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Album Reviews



 
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Anja Renczikowski
Piano News, November 2018

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Matthias Kornemann
Fono Forum, October 2018

Die jüngere Aufführungsgeschichte von Rachmaninows drittem Klavierkonzert leidet noch immer unter den unseligen Nachwehen der trostlosen und schamlos vermarkteten Geschichte David Helfgotts. Seitdem haftet dem 1909 entstandenen Werk der Nimbus des Gefährlichen und Unspielbaren an.

Nun ist das Stück gewiss eines der komplexesten des Repertoires, aber das zweite Konzert Bartóks ist viel schwerer, und es gibt erfahrene Pianisten, die auch Rachmaninows c-Moll-Konzert für technisch heikler halten. Aber der pianistenverzehrende Ruf des so unangenehm kollegial „Rach 3“ genannten Werkes hat in den vergangenen Jahrzehnten eine billig-effekthascherische Deutungshaltung begünstigt—man hat dem Publikum das ersehnte Spektakel halt liefern wollen. Zwei Neuaufnahmen weisen dem lyrischen Opus sehr unterschiedliche Wege aus dieser Rezeptionssackgasse.

Michael Korstick zeigt die thematische Dichte des Stoffes, schmiedet sozusagen eine ekstatisch-gleißende Werkgestalt, der nichts Schwelgerisches, Ornamentales geblieben ist. Mit fiebrigem Drang stürzt er sich in den Solopart, der aufnahmetechnisch stark im Vordergrund steht. In der Più-mosso-Sektion, in der der Solist das ins Orchester abgewanderte Thema umspielt, treibt er die Janáček Philharmonie unter Dmitry Liss regelrecht vor sich her. Überleitungsepisoden und dichte kontrapunktische Passagen—etwa in der Durchführung—sind von höchster Transparenz und Emphase. Mit geradezu didaktischem Furor versucht Korstick jedes Detail in einer schmerzhaften Klarheit auszuformulieren. So kennen wir ihn schon seit seinem Beethoven-Zyklus. Wir sollen begreifen, dass es in diesem Konzert trotz der vielen Töne wenig Beiläufiges gibt. Auf die Übergänge und kleinen Kadenzen, die die Variationsepisoden des langsamen Satzes verknüpfen, stürzt er sich, als seien das Sprungbretter in motorisch immer aufgeladenere Entwicklungsstadien.

Auch die b-Moll-Sonate gibt er als fiebrigen Reißer, in der Coda des Finales grenzgängerisch entfesselt, aber so expressiv und uneitel, dass man nie auf den Gedanken kommen würde, hier ein Echo selbstdarstellerischen Klavierlöwentums zu vernehmen.

Boris Giltburg nähert sich mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Carlos Miguel Prieto dem Werk aus ganz anderer Richtung. Er kultiviert Lyrismus, Klangkultur und eine neben Korstick zunächst fast betulich wirkende, virtuose Effekte dämpfende Deutlichkeit, um das Werk von billiger Überwältigungsrhetorik zu reinigen. Vom ersten Takt an wird der Vorwärtszug nachdenklich gebremst, wird aussingend innegehalten. Die Veloce-Kadenz, mit der das erste Themenfeld endet, fällt rasch in ein murmelndes Mezzoforte zurück. Korstick lässt hier ein regelrechtes Feuerwerk los.

Die Espressivo-Episode, in der das Seitenthema dem Solisten allein gehört, bei Korstick ein nervös bebendes kontrapunktisches Gewebe, ist unter Giltburgs Händen ein stiller Traum, der nichts ahnt von den Aufwerfungen der Durchführung. Mit unerhörter Klangkontrolle liest er die lyrischen Schönheiten am Wege auf und riskiert, dramatische Entwicklungen fast zum Stillstand zu bringen. Dafür hört man eben Dinge, die Korstick nicht heraushebt, weil sie seinen motorischen Furor allzu stark bremsen würden. So zeigt uns Giltburg in der locker hingeworfenen Leggiero-Variation des langsamen Satzes, dass Rachmaninow das Hauptthema des ersten Satzes in der linken Hand eingeflochten hat. Ein winziger Beleg für die allgegenwärtige, kaum fassbare kompositorische Dichte des Stückes. Aber auch ein Beispiel, dass man seine Komplexität nicht ohne Abstriche hörbar machen kann. Wer solche Kleinfunde heraushebt, ist vielleicht manchmal zu versonnen, die berauschend-entfesselte Seite des Werkes nachzubilden. So braucht es also mindestens zwei Interpreten dieses Formats, um die Größe des hier wunderbar rehabilitierten Konzerts zu erahnen. © 2018 Fono Forum





Frank Armbruster
Concerti, August 2018

Es ist vielleicht das berühmteste und berüchtigtste aller romantischen Klavierkonzerte: „Rach 3“, wie Rachmaninows Nummer drei lakonisch genannt wird, gilt nach wie vor als Prüfstein für all jene, die in die Liga der Supervirtuosen aufgenommen werden möchten. Der 34-jährige Boris Giltburg hat sich dafür Zeit gelassen: Erst spielte er die Études-Tableaux und das zweite Klavierkonzert—übrigens formidabel—ein, nun legt er das dritte in einer Einspielung vor, die keinen Vergleich mit den Großen seiner Zunft zu scheuen braucht. Giltburg ist nicht nur den enormen technischen Schwierigkeiten des Soloparts pianistisch jederzeit gewachsen. Er findet auch die richtige Haltung für diese zwischen Fin-de-siècle-Morbidität, salonesker Eleganz und emotionalem Sog changierende Musik, die derart mitreißend gespielt immer noch etwas Bezwingendes hat. Auf gleichem Niveau sind auch die Corelli-Variationen. © 2018 Concerti




Sanna Hahn
Klassik heute, July 2018

In den größten Klavierwettbewerben sind Rachmaninows zweites und drittes Klavierkonzert in den Finalrunden zu hören. Die weltweit besten Pianisten müssen sich also nicht nur in der Aufnahme, sondern auch im internationalen Vergleich live auf der Bühne diesen Werken stellen. Der russische Pianist Boris Giltburg konnte sich 2013 in der Reine Elisabeth Competition mit dem dritten Klavierkonzert beweisen und sich den ersten Preis erspielen; eine Einspielung ist damit längst überfällig. Auf seiner neuen CD hat Giltburg das dritte Klavierkonzert, den sogenannten Mount Everest der Klavierliteratur, zusammen mit dem Royal Scottish Symphony Orchestra unter Carlos Miguel Prieto bezwungen. Die Einspielung folgt damit dem zweiten Klavierkonzert, das er schon mit diesem Orchester unter Prieto für Naxos aufgenommen hat.

Selbst im Fortissimo ist das Orchester ein idealer Partner ohne den Schritt vorzugeben, wie es bei anderen Einspielungen oft passiert. Der volle Orchesterklang schmiegt sich an die Klavierstimme und in den tänzerischen Passagen des Intermezzos darf Giltburg das Orchester führen. Beim ersten Hören möchte man das „Allegro, ma non troppo“ noch etwas anschieben, aber nach und nach wird der kollektive Musikgenuss der Künstler und der narrative Aspekt des Werks deutlich. Im englischen Booklet erklärt uns Giltburg selbst, dass die Geschichte, die das Konzert erzählt, die Hauptsache für seine Interpretation sei. Sicher eine sehr dramatische (Lebens-) Geschichte, in der sich süßlich-schwere Passagen mit rasanten Solostellen abwechseln, die immer wieder von lyrischen Melodielinien unterbrochen werden. Auf die Geschehnisse dieses Lebens blicken die Melodien des Werks zurück, die sich in einem ähnlich schmalen Tonumfang wie eine Erzählerstimme bewegen. Giltburgs Spielweise erinnert dabei sehr an die wunderbare Einspielung von Arcadi Volodos mit den Berliner Philharmonikern unter James Levine. Giltburg verfällt nicht unnötig ins Süßliche und durchbraust die virtuosen Achterbahnfahrten Rachmaniniows nicht ohne die Fahrt auch zu genießen.

Hinten an das Konzert stellt Giltburg die Corelli-Variationen Rachmaniniows an. Eine Komposition, die leider durch den anderen Einspielungsort im Schatten des „Mount Everest“ steht. Die Concert Hall des Wyastone Estate verschluckt doch zu viel der 20 Variationen in sich.

Rachmaninow selbst spielte die Uraufführung seines 3. Klavierkonzerts op. 30 in New Yorks Carnegie Hall während seiner Amerika-Tournee 1909. Kurze Zeit darauf brachte ihn das Konzert mit Gustav Mahler als Dirigenten zusammen. Zu einem Zeitpunkt als er seine zukünftige Karriere vornehmlich als Pianist sah, denn er hatte in Moskau brillante Abschlüsse sowohl als Komponist als auch als Pianist hingelegt. Um das Publikum in der Neuen Welt zu beeindrucken komponierte er mit dem dritten Klavierkonzert ambitioniert und für den Pianisten besonders anspruchsvoll. Erst in den 1930er Jahren traute sich Vladimir Horowitz wieder an das Werk heran und setzte es auf die Gleise seiner heutigen Popularität. © 2018 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, July 2018

Wenn es um Farben, Schattierungen, Aufhellungen und um einen perfekten strukturellen Ablauf geht, wird man wohl in Sachen Rachmaninov 3 keine bessere Aufnahme finden als diese hier.

Boris Giltburgs Spiel ist phänomenal in seiner einfallsreichen Gestaltung. Der israelisch-russische Pianist kann das Stück so geschlossen interpretieren wie kaum ein anderer und die Musik gleichzeitig mit einem sehr spontan wirkenden Rhetorik sowie einer außergewöhnlichen Detailfreudigkeit beleben. So entsteht ein kontinuierlich narrativer Fluss ohne Brüche, der das Reflektive und Lyrische nicht mit den virtuosen Ausbrüchen bloß aneinanderreiht, sondern zu einem Ganzen fügt. Dieser vom ‘Scottish National Orchestra’ unter Prieto mitgetragene natürliche Atem bringt Spannung und erlaubt nach verinnerlichten Momenten auch immer wieder grandiose Steigerungen.

Nicht weniger begeistert Giltburg mit seinem immer transparenten und fein artikulierten Spiel in den Corelli-Variationen. Seine Fingerfertigkeit auf dem wunderbar klar klingenden Fazioli-Flügel ist stupend! Doch mehr noch bedeuten mir die Eloquenz und die Vielfalt der Stimmungen, die Giltburg liebevoll herausarbeitet. © 2018 Pizzicato



Hörzu, July 2018

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Franziska v. Busse
NDR Kultur (NDR.de), June 2018

Der russisch-israelische Pianist Boris Giltburg hat die “Corelli-Variationen” und dazu das kolossale dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow eingespielt—ein Werk, das oft als der “Mount Everest” der Klavierliteratur beschrieben wird. Aber Giltburg schaut lässig von oben herunter.

Alles im Griff

Eigentlich schade, findet Boris Giltburg, dass bei diesem Klavierkonzert so oft vor allem das Äußere zählt: seine Länge, seine enormen pianistischen Schwierigkeiten, die Unmenge an Noten, die Rachmaninow im Manuskript über- und nebeneinander gedrängt hat. Das ist für ihn ein bisschen so, als würde man einen 800-Seiten-Roman lesen, ohne sich wirklich für den Inhalt zu interessieren.

So eine Aussage muss man sich erst einmal leisten können. Und ich mache es nicht spannend: Boris Giltburg kann sie sich erlauben. Zum einen, weil er tatsächlich technisch alles im Griff hat. Zum anderen, weil er uns wirklich 800 Seiten lang in Atem hält—zusammen mit dem Royal Scottish National Orchestra, dirigiert vom Mexikaner Carlos Miguel Prieto.

Rachmaninows großer Roman

Ein israelischer Pianist mit russischen Wurzeln, ein schottisches Orchester, ein mexikanischer Dirigent—keine so außergewöhnliche Zusammensetzung im internationalen Klassik-Betrieb. Aber man hört, dass sich da etwas mischt, dass da nicht einfach in guter Tradition der “große, alte, schwere, seelenvolle Russe” präsentiert wird. Im Gegenteil: Das Orchester klingt leicht, hell, federnd, was ungeheuer gut zur kontrollierten und fein austarierten Spielweise von Boris Giltburg passt.

Am schönsten ist aber, wie sie uns gemeinsam Rachmaninows großen Roman erzählen: mit Hauptsträngen und Nebenhandlungen, mit überraschenden Wendungen und mit Ereignissen, die sich dann doch unterschwellig schon angekündigt haben.

Gezügelter Wahnsinn

Ganz pur—ohne Orchester—ist das Klavierspiel von Boris Giltburg dann in den “Corelli-Variationen” zu hören. Das berühmte Thema stammt gar nicht von Corelli. Er hat es selbst nur variiert. Acht schlichte Takte, die sich bis in den Wahnsinn steigern lassen. So sagt es schon der Titel: “La Folia”. Bei Boris Giltburg bleibt dieser Wahnsinn gezügelt. Er konstruiert stattdessen klug aufgebaute Spannungsbögen und zeigt uns Klangwelten, die mal an Ravel, mal an Strawinsky und mal an Alexander Skrjabin denken lassen.

Zwei Werke, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit besser ergänzen, als man auf Anhieb gedacht hätte. Was aber auch an der großartigen Interpretation liegt. © 2018 NDR Kultur



Oliver Fraenzke
The New Listener, June 2018

„Früher haben nur ausgewählte Leute Rachmaninows drittes Klavierkonzert op. 30 gespielt: Nach dem Komponisten selbst waren es Samuil Feinberg, Nikolai Orlow, und erst fünfzehn Jahre später folgte dann Lew Oborin. Heute aber spielen dieses Konzert die Absolventen der Spezialschulen für Musik, und wir Pädagogen lassen das zu – in einer Art stillschweigendem Übereinkommen, im voraus Absolution zu erteilen für alle Sünden, in einer Art Generalamnestie für einen scheußlichen Vortrag, der die schönen, aber eben schweren Stellen gründlich verdirbt. Da gibt es aber keinen Pardon! Denn die Technik ist vom Inhalt nicht zu trennen.“ (Jakow Sak: Zu Fragen der Erziehung unseres Pianistennachwuchses, S. 151-169, in: Herbert Sahling (Hrsg.): Notate zur Pianistik. Aufsätze sowjetischer Klavierpädagogen und Interpreten, Leipzig 1976, S. 167f.)

Es sind harte, doch wahre Worte, die Jakow Sak über eines der berüchtigtsten Stücke der Klavierliteratur notierte. Wir werden förmlich überflutet mit Aufnahmen und Aufführungen von Rachmaninoffs Drittem Klavierkonzert, fast jeder Pianist von Rang und Namen führt es als Highlight in seinem Repertoire. Doch wie oft enttäuschen die Darbietungen rigoros, wie oft verstehen wir als Hörer nichts, außer dass es an die Grenzen menschlicher Physionomie geht?

Boris Giltburg erkennt dieses Problem ebenfalls und vergleicht das Klavierkonzert mit einem 800-seitigen Roman: Auf den Inhalt komme es an, nicht auf die Länge. Entsprechende Bedeutung will er dem Koloss auf musikalischer Ebene verleihen.

Glück hat Giltburg mit dem Orchester, Carlos Miguel Prieto meißelt unerhörte Stimmvielfalt aus dem Royal Scottish National Orchestra heraus; besonders der Streicherapparat ist voll und warm, die treibende Kraft kommt aus den Bässen und Celli und breitet sich bis hin zu den Flöten aus. Bedauernswert ist hierbei, dass der Tonmeister zu sehr auf den Pianisten fixiert war und das Orchester in der Abmischung hinter dem Klavier verschwinden lässt: Dabei müsste das Orchester oft führen, während der Pianist die Melodien nur durch rasche Bewegungen ausziert; in dieser Aufnahme hören wir statt dessen rasche Bewegungen, wohinter irgendwo vielleicht eine Melodielinie im Orchester zu erahnen sein könnte.

Mühelos bewegt sich Boris Giltburg durch die horrend schwierigen Passagen, lässt sie spielend leicht erscheinen. Und doch höre ich nicht so viel „Inhalt“, wie der Pianist es angekündigt hat: Zwar holt er durchaus viele hinreißende Details an die Oberfläche, aber es fehlt an Stringenz und bezwingender Fortführung der musikalischen Linie. Allgemein klingt Giltburgs Spiel blass, er könnte noch mehr an dynamischer und artikulatorischer Vielfalt gewinnen. Dies gilt noch mehr in den Corelli-Variationen op. 42, wo der musikalische Fluss nach spätestens einem Drittel der Länge in einzelnen Momenten und Effekten versiegt. © 2018 The New Listener





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