aufgaben in den Études/Studien ist für Giltburg gerade mal Anlass, sich in das eigentlich bedeutsame Geschichtenerzählen, die Emotion, das Kreieren eigener Ideenwelten zu versenken. Und das gelingt dem russisch-israelischen Pianisten außerordentlich gut. Die neun einzelnen Miniaturen ergeben wirklich, wie der Pianist es will, am Ende ein großes akustisches Gesamtgemälde. Ein Ausfluss des Geschicks, das auf des Komponisten Gabe für simultanen Ausdruck auf mehreren Ebenen zurückzuführen ist. Als Beispiel kann die zweite Ètude gelten, die das Meer und Möwen beschreibt, aber gleichzeitig von einer sanften Trauer durchtränkt ist.

Als zweiten Zyklus spielt Boris Giltburg die Moments musicaux, 20 Jahre vor den Ètudes entstanden. Nach den kühn expressionistischen Ètudes sind die Moments musicaux zwar technisch mindestens ebenso anspruchsvoll, führen letztlich aber in einen stillen Hafen für Ohr und Seele. Nach den ersten vier im Moll gehaltenen Stücke darf man Freude und Sonne atmen.

Auch hier erweist sich Boris Giltburg als nachschöpfender Geist, der nicht nur interpretiert, sondern sich die Stücke vollkommen aneignet. Deswegen darf es insgesamt ruhig einmal auch exzessiver, dichter und „verrückter“ zugehen als bei Aufnahmen anderer Künstler. Kein Fall für Langeweile und nichts für laue Geister. © 2016 Der Neue Merker





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