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Gerhard Persché
Opernwelt (Germany), February 2017

MAHLER, G.: Lied von der Erde (Das) / Lieder eines fahrenden Gesellen (arr. A. Schoenberg) (Platts, Reid, Williams, Falletta) 8.573536
PAUL JUON: LIEDER COV91612

An diesen Arrangements klebt nicht nur das Fin de siècle, sondern—aus etwas schräger Sicht—wohl auch das Wiener Kaffeehaus. Obwohl sie nicht für diese Lokale geschaffen wurden, sondern für Arnold Schönbergs 1918 gegründeten « Verein für musikalische Privataufführungen », dessen Konzerte in den unterschiedlichsten Sälen stattfanden, darunter der Musikverein und das Konzerthaus. Beim Orchester war man aus finanziellen Gründen zum Ökonomisieren gezwungen, griff auf Kammerarrangements zurück, deren Besetzung den in manchen Kaffeehäusern und Gaststätten zur Unterhaltung aufspielenden Ensembles nicht unähnlich war: Flöte, Oboe, Klarinette, Streichquintett, dazu oft auch Klavier und Harmonium. Bei Bedarf, wie etwa beim hier vorliegenden « Lied von der Erde » in der Bearbeitung durch Schönberg und seine Schüler—vermutlich auch Anton Webern—, wurde die Besetzung erweitert. Der Flötist spielt ebenfalls Piccolo, der Oboist auch das Englischhorn; eine zweite Klarinette, Fagott, Horn, Celesta und Schlagzeug (inkl. Triangel!) kommen hinzu.

Schönbergs Arrangements auch nur andeutungsweise « Kaffeehausmusik » zu nennen, wäre natürlich Sakrileg. Obwohl etwa der Beginn des «Trinklieds vom Jammer der Erde » durch die doch dünn wirkende Streicherbesetzung assoziativ ein wenig zum Heurigen weist (was dem Text nicht mal widerspräche). Insgesamt verlagert sich der Schwerpunkt in Richtung der Bläser, dies durchaus nicht immer zum Nachteil—wenn etwa durch die scharfe Zeichnung der Soli auch eine gewisse Süffisanz—zumindest in den Tenor-Nummern—wie mit dem Sezierbesteck herausgearbeitet scheint. Auf dieser Einspielung erweisen sich die Instrumentalisten des Attacca Quartets und der Virginia Arts Festival Chamber Players unter der Dirigentin JoAnn Falletta als verlässliche Advokaten Mahlers und Schönbergs. Bei den Sängern hört man Durchwachsenes: Tenor Charles Reid stemmt sich unerschrocken durch seine Nummern, während die im Timbre etwas an Kathleen Ferrier erinnernde Susan Platts vollmundig, für unseren Geschmack aber unstet wirkt. Günstig hingegen der Eindruck beim Bariton Roderick Williams, der die « Lieder eines fahrenden Gesellen » textdeutlich, intelligent und authentisch serviert. Zugleich wirkt Schönbergs konzentriertes Arrangement in diesem Zyklus auch dank Fallettas Exegese stimmiger und vielleicht gar « mahlerischer » als beim « Lied von der Erde ».

Als « Anti-Schönberg » gebärdete sich der russisch-schweizerische Komponist Paul Juon (1872–1940), er räsonierte in seiner Autobiografie über dessen « kalten Intellektualismus ». Seine Lieder führen eine heimelige Tradition des 19. Jahrhunderts fort; es sind zärtliche Kameen, farbenreich und melodienselig. Und obwohl Juon gelegentlich Stile seiner Zeitgenossen assimiliert, bleibt er als Persönlichkeit völlig eigenständig—selbst bei der Bearbeitung von ukrainischer, russischer und jüdischer Folklore. Die Mezzosopranistin Riccarda Wesseling singt, einfühlsam begleitet von Clau Scherrer, hell, schlank, flexibel und elegant. © 2017 Opernwelt (Germany)



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, October 2016

Schoenberg gründete 1918 den Verein für musikalische Privataufführungen mit dem Ziel, das Publikum mit moderner Musik vertraut zu machen. Alban Berg hat dazu ein quasi protokollarisches Verfahren entworfen. Ganz formell und streng wurde jeder „korrumpierende Einfluss an Publicity“ ausgeschaltet, indem Konzerte und deren Programme nicht öffentlich angekündigt, Beifallens—und Missfallenskundgebungen vor während und nach des Konzerts strengstens untersagt und auch Kritiker nicht willkommen waren. Die Programme wurden nicht angekündigt, um das Publikum nicht dadurch vom Kommen abzuhalten oder dazu anzustacheln. Spannend!

Nun, während des dreijährigen Bestehens fanden rund 100 Konzerte statt, in der die Musik von Bartók, Berg, Busoni, Debussy, Ravel, Reger, Schoenberg, Scriabin, Stravinsky, Szymanowski, Webern, Wellesz, Zemlinsky und eben auch Mahler aufgeführt wurden. Da es sich um private Veranstaltungen handelte, konnten große Orchesterwerke nicht in Originalbesetzung, sondern nur in von Schoenberg oder seinen Schülern angefertigten Bearbeitungen realisiert werden. Große Symphonien wurden also für Klavier vierhändig oder für zwei Klaviere arrangiert bzw. für Kammerorchester, bestehend aus Klavier, Harmonium, Flöte, Klarinette, Streichquartett und gelegentlich für andere Instrumente eingerichtet.

Schoenberg liebte Mahlers Musik und bezeichnete Mahler in seinem Aufsatz „In Memoriam“ sogar als Heiligen, was auch ganz vorzüglich in den auf der neuen NAXOS CD publizierten Aufnahmen zum Ausdruck kommt. Die Bearbeitung der Partitur der Lieder eines fahrenden Gesellen besorgte Schoenberg großteils selbst, und er verwandelte sich Mahlers Prinzip der Teilung der Instrumentierung in Bläser und Streicher an. Klavier und Harmonium steuern ungeahnte Klangeffekte bei, die vor allem beim dritten dramatischsten Lied „Ich hab‘ ein glühend Messer“ für aufregende Hörerlebnisse sorgen. Die intime Instrumentierung intensiviert teils sogar die lautmalerischen Effekte, die Gestaltungskraft des Solisten ist stärker gefordert wie sonst. Roderick Williams singt diese Lieder nicht balsamisch, aber mit hoher Musikalität und Ausdruckskraft. Sein charaktervoller, auch in der Höhe stets frei ansprechender Bariton, ist ein Idealfall für die Vermittlung der Freuden und Leiden des Wandermanns. Der Dirigentin JoAnn Falletta, dem Attacca Quartett und den Virginia Arts Festival Chamber Players sind höchstes Lob und Anerkennung für eine gefühlvoll musizierte und dennoch klar strukturierte Wiedergabe zu zollen.

Schon schwieriger war es für Schoenberg, das komplex und dicht instrumentierte Lied von der Erde adäquat zu bearbeiten, Nach einer bestimmten Zeit übergab er an seinen Schüler, die sich an diesem hochkomplexen Zyklus beweisen mussten. In der Transkription kommen die Urgewalten im Trinklied vom Jammer der Erde weniger scharf zum Ausdruck, obwohl das Standard-Ensemble des Vereins (Fagott, Horn, Harmonium, Celesta, Streichquartett, Schlagzeug) um doppelte Flöten und Oboen, Piccolo, Englischhorn und zwei Klarinetten erweitert wurde. Wegen dieser „großen Besetzung“ als auch der dadurch anfallenden hohen Kosten bei galoppierender Inflation 1921 wurde Schoenbergs Arrangement wahrscheinlich nie im Verein aufgeführt. Der Verein gab auch 1921 seine Tätigkeit auf.

Dasselbe formidable Team wie bei den Liedern eines fahrenden Gesellen hat nun auch das Lied von der Erde eingespielt. Die Solisten sind der Tenor Charles Reid und die Mezzosopranistin Susan Platts. Während Reid seinen zugegeben von der Tessitura her extrem hochgelegenen Part eher mit Kraft, Stentortönen und Metall als mit federnder Elastizität und dynamischer Differenzierung absolviert, steht Susan Platts mit wunderbar warm timbrierter Stimme und elegischen Legatobögen ganz in der Tradition einer Kathleen Ferrier, Maureen Forrester oder Janet Baker. Den Abschied singt Susan Platts betörend schön mit leuchtenden Kuppeltönen, textdeutlich und emotional höchst engagiert. Die luftigere Textur wäre ja auch dem Tenor entgegengekommen, vielleicht hätt man diesen Part „leichter“ besetzen sollen. Der Duktus des Arrangements hält sich von der Stimmung her an Mahlers Intentionen, das Schlagzeug sorgt noch für eine zusätzliche „chinesische“ Note.

Eine Empfehlung für alle Freunde der Musik Mahlers, die ihren altbekannten Einspielungen dieser zwei Spitzenwerke eine außergewöhnlich intim instrumentierte, durchwegs auf hohem Niveau musizierte Version hinzufügen möchten. © 2016 Online Merker





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