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Peter Fröhlich
The New Listener, January 2016

Neben den beiden Cellosonaten von Johannes Brahms spielen der junge, preisgekrönte Cellist Gabriel Schwabe und dessen nicht weniger namhafter Klavierpartner Nicholas Rimmer erstmals sechs Lieder des Komponisten, bearbeitet für ihre Besetzung, ein. Gefördert wurde die von Radio Bremen koproduzierte Aufnahme durch die Deutsche Stiftung Musikleben.

Von den vielen Aufnahmen der beiden Sonaten für Violoncello und Klavier Op. 38 in e-Moll und Op. 99 in F-Dur tendieren nicht wenige dazu, entweder sehr pauschal schwelgerisch die Solostimme herauszustellen oder schnell und trocken bis hin zu nichtssagend zu sein. Umso erfreulicher ist es, wie der noch nicht einmal dreißigjährige Schwabe und der nicht minder kompetente Rimmer beide Sonaten in ihrer Essenz klug und mit viel Innenleben deuten: Allgemein heben sie die Eigenständigkeit jeder Stimme klar hervor, gestalten die Themen, Verläufe und das Tempo so, dass sich immer eine geschlossene Struktur hieraus ergibt, ohne dabei jemals akademisch zu wirken. Dank dieser durchdachten Herangehensweise klingen beide Sonaten größtenteils „perfekt“, als ob es selbstverständlich und leicht wäre, so zu musizieren – was es natürlich nicht ist.

Prinzipiell gilt das auch für die eigentliche Novität dieser CD, die sechs ausgewählten Lieder aus verschiedenen Schaffensphasen des Komponisten in Cello-Arrangements. Dadurch, dass Brahms, dessen Liederzyklen immerhin ein Drittel seines gesamten Schaffens ausmachen, diese eher knapp und klanglich homogen schrieb, hatten die beiden Musiker sowohl in ihrer Bearbeitungspraxis als auch in ihrer Ausführung leichtes Spiel. Anders gesagt, erscheint es für Schwabe und Rimmer keine große Herausforderung, den Liedbearbeitungen Charakter zu verleihen und sie in ihrer individuellen Stimmung auszudeuten. Interessant ist die Auswahl der Lieder, welche die Künstler vornahmen und worüber der ausführliche und musikwissenschaftlich kompetente Booklettext von Oliver Fraenzke bestens informiert. Wie er schreibt, arbeitete das Duo daran, bewusst Lieder mit weiter entstehungszeitlicher Bandbreite (aus den Jahren 1866 bis 1885) zu wählen, die sich zudem in Melodieführung und Transponierbarkeit eignen und nach Bearbeitung für Cello und Klavier eigenständige, aber dennoch urtexttreue Werke bilden würden.

Die Mainacht (Op. 43, Nr. 2) wird zu einer dreiteiligen Nocturne, in deren Mittelteil sie das Pathos des originalen melancholischen Liedtextes („…aber ich wende mich, / Suche dunklere Schatten“) angemessen zum Ausdruck bringen. Schwungvoll klingt die Botschaft (Op. 47, Nr. 1), was bisweilen auch für die Liebesglut (auch Op. 47, Nr. 2) gilt, wobei das Duo auch hier auf Klarheit der Stimmen setzt. Sind diese nun Werke aus den 1860er Jahren, so entstand Verzagen (Op. 72, Nr. 4) 1877. Dieses Lied beinhaltet eine noch komplexere Faktur sowohl durch die ständige 32stel-Bewegung als auch durch den weniger strophischen als entwickelnd durchkomponierten Aufbau. Und hier schaffen es Schwabe und Rimmer, ein vergleichsweise gemessenes Tableau aus diesem Lied zu formen, das in seiner Originalgestalt oftmals zu affektiert und dramatisch vorgetragen wird. Die in den 1880er Jahren entstandenen Lieder Sommerabend (Op. 85, Nr. 1) und Nachtigall (Op.97, Nr. 1) haben sowohl einen pastoralen Text als auch einen eher lyrischen Klangcharakter gemein. Auch hier kann man das Spiel der beiden Musiker und deren Sinn für die richtige Atmosphäre einfach nur makellos nennen, selbst in einigen wenigen Spitzentönen des Cellos, die um keinen Deut intensiver vibriert werden dürften.

In den mehr herausfordernden Sonaten spielen beide Künstler äußerst sicher und mit vollem Ton, nicht ohne Risiken einzugehen. Im Allegro non troppo der ersten Sonate erklingt das Grundthema sicher und gemessen, wogegen die Überleitung zum Seitenthema in h-Moll mit sehr viel Emotion durchdrungen ist. Bisweilen bewegen sie sich klanglich an der Grenze aller Sicherheit, behalten aber dennoch die Kontrolle und sorgen so beim Zuhörer für einige Spannung. Erfreulicherweise wird das Cello selbst in den lauteren Passagen nie zugedeckt. Auch die heiklen Akkordsprünge beider Instrumente in der Durchführung glücken vollkommen. Die Überleitung zur Reprise zeichnet sich durch Ruhe und Beherrschung im Zusammenspiel aus und bekräftigt wiederum die Ausgewogenheit zwischen klanglichen Gegensätzen. Im Allegretto quasi menuetto heben Schwabe und Rimmer das Tänzerische des Themas deutlich hervor, ohne je ins Vulgäre zu verfallen. Charakteristisch für dieses Menuett ist mithin die Leichtigkeit, die das Duo dem Stück angedeihen lässt, während das fis-Moll-Trio deutlich sensibler, jedoch gefasst wiedergegeben wird. Bezüglich des finalen Allegros klärt Fraenzke darüber auf, dass Brahms lange kein passendes Finale einfiel und die schließlich komponierte Fuge und ihr komplexes Gewebe problematisch für die Durchhörbarkeit werden könne. In der Tat geben auch Schwabe und Rimmer sich hörbar Mühe, ein zudeckendes Klangvolumen zu vermeiden, wobei sie auch hier ihr oftmals kraftvolles Spiel beibehalten. Allerdings nutzen sie geschickt die weniger kontrapunktischen Passagen, um dynamische wie auch artikulatorische Abwechslung einzubringen, wodurch dieses Finale, fernab jeglicher polyphonen Etüde, zu einem lebendigen Kehraus wird.

Ähnlich souverän gestaltet das Duo die zweite Sonate: das eröffnende Allegro vivace klingt in den Tremoli des Klaviers vital, Schwabe verzichtet in den Cellosynkopen zu Satzbeginn auf pathetische Gesten, behält aber seinen ausdrucksstarken Ton bei. Da dieser Kopfsatz, im Vergleich zum Vorgängersonate, viel mehr auf Motivkombinationen setzt, macht ihn das in seiner Struktur auch zerklüfteter. Schwabe und Rimmer verstehen es, einen erlebbaren Gesamtzusammenhang herzustellen, nicht ohne die verschiedenen Facetten und Klangfarben des Satzes ausgiebig auszuloten. Im Adagio affettuoso schreiten die Pizzicati des Cellos gemessen, dabei weder zu langsam noch zu forciert voran, was der melancholischen Stimmung sowie der Formbalance sehr zugute kommt. Obgleich der folgende Satz ein Allegro passionato ist, heben die Musiker weniger das Leidenschaftliche als das Geschwinde hervor. Schwabe reißt gar einzelne Töne seiner Stimme nur noch scharf an und verleiht diesem Scherzo somit einen zusätzlich makabren Charakter. Die Cellomelodie des Trios wird zwar kantabel hervorgehoben, das Tempo jedoch drosseln Schwabe und Rimmer kaum. Und: niemals klingt es irgendwo überhetzt. Die wohl größte Herausforderung dieser Sonate ist das abschließende Allegro molto: Die absichtliche Belanglosigkeit des F-Dur-Themas fordert viele Kammermusiker insofern, diesem eine tiefere Bedeutung abzugewinnen. Nun nehmen Schwabe und Rimmer die Satzbezeichnung ziemlich wörtlich, sprich, auch hier wird der Kehrauscharakter nachdrücklich betont. Das Nebenthema in a-Moll hat auch etwas Ironisches (wie vielerorts bei Schostakowitsch). Auch hier setzen die beiden Musiker die Kontraste klug ein, indem sie z. B. die erste Episode dieses Rondos im Tempo drosseln, um mehr Tiefe hineinzubringen. Schlussendlich dominiert jedoch das Motorische des Satzes (zumal aufgrund der omnipräsenten Klaviertriolen), ohne jedoch mechanisch zu wirken. So setzt auch dieser Schlusssatz ein Markenzeichen für zwei junge Musiker, die die Cellosonaten durch ihr lebhaftes und bewusstes Musizieren in angemessener Gestalt und Individualität entstehen lassen und diese CD zu einem sehr empfehlenswerten Ereignis innerhalb der reichen Diskographie machen. © 2016 The New Listener



D. Zweipfennig
Online Merker, November 2015

Die in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Musikleben/Auxiliaris-Stiftung entstandene Produktion zeigt vorbildhaft das Wirken des Labels Naxos. Man nehme zwei aufstrebende vielversprechende Musiker, biete Ihnen ein Forum, in diesem Fall auch für die Erarbeitung eigener Versionen von Brahms Liedern in der Fassung für Cello und Klavier, und hat damit auch gleich Erstaufführungen zu neuen lebhaften Interpretationen von Meisterwerken anzubieten.

Das Hauptinteresse der CD bilden die beiden im Abstand von 21 Jahren entstandenen Cellosonaten von Johannes Brahms, die zu den absoluten Höhepunkten der romantischen Kammermusik des 19. Jahrhundert gehören. Besonders beeindruckend war für mich beim ersten Anhören, mit welch großer Geste und reich differenzierten Klangvaleurs es dem Cellisten Gabriel Schwabe gelingt, sein Instrument abseits formaler Strukturen in den Dienst eines dynamischen Flusses zu stellen. Der Hörer kann getrost in die musikalische Imagination von Brahms eintauchen und sich in eine andere Welt entführen lassen. Subjektiv hat sich Schwabe diese Sonate so sehr zu Eigen gemacht, das man glauben könnte, er spielt diese Musik schon seit Jahrzehnten. Dabei klingt aber alles stets frisch, unverbraucht, spontan voller Passion und Lust an der Sonorität des Cellos. Das Zusammenspiel mit dem Pianisten Nicholas Rimmer ist ungezwungen natürlich. Eine kleine Asymmetrie ergibt sich vielleicht aus den unterschiedlichen Temperamenten der beiden Musiker. Erinnert mich Schwabe von seiner Art her Musik zu machen, grosso modo an Gautier Capuchon, ist Nicholas Rimmer relativ gesehen eher ein „Techniker“, also jemand, dessen Musikalität sich aus dem (formalen) Stimmengeflecht erschließt und der damit einen emotional nüchterneren Zugang wählt. Ich will da nicht falsch verstanden werden: Die Aussage betrifft das Verhältnis der beiden Musiker zueinander, ich möchte aber Nicholas Rimmer keineswegs Emphase absprechen. Auch die zweite Sonate bietet schöne, im Detail neue unverbrauchte Hörerlebnisse. Die Interpretationen bewegen sich auf einem Niveau, das mit allen renommierten Einspielungen mithalten kann.

Dazwischen stellen die beiden Künstler sechs Lieder aus eigener Bearbeitung zur Diskussion. Es handelt sich dabei um Sololieder aus den Op. 43 bis 97, ebenfalls aus einem Entstehungszeitraum von ca. 20 Jahren. Um in die nähere Auswahl zu kommen, musste die Gesangsstimme idiomatisch sein für die besondere Tongebung und Artikulation des Cellos. Schließlich hat man sich für „Die Mainacht“, „Botschaft“, „Liebesglut“, „Verzagen“, „Sommerabend“ und „Nachtigall“, in der durch die Klavierbegleitung der Vogel möglichst naturgereu nachgeahmt wird. Allesamt gute Beispiele für die außerordentliche Musikalität der beiden Solisten, wenngleich dieser Teil der CD mit den beiden Sonaten an Dichte und Intensität nicht ganz mithalten kann.

Bei der im Jahre 2009 (in der er auch den Pierre Fournier Award einheimste) für Hänssler aufgenommen CD Romantic Inspirations—The Music of Robert & Clara Schumann hat sich der ganz tolle Cellist noch Gabriel Adriano Schwabe genannt. Der 27-jährige Musiker ist deutsch-spanischer Abstammung und spielt ein seltenes, unglaublich klangvolles Instrument aus Brescia um 1600.

Nicholas Rimmers Diskographie u.a. bei Sony, Genuin, cpo, Thorofon, ist bereits beeindruckend umfangreich. Mit der vorliegenden CD hat er sie in hervorragender Qualität bereichert.

Um weitere Einspielungen der beiden grandiosen Musiker darf gebeten werden. © 2015 Der Neue Merker



Radio Bremen, October 2015

Spitzenmusiker der jungen Generation

Johannes Brahms war nicht immer der mürrische korpulente Mann mit Vollbart und Zigarre. Als er seine erste Cellosonate schrieb, war er knapp 30 Jahre alt und ein vielversprechender Musiker, den es von Hamburg nach Wien zog. Da passt es gut, wenn das Stück von zwei Interpreten gespielt wird, die etwa so alt sind wie Brahms damals. Der Cellist Gabriel Schwabe und der Pianist Nicholas Rimmer gehören zu den Spitzenmusikern der jungen Generation und sind schon sehr erfolgreich.

Gabriel Schwabe hat sich Zeit gelassen mit seiner ersten CD, doch das Warten hat sich gelohnt. Zusammen mit seinem feinsinnigen Klavierpartner Nicholas Rimmer spielt er einen Brahms, der unter die Haut geht. Schon nach kurzer Zeit merkt man: Hier stimmt einfach alles, der Ton, die Tempowahl und das Miteinander im kammermusikalischen Dialog.

Sänger ohne Worte

Die Kammermusik von Johannes Brahms hat einen unverwechselbaren Ton und eine ganz besondere Atmosphäre. Immer ist eine leichte Melancholie zu spüren, ein stetiger Wechsel von Licht und Schatten. Gabriel Schwabes kerniger, tragkräftiger und kantabler Celloton ist wie gemacht für diese Musik. Sein Spiel klingt ganz und gar uneitel und natürlich, dieser Musiker hat keine Effekte nötig. Das Gleiche gilt für Nicholas Rimmer am Klavier. Er ist eine der besten Kammermusik-Pianisten in Deutschland, kein “Begleiter”, sondern ein Partner auf Augenhöhe. Neben den beiden Cellosonaten von Brahms spielen Schwabe und Rimmer auch eigene Bearbeitungen einiger Brahms-Lieder. Das sind Weltersteinspielungen, die klingen wie Originale. Hier kann sich Schwabes Cello besonders profilieren, denn es wird zum “Sänger ohne Worte”.

Eine Einspielung, die überzeugt

Gabriel Schwabes und Nicholas Rimmers erste gemeinsame CD kann auf Anhieb überzeugen. Hier haben sich zwei geborene Kammermusiker gefunden, die spielen wie alte Hasen und mit Brahms ein ideales Repertoire gewählt haben. Brahms hätte diese Aufnahme gefallen, und vielleicht hätte er sogar einmal gelächelt. © 2015 Radio Bremen





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