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Album Reviews



 
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Oliver Fraenzke
The New Listener, October 2017

Streichquartette von Frederick Delius und Edward Elgar sind auf der neuesten CD des Villiers Quartets zu hören, außerdem die Weltersteinspielung der Rekonstruktion Daniel Grimleys von zwei Sätzen der Erstfassung des Delius-Quartetts.

Zwei britische Komponisten, zwei Streichquartette, beide in e-Moll und zur Zeit des Ersten Weltkriegs komponiert—und doch zwei vollkommen unterschiedliche und nicht vergleichbare Stilwelten. Gleich auf doppelte Weise werden diese auf vorliegender CD mit dem Villiers Quartet hörbar, denn die Musiker gehen beide Quartette auf von Grund auf verschiedene Weisen an. Das Delius-Quartett ist recht homophon und schlicht gehalten, das Material auf ein Minimum reduziert. Entsprechend verschmelzen auch die Musiker zu einem einheitlichen Klangbild, aus dem die einzelnen Instrumente nur rudimentär herauszuhören sind. Der musikalische Ablauf wird in homophonem Mischklang ohne Aufspaltung in die quartetttypische Vierstimmigkeit organisiert. Ganz anders das Quartett von Edward Elgar, nur ein Jahr nach dem von Delius vollendet, das sich auf der Höhe der Polyphonie des frühen 20. Jahrhunderts befindet. Jede Stimme lebt für sich und nur kurzzeitig koppeln sich einmal zwei oder drei Stimmen aneinander, um durch diese Verstärkung neue Kontraste zu schaffen. Das Villiers Quartet passt sich an, spaltet den „Delius-Gesamtklang“ wieder auf in die einzelnen Instrumentenstimmen. So werden die vier Stimmen in ihrem Gegeneinander ausgelotet, treten in Wettstreit und bilden fortwährend neue Beziehungen, welche allerdings nur von kurzer Dauer sind, da auch die Musik sich schon wieder wandelt. Das Villiers Quartett fließt mit der Musik, geht feinfühlig auf ihre Änderungen ein.

Das Vorgehen, den Stil des Spiels dem der Musik anzupassen, um noch näher an sie heranzukommen, gelingt teilweise. Wo der vielstimmige Elgar farbenprächtig und frisch ertönt, hat die klangliche Verschmelzung bei Delius zur Folge, dass viele Schattierungen und kurzzeitige Aufspaltungen in polyphonere Behandlung komplett verloren gehen. Andererseits phrasiert das Quartett—und dies ist mir unerklärlich—bei Delius wesentlich weniger als im Elgar-Quartett. Die Linien sind nivelliert, flach und monoton, schnell entsteht die Gefahr der Langeweile durch scheinbare Überlänge, die bei hellwach gestaltendem und bewusstem Spiel jedoch nicht gegeben wäre. Lediglich im dritten Satz, „Late Swallows“, bringen die Musiker ein paar ansprechende Klangeffekte zur Entfaltung. Die Rekonstruktion der Erstfassung dieses Quartetts durch Daniel Grimley wird in gleichem Geist fortgesetzt. Aber die vier können es besser, und eben dies beweisen sie sogleich im anschließenden Quartett von Edward Elgar: Ungezwungen, lebendig und inspiriert, mit klarer Linienführung und wacher Interaktion zwischen den Musikern. Zumindest diese Hälfte des Stil-Experiments ist gelungen und beschert dem Hörer eine lohnenswerte halbe Stunde. © 2017 The New Listener



Hartmut Lück
Klassik heute, August 2017

Das britische Villiers Quartet ist in Deutschland noch unbekannt, stellt sich jedoch hier als eine hochkarätige Quartettvereinigung vor. Ein voller, warmer Klang trifft sich mit ausgefeilter dynamischer Feinarbeit, das Spiel ist strukturell deutlich und temperamentvoll gleichermaßen, und man würde das Ensemble gern mit dem Standardrepertoire der Quartettliteratur kennenlernen. Hier nun präsentieren die Musiker zwei Quartette britischer Komponisten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Zwar ist Edward Elgar sicher der gewichtigere und bekanntere Komponist von den beiden, aber das Quartett von Frederick Delius stellt wirklich eine Überraschung dar: während das Werk Elgars vergleichsweise spätromantisch-konventionell klingt, offenbart Delius unerwartete harmonische Kühnheiten und eine komplexe Faktur, die das Stück eher in die Nähe des frühen Arnold Schönberg oder von Alexander Zemlinsky rückt. Es ist eine spannungsreiche Komposition voller origineller Ideen und Finessen, was man von dem wohl zu Unrecht unter „ferner liefen“ abgeschätzten Delius kaum erwartet hätte. Diese CD ist also sowohl von der Interpretation als auch von der kompositorischen Substanz her eine lohnende Entdeckung. © 2017 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, July 2017

Zwei wichtige Quartette britischer Komponisten, die am Ende des Ersten Weltkriegs entstanden, stehen auf dem Programm dieser CD. Das Quartett von Delius ist ein leidenschaftliches Stück, das hier in seiner revidierten Fassung aufgeführt wird, aber die Villiers spielen auch die zwei ersten Sätze aus der um rund 30% längeren Urfassung. Am packendsten ist letztlich aber der 3. Satz, in der neuen Fassung auch der längste, ein zutiefst romantisches Stück, das von viel Melancholie und Innigkeit durchzogen ist. Das ‘Villiers Quartet’ spielt es sehr einfühlsam und erreicht Größe eigentlich durch die Natürlichkeit des Ausdrucks.

Edward Elgar war gegen Ende des Kriegs ziemlich deprimiert und zog aufs Land, gewissermaßen, um dem in der Hauptstadt omnipräsenten Krieg auszuweichen. Sein dreisätziges Streichquartett ist ein in den Ecksätzen sehr nervöses, ungehaltenes Werk, das nur im Mittelsatz zur Ruhe findet. In der Interpretation des ‘Villiers Quartet’ wird das Finale, Allegro molto, sehr gestisch, fieberhaft, streckenweise fast schon aggressiv. © 2017 Pizzicato




Guido Fischer
Rondo, July 2017

Während Edward Elgars Musik schon immer als durchweg very british galt, war das Schaffen seines Landsmannes Frederick Delius so simpel nicht einzuordnen. Delius war schließlich ein Mann mit Bielefelder Wurzeln und stets auf Wanderschaft. Nach Aufenthalten in den USA und in Leipzig, wo er u.a. bei Carl Reinecke studierte, ließ sich Delius 1897 für den Rest seines Lebens in der Nähe von Fontainebleau nieder. Hier komponierte er 1917 auch sein einziges Streichquartett, das das junge englische, mit einer wunderbaren Tonfülle und Farbpalette gesegnete Villiers Quartet nun mit dem ebenfalls einzigen Elgar-Vierer gekoppelt hat. Und wenn sich der französische Geist jemals in dem Werk eines Engländers niedergeschlagen hat, dann bei Delius. Allein schon der Eröffnungssatz ist ein einziges herrliches Schmachten, eine Mischung aus sanften Brisen und dahinschwebendem Melos im besten Belle Époque-Charme. Gefühlskalte Ignoranten werden diese Musik als puren Kitsch abtun. Die anderen geben sich ihr einfach hin. Zumal Delius nicht zuletzt im Finale des viersätzigen Werks immer wieder gekonnt seine Liebe auch zu Ravel hörbar macht. Einen kleinen Blick in die Werkstatt von Delius gewähren zudem die Weltersteinspielungen des Eingangs- und des mit „Late Swallows“ bezeichneten langsamen Satzes in den Urfassungen von 1916. Zwei Jahre danach setzte sich Elgar an sein dreisätziges Opus in c-Moll, das wie das Geschwisterwerk seines Landsmannes meilenweit von jenen Ultra-Modernitäten entfernt ist, die sich in der Streichquartett-Gattung nicht zuletzt dank der Schönbergs & Co. zusammengebraut hatten. Doch auch hier werfen die Villiers dank ihrer exquisit ausbalancierten kammermusikalischen Partnerschaft ausreichend viele Köder aus, um dieses mal rhapsodisch in sich gekehrte und dann wieder mit großer Klangfülle die ganze Welt umarmende Werk in vollen Zügen genießen zu können. © 2017 Rondo



Detlef Krenge
BR-Klassik, June 2017

Von Frederick Delius’ einzigem Streichquartett gibt es zwei verschiedene Fassungen. In der usprünglichen, dreisätzigen Form wurde das Werk 1916 zum ersten Mal gespielt. Nur, in dieser Form gefiel es Delius wohl noch nicht so richtig. Ein neukomponiertes Scherzo erweiterte das Quartett, und neben stärkeren Änderungen am Kopfsatz arbeitete Delius den langsamen Satz mit dem Titel “Late Swallows” komplett um.

Gerade dieser Eingriff bestätigt, dass es Delius in erster Linie um das “Feeling” einer Komposition ging. Er wollte berühren und von Musik berührt werden. Das Mittel dazu war für ihn in erster Linie die harmonische Intensität. Die neue Version des Streichquartetts in der heute bekannten viersätzigen Form ist tatsächlich als Ganzes viel ausgewogener. Es gewinnt an Ausdruck und Finesse und ist durch die nun etwas leichtere Textur besser auf die Klangmöglichkeiten eines Streichquartetts abgestimmt. Nachzuvollziehen ist diese Entwicklung auf der neuen CD des Villiers Quartet, eines junges Streichquartetts aus London mit Schwerpunkt auf dem englischen Repertoire. Neben der Standardversion ist auch eine Rekonstruktion der beiden stark veränderten Sätze Eins und Drei zu hören. Somit werden beide Fassungen miteinander vergleichbar.

Homogener Gesamtklang

Zu diesem völlig zu Unrecht selten zu hörenden Werk gesellt sich das ebenfalls in E-Moll stehende Streichquartett von Edward Elgar. Elgars Streichquartett entstand ungefähr zur gleichen Zeit, in seinem Kammermusikjahr 1918. Und auch dieses sehr innige und musikalisch dichte Werk wird meist nicht wirklich seinem Range entsprechend gewürdigt. Das Villiers Quartet spielt aufmerksam und akkurat, ohne pathetische Zugaben wird die emotionale Intensität beider Kompositionen nachgezeichnet. Das wäre wohl auch ganz im Sinne von Delius gewesen. Dabei legen die vier Musikerinnen und Musiker viel Wert auf einen schönen, homogenen Gesamtklang und wunderbar geschmeidige Übergänge. Mit dieser CD festigt das Villiers Quartet seinen Ruf als eines der vielversprechendsten englischen Nachwuchsensembles. Und legt zur unvermeidlichen Debussy-Ravel-Paarung eine englische Alternative vor, die zudem durch die hier zum ersten Mal eingespielte Frühversion des Delius-Quartetts einen besonderen Repertoirewert erhält. © 2017 BR-Klassik





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