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Album Reviews



 
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Ernst Hoffmann
Piano News, May 2017

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oe1.ORF.at, March 2017

Als würde es nicht reichen, beide Klavierkonzerte Schostakowitschs in einer haarscharfen, glasklaren und hellsichtigen Einspielung vorzulegen, die so sehr in jeder Hinsicht überzeugt, dass die internationale Kritik vor Begeisterung jubelt, wagt der junge israelische Pianist dazu noch Unerhörtes: Er arrangiert das hoch komplexe 8. Streichquartett Schostakowitschs für Klavier solo. Auch den Walzer aus dem 2. Streichquartett verwandelt er in ein Klavierstück.

Ohne gravierende Verluste ist das doch nicht möglich? Aber tatsächlich ist Boris Giltburg eine expressive Klavierfantasie gelungen, die Schostakowitschs existentielle Nöte, seine Emotionen freilegt. Wie bei einem exzellenten Chirurgen stimmt jeder Schnitt, jede Öffnung. Sein Spiel legt so genau die Finger in Schostakowitschs Wunden, dass er diesem Werk die Erschütterung, die Katharsis zurückgibt, die es für seinen Schöpfer bedeutet haben muss.

Dass es auf diese Weise natürlich auch weit über sich hinausweist und uns heute weit mehr zu sagen hat, als uns angenehm ist, was auch für die Klavierkonzerte gilt, macht dieses Album zu einem absoluten Muss für Schostakowitsch-Anhänger und eine dringende Empfehlung für Klassik-Fans.

Der Vollständigkeit halber sei noch auf das fantastisch spielende Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Vasily Petrenko hingewiesen und die Giltburg in nichts nachstehende Leistung des Trompeters Rhys Owens erwähnt! © 2017 oe1.ORF.at



Rüdiger Winter
Opera Lounge, March 2017

Vasily Petrenko arbeitet sich bei Naxos an Dmitri Schostakowitsch ab. Nach sämtlichen Sinfonien nun die beiden Klavierkonzerte (8.573666). Das Label hatte eine glückliche Hand, als es diesen Dirigenten für die Produktionen gewann. Am Klavier sitzt Boris Giltburg. Er wurde 1984 in Moskau geboren, ist also acht Jahre jünger als Petrenko. Seine Familie wanderte Anfang der 1990er Jahre nach Israel aus, dessen Staatsbürger der mehrfach ausgezeichnete Pianist nun ist. Wiederholt ist er auch in Deutschland aufgetreten. Es tut Schostakowitsch gut, dass sich noch relativ junge Musiker seiner Werke annehmen. Sie sind nicht in die historischen Wirren verstrickt, in denen sie entstanden und deren Ausdruck sie sind. Sie haben einen freieren Zugang. Obwohl zwischen der Entstehung der Konzerte ein Vierteljahrhundert liegt, wirken sie wie siamesische Zwillinge. Die Einfälle sind überbordend, mitunter grell. Im 1. Klavierkonzert von 1933 tritt als Soloinstrument noch eine Trompete (Rhys Owens) hinzu. Das 2. Konzert, etwas weniger schrill und frech, schuf Schostakowitsch 1957 für seinen Sohn Maxim, der es auch uraufführte. Wer an Schostakowitsch die langsamen Sätze schätzt, wird sie auch bei diesen Werken—ein Lento und ein Andante—als Höhepunkte empfinden. Sie sind sehr in sich gekehrt und jeweils an zweiter Stelle positioniert. Petrenko und Giltburg haben hörbare Freude an den Stücken, die sich auch auf die Zuhörer überträgt.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die Mitglieder des Königlichen Chores in Liverpool mehrheitlich der russischen Sprache mächtig sind. Sie müssen sich die einschlägigen Passagen phonetisch beigebracht haben. Sonst wären ihnen womöglich einige Worte im Halse stecken geblieben. Was nämlich Dmitri Schostakowitsch durch den Textdichter seiner 2. und 3. Sinfonie den Damen und Herren zumutet, dürfte ihnen auch nach fast hundert Jahren noch bitter aufstoßen. Die Ermordung von Zar Nikolaus II. und seiner Familie durch die Bolschewiki im Jahre 1918 ist im Königreich nicht vergessen, wenngleich sich Georg V. geweigert hatte, dem bedrängten Zaren Asyl zu gewähren, was wiederum darauf zurückzuführen war, dass die Zarin eine auf der Insel verhasste hessische Prinzessin gewesen ist. Wie dem auch sei. Der Zar war ein Cousin des britischen Königs Georg V. Beide sahen sich sehr ähnlich und waren lange Zeit freundschaftlich eng verbunden.

Und nun das: „Oktober, Kommune, Lenin“, tönt der Schlachtruf im Chorsatz der 2. Sinfonie. Lenin selbst hatte die Ermordung des Zaren gebilligt, wenn nicht gar persönlich angeordnet. Das geht schwer runter. Und in der dritten Sinfonie, die dem 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiter, huldigt, wird ausdrücklich daran erinnert, dass „unter dem Pfeifen zorniger Kugeln, Bajonett und Gewehr in den Fäusten“ der Zarenpalast genommen worden sei. Das Alte müsse niedergebrannt werden. Die Verse des stalinistischen Parteigängers Alexander Besymenski sind schwer erträglich und nur aus ihrer Zeit heraus zu erklären. Großbritannien und die Sowjetunion Stalins waren im Zweiten Weltkrieg Verbündete gegen Hitler. Nicht aus Liebe, sondern aus politischer Vernunft und historischem Zwang. Auf den heißen Krieg folgte der kalte. Der Sozialismus erwies sich als Irrweg. Er scheiterte an sich selbst, ist Geschichte. Das Königreich lebt fort.

Der Komponist hatte sich nach seinem sinfonischen Erstling, einem kühnen Geniestreich, auf den sich Bruno Walter, Arturo Toscanini und Leopold Stokowski stürzten, als Auftragskomponist auf die Seite der bolschewistischen Regimes geschlagen. Im Westen wurde ihm das schwer verübelt. Es dauerte Jahre, bis hinter den pompösen Kulissen seiner Musik der Spott und der Sarkasmus an den Verhältnissen der Stalinzeit erkannt wurden. Trotz alledem bewahrten sich die Britten für Schostakowitsch eine merkwürdige Schwäche. 1958 wurde er Ehrendoktor der University of Oxford, schließlich Träger der Goldmedaille der Royal Philharmonic Society. Adrian Boult und John Barbirolli haben Sinfonien von ihm aufgeführt—allerdings aus dem textfreien Bestand. © 2017 Opera Lounge




Hans Ackermann
kulturradio vom rbb, February 2017

Weltpremiere: Auf seiner neuen CD spielt der russisch-israelische Pianist Boris Giltburg die beiden Klavierkonzerte von Dmitri Schostakowitsch—und als Weltersteinspielung eine eigene Bearbeitung des Streichquartetts op. 110 für Klavier solo.

1933 hat Dmitri Schostakowitsch sein Klavierkonzert Nr. 1 fertiggestellt. Jugendlich und frech spielt dieses hochvirtuose Konzert mit allem, was die Musikgeschichte zu diesem Zeitpunkt hergibt: vom barocken Kontrapunkt bis hin zur entfesselten Rhythmik des 20. Jahrhunderts. Die Jazzfetzen fliegen, aber auch russische Folklore wird angestimmt, ebenso Theater und Zirkusmusik.

Und im Schlusssatz hämmert Giltburg mit viel Humor auch mal kurz ein Fragment aus Beethovens “Wut über den verlorenen Groschen” in unsere Ohren—nicht das einzige Zitat in diesem aufgewühlten Werk der Moderne, das aber alles andere ist als eine modische Collage. Tatsächlich zeigt Schostakowitsch hier seine Meisterschaft, aus dem musikalischen Materiallager des frühen 20. Jahrhunderts etwas wirklich Neues zu erschaffen.

Präzise

Boris Giltburg, geboren 1984 in Moskau und damit selbst nicht viel älter als Schostakowitsch zum Zeitpunkt der Uraufführung, spielt das jugendliche Werk mit atemberaubendem Esprit und höchster rhythmischer Präzision. Unterstützt wird er dabei von der Royal Liverpool Philharmonic und Vasily Petrenko, ein Dirigent, der ganz zurecht als Spezialist für modernes russisches Repertoire angesehen wird.

In dieser Kombination gelingt den Musikern auch beim zweiten Klavierkonzert eine hervorragende Einspielung, wobei das Werk vom Temperament her mit dem jüngeren einfach nicht ganz mithalten kann. Schostakowitsch selbst hat das zweite Konzert aus dem Jahr 1957 ein “schwaches Werk” genannt. Hier wird man allerdings an Max Bruch erinnert, der auch nicht verstehen wollte, dass alle Welt sein wunderbares Violinkonzert Nr. 1 den beiden anderen, nach Meinung des Komponisten besseren, Konzerten vorgezogen hat.

Komplex

Die eigentliche Überraschung dieser CD aber ist Boris Giltburgs Bearbeitung des Streichquartetts op. 110 von Dmitri Schostakowitsch. Ein derart komplexes Streichquartett zum Werk für Klavier solo umzuarbeiten, auf diese Idee wird ein Musiker wohl nur dann kommen, wenn er wie Boris Giltburg nach ständiger Horizonterweiterung strebt. Giltburg selbst hat dazu erklärt, es gäbe von Schostakowitsch einfach kein Werk für Klavier solo, dass die Tiefe und Bedeutung seiner Streichquartette erreichen würde.

Tatsächlich wird nun aus dem vielschichtigen Quartett eine expressive Klavierfantasie, mit der Boris Giltburg auch als Bearbeiter seine besondere Stellung unter den Pianisten eindrucksvoll beweist. © 2017 kulturradio vom rbb




Frank Siebert
Fono Forum, February 2017

Die hier versammelten Werke zeigen die expressive Weite von Schostakowitschs Musik. Von rasanter Unbeschwertheit, die nieht selten ins Trivial-Karikierende abrutscht und das erste Klavierkonzert dominiert, über einen erlesenen, bittersüßen Lyrismus im zweiten Satz des zweiten Klavierkonzerts bis hin zum schockhaften Erleben des Todes im achten, den Opfern des Krieges und des Faschismus gewidmeten Streichquartett hat Schostakowitsch wie kaum ein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts das Spektrum menschlicher Erfahrungen eindringlich in Töne zu setzen verstanden.

Wer sich diesen anspruchsvollen Werken als Interpret stellt, muss Farbe bekennen, darf nicht mit halbem Einsatz bei der Sache sein, sondern ist im umfassenden Sinn gefordert, um die reiche Physiognomie der Stücke mit ihrem feinen, oft vieldeutigen Minenspiel in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. Boris Giltburg erweist sich nahezu als Idealinterpret, da er außer dem manuellen Rüstzeug auch den emotionalen und intellektuellen Zugang mitbringt. Seine Transkription des achten Streichquartetts zeigt, wie intensiver sich mit dem Werk auseinandergesetzt hat. Jeder Ton, jede Klanggeste, jedes prägnante Fortissimo ist von Trauer und Nachdenkliehkeit erfüllt—eine große, bewegende Klage.

Ebenso ernsthaft, wenn auch unter dem Vorzeichen schalkhaften Maskenspiels, gelingt Giltburg das erste Klavierkonzert. Hier entfacht er ein atemberaubendes Furioso der Spielfreudigkeit, weiß sich den launenhaften Stimmungswechseln der Partitur reaktionsschnell anzupassen. Das Royal Liverpool Philharmonie Orchestra unter der schneidigen Leitung von Vasily Petrenko ist dem 1984 in Moskau geborenen Pianisten ein sehr guter Partner, und die makellos leuchtenden Trompetensoli von Rhys Owens runden die Interpretation dieses stilistisch heterogenen Unikums zu einer gelungenen Einheit ab. © 2017 Fono Forum



Christoph Schlüren
Klassik heute, January 2017

Der 1984 in Moskau geborene Boris Giltburg ist mittlerweile sozusagen das pianistische Aushängschild von Naxos, was bedeutet, dass man hier nicht nur einen gewissen Aufwand an Promotion betreibt, sondern vor allem auf Standardrepertoire setzt, bei dessen Auswahl der Künstler recht freie Hand zu haben scheint. Nach Beethoven, Schumann und Rachmaninoff ist nunmehr Schostakowitsch an der Reihe, zu dessen Musik sich Giltburg in seinem sehr feinen und informativen Bookletessay nachdrücklich bekennt—und über den Rang dieser Musik, sieht man von ein paar Werken, die hier nicht vertreten sind (und auch das Klavier nicht betreffen), einmal ab, gibt es ja auch nichts zu zweifeln. Eher schon an der Einspielung selbst, die sich ja nicht einfach nur vielzahliger „Konkurrenz“ stellt, sondern auch den Aufnahmen der beiden Klavierkonzerte, die der Komponist selbst davon gemacht hat, gegenüber steht.

Zunächst einmal: Giltburg ist ein glänzender Virtuose, und auch einer, der sich mit der Musik auseinandersetzt und nach eigenen Lösungen strebt. Für mich das Hauptmanko dieser Aufnahmen sind Tempo-Inkonsistenzen: zu viele Beschleunigungen und Verzögerungen, wo sie, zumindest in dieser Weise, nicht hingehören. Oft stellt sich kein klares Gefühl für das metrische Schwingen ein—am unverstelltesten ist dieses vorhanden, wo die metrischen Wechsel in vorwärtstreibendem Tempo ein klares Kontinuum verlangen, also im Finale des 2. Klavierkonzerts mit seinen 7/8-Takt-Einschüben. Generell fehlt mir jenes Charakteristikum, das bei Schostakowitsch selbst so hinreißend zutage tritt: das fortwährende Precipitando-Feeling, das eben nicht vom absoluten Tempo abhängig ist, sondern von der Artikulation innerhalb des Metrums. In den schnellen Sätzen neigt Giltburg dazu, gewisse Primitivismen zu übertreiben, also die plakative Hervorkehrung von Aspekten der Zirkusmusik, was durch allerhand agogische Verzerrungen grimassenhaft hervorgekehrt wird, aber eben damit sehr an der Oberfläche bleibt und die übergeordnete Entwicklung, den kontinuierlichen Spannungsverlauf empfindlich stört. Auch stimmen einige Relationen innerhalb der schnellen Tempi gar nicht mit den Vorschriften der Partitur überein, und auch hier wird dann mit eigenmächtigen Rubati an Übergängen die Unstimmigkeit verwischt. Überdies werde ich den Eindruck nicht los, dass die Abstimmung darüber mit dem Liverpool Philharmonic Orchestra unter Naxos’ Schostakowitsch-Chefexeget Vasily Petrenko eher flüchtig vorgenommen wurde (vielleicht mangels Probenzeit?), was sich darin zeigt, dass strukturelle Parallelen von Solist und Orchester in teils sehr divergenter Weise ausgeführt werden. Ein zusätzliches Problem ist—wie leider üblich in Solokonzerten—die Balance zwischen Solist und Orchester: Viele Passagen im Orchester, vor allem im Streichorchester des 1. Konzerts, kommen viel zu schwach im Verhältnis zum Solisten, der übermäßig hervorgehoben ist, damit uns seine feineren Nuancen nicht entgehen. Dadurch ermangelt es dem Dialog in entscheidenden Momenten der Attacke. Die Solotrompete ist davon nicht betroffen, jedoch ist bei aller Bravour festzustellen, dass Rhys Owens es mit der vorgeschriebenen Artikulation stellenweise nicht allzu genau nimmt und Akzente dadurch schwächt, dass er unakzentuierte Noten genauso stark betont—um den Preis unfreiwilliger Nivellierung. Insgesamt ist das Ergebnis episodischer und zerfranster als zu wünschen wäre, und am ehesten stellt sich ein Kontinuum ein, wenn das Orchester wie zu Beginn des langsamen Satzes im ersten Konzert alleine agiert. Der Kopfsatz des zweiten Konzerts kommt streckenweise mit einer gepanzerten Schwerfälligkeit daher, die vor allem im Dauer-Fortissimo den Eindruck eines auf-der-Stelle-Spurtens vermittelt. Und eigentlich wäre zu fordern, dass es auch im Fortissimo noch so etwas wie Phrasierung gibt… Natürlich kann man sich andererseits an der virtuosen Synchronizität in den schnellen Tempi freuen und die Suche nach lokalen Effekten auf Kosten des bezwingenden Zusammenhangs als kurzweilige Unterhaltung genießen, aber es lässt sich gewiss nicht sagen, dass aus der Partitur wirklich herausgeholt wird, was potentiell vorhanden ist.

Zwischen die beiden Konzerte streut Giltburg sein Klaviersolo-Arrangement des Walzers aus Schostakowitschs 2. Quartett ein—beeindruckend im Figurativen, aber leider ohne authentisches Walzer-Feeling. Es ist ja bezeichnend, dass heute die wenigsten Pianisten wirklich in der Lage sind, einen Walzercharakter zu manifestieren. Und zum Abschluss spielt Giltburg seinen Klavierauszug des 8. Quartetts von Schostakowitsch, ein Werk, das er ausgewählt hat, um seinem Instrument eines der tiefgründigsten Werke des Meisters zugänglich zu machen. Auch hier bedaure ich, mit Tempi und Agogik nicht glücklich werden zu können, obwohl mir vieles an seinem Spiel sehr sympathisch entgegenkommt, zumal der Wille zu einer existenziellen Ernsthaftigkeit. Doch er agiert allzu sehr aus dem Wunsch heraus, die einzelnen Momente möglichst interessant zu gestalten, und verliert darüber den Bezug zur Gesamtgestaltung. Insgesamt also eine zwiespältige Angelegenheit auf achtungsgebietendem instrumentalen Niveau. © 2017 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, January 2017

Mit einer fulminanten Wiedergabe des Ersten Klavierkonzerts von Dmitri Shostakovich beginnt diese CD. Boris Giltburg brilliert in den Ecksätzen mit fieberhafter Virtuosität und fasziniert mit abrupten Stimmungsschwankungen. Er lässt das Grollen beängstigend werden, und die hohen Töne ziseliert er präzise wie ein Lasergerät. Dabei erschließen sich die chromatischen Veränderungen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit, und der Hörer entdeckt unerwartete Perspektiven und Nuancen.

Die beiden Mittelsätze werden, das Lento schwebend, das Moderato stockend vorgetragen, Energie aufstauend, die im Finale losgelassen wird. Petrenko und das Orchester aus Liverpool sowie dessen Solotrompeter Rhys Owens verwachsen mit dem Pianisten und geben der Musik den nötigen Feinschliff.

Das Klavierkonzert Nr. 2, Shostakovichs Sohn Maxim zum 19. Geburtstag geschenkt, ist unbeschwerter als das Erste, es hat bei allem jugendlichen Schwung auch viel Nonchalance und im langsamen Satz die Nostalgie des Vaters, der seinen Sohn erwachsen werden sieht. Giltburg und Petrenko legen Wert auf perfekte Verarbeitung und größtmögliche Klangtransparenz, auf Frische und Spontaneität.

Neben diesen beiden vorzüglichen Interpretationen zeichnet sich die neue Naxos-CD durch die Bearbeitungen zweiter Streichquartette aus, wobei der Walzer als dem 2. Quartett eher unauffällig zwischen den Orchesterwerken steht. Ernsthafter geht es dann nach dem 2. Klavierkonzert zu, wenn die Klavierfassung des 8. Quartetts drankommt, das man ja im Original und in Barshais Fassung für Streichorchester kennt.

Auf dem Klavier kann Giltburg die Musik rhythmisch auf eine andere Weise eindringlich gestalten als ein Quartett oder gar ein Orchester, denn hier sind es nicht mehrere Musiker, die sprechen, sondern nur einer, eigentlich Shostakovich ganz allein. Die Akzentuierungen werden deutlicher, die Aufgewühltheit packender, die Unruhe dramatischer. Wenn dann im zweiten Largo das Hämmern so erklingt als klopfe jemand gegen eine Tür, wird man unweigerlich an das Schreiben erinnert, in dem Shostakovich von seinen nächtlichen Ängsten berichtetete, wenn er angezogen im Bett lag, rauchte und darauf wartete, dass der Geheimdienst an die Tür klopfte, um ihn mitzunehmen. Dieses Largo geht bei Giltburg noch fast mehr unter die Haut als im Original.

Und so wird diese CD, durch die exemplarische Darbietung der beiden Klavierkonzerte sicher schon hinreichend interessant, letztlich durch die Transkription des Opus 110 erst wirklich wichtig. Dieses packende Destillat lässt sie zum absoluten Must werden. © 2017 Pizzicato



Dr. Hartmut Hein
www.klassik.com, January 2017

Unter den ersten Naxos-Neuerscheinungen 2017 dürfte schon eine der Platten des Jahres sein: Was Vasily Petrenko und Boris Giltburg aus den beiden Klavierkonzerten von Dimitri Schostakowitsch machen, ist bezwingend. © 2017 www.klassik.com



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, January 2017

Jubiläumswürdig ist sie geworden, diese Einspielung nach gemeinsamen Konzerten. 2006 wurde Vasily Petrenko zum ersten Dirigenten des Royal Liverpool Philharmonie Orchestra ernannt, 2009 wurde er Chefdirigent. Der junge aus St. Petersburg stammende Dirigent, Schüler u.a. von Mariss Jansons, hat ein goldenes Händchen für die beiden populären Klavierkonzerte von Shostakovich. Das erste viersätzige Klavierkonzert in C-Moll, Op. 35, mit einer faszinierenden Rolle der Trompete (Rhys Owens), 1933 kurz vor der Oper Lady Macbeth von Mtsensk vollendet, als selbstbewusste vor Erfindungsgabe strotzende Tonschöpfung, enthält Zitate aus Klaviersonaten Beethovens und Haydns. Das zweite dreisätzige Klavierkonzert in A-Dur, Op. 102, 1957 als Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn Maxim geschrieben, ist ein ebenso vor Leben sprühendes, im Grundton lyrischeres Werk, mit einem der schönsten Andante-Sätze ever. Petrenko weiß sowohl die nachdenkliche Seite als auch die rohe Kraft der Partituren mit seinem Orchester brillant in Szene zu setzen, den sarkastischen Humor als auch den eisigen Ernst des Komponisten in abgründiger orchestraler Urtiefe auszuloten.

Dabei hat er in seinem Landsmann Boris Giltburg einen kongenialen Pianisten zur Seite. Giltburg, absoluter Star des Labels Naxos, mit dem ihn weitreichende Aufnahmepläne verbinden, ist nicht nur der Prototyp des sensiblen russischen Pianisten wie aus dem Bilderbuch heraus. Er ist zudem ein Poet auf Tasten, leidenschaftlich und reflektiert zugleich, mit einem ungeheuren Instinkt für musikalische „Sprachen“, ein begabter Strukturalist mit Herz, ein Deuter von Stimmungen und Feinzeichner von Kontexten. Giltburg ist aber auch passionierter Amateurphotograph und Blogger, der verständlich und klug zugleich über klassische Musik schreiben oder erzählen kann.

Für die vorliegende CD hat Giltburg mit Zustimmung der Familie Shostakovich das achte Streichquartett des Komponisten für Klavier arrangiert. Dieses Streichquartett in C-Moll, Op. 110, ist nichts weniger als ein klingender autobiographischer Canossagang nach Shostakovich‘ als katastrophale persönliche und moralische Niederlage empfundenen Beitritt zur Kommunistischen Partei im Jahr 1960, die ja nicht gerade zimperlich mit ihm und seinem Schaffen umgegangen ist. Eine ganz und gar biographische Komposition also, die der Komponist tatsächlich seinem eigenen Angedenken gewidmet hat. Das eröffnende Motiv, das später über 100 Mal wiederholt wird, ist, ist Shostakovich musikalische Signatur (D.S.C.H.: D-Es-C-B). Giltburg gelingt eindrucksvoll, dem dunklen, monochromatischen Gestus des Streichquartetts in den aggressiv perkussiven Stellen, oder dem schweren Pochen im vierten Satz, eine nie gekannte Schärfe und Macht zu verleihen. Auch ein Fugato darf nicht fehlen, das den Pianisten auf der Höhe der technischen Meisterschaft zeigt.

Das neue Album biete beides: Referenzaufnahmen der beiden Klavierkonzerte als auch zwei Weltersteinspielungen: Neben der erwähnten Bearbeitung des achten Streichquartetts hat Giltburg auch den Walzer im Allegro des zweiten Quartetts in A-Dur für Klavier solo transkribiert.

Boris Giltburg spricht über seine Klavierfassung des achten Streichquartetts von Shostakovich. © 2016 Online Merker



Oliver Fraenzke
The New Listener, December 2016

Die beiden Klavierkonzerte in c-Moll op. 35 und in F-Dur Op. 102 von Schostakowitsch spielt Boris Giltburg gemeinsam mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko, die Solo-Trompete im ersten Konzert übernimmt Rhys Owens. Des weiteren sind von Giltburg Arrangements des achten Streichquartetts c-Moll Op. 110 und des Walzers aus dem zweiten Quartett Op. 68 für Klavier solo zu hören.

Nach drei recht erfolgreichen Solo-Aufnahmen spielt Boris Giltburg nun mit einem Orchester. Da es erst vor kurzem eine Gesamtaufnahme aller Schostakowitsch-Symphonien abgeschlossen hat, ist das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko geradezu prädestiniert, mit dem zum Star aufsteigenden Solisten die beiden Klavierkonzerte des russischen Meisters einzuspielen.

Im Vergleich zu der vorausgegangenen Rachmaninoff-Einspielung hat Boris Giltburg an Weichheit und Flexibilität gewonnen, das Forte ist wesentlich voluminöser. Und gerade die zarten und lyrischen Passagen konnte der in Moskau geborene Pianist nun für sich erschließen, tragfähige und zeitgleich zerbrechliche Kantilenen sind der Beweis. Trotz dessen erscheinen die Tempi gerade im ersten Konzert etwas sehr rasch. Jedoch verliert Giltburg durch extreme Willkür in oftmals unstimmigen Rubati den Fluss (plötzlich eilt die Musik davon, dann bleibt sie wieder stecken) und somit das kontinuierliche Precipitato-Feeling, das die Musik Schostakowitschs so mitreißend macht—wobei dieses in Ansätzen durchaus vorhanden wäre, aber eben nicht mit der charakteristischen Konstanz.

Das Orchester blüht vor allem im zweiten Klavierkonzert auf, das allgemein plastischer entsteht als das erste. Vasily Petrenko gibt seinem Klangkörper einen markanten, rhythmisch prägnanten Charakter, der ihm nicht aus dem Ruder läuft. Im zweiten Konzert gelingt Petrenko eine herrlich polyphone Gestaltung des Orchesterapparats, die Unterstimmen erhalten volles Mitspracherecht, ergeben somit eine vielschichtigere Färbung. Auch im ersten Konzert fasziniert allgemein eine plausible Linienführung, lediglich der langsame Satz verliert bei allen Beteiligten an Fokus und Richtung, verläuft sich in Richtungslosigkeit. Rhys Owens brilliert in der hohen Lage seines eigenwilligen Trompeten-Soloparts (welch eine Besetzung!), in der Tiefe sticht er durch einen rauh-blechernen Ton hervor, der einen ganz eigenen Charme besitzt.

In den Arrangements des achten Quartetts sowie des Walzers aus dem zweiten Quartett bleibt Giltburg dem Original verpflichtet, sowohl als Arrangeur wie auch als Pianist. Es klingt alles sehr nach der Streicherbesetzung, die er in einer Person zu ersetzen versucht. Auch wenn einige Passagen deutlich nach echtem Streicherklang verlangen, funktionieren die Arrangements erstaunlich gut und lassen die herrliche Kammermusik nun auch als Solomusik entstehen. Auch das Spiel Giltburgs wird hier auf einmal kammermusikalischer, das Tempo erhält Kontur und die Stimmen spielen polyphoner mit—und gegeneinander, das Gesamte erhält einen deutlicheren einheitlichen Bogen. © 2016 The New Listener





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