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Album Reviews



 
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Benjamin Künzel
www.klassik.com, June 2018

Die breite Hörerschaft wird diese CD vermutlich nicht erreichen, aber für alle Wolf-Ferrari-Fans ist diese Neuerscheinung ein Muss.

Der Dirigent Friedrich Haider lässt seine Begeisterung für Ermanno Wolf-Ferraris Musik erneut ohrenfällig werden, und zwar in einer Fortsetzung der Wolf-Ferrari-Reihe beim Label Naxos. Diemal hat sich Haider in gänzlich vergessene Gefilde begeben und hat das zweiteilige Mysterium ‘Talitha Kumi!’ nun als Ersteinspielung vorgelegt. Es ist Wolf-Ferraris Opus 3 aus dem Jahr 1898, eine frühe Komposition also, die aus seiner Zeit als Chorleiter in Mailand stammt—noch bevor er als Opernkomponist in Erscheinung trat. ‘Talitha Kumi!’—Aramäisch für ‘Erhebe dich!’—erzählt die biblische Geschichte von Jesus und der Tochter des Jairus. Das Mädchen liegt im Sterben, weshalb Jairus Jesus zu Hilfe holt. Als Jesus eintrifft, ist die junge Frau bereits tot. Doch Jesus erweckt sie zum Leben.

Ermanno Wolf-Ferrari lässt die Begebenheit zu großen Teilen, ganz im Sinne eines sakralen Werkes, von einem Evangelisten erzählen. Des Weiteren tritt kommentierend der Chor hinzu, Jesus und Jairus erhalten kurze Einwürfe durch eine tiefe Baritonstimme, während das Orchester wissend untermalt und die Emotionen verstärkt. Besondere Freude scheint der Komponist am kunstvollen Klang des Chores zu haben. Und auch der Coro El León de Oro beeindruckt in der vorliegenden Aufnahme auf ganzer Linie. Wunderbar differenziert in der Dynamik, durchsichtig und bis ins Detail aufeinander ab- und eingestimmt, sorgt dieses Vokalkollektiv für puren Genuss. Kongenialer Partner ist ihm dabei Rainer Trost als Evangelist, der mit an Mozart geschultem Tenor und fein dosierter Expressivität quasi als Bote des besungenen Wunders agiert. Der Bariton Joan Martín-Royo nutzt die wenigen Einwürfe als Jairus und Jesus tonschön und mit profundem Klang. Am Pult der Oviedo Filarmonía geht Friedrich Haider mit viel Sorgfalt und Umsicht zu Werke. Er überfrachtet das etwas mehr als halbstündige Mysterium nicht mit opernhafter Geste, sondern lässt der leicht melancholischen Distanz des Werks effektvoll den notwendigen Raum, sich zu entfalten. Warum Naxos diese Einspielung aus dem Jahr 2010 erst acht Jahre später veröffentlicht, bleibt ein Geheimnis.

Ebenso effektvoll wie ‘Talitha Kumi!’ und schlicht meisterhaft sind die A-cappella-Chorwerke ‘Otto cori’ op. 2, die im Anschluss an das Mysterium auf der CD erklingen. Sie sind komponiert auf Verse von Goldoni, Michelangelo, Heine oder basieren auf Volksliedern. Es ist verblüffend, welchen Überfluss an melodischer Fantasie Wolf-Ferrari hier beweist. Mit diesen Chören schreibt er zugleich eine Hommage an die italienische Renaissance-Musik—kunstvoll, aber immer leicht und spielerisch. Hat der Coro El León de Oro in ‘Talitha Kumi!’ bereits überzeugt, so zieht er in den ‘Otto cori’ und im Chorwerk ‘La Passione’ von 1906 noch einmal alle Register. Am schwebenden Klang dieses Chores kann man sich nur schwer satthören, ebenso an der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der die Sängerinnen und Sänger traumwandlerisch Wolf-Ferarris Partitur zum Strahlen bringen—auch wenn gerade bei der Heine-Vertonung die Textverständlichkeit enorm leidet. Bei den italienischen bzw. lateinischen Texten scheinen die Choristen auf wesentlich gesicherterem Terrain. Schade ist auch, dass die wunderschöne Solo-Sopranstimme in ‘Rispetto’ nicht namentlich erwähnt ist—das hätte sie durchaus verdient. Ebenso vermisst man im immerhin zweisprachigen Beiheft den Abdruck der Gesangstexte, die speziell in ‘Talitha Kumi!’ das Verfolgen der Handlung enorm erleichtern würden. Bei gängigem Repertoire ist diese sparsame Bestückung des Beihefts nachvollziehbar, in Zusammenhang mit solchen Raritäten erscheint sie problematisch.

Die breite Hörerschaft wird diese CD vermutlich nicht erreichen, aber für alle Wolf-Ferrari-Fans ist diese Neuerscheinung tatsächlich ein Muss, weil sie eine gänzlich unterepräsentierte Seite des deutsch-italienischen Melodikers zeigt: früher Wolf-Ferrari abseits von Oper und Konzertsaal. Dafür gebührt vor allem Friedrich Haiders Entdeckerfreude und seiner hörbaren Begeisterung großer Dank. Und diese Begeisterung springt über. © 2018 www.klassik.com




Giselher Schubert
Fono Forum, May 2018

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Rolf Fath
Opera Lounge, May 2018

„Die Tochter des Jaïrus hat er von den Toten erweckt“, führt der Erste Nazarener bei der Aufzählung der Wunder des Messias auf. Die bei Markus geschilderte Auferweckung der Tochter des Jaïrus kennen Opernfreunde vor allem durch Hedwig Lachmanns Übersetzung von Oscar Wildes Dichtung in der Vertonung von Richard Strauss. Einige Jahre zuvor hatte sich Ermanno Wolf-Ferrari ihrer angekommen, woran sich Friedrich Haider erinnerte, der Talitha Kumi!mit der capella-Hymne für gemischten Chor La passione und den Otto cori op. 2 auf Texte u.a. von Heine, Michelangelo und Goldoni mit dem Coro El León de Oro und der Oviedo Filarmonia 2010 im spanischen Oviedo aufführte. Naxos (8.573716) füllt damit seinen Wolf-Ferrari-Katalog mit World Premiere Recordings auf.

Noch bevor er 1900 wieder an seinen Studienort München zurückkehrte, hatte der 22jährige Deutsch-Italiener seine Kantate op. 3 für einen Mailänder Chor verfasst, dessen Leitung er 1897 übernommen hatte. Seinem Lehrer Joseph Rheinberger berichtete er, was ich in dem von Mark Lothar herausgegebenen Wolf-Ferrari-Briefen fand, „Hier in Mailand bleibe ich nur noch einen Monat: ich bin hierher gekommen, um noch ein bisschen in einer musikalischen Luft zu sein, ohne gleich nach Deutschland zu gehen. Ich wollte unter anderem sehen, ob es nicht irgendwo in Italien eine Stellung gäbe, für welche ich conkurrieren könnte: aber, mein Gott, um ein Stück Käse gibt es gleich eine Million Mäuse: und ich weiß nicht einmal von irgendeinem Stück Käse! Es ist besser, man nimmt die Sachen so lustig man kann.“ Nach der heiteren, aber nicht erfolgreichen Cenerentola setzte Wolf-Ferrari mit der zweiteiligen, gut halbstündigen Talitha Kumi!—den aramäischen Worten „Mädchen, ich sage dir, stehe auf“, mit denen Jesus das Mädchen wiedererweckte—einen biblischen Stoff mit Jaîrus, hier der Bariton Joan Martín-Royo, und dem Evangelisten, der uns besser bekannte Tenor Rainer Rost, um. Beide Solisten haben nicht viel all zu viel zu tun. Das Hauptaugenmerk fällt auf das Orchester, in dessen Satz sich Wolf-Ferraris Beschäftigung mit früher italienischer Musik niederschlägt. Wolf-Ferrari originelle Komposition liefert den lieblichen Rahmen zur biblischen Geschichte, die hier, trotz der beschwörerisch einfallenden Chöre und wagnerischer Ausbuchtungen, als galiläische Idylle erscheint. Dennoch schwingen sich Sänger und Orchester im sanftmütigen Geschehen zu hingebender Leidenschaften auf. Talitha Kumi! ist so etwas wie die Keimzelle von Wolf-Ferraris späterer Kunst. 1920 schrieb er an den Schweizer Musikwissenschaftler Ernst Kurth, „Niemand kennt dieses Werk, glaube ich. Und ich selber habe es nie gehört. In ihm liegen die Keime meiner zukünftigen Musik, ich fühle es, denn es ist jetzt mein mir verwandtestes Werk. Es ist mir, als wenn ich jenen Zauberstaub nie wieder gefunden hätte“.

Reizende Chorpreziosen stellen die vom spanischen Chor mit Aktionsfreude gesungene witzigen, teils bukolischen, teils melancholischen Otto cori dar, die von der römischen Straßenszene über Heines „Lehre“ der Bienenmutter („Mutter zum Bienelein: »Hüt’ dich vor Kerzenschein!« Doch was die Mutter spricht, Bienelein achtet’s nicht“) bis zu Goldonis Venedig-Sehnsucht reicht, „Da Venezia lontan domile mija, no passa dì che no me vegna in mente“(„Von Venedig zweitausend Meilen entfernt, vergeht kein Tag, ohne dass ich zurückdenke“). © 2018 Opera Lounge





Operapoint, April 2018

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Norbert Tischer
Pizzicato, March 2018

Diese CD präsentiert nur Ersteinspielungen von weitgehend unbekannten Chorwerken des italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari (1876–1948), die dieser lange vor der Zeit komponierte, als er als Opernkomponist wurde. Die frühen ‘Otto Cori’ über italienische und deutsche Texte überzeugen mit ihrer Einfachheit, ihrer Melancholie und ihrer Anmut.

In ‘Talitha Kumi!’, einem Werk, das von einem aramäischen Zitat aus dem Markus-Evangelium abgeleitet ist, greift er auf die Geschichte der Auferweckung der zwölfjährigen Tochter des Jairus zurück.

Die kurze knapp drei Minuten lange Hymne ‘La Passione’ für a-capella-Chor wurde von einem toskanischen Volkslied inspiriert.

Sämtliche Werke dieser CD werden von den Interpreten unter der umsichtigen Leitung von Friedrich Haider einfühlsam und auf solidem Niveau dargeboten. © 2018 Pizzicato



Dr Ingobert Waltenberger
Online Merker, February 2018

Italienische Melodienseligkeit und deutscher Kontrapunkt, das sind die beiden Pole, um die sich das Schaffen des Sohnes eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter dreht. Der Neoklassiker Wolf-Ferrari war ein Opernfrühzünder, wie seine damals erfolgreichen Bühnenhits „Le Donne Curiose“, „I quattro rusteghi“ und vor allem die allercharmanteste Raucheroper „Il segreto di Susanna“ belegen. Ein Meister der Opera buffa war dieser Wolf-Ferrari, mit „I gioielli della Madonna“ hat er überdies den Versimo neu deuten können.

Ermanno Wolf-Ferrari hat sich aber auch intensiv mit den italienischen Meistern Monteverdi, Palestrina, Pergolesi, Paisiello und Galuppi befasst. Als der 21-jährige die Leitung eines  Chores in Mailand übernimmt, entstehen nicht nur kleinere Werke für gemischten Chor a capella, sondern auch die große Kantate „Talitha Kumi“, Op. 3 für gemischten Chor, Solisten und Orchester. Übersetzt aus dem Aramäischen heißt dies „Erhebe Dich“ und ist ein Zitat aus dem Markus-Evangelium: Jairus Tochter stirbt, wird aber von Jesus wieder zum Leben erweckt. Ein Evangelist (vorzüglich der Tenor Rainer Trost) kommentiert ausführlich, auch Jairus und Christus kommen kurz zu Wort (beide: Joan Martín-Royo). Die tragende Rolle kommt hier aber dem Orchester zu, das dieses sakrale Mysterium klangmalerisch unterlegt und mit herrlichen Zwischenspiele aufwarten kann.

Die kurze Hymne für a capella Chor „La Passione“ und vor allem die acht Chöre, Op. 2 auf deutsche und italienische Textvorlagen sind das Resultat der ausgiebigen Befassung Wolf-Ferraris mit der italienischen Renaissancemusik. Zitat Booklet: „Ihre niemals scholastische, vielmehr zutiefst beseelte Kontrapunktik (Madrigale, Due Canti), ihre Anmut (Stornello), ihre bukolische Melancholie (Rispetto), aber auch ihr elegant-ironisch gefärbter Humor (Frottola, Die Lehre) zeugen von höchster Charakterisierungskunst. Im Quartino ertönt eine wehmütig grazile Herzensmusik, die der zeitlebens anhaltenden, innigen Verbundenheit zu seiner Heimatstadt Venedig und dem großen Carlo Goldini Ausdruck verleiht.“

Die jetzt publizierten Weltersteinspielungen sind 2010 in Oviedo in Spanien entstanden, Maestro Friedrich Haider setzt sich nach den Orchesterwerken Wolf-Ferraris mit den guten Kräften des Oviedo Filarmonia intensiv und künstlerisch erneut auf hohem Niveau für diese schönen Raritäten ein. Da ist er in exzellenter Gesellschaft, haben doch auch Gustav Mahler, Arturo Toscanini und Clemens Krauss Wolf-Ferraris um die Jahrhundertwende hochpopulären Werke geschätzt und dirigiert…. © 2018 Online Merker





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